Süddeutsche Zeitung
Mit der Kunst am Ende
20.05.2003 - 12:00
Berlin. Hochschulen, die nicht einen neuen Studenten
mehr aufnehmen wollen; Präsidenten, die zu Protesten
vor Parteitagen aufrufen; Professoren und Studenten,
die im Dauerregen öffentliche Vorlesungen abhalten;
ein Regierender Bürgermeister, der gegen alle
Beschlusslagen Studiengebühren vom ersten Tag an
fordert; ein Finanzsenator schließlich oder vielmehr
zuerst, der immer neue Daumenschrauben ansetzt: Die
Berliner Hochschullandschaft gleicht in diesen Wochen
einem Tollhaus.
Die Blicke richten sich dabei fast immer auf die drei großen Universitäten. Doch auch die anderen Hochschulen der Hauptstadt stehen vor drastischen Einschnitten - in ihrer Größenordnung zwar geringer, in ihren Auswirkungen aber ebenso verheerend wie an der Humboldt-, der Freien und der Technischen Universität.
40 Millionen Euro weniger
Auch die drei kleinen Ost-Berliner Kunsthochschulen - die Kunsthochschule Berlin-Weißensee für Gestaltung (KHB), die Hochschule für Musik "Hanns Eisler" und die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" - sowie die Universität der Künste (UdK) sollen kräftig sparen.
Wenn im Jahre 2006 die neuen Hochschulverträge zwischen dem Senat und den akademischen Einrichtungen in Kraft treten, sollen ihnen 40 Millionen Euro weniger zur Verfügung stehen. So zumindest will es Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD).
"Berlin kann die Ausbildung in diesem kostenintensiven Bereich nicht länger für andere Bundesländer mitfinanzieren."
(Finanzsenator Thilo Sarrazin)
Bislang können die vier Hochschulen zusammen jährlich 78 Millionen Euro ausgeben. Fiele davon praktisch die Hälfte weg, wären die Folgen dramatisch: Jeder zweite Studienplatz müsse gestrichen werden, heißt es. Eben dies hat der Finanzsenator Anfang April seinem Wissenschaftskollegen Thomas Flierl von der PDS auch schon schriftlich vorgeschlagen. Die Stadt habe überdurchschnittlich viele Kunststudienplätze, schon deshalb sei ein deutlicher Abbau gerechtfertigt. "Berlin kann die Ausbildung in diesem kostenintensiven Bereich nicht länger für andere Bundesländer mitfinanzieren", befand Sarrazin.
Der Wissenschaftssenator sieht die Sache anders. Zwar müssten auch Berlins Hochschulen ihren Beitrag zur Konsolidierung der Finanzen des Landes erbringen, bekundet Flierl tapfer. Die geplanten Einsparungen würde jedoch "faktisch die Schließung der drei kleinen Berliner Kunsthochschulen" und die Aufgabe vieler Studienplätze an der Universität der Künste bedeuten.
Diktat statt Vertrag
Namentlich den drei kleinen Kunsthochschulen im Ostteil der Stadt droht freilich schon vor den neuen - und noch gar nicht ausgehandelten - Hochschulverträgen finanzielles Ungemach. Bereits in den beiden kommenden Jahren sollen sie finanzielle Einbußen hinnehmen, geregelt in einem eigenen Hochschulvertrag, der den Kunsthochschulen an sich vor allem mehr Planungssicherheit geben soll, wie die Kanzlerin der KHB, Silvia Durin, erklärt. Bislang sind die kleinen Kunsthochschulen wie normale Schulen an den Senat angegliedert.
Zwar will die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur offiziell nicht bestätigen, dass es einen solchen Sondervertrag mit den drei Kunsthochschulen geben soll. Ein erster Vertragsentwurf wurde KHB-Kanzlerin Silvia Durin jedoch bereits in der letzten Woche vorgelegt. Und auch eine Einsparsumme wurde ihr zumindest mündlich genannt. "Im nächsten Jahr sollen die drei kleinen Kunsthochschulen zusammen mehr als 331.000 Euro einsparen, 2005 nochmals 145.000", sagt Durin.
"Unter solchen Umständen kann unsere Schule nicht weiter bestehen."
