Rheinischer Merkur
Ein mörderisches Spiel?
30.11.2006 - 12:00
Laut krächzt die martialische Musik aus den kleinen
Lautsprechern auf dem Tisch. Auf dem Bildschirm
daneben zückt eine kantige digitale Hand eine
schwarze Pistole. Eine zweite Hand zieht schnell den
Schlagbolzen zurück, die Waffe ist entsichert, dann
geht es los. Die beiden Hände und die Pistole bewegen
sich ruckelig durch eine Art Labyrinth: verlassene
Lagerhallen, verwinkelte Gassen, kleine Lehmhütten
und viele dunkle Ecken – alles direkt
nebeneinander. Immer wieder tauchen plötzlich
menschliche Umrisse auf, alle tragen Waffen. Die
beiden Hände machen kurzen Prozess. Ein präziser
Schuss, die Silhouetten fallen um, sind tot. So sehen
Killerspiele aus.
Seit der 18-jährige Sebastian B. am Montag vergangener Woche bis an die Zähne bewaffnet seine ehemalige Schule im nordrhein-westfälischen Emsdetten gestürmt, 37 Personen zum Teil schwer verletzt und sich danach selbst in den Kopf geschossen hat, stehen derartige Computerspiele heftig in der Kritik. Wieder einmal. Bereits nach dem Amoklauf von Erfurt im April 2002, als ein 19-jähriger Schüler 16 Menschen tötete, forderten viele Politiker ein Verbot von Killerspielen. Passiert ist seither kaum etwas. Zwar wurde nach Erfurt ein neues Jugendschutzgesetz eingeführt. Doch die Altersfreigaben hindern keinen Jugendlichen daran, solche Spiele doch zu spielen.
Nur wenige Stunden nach dem Amoklauf von Emsdetten fällten erste hochrangige Politiker harsche Urteile über Computerspiele, die sie meistens nur vom Hörensagen kennen. „Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten“, sagt Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber. Der CSU-Chef fordert ein sofortiges Verbot für solche „unverantwortlichen und indiskutablen Machwerke“. Der Staat dürfe hier „nicht einfach zuschauen“, man müsse etwas dagegen tun. Daher wolle der Freistaat eine Bundesratsinitiative zum Verbot von Killerspielen einbringen. Mal wieder. In den vergangenen Jahren waren solche Vorstöße im Bundesrat stets zum Scheitern verurteilt.
Die Gemeinde der jugendlichen Computerspieler sieht sich durch die harten Angriffe seitens der Politik pauschal verunglimpft. In Internetforen diskutieren sie seit dem Amoklauf von Emsdetten aufgeregt über ihr Steckenpferd und über die Reaktionen der Öffentlichkeit darauf. „Bitte, nicht schon wieder...“ ist ein Beitrag überschrieben, in dem ein Computerspieler sein Unverständnis für die „immer wiederkehrende Verbotsdiskussion“ zum Ausdruck bringt. „Wenn ein Politiker mit dem Wort ,Killerspiel' um sich wirft, hat das logischerweise mehr Einfluss auf die öffentliche Meinung, als wenn Jugendliche sich dazu äußern“, schreibt ein anderer mit frustriertem Unterton.
Auf einer anderen Internetseite tauschen sich Computerspieler darüber aus, was genau ein Spiel zum Killerspiel macht. Trifft die Bezeichnung nur auf sogenannte „Ego-Shooter“ zu, also Computerspiele, bei denen Spieler mit Waffen bepackt durch virtuelle Welten marschieren und auf fast alles schießen, was sich bewegt? Oder sind nicht auch alle Flugsimulatoren Killerspiele, „weil Terroristen diese Art von Spielen benutzt haben, um die Anschläge vom 11. September zu trainieren?“, fragt einer der Spieler. Noch mehr als die Frage, was ein Killerspiel nun genau ist, interessiert die Nicht-Computerspieler, wie ein gewöhnlicher Killerspieler aussieht. Wer spielt so etwas?
Szenenwechsel: eine kleine Turnhalle im Norden Baden-Württembergs, die Fenster sind mit schwarzen Tüchern verhängt. Draußen ist es taghell, drinnen ist es düster. Nur ein paar große Bühnenscheinwerfer tauchen die hohen Hallenwände in ein schummriges Orangerot. In der Mitte der Turnhalle stehen vier Tischreihen, darauf reiht sich ein Flachbildschirm an den nächsten, dazwischen lugen bunt leuchtende Computergehäuse hervor. Auf und unter den Tischen herrscht ein unglaubliches Kabelchaos, aus dem es mal rot, mal gelb oder mal grün heraus blinkt. An den Tischen sitzen viele junge Männer, dazwischen einige Frauen, die Blicke starr auf die Monitore gerichtet.
Die Luft ist zum Schneiden. Zwischen den Tastaturen und Computermäusen stehen leere Kaffeetassen, halbleere Colaflaschen und dreckige Gläser. Daneben liegen angebrochene Chipstüten, angebissene Brote und fettfleckige Pappschachteln, in einigen liegt noch ein Rest kalte Pizza. Doch die jungen Männer und Frauen kümmert dieses Chaos nicht. Sie sind hier, um gemeinsam Computer zu spielen, um zu zocken: Netzwerk- oder Lan-Party heißt dieses Spektakel, über das Außenstehende nicht selten einfach nur den Kopf schütteln. Bis zu 150 Jugendliche treffen sich, um ein Wochenende lang nichts anderes zu tun, als vor ihren Bildschirmen zu sitzen.
Wer die Turnhalle in Grünsfeld im Landkreis Main-Tauber betritt, hört ein monotones Hacken und Klicken. Was um sie herum passiert, interessiert die jungen Männer und Frauen in diesem Moment nicht – wie gebannt blicken sie auf die Bildschirme, hämmern auf die Tastaturen ein, bewegen ihre Computermäuse blitzschnell und klicken in einem Tempo, als wäre das kleine Ding ein Rhythmusgerät. Alle Computer in der kleinen Halle sind mit rund 1000 Meter Kabel miteinander verbunden. Jeder kann mit jedem spielen. Jeder könnte jeden erschießen. Virtuell. Einige wirken nervös, angespannt, aber nicht aggressiv.
Über viele Bildschirme flimmert das Spiel „Counter-Strike“ – einer der beliebtesten Ego-Shooter überhaupt. Es ist eines der Spiele, die als Killerspiele gelten. Auch Sebastian B. soll es regelmäßig gespielt und sich darin sogar seine ehemalige Schule als virtuelle Landschaft nachgebaut haben. Ein Computerspiel als digitales Trainingscamp für Amokläufer? „Wir sind doch keine Psychopathen“, sagt der 25-jährige Tim Gramling, einer der Organisatoren der Grünsfelder Netzwerkparty. Wer so etwas behaupte, habe keine Ahnung, sondern nur Vorurteile. „Leute, die einen an der Klatsche haben, die kommen nicht zu solchen Partys. Die bleiben lieber zu Hause, ganz für sich.“
Auf Netzwerkpartys steht zwar „das Zocken“ im Mittelpunkt, meint Gramling, aber eben das gemeinsame: „Wir sind kommunikative Menschen, wir wollen sehen, mit wem wir spielen.“ Eigenbrötler und Stubenhocker fänden sich auf solchen Treffen nicht, ist er überzeugt. Plötzlich springt am Ende der Mehrzweckhalle einer der jungen Männer auf, reißt sich seinen Kopfhörer herunter und schreit „So ein Mist!“ Zwei Tischreihen weiter jubelt einer lautstark los und reißt die Arme in die Luft. Die beiden haben sich gerade ein virtuelles Scharmützel geliefert. Nun gehen sie gemeinsam auf die Toilette, der Gewinner klopft dem Besiegten auf die Schulter.
Auf einer Netzwerkparty zu spielen scheint aufregender zu sein als zu Hause im stillen Kämmerlein. „Trotzdem lohnt es sich kaum noch, solche Veranstaltungen zu organisieren“, sagt Tim Gramling. Weil mittlerweile fast jeder einen schnellen DSL-Internetzugang in den eigenen vier Wänden hat, kommen immer weniger Spieler zu diesen Partys: „Vielen ist es zu aufwendig, ihren Computer dort hinzuschleppen.“ Die meisten Ego-Shooter, zum Beispiel auch „Counter-Strike“, lassen sich problemlos über das Internet spielen. „Dann weiß man natürlich nicht, mit was für Typen man gerade zockt“, gibt Gramling zu. Die Spieler benutzten im Netz Aliasnamen.
