Sonntagsmerkur

Wenn die Truppe fehlt

Wenn Volker Kleinfeld an das Jahr 1992 zurückdenkt, schiebt er seine Augenbrauen unweigerlich so weit nach oben, bis sich die Stirn zu runzeln beginnt. Dann zieht er den Mund spitz zusammen - und schweigt erst einmal. 1992, das war kein gutes Jahr für den Bürgermeister und seine kleine Marktgemeinde Giebelstadt. Plötzlich war alles anders: Der eiserne Vorhang war weg, die einstigen Todfeinde hatten sich fortan gern und der Bundeswehr wurde eine Diät verpasst. Verteidigungsminister Stoltenberg versetzte der Luftwaffen-Sanitätsschule Klingholz bei Giebelstadt mit seiner Strukturreform den Todesstoß: "1992 empfand ich das als Desaster", sagt Kleinfeld.

Ein Gefühl, das immer mehr Bürgermeister gut kennen. Die Liste der Bundeswehrstandorte, die in Unterfranken und Nordbaden seitdem geschlossen wurden, ist lang - vom Abzug der amerikanischen Streitkräfte einmal völlig abgesehen: Wildflecken, Eussenheim, Lauda-Königshofen und Bad Mergentheim sind bereits Geschichte, in den nächsten Jahren sollen Mellrichstadt, Tauberbischofsheim und Külsheim folgen. "Als ich von diesen Plänen zum ersten Mal erfahren habe, wollte ich das nicht glauben", erinnert sich der ehemalige Bürgermeister. Denn Volker Kleinfeld hatte nicht nur die aufkommenden Probleme für seine Gemeinde im Auge - er hing auch persönlich an der Kaserne: "Mein Vater hat dort ab 1968 gearbeitet. Nur deshalb bin ich überhaupt in Giebelstadt gelandet."

Von Kleinfelds persönlicher Verbindung zur Emil-von-Behring-Kaserne einmal abgesehen, kursierten kurz nach dem Bekannt werden der drohenden Schließung bereits wilde Gerüchte, was aus dem Gelände wird. Viele hatten Sorge, "dass es zum Asylbewerberheim wird, oder dass sich das Universelle Leben die Kaserne unter den Nagel reißt", erinnert sich Volker Kleinfeld. Doch erst einmal blieb vier weitere Jahre alles beim Alten, bis im Februar 1996 die Sanitätsschule tatsächlich aufgelöst und im August auch die letzten drei Mann abgezogen wurden. "Ich habe bis zuletzt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Schließung doch noch zu verhindern", erzählt Kleinfeld. Vergebens. Der neue Verteidigungsminister Volker Rühe blieb der Linie seines Vorgängers Stoltenberg treu.

Die Kaserne stand leer, und der Bürgermeister ging Klinken putzen, um den Wegfall der 50 zivilen Arbeitsplätze und den Einbruch der Kaufkraft durch den Wegzug der Berufssoldaten irgendwie zu kompensieren. Ein Investor war nicht in Sicht, also wollte der Markt Giebelstadt die Umnutzung der Kaserne selbst schultern. Ein Bau- oder ein Gewerbegebiet wollte der Gemeinderat daraus machen. Doch Giebelstadt fehlte das Geld, der Bund weigerte sich, die Pläne vorzufinanzieren. "Fast drei Jahre lang stand die Kaserne leer", erzählt Paul Merklein, der heutige Bürgermeister von Giebelstadt. Aus der einst schönen Anlage war ein Urwald geworden. Doch eine plötzlich auf den Plan getretene Investorengruppe schreckte selbst das nicht ab: "Die sind da erst mal mit der Sense durch."

Das war im November 1999. Eine 14-köpfige Gruppe privater Investoren wollte die ehemalige Sanitätsschule in einen Innovationspark umwandeln - und bekam von Bundesvermögensverwaltung und Gemeinde den Zuschlag. Denn: Im Gegensatz zu den anderen Investoren wollte die Klingholz GmbH & Co KG die ganze Kaserne haben, "und sich nicht nur die Filetstücke herauspicken", meint Kleinfeld. "Wir wollten die Infrastruktur erhalten. Alles sollte zentral in unserer Hand bleiben", erklärt der Geschäftsführer des Innovationsparks, Armin Kordmann, das Konzept des i_Park. Aus den einstigen Mannschaftsquartieren wurden bislang 10.000 Quadratmeter Bürofläche; für weitere 2.500 Quadratmeter ist in den beiden einzigen noch nicht renovierten Kasernengebäuden Platz.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte des i_Park in Haus Nummer 16, im hintersten Winkel des Geländes. Eine Handvoll kleiner und mittelgroßer Ingenieurbetriebe war auf der Suche nach einer neuen Bleibe - die ehemalige Kaserne mit ihrem neuen, zentralen Hochgeschwindigkeitsdatennetz schien dafür optimal. Fünfeinhalb Jahre ist das nun her. Seither hat sich hier in Klingholz, rund vier Kilometer nördlich von Giebelstadt, etliches verändert. Große, weltweit agierende Firmen wie SSI Schäfer Noell haben mittlerweile ihren Hauptsitz in Klingholz. Denn: Nicht nur die Bausubstanz ist topp, sondern auch die Sicherheit. Die hohen Zäune aus Bundeswehrzeiten wurden erhalten, die Einfahrt zum i_Park wird nachts geschlossen und permanent mit zwei Videokameras überwacht.