(KHB-Rektor Rainer W. Ernst)
Auch diese Zahlen will die Verwaltung nicht bestätigen. Für Rainer W. Ernst, Rektor der KHB, steht indes schon fest: "Das wäre kein Vertrag, sondern ein Diktat. Unter solchen Umständen kann unsere Schule nicht weiter bestehen." Von den 50 Planstellen für Lehrende könnten so nur noch 39,5 finanziert werden, was umso gravierende Folgen hätte, als die 550 Studienplätze zunächst komplett erhalten bleiben sollen. "So etwas ist nicht mehr nur bedrohlich, das ist vernichtend", findet auch Kanzlerin Durin.
Würde es wirklich so weit kommen, wären damit nach Ansicht der Hochschulen auch die Empfehlungen einer hochrangigen Expertenkommission torpediert, die Wissenschaftssenator Flierl selbst eingesetzt hatte. Das Gremium unter der Leitung von Erich Thies, dem früheren Berliner Wissenschaftsstaatssekretär und jetzigen Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, hatte zwar Umschichtungen und auch die Schließung einzelner Studiengänge wie etwa der Architektur in Weißensee angeregt - insgesamt aber gefordert, dass die drei kleinen Kunsthochschulen grundsätzlich erhalten bleiben sollten.
Auf die Expertenkommission beruft sich nun auch Klaus Völker, der Rektor der Hochschule für Schauspielkunst: "In dem Gutachten der Experten steht ausdrücklich, dass die Kunsthochschulen bereits bis an die Grenze der Vertretbarkeit gespart haben. Nimmt man uns jetzt noch mehr weg, zerstört man etwas."
Einer der vier Studiengänge müsse bei den geplanten Einsparungen in jedem Fall gestrichen werden, warnt Völker. Und gibt dem Finanzsenator einen ebenso unprofessoralen wie unmissverständlichen Rat: "Er müsste dazu verdonnert werden, die Klappe zu halten. Das geht ihn gar nichts an und schadet nur unseren Hochschulen unglaublich."
Schaden für die Republik
Mit Empörung oder dem peniblen Vorrechnen von gefährdeten Studienplätzen und Planstellen wollen es die Kunsthochschulen freilich nicht bewenden lassen. Gerade in diesen Tagen sind sie vielmehr bemüht, ihren größten Trumpf in die Waagschale zu werfen - ihren fachlichen Ruf. Der ist tatsächlich ausgezeichnet.
Erst kürzlich etwa zählte ein amerikanisches Fachmagazin die Kunsthochschule für Gestaltung in Weißensee zu den sechs besten Design-Hochschulen weltweit. Und das Lehrangebot der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" liest sich seit je her wie ein Who is Who weltberühmter Musiker und Sänger.
"Mit den drei Kunsthochschulen würden wichtige kulturelle Attraktionen untergehen", lenkt denn auch KHB-Rektor Ernst den Blick auf das große Ganze: "Und dies wäre ein enormer Schaden, nicht nur für Berlin, sondern für die ganze Republik."
Die Blicke richten sich dabei fast immer auf die drei großen Universitäten. Doch auch die anderen Hochschulen der Hauptstadt stehen vor drastischen Einschnitten - in ihrer Größenordnung zwar geringer, in ihren Auswirkungen aber ebenso verheerend wie an der Humboldt-, der Freien und der Technischen Universität.
40 Millionen Euro weniger
Auch die drei kleinen Ost-Berliner Kunsthochschulen - die Kunsthochschule Berlin-Weißensee für Gestaltung (KHB), die Hochschule für Musik "Hanns Eisler" und die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" - sowie die Universität der Künste (UdK) sollen kräftig sparen.
Wenn im Jahre 2006 die neuen Hochschulverträge zwischen dem Senat und den akademischen Einrichtungen in Kraft treten, sollen ihnen 40 Millionen Euro weniger zur Verfügung stehen. So zumindest will es Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD).
"Berlin kann die Ausbildung in diesem kostenintensiven Bereich nicht länger für andere Bundesländer mitfinanzieren."
(Finanzsenator Thilo Sarrazin)
Bislang können die vier Hochschulen zusammen jährlich 78 Millionen Euro ausgeben. Fiele davon praktisch die Hälfte weg, wären die Folgen dramatisch: Jeder zweite Studienplatz müsse gestrichen werden, heißt es. Eben dies hat der Finanzsenator Anfang April seinem Wissenschaftskollegen Thomas Flierl von der PDS auch schon schriftlich vorgeschlagen. Die Stadt habe überdurchschnittlich viele Kunststudienplätze, schon deshalb sei ein deutlicher Abbau gerechtfertigt. "Berlin kann die Ausbildung in diesem kostenintensiven Bereich nicht länger für andere Bundesländer mitfinanzieren", befand Sarrazin.