Wie auch Sebastian B., der als „ResistantX“ durch die Welt der Bits und Bytes geisterte. „Durch den technischen Fortschritt gibt es mit Sicherheit immer mehr Einzelgänger“, meint der 25-Jährige. Trotzdem ist er nicht der Meinung, dass Killerspiele schuld an Amokläufen seien. Die Forderungen nach einem Verbot sind für ihn komplett abwegig. „Das ist eine Art Generationenkonflikt. Die Politiker, die so etwas fordern, die kennen die Spiele nicht selbst“, sagt er. Ein solches Spiel mache niemanden zum Mörder. „Bei diesem Typen aus Emsdetten war doch das soziale Umfeld völlig kaputt. Das kann man doch jetzt nicht ein paar Computerspielen anlasten.“
Unterstützung bekommen die Computerspieler in der Debatte um die Gefährlichkeit und ein Verbot dieser Spiele vonseiten der Wissenschaft. „Es wäre sehr fragwürdig, jetzt ein Gesetz zu schaffen, das nicht eingehalten werden kann“, meint Clemens Trudewind. Der Psychologe hat schon Mitte der 1990er-Jahre mit einer Arbeitsgruppe für Motivations- und Emotionspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum die Auswirkungen von aggressiven Computerspielen auf Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 14 Jahren untersucht: „Vielen Kindern waren enorm brutale Spiele wie ,Counter-Strike’ bekannt, ihre Eltern hingegen hatten davon noch nie etwas gehört.“
Der mittlerweile pensionierte Psychologe hat im Jahr 2000 an der Bochumer Universität ein Experiment mit 280 Kindern und Jugendlichen gemacht. „Wir wollten herausfinden, welche unmittelbaren Auswirkungen das Spielen von brutalen Computerspielen auf die Kinder und Jugendlichen hat“, sagt Trudewind. Die 127 Mädchen und 153 Jungen bekamen eines von drei Computerspielen zugewiesen: ein gewaltfreies Spiel, ein strategisches Spiel oder ein Kampfspiel. „Normalerweise wird bei Menschen die Aggression durch Mitleid gehemmt – um am Computer brutale Killerspiele spielen zu können, muss dieser Mechanismus ausgeschaltet werden“, erklärt Trudewind.
Nach dem Spielen wurden die 280 Testpersonen mit 96 positiven und negativen Bildern konfrontiert. Die Kinder und Jugendlichen durften selbst entscheiden, wie lange sie sich welches Bild ansehen. Das Ergebnis ist nicht sehr überraschend: Die Testpersonen, die das Gewaltspiel gespielt hatten, betrachteten die belastenden Bilder deutlich länger als diejenigen, die die beiden anderen Computerspiele gespielt hatten. „Die Testpersonen des Gewaltspiels waren unmittelbar nach dem Spiel viel weniger sensibel“, erklärt Clemens Trudewind. Eine „langfristig geringere Empathiefähigkeit“ sei bei regelmäßigem Gebrauch solcher Spiele durchaus möglich, jedoch nicht zwingend.
Denn Trudewind und seine Kollegen haben auch die sozialen und familiären Hintergründe der Testpersonen mit einbezogen. „Kinder und Jugendliche, die sich geliebt und angenommen fühlen, die in der Lage sind, Emotionen zu regulieren, waren nach dem aggressiven Gewaltspiel weniger desensibilisiert als Kinder, die zu Hause weniger Liebe und Zuneigung erfahren“, sagt der Psychologe. Ein Killerspiel allein mache also niemanden zum Killer. Er halte es jedoch für bedenklich, dass viele Eltern ihren Kindern die Möglichkeit geben, Erfahrungen mit brutalen Spielen zu sammeln, weil sie gar nicht wissen, was ihr Nachwuchs den Tag über so alles am Computer treibt.
Auch wenn Trudewind ein Verbot von Killerspielen für nicht umsetzbar hält, würde so ein Gesetz doch „Normen schaffen, die Eltern dabei unterstützen können, ihren Kindern derartige Spiele zu verbieten“. Denn wer aggressive Spiele in jungen Jahren gern und häufig spiele, der verliere die Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen. „Es muss Eltern stutzig machen“, wenn ihre Kinder Freude daran haben „jemanden plattzumachen“ – auch wenn das alles virtuell abläuft. Die Forschungsgruppe sei überrascht gewesen, wie viele Spiele Gewalt beinhalten. „In 80 Prozent der gesichteten Spiele musste Gewalt gegen andere gerichtet werden, um zu gewinnen“, erläutert Trudewind.
„Ich finde es verlogen, dass nur die Computerspiele an den Pranger gestellt werden und sich kaum jemand fragt, ob solche Typen überhaupt jemals einen Waffenschein bekommen sollten“, hält Tim Gramling dagegen. Natürlich sei es einfacher, ein Verbot von Killerspielen zu fordern, anstatt die eigentlichen Ursachen solcher Amokläufe zu beheben: „Es ist eben billiger, so ein Gesetz zu verabschieden, anstatt Schulpsychologen einzustellen.“ In einem Internetforum fordert ein Spieler Edmund Stoiber auf, nicht an der falschen Stelle herumzudoktern: „Wenn er das sinnlose Töten stoppen will, sollte er alle Schützenvereine verbieten. Seine Wähler werden es ihm ,danken’.“
Die kantige digitale Hand ist mittlerweile in einen Hinterhalt geraten. Von allen Seiten wird geschossen – nur ein paar Kisten trennen den Spieler von Leben und Tod. Dann plötzlich färbt sich der Bildschirm blutrot, die Hand ist tödlich getroffen. „Suche CS-Clan“, steht nun in großen weißen Buchstaben auf dem tiefrot gefärbten Bildschirm. Das ganze virtuelle Blutbad ist ein makabres Bewerbungsvideo aus dem Internet. Irgendjemand sucht auf diesem Weg eine Spielergemeinschaft, einen so genannten Clan, um dort miteinander „Counter-Strike“ (CS) zu spielen.
Seit der 18-jährige Sebastian B. am Montag vergangener Woche bis an die Zähne bewaffnet seine ehemalige Schule im nordrhein-westfälischen Emsdetten gestürmt, 37 Personen zum Teil schwer verletzt und sich danach selbst in den Kopf geschossen hat, stehen derartige Computerspiele heftig in der Kritik. Wieder einmal. Bereits nach dem Amoklauf von Erfurt im April 2002, als ein 19-jähriger Schüler 16 Menschen tötete, forderten viele Politiker ein Verbot von Killerspielen. Passiert ist seither kaum etwas. Zwar wurde nach Erfurt ein neues Jugendschutzgesetz eingeführt. Doch die Altersfreigaben hindern keinen Jugendlichen daran, solche Spiele doch zu spielen.
Nur wenige Stunden nach dem Amoklauf von Emsdetten fällten erste hochrangige Politiker harsche Urteile über Computerspiele, die sie meistens nur vom Hörensagen kennen. „Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten“, sagt Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber. Der CSU-Chef fordert ein sofortiges Verbot für solche „unverantwortlichen und indiskutablen Machwerke“. Der Staat dürfe hier „nicht einfach zuschauen“, man müsse etwas dagegen tun. Daher wolle der Freistaat eine Bundesratsinitiative zum Verbot von Killerspielen einbringen. Mal wieder. In den vergangenen Jahren waren solche Vorstöße im Bundesrat stets zum Scheitern verurteilt.
Die Gemeinde der jugendlichen Computerspieler sieht sich durch die harten Angriffe seitens der Politik pauschal verunglimpft. In Internetforen diskutieren sie seit dem Amoklauf von Emsdetten aufgeregt über ihr Steckenpferd und über die Reaktionen der Öffentlichkeit darauf. „Bitte, nicht schon wieder...“ ist ein Beitrag überschrieben, in dem ein Computerspieler sein Unverständnis für die „immer wiederkehrende Verbotsdiskussion“ zum Ausdruck bringt. „Wenn ein Politiker mit dem Wort ,Killerspiel' um sich wirft, hat das logischerweise mehr Einfluss auf die öffentliche Meinung, als wenn Jugendliche sich dazu äußern“, schreibt ein anderer mit frustriertem Unterton.