Es ist erst elf Uhr morgens, doch die Sonne brennt schon jetzt schier unerträglich vom strahlend blauen Himmel. Armin Kordmann schlendert in seinem orangefarbenen Polo-Shirt locker-flockig über das Gelände. "Als wir die Kaserne übernommen haben, sah sie ziemlich wild aus." Die Kaserne wurde zwar weiterhin von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht, "von Vandalismus gab’s also keine Spur", doch sonst ließ man einfach alles wuchern. Aus "dem einstigen Urwald", wie es Kordmann nennt, haben die Investoren schnell wieder einen hübschen Park machen lassen. Von allen Seiten her hört man das Rauschen der Blätter und das Zwitschern der Vögel. Typische Büroatmosphäre sieht freilich anders aus. "Aber wir wollen ja auch gar nicht typisch sein", erklärt Kordmann.

überhaupt: Vom einstigen Bundeswehr-Charme, den man aus jeder x-beliebigen Kaserne kennt, ist in Klingholz nichts mehr zu spüren. Die Häuser haben alle einen neuen Anstrich bekommen, aus dem Offizierscasino hat die Investorengruppe ein Schulungs- und Tagungszentrum gemacht, das zwar in erster Linie für im i_Park ansässige Unternehmen gedacht ist, "aber auch extern vermietet werden kann", erklärt Kordmann: "Allein an den nächsten 17 Wochenenden ist das Forum für Hochzeitsfeiern ausgebucht." Früher wurde hier tagtäglich strammgestanden, heute wird ausgelassen gefeiert. Zum i_Park gehören auch mehrere Sportanlagen: ein Fußballfeld, ein Golfplatz und eine Sporthalle, alles gut in Schuss. "Für betriebsübergreifenden Sport nach Feierabend", sagt Kordmann.

Der i_Park ist also nicht irgendeine Gewerbefläche in privater Hand, sondern hat durchaus auch einen familiären Touch. Und das, obwohl es inzwischen mehr als 20 Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sind. "Hätte ich früher geahnt, was man aus Kasernen so alles machen kann, die Bundeswehr hätte meinetwegen auch schon zehn Jahre eher abziehen können", sagt Volker Kleinfeld heute. "Die Sanitätsschule war freilich gut und schön - aber außer kulturellen Veranstaltungen hat sie der Gemeinde nichts gebracht. Der i_Park bringt Giebelstadt deutlich mehr." Der Bürgermeister a.D. kennt die Nöte vieler Kollegen, die jetzt oder bald eine Standortschließung zu verkraften haben: "Aber denen sei gesagt: Nur weil ein paar Soldaten abziehen, geht eine Gemeinde doch nicht kaputt."

Doch diese Auffassung teilen nicht alle. Für Alfred Schrenk, Bürgermeister von Markt Wildflecken in der Rhön, war der Abzug der Amerikaner 1994 eine Katastrophe. "Wildflecken hat 3500 Einwohner - wenn plötzlich 8000 Amerikaner gehen, braucht man doch kein Prophet zu sein, um zu wissen, dass eine Gemeinde daran schwer zu knabbern hat." Helmut Will, Bürgermeister von Mellrichstadt in der Rhön, wird sogar noch deutlicher: "Das hat uns schon schwer getroffen, als wir gehört haben, dass die Hainberg-Kaserne bis 2007 geschlossen werden soll." Denn im Vergleich mit anderen Kasernen in Bayern arbeite Mellrichstadt äußerst wirtschaftlich: "Wir hoffen auf die Bundestagswahl. Wenn die nach unserem Wunsch ausgeht, wird das vielleicht alles rückgängig gemacht."

Rückgängig machen? An so was glaubt Wolfgang Vockel, Bürgermeister im badischen Tauberbischofsheim, erst gar nicht mehr. "Die Leute gehen 2008. Das ist fix. Damit muss man sich abfinden." Abwarten will er diese Zeit indes nicht. Schon jetzt mache man sich intensiv Gedanken darüber, wie man die 43 Hektar Kaserne, 115 Hektar Truppenübungsplatz und elf Hektar Munitionslager künftig nutzen wolle und könne. "Wenn die Soldaten gehen, haben wir ein fertiges Konzept", so Vockel. Ob das dann von privaten Investoren umgesetzt werde, spiele "keine Rolle". Die Stadt jedenfalls "könnte die Umnutzung nicht alleine schultern", meint Wolfgang Vockel. Vielleicht muss sie das auch gar nicht. Vielleicht läuft ja alles so glatt wie in Giebelstadt.


Stichwort: Konversion

Die Bundeswehr verfügt insgesamt noch über 2500 Standorte mit knapp 320.000 Hektar Grundstücksfläche und rund 39 Millionen Quadratmeter Gebäudenutzfläche. Im Zuge der neusten Strukturreform, angestoßen von SPD-Verteidigungsminister Peter Struck, soll die Stärke der Bundeswehr von aktuell rund 285.000 auf 250.000 Mann sinken. Aufgrund rückläufiger Truppenstärke und interner Umstrukturierungen werden künftig deutlich weniger Kasernen benötigt. Rund 500 Liegenschaften der Bundeswehr sollen daher bis 2010 veräußert werden, darunter auch die Hainberg-Kaserne in Mellrichstadt. Auch bereits still gelegte Bundeswehr-Standorte, zum Beispiel die Rhön-Kaserne in Wildflecken stehen noch zum Verkauf. Um diese "Konversion", wie die zivile Umnutzung von einst militärischen Gebäuden und Anlagen heißt, kümmert sich nach dem Abzug der Truppen die "Bundesanstalt für Immobilienaufgaben" (BIMA), die zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Finanzen gehört. sta