Der Wissenschaftssenator sieht die Sache anders. Zwar müssten auch Berlins Hochschulen ihren Beitrag zur Konsolidierung der Finanzen des Landes erbringen, bekundet Flierl tapfer. Die geplanten Einsparungen würde jedoch "faktisch die Schließung der drei kleinen Berliner Kunsthochschulen" und die Aufgabe vieler Studienplätze an der Universität der Künste bedeuten.
Diktat statt Vertrag
Namentlich den drei kleinen Kunsthochschulen im Ostteil der Stadt droht freilich schon vor den neuen - und noch gar nicht ausgehandelten - Hochschulverträgen finanzielles Ungemach. Bereits in den beiden kommenden Jahren sollen sie finanzielle Einbußen hinnehmen, geregelt in einem eigenen Hochschulvertrag, der den Kunsthochschulen an sich vor allem mehr Planungssicherheit geben soll, wie die Kanzlerin der KHB, Silvia Durin, erklärt. Bislang sind die kleinen Kunsthochschulen wie normale Schulen an den Senat angegliedert.
Zwar will die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur offiziell nicht bestätigen, dass es einen solchen Sondervertrag mit den drei Kunsthochschulen geben soll. Ein erster Vertragsentwurf wurde KHB-Kanzlerin Silvia Durin jedoch bereits in der letzten Woche vorgelegt. Und auch eine Einsparsumme wurde ihr zumindest mündlich genannt. "Im nächsten Jahr sollen die drei kleinen Kunsthochschulen zusammen mehr als 331.000 Euro einsparen, 2005 nochmals 145.000", sagt Durin.
"Unter solchen Umständen kann unsere Schule nicht weiter bestehen."
(KHB-Rektor Rainer W. Ernst)
Auch diese Zahlen will die Verwaltung nicht bestätigen. Für Rainer W. Ernst, Rektor der KHB, steht indes schon fest: "Das wäre kein Vertrag, sondern ein Diktat. Unter solchen Umständen kann unsere Schule nicht weiter bestehen." Von den 50 Planstellen für Lehrende könnten so nur noch 39,5 finanziert werden, was umso gravierende Folgen hätte, als die 550 Studienplätze zunächst komplett erhalten bleiben sollen. "So etwas ist nicht mehr nur bedrohlich, das ist vernichtend", findet auch Kanzlerin Durin.
Würde es wirklich so weit kommen, wären damit nach Ansicht der Hochschulen auch die Empfehlungen einer hochrangigen Expertenkommission torpediert, die Wissenschaftssenator Flierl selbst eingesetzt hatte. Das Gremium unter der Leitung von Erich Thies, dem früheren Berliner Wissenschaftsstaatssekretär und jetzigen Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, hatte zwar Umschichtungen und auch die Schließung einzelner Studiengänge wie etwa der Architektur in Weißensee angeregt - insgesamt aber gefordert, dass die drei kleinen Kunsthochschulen grundsätzlich erhalten bleiben sollten.
Auf die Expertenkommission beruft sich nun auch Klaus Völker, der Rektor der Hochschule für Schauspielkunst: "In dem Gutachten der Experten steht ausdrücklich, dass die Kunsthochschulen bereits bis an die Grenze der Vertretbarkeit gespart haben. Nimmt man uns jetzt noch mehr weg, zerstört man etwas."
Einer der vier Studiengänge müsse bei den geplanten Einsparungen in jedem Fall gestrichen werden, warnt Völker. Und gibt dem Finanzsenator einen ebenso unprofessoralen wie unmissverständlichen Rat: "Er müsste dazu verdonnert werden, die Klappe zu halten. Das geht ihn gar nichts an und schadet nur unseren Hochschulen unglaublich."
Schaden für die Republik
Mit Empörung oder dem peniblen Vorrechnen von gefährdeten Studienplätzen und Planstellen wollen es die Kunsthochschulen freilich nicht bewenden lassen. Gerade in diesen Tagen sind sie vielmehr bemüht, ihren größten Trumpf in die Waagschale zu werfen - ihren fachlichen Ruf. Der ist tatsächlich ausgezeichnet.