Auf einer anderen Internetseite tauschen sich Computerspieler darüber aus, was genau ein Spiel zum Killerspiel macht. Trifft die Bezeichnung nur auf sogenannte „Ego-Shooter“ zu, also Computerspiele, bei denen Spieler mit Waffen bepackt durch virtuelle Welten marschieren und auf fast alles schießen, was sich bewegt? Oder sind nicht auch alle Flugsimulatoren Killerspiele, „weil Terroristen diese Art von Spielen benutzt haben, um die Anschläge vom 11. September zu trainieren?“, fragt einer der Spieler. Noch mehr als die Frage, was ein Killerspiel nun genau ist, interessiert die Nicht-Computerspieler, wie ein gewöhnlicher Killerspieler aussieht. Wer spielt so etwas?
Szenenwechsel: eine kleine Turnhalle im Norden Baden-Württembergs, die Fenster sind mit schwarzen Tüchern verhängt. Draußen ist es taghell, drinnen ist es düster. Nur ein paar große Bühnenscheinwerfer tauchen die hohen Hallenwände in ein schummriges Orangerot. In der Mitte der Turnhalle stehen vier Tischreihen, darauf reiht sich ein Flachbildschirm an den nächsten, dazwischen lugen bunt leuchtende Computergehäuse hervor. Auf und unter den Tischen herrscht ein unglaubliches Kabelchaos, aus dem es mal rot, mal gelb oder mal grün heraus blinkt. An den Tischen sitzen viele junge Männer, dazwischen einige Frauen, die Blicke starr auf die Monitore gerichtet.
Die Luft ist zum Schneiden. Zwischen den Tastaturen und Computermäusen stehen leere Kaffeetassen, halbleere Colaflaschen und dreckige Gläser. Daneben liegen angebrochene Chipstüten, angebissene Brote und fettfleckige Pappschachteln, in einigen liegt noch ein Rest kalte Pizza. Doch die jungen Männer und Frauen kümmert dieses Chaos nicht. Sie sind hier, um gemeinsam Computer zu spielen, um zu zocken: Netzwerk- oder Lan-Party heißt dieses Spektakel, über das Außenstehende nicht selten einfach nur den Kopf schütteln. Bis zu 150 Jugendliche treffen sich, um ein Wochenende lang nichts anderes zu tun, als vor ihren Bildschirmen zu sitzen.
Wer die Turnhalle in Grünsfeld im Landkreis Main-Tauber betritt, hört ein monotones Hacken und Klicken. Was um sie herum passiert, interessiert die jungen Männer und Frauen in diesem Moment nicht – wie gebannt blicken sie auf die Bildschirme, hämmern auf die Tastaturen ein, bewegen ihre Computermäuse blitzschnell und klicken in einem Tempo, als wäre das kleine Ding ein Rhythmusgerät. Alle Computer in der kleinen Halle sind mit rund 1000 Meter Kabel miteinander verbunden. Jeder kann mit jedem spielen. Jeder könnte jeden erschießen. Virtuell. Einige wirken nervös, angespannt, aber nicht aggressiv.
Über viele Bildschirme flimmert das Spiel „Counter-Strike“ – einer der beliebtesten Ego-Shooter überhaupt. Es ist eines der Spiele, die als Killerspiele gelten. Auch Sebastian B. soll es regelmäßig gespielt und sich darin sogar seine ehemalige Schule als virtuelle Landschaft nachgebaut haben. Ein Computerspiel als digitales Trainingscamp für Amokläufer? „Wir sind doch keine Psychopathen“, sagt der 25-jährige Tim Gramling, einer der Organisatoren der Grünsfelder Netzwerkparty. Wer so etwas behaupte, habe keine Ahnung, sondern nur Vorurteile. „Leute, die einen an der Klatsche haben, die kommen nicht zu solchen Partys. Die bleiben lieber zu Hause, ganz für sich.“
Auf Netzwerkpartys steht zwar „das Zocken“ im Mittelpunkt, meint Gramling, aber eben das gemeinsame: „Wir sind kommunikative Menschen, wir wollen sehen, mit wem wir spielen.“ Eigenbrötler und Stubenhocker fänden sich auf solchen Treffen nicht, ist er überzeugt. Plötzlich springt am Ende der Mehrzweckhalle einer der jungen Männer auf, reißt sich seinen Kopfhörer herunter und schreit „So ein Mist!“ Zwei Tischreihen weiter jubelt einer lautstark los und reißt die Arme in die Luft. Die beiden haben sich gerade ein virtuelles Scharmützel geliefert. Nun gehen sie gemeinsam auf die Toilette, der Gewinner klopft dem Besiegten auf die Schulter.
Auf einer Netzwerkparty zu spielen scheint aufregender zu sein als zu Hause im stillen Kämmerlein. „Trotzdem lohnt es sich kaum noch, solche Veranstaltungen zu organisieren“, sagt Tim Gramling. Weil mittlerweile fast jeder einen schnellen DSL-Internetzugang in den eigenen vier Wänden hat, kommen immer weniger Spieler zu diesen Partys: „Vielen ist es zu aufwendig, ihren Computer dort hinzuschleppen.“ Die meisten Ego-Shooter, zum Beispiel auch „Counter-Strike“, lassen sich problemlos über das Internet spielen. „Dann weiß man natürlich nicht, mit was für Typen man gerade zockt“, gibt Gramling zu. Die Spieler benutzten im Netz Aliasnamen.
Wie auch Sebastian B., der als „ResistantX“ durch die Welt der Bits und Bytes geisterte. „Durch den technischen Fortschritt gibt es mit Sicherheit immer mehr Einzelgänger“, meint der 25-Jährige. Trotzdem ist er nicht der Meinung, dass Killerspiele schuld an Amokläufen seien. Die Forderungen nach einem Verbot sind für ihn komplett abwegig. „Das ist eine Art Generationenkonflikt. Die Politiker, die so etwas fordern, die kennen die Spiele nicht selbst“, sagt er. Ein solches Spiel mache niemanden zum Mörder. „Bei diesem Typen aus Emsdetten war doch das soziale Umfeld völlig kaputt. Das kann man doch jetzt nicht ein paar Computerspielen anlasten.“
Unterstützung bekommen die Computerspieler in der Debatte um die Gefährlichkeit und ein Verbot dieser Spiele vonseiten der Wissenschaft. „Es wäre sehr fragwürdig, jetzt ein Gesetz zu schaffen, das nicht eingehalten werden kann“, meint Clemens Trudewind. Der Psychologe hat schon Mitte der 1990er-Jahre mit einer Arbeitsgruppe für Motivations- und Emotionspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum die Auswirkungen von aggressiven Computerspielen auf Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 14 Jahren untersucht: „Vielen Kindern waren enorm brutale Spiele wie ,Counter-Strike’ bekannt, ihre Eltern hingegen hatten davon noch nie etwas gehört.“
Der mittlerweile pensionierte Psychologe hat im Jahr 2000 an der Bochumer Universität ein Experiment mit 280 Kindern und Jugendlichen gemacht. „Wir wollten herausfinden, welche unmittelbaren Auswirkungen das Spielen von brutalen Computerspielen auf die Kinder und Jugendlichen hat“, sagt Trudewind. Die 127 Mädchen und 153 Jungen bekamen eines von drei Computerspielen zugewiesen: ein gewaltfreies Spiel, ein strategisches Spiel oder ein Kampfspiel. „Normalerweise wird bei Menschen die Aggression durch Mitleid gehemmt – um am Computer brutale Killerspiele spielen zu können, muss dieser Mechanismus ausgeschaltet werden“, erklärt Trudewind.
