Seelsorgen, wo andere Urlaub machen

Fuchsmühl/Fanø (epd). Eigentlich ist Otto Thinschmied seit einem Jahr im Ruhestand. Doch wenn im Sommer viele Deutsche wieder das Reisefieber packt, zieht es den Pfarrer aus der Oberpfalz zurück auf die Kanzel. Seit 30 Jahren tut der heute 65-Jährige Dienst als Urlaubspfarrer, einstmals im Allgäu, seit fünf Jahren nun schon auf der dänischen Nordseeinsel Fanø. Während Urlauber mit Strandmatten und Sonnencreme anreisen, hat der Pfarrer aus Fuchsmühl in der Oberpfalz seinen Laptop und Talar im Gepäck.

Dass es den evangelischen Pfarrer nach Nordby auf Fanø verschlagen hat, ist absoluter Zufall. Sein Sohn hatte mit sechs Jahren eine schwere Angina - die Ärzte rieten zum Auskurieren einen längeren Aufenthalt an der See. Deshalb reiste Thinschmied mit seiner Familie 1982 erstmals als Urlaubsseelsorger nach Nordby. Von Juli bis September hält er seither in der Kirche des Inselortes deutschsprachige Gottesdienste, freilich nicht nur für deutsche Protestanten. "Jeder ist willkommen", sagt er.

Zum Wochenprogramm eines Urlaubpfarrers gehören ein Gottesdienst und eine weitere Veranstaltung. "Das kann ein Liederabend sein, aber auch eine abendliche Strandandacht oder ein Pfannkuchenessen", sagt Thinschmied. Neben den deutschen Touristen kommen auch Schweizer, Österreicher oder Holländer - und auch Dänen sind darunter. "Und das, obwohl ich kein Wort Dänisch kann", berichtet der 65-Jährige. "Manche kommen, um Deutsch zu lernen oder ihre Kenntnisse aufzufrischen."

Und auch die Konfessionen sind bunt gemischt. Katholische Messen in deutscher Sprache gibt es auf der dänischen Insel nicht, deshalb sind auch viele Katholiken unter seinen Gottesdienstbesuchern. "Wie sich das Publikum zusammensetzt, merkt man beim Glaubensbekenntnis", sagt Thinschmied. Statt von der heiligen christlichen Kirche, wie es im evangelischen Glaubensbekenntnis heißt, spreche der ein oder andere von der heiligen katholischen Kirche. "Mich stört das nicht", sagt er.

Thinschmied wohnt und arbeitet während seiner Dänemark-Einsätze im Wohnwagen. "Ferienzimmer an der dänischen Küste sind einfach viel zu teuer, wenn man mehrere Monate dort ist", sagt er. Für den Einsatz im Ausland gibt es von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die solche Einsätze koordiniert, 20 Euro Verpflegungszuschuss pro Tag. Die Reise- und Übernachtungskosten trage man selbst, erklärt Thinschmied. Insgesamt leisten etwa 140 Pfarrer im EKD-Auftrag Urlaubseelsorge.

Mit Urlaub habe das Dasein als Urlaubsseelsorger jedoch wenig zu tun, sagt der 65-Jährige. Denn die Ferien sind traditionell die Zeit, in der es in Beziehungen und Familien häufig kriselt. "Ganz einfach, weil man viel Zeit gemeinsam auf engem Raum verbringt", erklärt Thinschmied. Daher gehe es in Gesprächen am Urlaubsort mitunter um weniger Erbauliches, wie heftige Ehekrisen, Scheidungsgedanken, Probleme am Arbeitsplatz. Der Urlaub sei oftmals ein "Brennglas für persönliche Katastrophen".

Manchmal wird der Urlaubspfarrer auch zum Notfallseelsorger. Denn die Nordsee "wird von vielen Urlaubern unterschätzt", erzählt Thinschmied. Immer mal wieder gebe es Touristen, die beim Schwimmen abgetrieben werden oder ertrinken. Das seien allerdings "Gott sei Dank Ausnahmen". Die Anzahl freudiger Anlässe bei der Urlaubsseelsorge überwiege klar: "Ich bin immer begeistert, wenn ich einen Gospel- und Jazzgottesdienst machen darf - zu Hause käme das nicht so gut an", sagt Thinschmied.

Auch deshalb hat Otto Thinschmied noch immer Freude am Einsatz als Urlaubsseelsorger - auch im Ruhestand. "Die Arbeit unterscheidet sich komplett von der eines Gemeindepfarrers", sagt der Pensionär. Sie sei trotz der Vielzahl der Aufgaben am Urlaubsort "weniger stressig als die Arbeit in der eigenen Gemeinde", weil man weniger "Gemeindemanager" sein müsse und mehr Seelsorger sein dürfe.