Erst kürzlich etwa zählte ein amerikanisches Fachmagazin die Kunsthochschule für Gestaltung in Weißensee zu den sechs besten Design-Hochschulen weltweit. Und das Lehrangebot der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" liest sich seit je her wie ein Who is Who weltberühmter Musiker und Sänger.
"Mit den drei Kunsthochschulen würden wichtige kulturelle Attraktionen untergehen", lenkt denn auch KHB-Rektor Ernst den Blick auf das große Ganze: "Und dies wäre ein enormer Schaden, nicht nur für Berlin, sondern für die ganze Republik."
Nur der heilige Josef findet Gnade
25.11.2002 - 12:00
Freising. Oberschweinbach im Landkreis
Fürstenfeldbruck wäre eine beschaulicher Ort. Mehr
als 800 Menschen leben dort mit über tausend Kühen,
Schweinen und anderem Viehzeug zusammen. Wie gesagt:
Oberschweinbach wäre beschaulich - ist es aber nicht.
Denn der kleine Ort ist Heimat der drei "Wellküren"
Burgi, Vroni und Moni. Mit Hackbrett, Harfe und
bitterböser Satire bewaffnet ziehen die
Musikkabarettistinnen vor allem gegen die holde
Männlichkeit zu Felde. Und so mussten im Lindenkeller
auch die Freisinger Mannsbilder einiges aushalten.
Da half alles Ducken in den Stuhlreihen nicht: Die messerscharfen Pointen der drei Frauen trafen gnadenlos. Nur der heilige Josef blieb von den "Wellküren" verschont. Schließlich war der ja ein guter Mann: der hat seiner Frau wirklich alles geglaubt. "Auch das mit der unbefleckten Empfängnis", prustet Vroni mit breitem Grinsen. Daher hat sie auch gleich einen "Josefs-Verehrerinnen-Verein" gegründet. Mit soviel Zuspruch kann Monis Mann indes nicht rechnen: "Ich lass kein Silikon ran an meine Brust, wegen dem Sepp seiner unanständigen Lust."
Aber das war nicht die einzige Breitseite, die aus Richtung Bühne kam. Denn laut den Wellküren steht der Papst (nach den Querelen um die Schwangerenberatung) anscheinend nur auf Jungfrauen, Stefan Effenberg ist Strunz-dumm und Gloria von Thurn und Taxis soll gesagt haben, dass CSU-Mann Stoiber sexy sei. "Die spinnt", so der einhellige Kommentar des Bühnen-Trios, das am Freitag keineswegs nur Sachen zum Lachen im Programm hatte. Bei aller Heiterkeit wurden die "Wellküren" gewohnt sozialkritisch - bis das Lachen im Hals stecken blieb.
Natürlich durfte auch die gewisse Portion an Emanzipationseifer nicht fehlen: Denn die "Wellküren" wollen, dass ein Ruck durch Deutschland geht. Wie? Na, mit Frauen in der Bundeswehr. Denn schließlich darf man weder das Abschreckungspotential weiblicher Stimmen, "noch das von Angela Merkels Gesicht an der Front unterschätzen", meint Vroni: "Die rennen in Panik davon." Das Publikum allerdings war von den (drei) weiblichen Stimmen im Lindenkeller begeistert, blieb sitzen und forderte Zugaben - zu Lasten von Karl Moik und Edmund Stoiber. Aber immerhin waren diese Attacken des Trios rein verbal. Die nervigen Ehemänner der drei dagegen laufen Nacht für Nacht Gefahr, zum Sonntagsbraten zu werden: "Wer schnarcht, wir geschlachtet!" Puh! Glück gehabt, Edi!
Da half alles Ducken in den Stuhlreihen nicht: Die messerscharfen Pointen der drei Frauen trafen gnadenlos. Nur der heilige Josef blieb von den "Wellküren" verschont. Schließlich war der ja ein guter Mann: der hat seiner Frau wirklich alles geglaubt. "Auch das mit der unbefleckten Empfängnis", prustet Vroni mit breitem Grinsen. Daher hat sie auch gleich einen "Josefs-Verehrerinnen-Verein" gegründet. Mit soviel Zuspruch kann Monis Mann indes nicht rechnen: "Ich lass kein Silikon ran an meine Brust, wegen dem Sepp seiner unanständigen Lust."