Nach dem Spielen wurden die 280 Testpersonen mit 96 positiven und negativen Bildern konfrontiert. Die Kinder und Jugendlichen durften selbst entscheiden, wie lange sie sich welches Bild ansehen. Das Ergebnis ist nicht sehr überraschend: Die Testpersonen, die das Gewaltspiel gespielt hatten, betrachteten die belastenden Bilder deutlich länger als diejenigen, die die beiden anderen Computerspiele gespielt hatten. „Die Testpersonen des Gewaltspiels waren unmittelbar nach dem Spiel viel weniger sensibel“, erklärt Clemens Trudewind. Eine „langfristig geringere Empathiefähigkeit“ sei bei regelmäßigem Gebrauch solcher Spiele durchaus möglich, jedoch nicht zwingend.
Denn Trudewind und seine Kollegen haben auch die sozialen und familiären Hintergründe der Testpersonen mit einbezogen. „Kinder und Jugendliche, die sich geliebt und angenommen fühlen, die in der Lage sind, Emotionen zu regulieren, waren nach dem aggressiven Gewaltspiel weniger desensibilisiert als Kinder, die zu Hause weniger Liebe und Zuneigung erfahren“, sagt der Psychologe. Ein Killerspiel allein mache also niemanden zum Killer. Er halte es jedoch für bedenklich, dass viele Eltern ihren Kindern die Möglichkeit geben, Erfahrungen mit brutalen Spielen zu sammeln, weil sie gar nicht wissen, was ihr Nachwuchs den Tag über so alles am Computer treibt.
Auch wenn Trudewind ein Verbot von Killerspielen für nicht umsetzbar hält, würde so ein Gesetz doch „Normen schaffen, die Eltern dabei unterstützen können, ihren Kindern derartige Spiele zu verbieten“. Denn wer aggressive Spiele in jungen Jahren gern und häufig spiele, der verliere die Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen. „Es muss Eltern stutzig machen“, wenn ihre Kinder Freude daran haben „jemanden plattzumachen“ – auch wenn das alles virtuell abläuft. Die Forschungsgruppe sei überrascht gewesen, wie viele Spiele Gewalt beinhalten. „In 80 Prozent der gesichteten Spiele musste Gewalt gegen andere gerichtet werden, um zu gewinnen“, erläutert Trudewind.
„Ich finde es verlogen, dass nur die Computerspiele an den Pranger gestellt werden und sich kaum jemand fragt, ob solche Typen überhaupt jemals einen Waffenschein bekommen sollten“, hält Tim Gramling dagegen. Natürlich sei es einfacher, ein Verbot von Killerspielen zu fordern, anstatt die eigentlichen Ursachen solcher Amokläufe zu beheben: „Es ist eben billiger, so ein Gesetz zu verabschieden, anstatt Schulpsychologen einzustellen.“ In einem Internetforum fordert ein Spieler Edmund Stoiber auf, nicht an der falschen Stelle herumzudoktern: „Wenn er das sinnlose Töten stoppen will, sollte er alle Schützenvereine verbieten. Seine Wähler werden es ihm ,danken’.“
Die kantige digitale Hand ist mittlerweile in einen Hinterhalt geraten. Von allen Seiten wird geschossen – nur ein paar Kisten trennen den Spieler von Leben und Tod. Dann plötzlich färbt sich der Bildschirm blutrot, die Hand ist tödlich getroffen. „Suche CS-Clan“, steht nun in großen weißen Buchstaben auf dem tiefrot gefärbten Bildschirm. Das ganze virtuelle Blutbad ist ein makabres Bewerbungsvideo aus dem Internet. Irgendjemand sucht auf diesem Weg eine Spielergemeinschaft, einen so genannten Clan, um dort miteinander „Counter-Strike“ (CS) zu spielen.
Abschied von Heim und Herd
25.05.2006 - 12:00
Die Spielplätze sind verlassen. Kinderwagen sieht man
nur selten. Und auf der Neugeborenenstation der
Uniklinik sind Babys nicht zu hören. Noch ein paar
Jahrzehnte, dann könnte das Realität in Würzburg
sein. Die Stadt am Main ist alt, erst 2004 wurde das
1300-jährige Jubiläum gefeiert. Doch das gilt nicht
nur für ihre Historie: Das Durchschnittsalter der
Bevölkerung steigt kontinuierlich – schneller
als andernorts. Die Demografiestudie des renommierten
Berlin-Instituts brachte jüngst ans Licht: Würzburg
hat die zweitniedrigste Geburtenrate aller deutschen
Großstädte. Während bundesweit durchschnittlich jede
Frau 1,36 Kinder bekommt – 2,1 Kinder müssten
es sein, um für eine ausgeglichene
Bevölkerungsstruktur zu sorgen –, sind es in
der katholischen Domstadt nur 0,91.
Im Rathaus sorgt es für Aufregung, wenn man diese Zahl in einem Atemzug mit dem Wort „kinderfeindlich“ nennt. „Es wäre falsch zu glauben, dass hier irgendein Zusammenhang besteht. Die geringe Kinderzahl in Würzburg korrespondiert nicht mit einer angeblichen Kinderunfreundlichkeit in der Stadt“, versucht Christiane Matzewitzki zu beschwichtigen. Die Geschäftsführerin der Würzburger Arbeitsgemeinschaft (Arge) Familie – ein Zusammenschluss von Institutionen, Vereinen und Verbänden, die Familien unterstützen – sieht die Gründe für den Nachwuchsmangel an anderer Stelle: „Es gibt viele Studenten hier“, verweist sie auf die Bevölkerungsstruktur. Auch sei die sinkende Zahl an Partnerschaften generell dafür verantwortlich. Nur: Gilt das nicht auch für andere Städte im Land?
Dass Kinderlosigkeit gleichwohl von vielen Faktoren abhängt, ist unumstritten. Etwa von der Familienpolitik einer Kommune. Früher war Würzburg hier einmal Vorbild für die Bundespolitik: 1979 führte die Stadt unter Oberbürgermeister Klaus Zeitler ein kommunales Erziehungsgeld ein, 1986 erst schuf die Regierung Kohl das „Bundeserziehungsgeld“. Auch sonst tue man in Würzburg viel, sagt Matzewitzki: „Die Arge gibt es bereits seit 15 Jahren. Da war von lokalen Bündnissen für Familien auf Landes- oder Bundesebene noch keine Rede, das kam alles später.“ Tatsächlich hat die Stadt Würzburg in den 1990er Jahren beim Bundeswettbewerb „Kinder- und familienfreundliche Gemeinde“ ganz vorne mitgemischt. „Seit 1996“, so stand es in der Begründung der Jury, „gibt es eine für alle städtischen Einrichtungen verbindliche Familienverträglichkeitsprüfung.“ Zu mehr Geburten hat der Check nicht geführt: Die Nachwuchszahlen sinken seit langem.
Das Brisante daran: Sie gehen rapider als in anderen Städten vergleichbarer Größe zurück. Für Robert Scheller, den neuen, parteilosen Jugend-, Familien- und Sozialreferenten Würzburgs, liegt die Ursache dafür vor allem darin, dass Paare mit Kinderwunsch lieber ins Umland ziehen. Denn dort sind die Bauland- und Mietpreise niedriger. Ein Problem, das in der Stadt schon länger bekannt ist. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Städten mit ähnlich hoher Einwohnerzahl hat Würzburg ein sehr kleines, dafür umso dichter bebautes Stadtgebiet. Die Folge: Für junge Eltern ist Bauen und auch Wohnen in der Stadt zu teuer.
Um diese „Landflucht“ junger Paare und Familien aufzuhalten, werden im ehemaligen Arbeiterstadtteil Zellerau momentan günstige Einfamilienhäuser gebaut. „Als besonderen Anreiz für die Familien haben wir bei mehreren Baugebieten einen Kinderbonus eingeführt, durch den Familien Grundstücke günstiger bekommen können“, sagt CSU-Oberbürgermeisterin Pia Beckmann. Das begrüßt der Stadtrat über Parteigrenzen hinweg. Hinter vorgehaltener Hand ist man sich dort freilich auch bewusst, wie spät die Stadt zu solchen Maßnahmen greift. „Wir haben mit der Stadtbau ein großes kommunales Wohnungsbauunternehmen – aber günstige Wohnungen hat die kaum“, sagt eine Rätin.
Die Kinderlosigkeit habe noch andere Gründe, ergänzt ein Stadtrat, der anonym bleiben möchte: „Familienpolitische Konzepte gab es in den vergangenen Jahren nicht. Das ist alles Flickschusterei.“ Dabei ist Beckmann Mutter von vier Kindern – spätestens seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2002 hätte sich die Politik in diesem Bereich zugunsten der Familien ändern müssen, wird geargwöhnt. Und ergänzt: „Dass es in Würzburg zu wenig Kinder gibt, war kein Thema im Stadtrat.“ Die Oberbürgermeisterin hält dagegen: „Das Thema Demografie ist immer wieder diskutiert worden. Es ist Grundlage für unsere Entscheidungen im Rahmen der Bedarfsplanungen.“
Bedarfsplanung ist auch ein wichtiges Stichwort für den Sozialreferenten. Robert Scheller gesteht ein, dass Würzburg vor allem bei der Betreuung für unter Dreijährige „noch nachlegen muss“. Das Berlin-Institut formuliert es – im erweiterten Blick auf den Freistaat – weit schärfer: „Ein Grund für den Nachwuchsmangel dürfte die in Bayern traditionell schlechte Kinderbetreuung sein. Mancherorts gibt es bis heute keine Krippenplätze für unter Dreijährige.“
In Würzburg gibt es zwar schon mehr als 100 davon – vor allem für Studenten. Doch sie reichen nicht. Gerade deshalb muss die Politik Position beziehen, sagt Scheller: „Der Stadtrat muss entscheiden, wie die Stadt künftig im Bereich der Kindertagesbetreuung aussehen soll.“ Für den Herbst hat er Pläne für Krippenplätze angekündigt.
Dass es dafür höchste Zeit wird, erfährt, wer sich mit Studierenden der Universitätsstadt unterhält. Eine 22-jährige Studentin mit einem eineinhalbjährigen Kind beschreibt die Situation in Würzburg als „nicht gerade optimal“. Die studentische Krabbelgruppe hat zwar täglich geöffnet, aber erst ab acht Uhr. Wer um diese Zeit schon eine Vorlesung besuchen muss, hat ein Problem. Als allein erziehende Mutter sei Studieren ohne Hilfe von außen nicht möglich: „Würzburg braucht mehr Betreuungsmöglichkeiten, zu besseren Zeiten“, ist sich die junge Frau sicher.
Das Thema Familienpolitik ist damit aber auch zum parteipolitischen Zankapfel geworden. Sozialreferent Robert Scheller habe einen der schwersten Jobs, sagt die SPD, weil er Versäumnisse vergangener Jahre aufarbeiten müsse. „Der frühere CSU-Sozialreferent hat nie eine Bedarfsplanung gemacht, welche Betreuungsmöglichkeiten wir für wie viele Kinder welchen Alters benötigen“, klagt Gerd Eickelpasch, Vorsitzender des SPD-Stadtverbands. Man habe in Würzburg typische Unions-Familienpolitik betrieben: „Das war alles nur Heim und Herd – viel mehr steckte da nicht dahinter.“
Dass die Situation für die Stadt nicht einfach ist, hat auch mit der zeitweise desolaten Finanzlage der Stadt zu tun. Würzburg stand 2003 jäh mit einem nicht genehmigten Haushalt da, die Ausgaben überstiegen die Einnahmen weit. In der Folge wurden alle freiwilligen Leistungen wie Zuschüsse an Sport- und Musikvereine gekürzt und teilweise ganz gestrichen. Außerdem mussten alle Referate im Rathaus zehn Prozent ihres Haushaltsvolumens einsparen – auch das Jugend-, Familien- und Sozialreferat. „Trotz des gestiegenen Bedarfs“, unterstreicht eine Rätin.
Was bei aller Kritik indes gern übersehen wird: In Würzburg leben überdurchschnittlich viele Beamte und Akademiker in der Stadt. „Wenn man sich anschaut, wer heute überhaupt noch Kinder bekommt“, sagt Herbert Fröhlich, Leiter der Erziehungsberatungsstelle beim Sozialdienst katholischer Frauen, „dann sind das aber vor allem Paare aus dem Arbeitermilieu.“
Die Betreuungssituation zu verbessern scheint dennoch, glaubt man den Fachleuten, oberste Aufgabe zu sein: Auch die Studentin ist überzeugt: „Gäbe es bessere Betreuungsmöglichkeiten, würden auch wieder mehr Studenten Kinder kriegen.“ Dann wäre die Vision von verwaisten Spielplätzen nicht mehr als ein übertriebenes Horrorszenario, das niemals Wirklichkeit wird.
Im Rathaus sorgt es für Aufregung, wenn man diese Zahl in einem Atemzug mit dem Wort „kinderfeindlich“ nennt. „Es wäre falsch zu glauben, dass hier irgendein Zusammenhang besteht. Die geringe Kinderzahl in Würzburg korrespondiert nicht mit einer angeblichen Kinderunfreundlichkeit in der Stadt“, versucht Christiane Matzewitzki zu beschwichtigen. Die Geschäftsführerin der Würzburger Arbeitsgemeinschaft (Arge) Familie – ein Zusammenschluss von Institutionen, Vereinen und Verbänden, die Familien unterstützen – sieht die Gründe für den Nachwuchsmangel an anderer Stelle: „Es gibt viele Studenten hier“, verweist sie auf die Bevölkerungsstruktur. Auch sei die sinkende Zahl an Partnerschaften generell dafür verantwortlich. Nur: Gilt das nicht auch für andere Städte im Land?
Dass Kinderlosigkeit gleichwohl von vielen Faktoren abhängt, ist unumstritten. Etwa von der Familienpolitik einer Kommune. Früher war Würzburg hier einmal Vorbild für die Bundespolitik: 1979 führte die Stadt unter Oberbürgermeister Klaus Zeitler ein kommunales Erziehungsgeld ein, 1986 erst schuf die Regierung Kohl das „Bundeserziehungsgeld“. Auch sonst tue man in Würzburg viel, sagt Matzewitzki: „Die Arge gibt es bereits seit 15 Jahren. Da war von lokalen Bündnissen für Familien auf Landes- oder Bundesebene noch keine Rede, das kam alles später.“ Tatsächlich hat die Stadt Würzburg in den 1990er Jahren beim Bundeswettbewerb „Kinder- und familienfreundliche Gemeinde“ ganz vorne mitgemischt. „Seit 1996“, so stand es in der Begründung der Jury, „gibt es eine für alle städtischen Einrichtungen verbindliche Familienverträglichkeitsprüfung.“ Zu mehr Geburten hat der Check nicht geführt: Die Nachwuchszahlen sinken seit langem.
Das Brisante daran: Sie gehen rapider als in anderen Städten vergleichbarer Größe zurück. Für Robert Scheller, den neuen, parteilosen Jugend-, Familien- und Sozialreferenten Würzburgs, liegt die Ursache dafür vor allem darin, dass Paare mit Kinderwunsch lieber ins Umland ziehen. Denn dort sind die Bauland- und Mietpreise niedriger. Ein Problem, das in der Stadt schon länger bekannt ist. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Städten mit ähnlich hoher Einwohnerzahl hat Würzburg ein sehr kleines, dafür umso dichter bebautes Stadtgebiet. Die Folge: Für junge Eltern ist Bauen und auch Wohnen in der Stadt zu teuer.
Um diese „Landflucht“ junger Paare und Familien aufzuhalten, werden im ehemaligen Arbeiterstadtteil Zellerau momentan günstige Einfamilienhäuser gebaut. „Als besonderen Anreiz für die Familien haben wir bei mehreren Baugebieten einen Kinderbonus eingeführt, durch den Familien Grundstücke günstiger bekommen können“, sagt CSU-Oberbürgermeisterin Pia Beckmann. Das begrüßt der Stadtrat über Parteigrenzen hinweg. Hinter vorgehaltener Hand ist man sich dort freilich auch bewusst, wie spät die Stadt zu solchen Maßnahmen greift. „Wir haben mit der Stadtbau ein großes kommunales Wohnungsbauunternehmen – aber günstige Wohnungen hat die kaum“, sagt eine Rätin.