Aber das war nicht die einzige Breitseite, die aus Richtung Bühne kam. Denn laut den Wellküren steht der Papst (nach den Querelen um die Schwangerenberatung) anscheinend nur auf Jungfrauen, Stefan Effenberg ist Strunz-dumm und Gloria von Thurn und Taxis soll gesagt haben, dass CSU-Mann Stoiber sexy sei. "Die spinnt", so der einhellige Kommentar des Bühnen-Trios, das am Freitag keineswegs nur Sachen zum Lachen im Programm hatte. Bei aller Heiterkeit wurden die "Wellküren" gewohnt sozialkritisch - bis das Lachen im Hals stecken blieb.
Natürlich durfte auch die gewisse Portion an Emanzipationseifer nicht fehlen: Denn die "Wellküren" wollen, dass ein Ruck durch Deutschland geht. Wie? Na, mit Frauen in der Bundeswehr. Denn schließlich darf man weder das Abschreckungspotential weiblicher Stimmen, "noch das von Angela Merkels Gesicht an der Front unterschätzen", meint Vroni: "Die rennen in Panik davon." Das Publikum allerdings war von den (drei) weiblichen Stimmen im Lindenkeller begeistert, blieb sitzen und forderte Zugaben - zu Lasten von Karl Moik und Edmund Stoiber. Aber immerhin waren diese Attacken des Trios rein verbal. Die nervigen Ehemänner der drei dagegen laufen Nacht für Nacht Gefahr, zum Sonntagsbraten zu werden: "Wer schnarcht, wir geschlachtet!" Puh! Glück gehabt, Edi!
Auf der Jagd nach Blitz und Donner
11.09.2002 - 12:00
München. Wenn es über München heftig blitz und
donnert, der Regen wie aus Eimern vom Himmel kommt
und die Hagelkörner größer als Kirschen werden, dann
verschwinden Fußgänger und Fahrradfahrer
normalerweise so schnell es geht im nächsten
Hauseingang oder unter einen Dachvorsprung. Selbst
Autos halten bei Unwettern am Straßenrand an, und
warten, bis das Schlimmste vorbei ist. Wie gesagt:
normalerweise. Doch Walter Stieglmair ist anders.
Wenn er ein Gewitter kommen sieht, sucht zwar auch er
das Weite - aber eben anders: Er setzt sich in seinen
Fiat Uno und fährt dem Unwetter entgegen. Der
38-Jährige ist "Stormchaser", ein "Gewitterjäger".
Angefangen hat dieses, für so manche doch etwas eigentümliche Fable für das schlechte Wetter vor mehr als 30 Jahren: Schon als kleines Kind begeisterte sich Walter Stieglmair für das Geschehen am Himmel - besonders für herannahende Unwetter. "Das liegt ganz eindeutig an unserer Region", ist sich Walter Stieglmair sicher, denn im Sommer gewittere es in München alle zwei bis drei Tage. Aufgewachsen ist er im Münchner Westen, in Aubing. "Dort habe ich viel Zeit in der Natur verbracht, auf den Wiesen und Feldern", erinnert er sich. Von jenen Ebenen aus könne man früh beobachten, wenn Gewitter entstehen. "Ich bin immer ich auf den Spielplatz gerannt und hab die Leute gewarnt, wenn ich was entdeckt hatte", so Stieglmair: "Doch geglaubt hat mir das kaum einer."
Heute ist das anders: Naht ein Gewitter - oder hat der Deutsche Wetterdienst eines prognostiziert - steigt Walter Stieglmair mit einer kleinen Digitalkamera im Gepäck in seinen italienischen Kleinwagen und fährt los. Und dem sieht man Stieglmairs Hobby ziemlich an. Denn die vielen Hagelschauer haben auf dessen Blech schon deutliche Spuren hinterlassen. Doch das ist egal. Einerseits, "weil er technisch noch gut in Schuss ist", und andererseits ist es so nicht schlimm, wenn der nächste Hagelsturm über ihn und den Uno hinweg fegt. Und der kommt bestimmt. Denn: "Ich erwische fast jedes Gewitter, wenn ich Zeit habe", erklärt Walter Stieglmair: "Ich hab eben ein recht gutes Auge fürs Wetter. Ich sehe schon nach wenigen Sekunden, in welche Richtung ein Gewitter zieht."