Die Kinderlosigkeit habe noch andere Gründe, ergänzt ein Stadtrat, der anonym bleiben möchte: „Familienpolitische Konzepte gab es in den vergangenen Jahren nicht. Das ist alles Flickschusterei.“ Dabei ist Beckmann Mutter von vier Kindern – spätestens seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2002 hätte sich die Politik in diesem Bereich zugunsten der Familien ändern müssen, wird geargwöhnt. Und ergänzt: „Dass es in Würzburg zu wenig Kinder gibt, war kein Thema im Stadtrat.“ Die Oberbürgermeisterin hält dagegen: „Das Thema Demografie ist immer wieder diskutiert worden. Es ist Grundlage für unsere Entscheidungen im Rahmen der Bedarfsplanungen.“
Bedarfsplanung ist auch ein wichtiges Stichwort für den Sozialreferenten. Robert Scheller gesteht ein, dass Würzburg vor allem bei der Betreuung für unter Dreijährige „noch nachlegen muss“. Das Berlin-Institut formuliert es – im erweiterten Blick auf den Freistaat – weit schärfer: „Ein Grund für den Nachwuchsmangel dürfte die in Bayern traditionell schlechte Kinderbetreuung sein. Mancherorts gibt es bis heute keine Krippenplätze für unter Dreijährige.“
In Würzburg gibt es zwar schon mehr als 100 davon – vor allem für Studenten. Doch sie reichen nicht. Gerade deshalb muss die Politik Position beziehen, sagt Scheller: „Der Stadtrat muss entscheiden, wie die Stadt künftig im Bereich der Kindertagesbetreuung aussehen soll.“ Für den Herbst hat er Pläne für Krippenplätze angekündigt.
Dass es dafür höchste Zeit wird, erfährt, wer sich mit Studierenden der Universitätsstadt unterhält. Eine 22-jährige Studentin mit einem eineinhalbjährigen Kind beschreibt die Situation in Würzburg als „nicht gerade optimal“. Die studentische Krabbelgruppe hat zwar täglich geöffnet, aber erst ab acht Uhr. Wer um diese Zeit schon eine Vorlesung besuchen muss, hat ein Problem. Als allein erziehende Mutter sei Studieren ohne Hilfe von außen nicht möglich: „Würzburg braucht mehr Betreuungsmöglichkeiten, zu besseren Zeiten“, ist sich die junge Frau sicher.
Das Thema Familienpolitik ist damit aber auch zum parteipolitischen Zankapfel geworden. Sozialreferent Robert Scheller habe einen der schwersten Jobs, sagt die SPD, weil er Versäumnisse vergangener Jahre aufarbeiten müsse. „Der frühere CSU-Sozialreferent hat nie eine Bedarfsplanung gemacht, welche Betreuungsmöglichkeiten wir für wie viele Kinder welchen Alters benötigen“, klagt Gerd Eickelpasch, Vorsitzender des SPD-Stadtverbands. Man habe in Würzburg typische Unions-Familienpolitik betrieben: „Das war alles nur Heim und Herd – viel mehr steckte da nicht dahinter.“
Dass die Situation für die Stadt nicht einfach ist, hat auch mit der zeitweise desolaten Finanzlage der Stadt zu tun. Würzburg stand 2003 jäh mit einem nicht genehmigten Haushalt da, die Ausgaben überstiegen die Einnahmen weit. In der Folge wurden alle freiwilligen Leistungen wie Zuschüsse an Sport- und Musikvereine gekürzt und teilweise ganz gestrichen. Außerdem mussten alle Referate im Rathaus zehn Prozent ihres Haushaltsvolumens einsparen – auch das Jugend-, Familien- und Sozialreferat. „Trotz des gestiegenen Bedarfs“, unterstreicht eine Rätin.
Was bei aller Kritik indes gern übersehen wird: In Würzburg leben überdurchschnittlich viele Beamte und Akademiker in der Stadt. „Wenn man sich anschaut, wer heute überhaupt noch Kinder bekommt“, sagt Herbert Fröhlich, Leiter der Erziehungsberatungsstelle beim Sozialdienst katholischer Frauen, „dann sind das aber vor allem Paare aus dem Arbeitermilieu.“
Die Betreuungssituation zu verbessern scheint dennoch, glaubt man den Fachleuten, oberste Aufgabe zu sein: Auch die Studentin ist überzeugt: „Gäbe es bessere Betreuungsmöglichkeiten, würden auch wieder mehr Studenten Kinder kriegen.“ Dann wäre die Vision von verwaisten Spielplätzen nicht mehr als ein übertriebenes Horrorszenario, das niemals Wirklichkeit wird.
Kämpferischer Dandy
21.07.2005 - 12:00
Das Bürogebäude in der Schweinfurter Innenstadt sieht
unscheinbar aus. Doch von hier hat Klaus Ernst den
Aufstand geprobt, die SPD und Schröders Agenda 2010
heftig kritisiert - zunächst als Vertreter der IG
Metall, später als Privatmann, der damit drohte, eine
neue Partei zu gründen. So lange, bis die Genossen
die Nase voll hatten - und ihn rauswarfen. Das war im
Sommer 2004. Keiner räumte Ernsts Vorhaben, nach dem
SPD-Ausschluss eine Partei zu gründen, große Chancen
ein. Seine "Wahlalternative Arbeit und soziale
Gerechtigkeit" werde ein Flop, unkten die Genossen
hämisch. Noch nie sei es im Westen der Republik
gelungen, links der SPD eine Partei zu etablieren.
Sie irrten sich. Viele Sozialdemokraten würden sich
inzwischen wohl am liebsten dafür ohrfeigen, dass sie
Ernst & Co. vor die Tür gesetzt und ihnen damit
höchste mediale Aufmerksamkeit beschert haben.
Klaus Ernst hat indes gut lachen. Plötzlich schnellt seine Bürotür in den Räumen der Schweinfurter IG Metall auf, schnellen Schrittes marschiert er durch den Raum. Mit der linken Hand drückt er sein Handy fest ans Ohr, in der rechten hält er zwei Blatt Papier. "Schick bitte schnell das Fax raus", sagt er zu seiner Sekretärin. Noch bevor die junge Frau ein Wort dazu sagen kann, ist er schon wieder in seinem Büro verschwunden, das Handy noch immer fest am Ohr.
Klaus Ernst wirkt ein bisschen gehetzt - und er sieht müde aus. Eine eigene Partei aus dem Stand zu gründen und nur wenige Monate später mitten in einem Bundestagswahlkampf zu stecken, das schlaucht ganz gehörig. Trotzdem lächelt Klaus Ernst. Immer. Vielleicht, weil es so gut zu seinem gesund-braunen Teint passt, den er der sonnigen bayerischen Alm verdankt, auf der sein gepachteter Bauernhof steht.
Wenn man Klaus Ernst so sieht, in seinem großen Audi, stets gut gekleidet und frisiert, mit einer seiner schmalen Lesebrillen auf der Nase, dann fragt man sich unwillkürlich: Wie bitte schön passt so etwas zusammen - Dandy und Sozialpolitiker? Klaus Ernst mag solche Fragen. Da kann er austeilen; und nebenbei grundsätzlich sein. "Wer für ein besseres Leben eintritt, der muss doch nicht gleich darben", sagt er darauf. Oder: "Wenn man nicht weiß, wie etwas schmeckt, kann man auch nicht dafür werben." Ernst jedenfalls findet, dass alles ausgezeichnet zusammenpasst: Sein Lebensstil und seine politische Einstellung seien keine Antagonismen. "Ich muss doch kein Bezieher des Arbeitslosengeldes II sein, um das furchtbar zu finden." Er weiß, dass sich manche daran reiben - er mag es sogar, wenn sich Leute mit ihm auseinander setzen. "Die Betroffenen selbst sind oft zu gebrochen, um sich nachhaltig zu wehren."
Trotzdem: Steht der Metallarbeiter, der bei ZF Sachs in Schweinfurt Schicht arbeitet, auf einer Ebene mit einem Gewerkschaftsfunktionär wie Klaus Ernst? Funktioniert die Rhetorik "Die da oben, wir da unten"? Tut sie. Denn bei der IG Metall weiß man, was der erste Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle Schweinfurt für einer ist - und wo er herkommt. Ernst, Jahrgang 1954, zog mit 15 von zu Hause aus, weil er mit dem Stiefvater nicht klarkam. Er ging nach München, begann eine Ausbildung als Elektromechaniker, verdiente kaum etwas und wohnte mehr schlecht als recht in Wohnheimen und zur Untermiete bei kruden Gestalten. Auch im Betrieb setzte man Ernst zu. Weil er eine Lehrlingsgruppe gründete, wollte ihn die Firma nach seiner Ausbildung nicht übernehmen. Damals halfen dem jungen mittellosen Mann nur "die von der Gewerkschaft". Seither ist Klaus Ernst einer von ihnen.