Manchmal allerdings schaut sich Walter Stieglmair auch die Radarbilder des Deutschen Wetterdienstes an - und fährt schon mehrere Stunden, bevor ein Gewitter entstehen soll in diese Himmelsrichtung, sucht sich dann einen geeigneten Beobachtungsplatz in der freien Natur und wartet. "Mich faszinieren die Bewegungen der Wolken", erklärt der 38-Jährige, "wie sie in den verschiedenen Luftschichten übereinander mit dem Wind wandern, bis sie dann doch aufeinander treffen und es zum Gewitter kommt". Kommt es zu jenem Zusammenprall von kalten und warmen Luftschichten beobachtet er die Wolkenfront, das Zentrum, wenn es über ihm ist, und die Rückseite der Gewitterwolke. "Das klingt jetzt sicher etwas merkwürdig - aber mich beruhigen Gewitter", so Stieglmair.
Fast 20 Jahre lang war der Blick aus dem kleinen Glasschiebedach seines Uno ein exklusiver. Denn wenn Walter Stieglmair auf Gewitterjagd geht, macht er das nur alleine. Doch die neue digitale Fototechnik macht es seit gut einem Jahr möglich, dass auch andere einen Blick in die Welt der Unwetter aus dem Großraum München werfen können. Denn der 38-Jährige, der zur Zeit als Webdesigner arbeitet, hat eine eigene Internetseite, auf der er seine Fotos von Gewitterwolken, Regenschauern und Hagelschlägen zur Schau stellt - aber auch ausführliche Berichte zu seinen Unwetterfahrten veröffentlicht. "Bevor ich diese Internetseite gemacht habe, hab ich kein einziges Bild gemacht", erinnert er sich, "alle beeindruckenden Szenen aus fast 20 Jahren gab es nur in meinem Kopf".
Zwar kann man erst seit kurzem an den "Stormchasings" von Walter Stieglmair teilnehmen (wenn auch nur ganz virtuell), doch Nutzen haben aus seinem ungewöhnlichen Hobby schon viele Menschen gezogen. Denn wenn er im Gewitter unterwegs ist, schätzt er Geschwindigkeit des Sturms, Niederschlagsmenge und Blitzhäufigkeit ab - und leitet die Daten an die Münchner Firma "Meteos" weiter. Die wiederum gibt Unwetterwarnungen heraus, die dann beispielsweise von Radiostationen gesendet werden. "Wetterwarnungen stecken in Deutschland noch in den Kinderschuhen", findet der Münchner. Denn hierzulande gebe es weder ein einheitliches Warnsystem, noch seien die Menschen für Unwetter sensibilisiert. "In den Vereinigten Staaten ist das ganz anders", weiß Stieglmair.
Seiner Meinung nach hätte auch das schwere Unwetter in Berlin vor wenigen Wochen keine Todesopfer fordern müssen, wenn die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes ausreichend weiter gegeben worden wären. "Schon zwei Stunden vorher war klar, wie stark das wird. In den USA fahren dann Polizei und Feuerwehr mit Sirene und Lautsprecher rum, um die Passanten zu warnen", so der 38-jährige Hobby-Meteorologe. Dass solche Warnungen und Informationen zur Wetterlage gefragt sind, sehe er an den Zugriffszahlen seiner Website. Bis zu dreihundert Besucher hat sie täglich. Und es gibt immer mehr Gleichgesinnte. Deshalb fand in diesem Jahr in München auch das erste deutsche "Chaser-Treffen" statt. Mit einem Sommergewitter am Abend der Tagung, versteht sich.
>> Weitere Infos unter www.sturmwetter.de
Angefangen hat dieses, für so manche doch etwas eigentümliche Fable für das schlechte Wetter vor mehr als 30 Jahren: Schon als kleines Kind begeisterte sich Walter Stieglmair für das Geschehen am Himmel - besonders für herannahende Unwetter. "Das liegt ganz eindeutig an unserer Region", ist sich Walter Stieglmair sicher, denn im Sommer gewittere es in München alle zwei bis drei Tage. Aufgewachsen ist er im Münchner Westen, in Aubing. "Dort habe ich viel Zeit in der Natur verbracht, auf den Wiesen und Feldern", erinnert er sich. Von jenen Ebenen aus könne man früh beobachten, wenn Gewitter entstehen. "Ich bin immer ich auf den Spielplatz gerannt und hab die Leute gewarnt, wenn ich was entdeckt hatte", so Stieglmair: "Doch geglaubt hat mir das kaum einer."
Heute ist das anders: Naht ein Gewitter - oder hat der Deutsche Wetterdienst eines prognostiziert - steigt Walter Stieglmair mit einer kleinen Digitalkamera im Gepäck in seinen italienischen Kleinwagen und fährt los. Und dem sieht man Stieglmairs Hobby ziemlich an. Denn die vielen Hagelschauer haben auf dessen Blech schon deutliche Spuren hinterlassen. Doch das ist egal. Einerseits, "weil er technisch noch gut in Schuss ist", und andererseits ist es so nicht schlimm, wenn der nächste Hagelsturm über ihn und den Uno hinweg fegt. Und der kommt bestimmt. Denn: "Ich erwische fast jedes Gewitter, wenn ich Zeit habe", erklärt Walter Stieglmair: "Ich hab eben ein recht gutes Auge fürs Wetter. Ich sehe schon nach wenigen Sekunden, in welche Richtung ein Gewitter zieht."
Manchmal allerdings schaut sich Walter Stieglmair auch die Radarbilder des Deutschen Wetterdienstes an - und fährt schon mehrere Stunden, bevor ein Gewitter entstehen soll in diese Himmelsrichtung, sucht sich dann einen geeigneten Beobachtungsplatz in der freien Natur und wartet. "Mich faszinieren die Bewegungen der Wolken", erklärt der 38-Jährige, "wie sie in den verschiedenen Luftschichten übereinander mit dem Wind wandern, bis sie dann doch aufeinander treffen und es zum Gewitter kommt". Kommt es zu jenem Zusammenprall von kalten und warmen Luftschichten beobachtet er die Wolkenfront, das Zentrum, wenn es über ihm ist, und die Rückseite der Gewitterwolke. "Das klingt jetzt sicher etwas merkwürdig - aber mich beruhigen Gewitter", so Stieglmair.
Fast 20 Jahre lang war der Blick aus dem kleinen Glasschiebedach seines Uno ein exklusiver. Denn wenn Walter Stieglmair auf Gewitterjagd geht, macht er das nur alleine. Doch die neue digitale Fototechnik macht es seit gut einem Jahr möglich, dass auch andere einen Blick in die Welt der Unwetter aus dem Großraum München werfen können. Denn der 38-Jährige, der zur Zeit als Webdesigner arbeitet, hat eine eigene Internetseite, auf der er seine Fotos von Gewitterwolken, Regenschauern und Hagelschlägen zur Schau stellt - aber auch ausführliche Berichte zu seinen Unwetterfahrten veröffentlicht. "Bevor ich diese Internetseite gemacht habe, hab ich kein einziges Bild gemacht", erinnert er sich, "alle beeindruckenden Szenen aus fast 20 Jahren gab es nur in meinem Kopf".
Zwar kann man erst seit kurzem an den "Stormchasings" von Walter Stieglmair teilnehmen (wenn auch nur ganz virtuell), doch Nutzen haben aus seinem ungewöhnlichen Hobby schon viele Menschen gezogen. Denn wenn er im Gewitter unterwegs ist, schätzt er Geschwindigkeit des Sturms, Niederschlagsmenge und Blitzhäufigkeit ab - und leitet die Daten an die Münchner Firma "Meteos" weiter. Die wiederum gibt Unwetterwarnungen heraus, die dann beispielsweise von Radiostationen gesendet werden. "Wetterwarnungen stecken in Deutschland noch in den Kinderschuhen", findet der Münchner. Denn hierzulande gebe es weder ein einheitliches Warnsystem, noch seien die Menschen für Unwetter sensibilisiert. "In den Vereinigten Staaten ist das ganz anders", weiß Stieglmair.
Seiner Meinung nach hätte auch das schwere Unwetter in Berlin vor wenigen Wochen keine Todesopfer fordern müssen, wenn die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes ausreichend weiter gegeben worden wären. "Schon zwei Stunden vorher war klar, wie stark das wird. In den USA fahren dann Polizei und Feuerwehr mit Sirene und Lautsprecher rum, um die Passanten zu warnen", so der 38-jährige Hobby-Meteorologe. Dass solche Warnungen und Informationen zur Wetterlage gefragt sind, sehe er an den Zugriffszahlen seiner Website. Bis zu dreihundert Besucher hat sie täglich. Und es gibt immer mehr Gleichgesinnte. Deshalb fand in diesem Jahr in München auch das erste deutsche "Chaser-Treffen" statt. Mit einem Sommergewitter am Abend der Tagung, versteht sich.
>> Weitere Infos unter www.sturmwetter.de