Ambitionen auf die große Politik hatte Klaus Ernst nie. Sagt er. Viel lieber stichelte er rum. Auch mal illegal, was ihm fast ein paar Tage Jugendarrest einbrachte, weil er als 18-Jähriger CSU-Wahlplakate überklebt hatte. Doch: Mit der SPD brach er innerlich schon Anfang der achtziger Jahre, als Helmut Schmidt den Nato-Doppelbeschluss durchpeitschte. "Da haben die Sozialdemokraten angefangen, ihre Grundsätze aufzugeben", erklärt Ernst: "Das ist so, als würde der Papst den Zölibat aufheben." Ernst ist ein Freund klarer Worte. In unterfränkischen Unternehmerkreisen ist er dafür berühmt bis berüchtigt. Allerdings, so berichtet Ernst, sei er zunächst der SPD als Wähler treu geblieben. Mit Hartz IV und der Agenda 2010 habe sich die deutsche Sozialdemokratie aber endgültig von ihren Grundsätzen verabschiedet. Das sei in etwa so, wie wenn der Vatikan plötzlich alle Glaubenswerte über Bord werfen würde.
Wenn Sozialdemokraten Ernst vorwerfen, er hätte doch von selbst die Partei verlassen sollen, wenn er so unzufrieden mit der Schröderschen Politik gewesen sei, lächelt der nur milde und nippt an seinem Espresso. "Ich hatte nie vor, eine eigene Partei zu gründen. Ich habe bis zuletzt daran geglaubt, dass sich der Kurs der Partei ändern lässt." Als er dann ohne politische Heimat dastand, erfand er sich eben eine neue.
Sein Ziel sei jedoch immer noch, die "echte Sozialdemokratie" wiederzubeleben. Dass er die SPD mit der Wahlalternative so demoliert, dass der CDU automatisch der Wahlsieg zufällt, glaubt Ernst nicht. "Die Einzigen, die gegenwärtig dazu beitragen, dass die Schwarzen geschwächt werden, sind wir." Klar, dass der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Hoffmann aus Schweinfurt das anders sieht. Dennoch stellt er noch Gemeinsamkeiten mit Ernst fest: "In Gewerkschaftsdingen arbeiten wir noch gut zusammen."
Der größte Coup gelang Ernst (als einem von vier Vorsitzenden der Wahlalternative) mit der Reanimation des Ex-SPD-Granden Oskar Lafontaine. Die Kritik, die Ernst sich damit einhandelte, lässt ihn kalt. Denjenigen, die Lafontaine heute gern als Fahnenflüchtling darstellen, der 1999 die Bundesregierung im Stich gelassen habe, hat er nur so viel zu sagen: "Wenn in Deutschland einer zurücktritt, so hat er meist Dreck am Stecken. Ist er dann weg vom Fenster, ist er damit rehabilitiert. Wenn aber jemand zurücktritt, weil er die Politik nicht mehr mittragen will, wird er als Scharlatan abgekanzelt. Ja, was soll denn das?" Dass Ernst nun hinter Lafontaine und Gysi immer in der zweiten Reihe stehe, obwohl die Wahlalternative eigentlich sein Kind ist, stört ihn nach eigenen Angaben nicht: "Ich bin natürlich auch eitel. Aber die beiden Jungs sollen das ruhig machen. Die sind doch viel publikumswirksamer."
Zeit für einen Besuch seiner Alm hat er kaum noch, viele seiner Freunde sieht er derzeit äußerst selten. Dennoch will er, sollte er mit der Wahlalternative in den Bundestag einziehen, weiterhin bei der IG Metall Schweinfurt als erster Bevollmächtigter arbeiten. "Das Anpacken würde mir fehlen, wäre ich nur in Berlin." Er klopft "denen da oben" viel zu gern auf die Finger, als dass ihm die verbale Auseinandersetzung im Plenum je genügen könnte.
So eine Doppelrolle als Gewerkschaftler und Parlamentarier hat Klaus Ernst bei einem Gewerkschaftskollegen noch vor ein paar Jahren heftig kritisiert. Fritz Schösser, der bayerische DGB-Chef, erinnert sich. Als er 1998 für die SPD antrat, sei er von Ernst "arg kritisiert worden". Zwar trägt Schösser seine Abneigung gegenüber der Wahlalternative nicht allzu offen zur Schau. Jedoch warnte er die DGB-Jugend davor, "auf neue politische Gliederungen hereinzufallen".
Klaus Ernst hat indes gut lachen. Plötzlich schnellt seine Bürotür in den Räumen der Schweinfurter IG Metall auf, schnellen Schrittes marschiert er durch den Raum. Mit der linken Hand drückt er sein Handy fest ans Ohr, in der rechten hält er zwei Blatt Papier. "Schick bitte schnell das Fax raus", sagt er zu seiner Sekretärin. Noch bevor die junge Frau ein Wort dazu sagen kann, ist er schon wieder in seinem Büro verschwunden, das Handy noch immer fest am Ohr.
Klaus Ernst wirkt ein bisschen gehetzt - und er sieht müde aus. Eine eigene Partei aus dem Stand zu gründen und nur wenige Monate später mitten in einem Bundestagswahlkampf zu stecken, das schlaucht ganz gehörig. Trotzdem lächelt Klaus Ernst. Immer. Vielleicht, weil es so gut zu seinem gesund-braunen Teint passt, den er der sonnigen bayerischen Alm verdankt, auf der sein gepachteter Bauernhof steht.
Wenn man Klaus Ernst so sieht, in seinem großen Audi, stets gut gekleidet und frisiert, mit einer seiner schmalen Lesebrillen auf der Nase, dann fragt man sich unwillkürlich: Wie bitte schön passt so etwas zusammen - Dandy und Sozialpolitiker? Klaus Ernst mag solche Fragen. Da kann er austeilen; und nebenbei grundsätzlich sein. "Wer für ein besseres Leben eintritt, der muss doch nicht gleich darben", sagt er darauf. Oder: "Wenn man nicht weiß, wie etwas schmeckt, kann man auch nicht dafür werben." Ernst jedenfalls findet, dass alles ausgezeichnet zusammenpasst: Sein Lebensstil und seine politische Einstellung seien keine Antagonismen. "Ich muss doch kein Bezieher des Arbeitslosengeldes II sein, um das furchtbar zu finden." Er weiß, dass sich manche daran reiben - er mag es sogar, wenn sich Leute mit ihm auseinander setzen. "Die Betroffenen selbst sind oft zu gebrochen, um sich nachhaltig zu wehren."
Trotzdem: Steht der Metallarbeiter, der bei ZF Sachs in Schweinfurt Schicht arbeitet, auf einer Ebene mit einem Gewerkschaftsfunktionär wie Klaus Ernst? Funktioniert die Rhetorik "Die da oben, wir da unten"? Tut sie. Denn bei der IG Metall weiß man, was der erste Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle Schweinfurt für einer ist - und wo er herkommt. Ernst, Jahrgang 1954, zog mit 15 von zu Hause aus, weil er mit dem Stiefvater nicht klarkam. Er ging nach München, begann eine Ausbildung als Elektromechaniker, verdiente kaum etwas und wohnte mehr schlecht als recht in Wohnheimen und zur Untermiete bei kruden Gestalten. Auch im Betrieb setzte man Ernst zu. Weil er eine Lehrlingsgruppe gründete, wollte ihn die Firma nach seiner Ausbildung nicht übernehmen. Damals halfen dem jungen mittellosen Mann nur "die von der Gewerkschaft". Seither ist Klaus Ernst einer von ihnen.
Ambitionen auf die große Politik hatte Klaus Ernst nie. Sagt er. Viel lieber stichelte er rum. Auch mal illegal, was ihm fast ein paar Tage Jugendarrest einbrachte, weil er als 18-Jähriger CSU-Wahlplakate überklebt hatte. Doch: Mit der SPD brach er innerlich schon Anfang der achtziger Jahre, als Helmut Schmidt den Nato-Doppelbeschluss durchpeitschte. "Da haben die Sozialdemokraten angefangen, ihre Grundsätze aufzugeben", erklärt Ernst: "Das ist so, als würde der Papst den Zölibat aufheben." Ernst ist ein Freund klarer Worte. In unterfränkischen Unternehmerkreisen ist er dafür berühmt bis berüchtigt. Allerdings, so berichtet Ernst, sei er zunächst der SPD als Wähler treu geblieben. Mit Hartz IV und der Agenda 2010 habe sich die deutsche Sozialdemokratie aber endgültig von ihren Grundsätzen verabschiedet. Das sei in etwa so, wie wenn der Vatikan plötzlich alle Glaubenswerte über Bord werfen würde.
Wenn Sozialdemokraten Ernst vorwerfen, er hätte doch von selbst die Partei verlassen sollen, wenn er so unzufrieden mit der Schröderschen Politik gewesen sei, lächelt der nur milde und nippt an seinem Espresso. "Ich hatte nie vor, eine eigene Partei zu gründen. Ich habe bis zuletzt daran geglaubt, dass sich der Kurs der Partei ändern lässt." Als er dann ohne politische Heimat dastand, erfand er sich eben eine neue.
Sein Ziel sei jedoch immer noch, die "echte Sozialdemokratie" wiederzubeleben. Dass er die SPD mit der Wahlalternative so demoliert, dass der CDU automatisch der Wahlsieg zufällt, glaubt Ernst nicht. "Die Einzigen, die gegenwärtig dazu beitragen, dass die Schwarzen geschwächt werden, sind wir." Klar, dass der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Hoffmann aus Schweinfurt das anders sieht. Dennoch stellt er noch Gemeinsamkeiten mit Ernst fest: "In Gewerkschaftsdingen arbeiten wir noch gut zusammen."
Der größte Coup gelang Ernst (als einem von vier Vorsitzenden der Wahlalternative) mit der Reanimation des Ex-SPD-Granden Oskar Lafontaine. Die Kritik, die Ernst sich damit einhandelte, lässt ihn kalt. Denjenigen, die Lafontaine heute gern als Fahnenflüchtling darstellen, der 1999 die Bundesregierung im Stich gelassen habe, hat er nur so viel zu sagen: "Wenn in Deutschland einer zurücktritt, so hat er meist Dreck am Stecken. Ist er dann weg vom Fenster, ist er damit rehabilitiert. Wenn aber jemand zurücktritt, weil er die Politik nicht mehr mittragen will, wird er als Scharlatan abgekanzelt. Ja, was soll denn das?" Dass Ernst nun hinter Lafontaine und Gysi immer in der zweiten Reihe stehe, obwohl die Wahlalternative eigentlich sein Kind ist, stört ihn nach eigenen Angaben nicht: "Ich bin natürlich auch eitel. Aber die beiden Jungs sollen das ruhig machen. Die sind doch viel publikumswirksamer."
Zeit für einen Besuch seiner Alm hat er kaum noch, viele seiner Freunde sieht er derzeit äußerst selten. Dennoch will er, sollte er mit der Wahlalternative in den Bundestag einziehen, weiterhin bei der IG Metall Schweinfurt als erster Bevollmächtigter arbeiten. "Das Anpacken würde mir fehlen, wäre ich nur in Berlin." Er klopft "denen da oben" viel zu gern auf die Finger, als dass ihm die verbale Auseinandersetzung im Plenum je genügen könnte.
So eine Doppelrolle als Gewerkschaftler und Parlamentarier hat Klaus Ernst bei einem Gewerkschaftskollegen noch vor ein paar Jahren heftig kritisiert. Fritz Schösser, der bayerische DGB-Chef, erinnert sich. Als er 1998 für die SPD antrat, sei er von Ernst "arg kritisiert worden". Zwar trägt Schösser seine Abneigung gegenüber der Wahlalternative nicht allzu offen zur Schau. Jedoch warnte er die DGB-Jugend davor, "auf neue politische Gliederungen hereinzufallen".
Buntes für die Szenekneipe
07.04.2005 - 12:00
Handtellergroß bröckelt der Putz von der Wand. Wo er
noch hält, blättert zumindest die weißgraue Farbe ab.
Und auch einige Teile der riesigen grasgrünen
Leuchtbuchstaben sind schon abgebrochen. Keine Frage:
An diesem Haus hat der Zahn der Zeit genagt. Nicht
ungewöhnlich für das Zuhause einer kleinen
Privatbrauerei auf dem flachen Land. Der Bierpreis
stagniert seit Jahren, die Rohstoffe werden teurer.
Mit Bierbrauen lässt sich nicht mehr das große Geld
verdienen. Zumal die Bierkonzerne den kleinen
Privatbrauereien mit ihren republikweit vermarkteten
Gebräuen schwer zu schaffen machen. So ist das auch
in Ostheim vor der Rhön.
"Peter Bier" war früher einmal ein klangvoller Name. 80.000 Hektoliter hat die kleine Privatbrauerei in ihren besten Jahren verkauft. Ein letztes Hoch erlebte das Haus Anfang der Neunziger, nach der Wende. "Wir haben 90 Prozent unseres Biers nach Thüringen verkauft", sagt Peter Kowalsky, der in vierter Generation die Brauerei Peter leitet. Doch ebenso schnell wie der Bierabsatz nach der Wiedervereinigung stieg, sank er auch wieder. Die Brauerei hatte wegen der großen Nachfrage investiert und neue Kredite aufgenommen. Aus den 80.000 Hektolitern wurden bald mickrige 10.000, der Familienbetrieb stand mehrere Male kurz vor der Pleite.
Heute, rund zehn Jahre später, brummt der Laden wieder. Richtig begreifen kann Peter Kowalsky das nicht. Mit dem Bier aus der Dorfbrauerei jedenfalls hat der neue Erfolg nicht wirklich etwas zu tun. In Ostheim vor der Rhön, hier im unterfränkischen Niemandsland zwischen Bayern und Thüringen, liegt nämlich die Wiege der Bionade. Ein einzigartiges, ungewöhnliches Getränk, das anfangs keiner haben wollte und das sich inzwischen in den Metropolen der Republik zum Kultgebräu gemausert hat. Berlin, Hamburg, Köln oder München: Wenn Szenekneipen und extravagante Clubs etwas auf sich halten, steht Bionade in ihren Kühlschränken.
Die Geschichte der Bionade beginnt vor knapp 20 Jahren. Damals forderten Politiker wieder mal die Abschaffung des Reinheitsgebots. Doch Brauer und viele deutsche Biertrinker wollten ihr "sauberes Bier" nicht aufgeben. "Es ist typisch verlogen: Die Leute mucken auf, sobald die heilige Kuh Bier angerührt wird, und ansonsten kippen sie sich frohen Mutes den allerletzten Mist in den Rachen", poltert Peter Kowalsky noch heute: "Farbstoffe, Zucker und Geschmacksstoffe." Die Politiker traten auf die Bremse - aber Dieter Leipold, Stiefvater von Peter Kowalsky, Biochemiker und Bastler, nahm langsam Fahrt auf. Ihm kam eine Idee: Wieso nicht eine Limo erfinden, die wie Bier gebraut wird, deren Zutaten aus ökologischem Anbau stammen und die deshalb gesünder ist als all das bunte Zuckerwasser?
Gedacht, gesagt, gescheitert. Im heimischen Bad, das flugs zum Labor umfunktioniert wurde, experimentierte er Tag und Nacht auf der Suche nach einem passenden Mikroorganismus, mit dem man die neuartige Limo brauen könnte. Irgendwann wurde Eigenbrötler Leipold fündig. Mit Gluconsäure wollte er sein Glück versuchen, obwohl Fachleute der einschlägigen Universitäten Leipold davon abgeraten hatten. "Bis dahin waren sämtliche Versuche mit diesen Bakterien gescheitert", sagt Kowalsky. Leipolds erste Ergebnisse schmeckten ent-sprechend grausam. Anders als Cola und Fanta kamen Leipolds Experimente von vornherein ohne chemische Zusätze aus: Er erhitzte Malz im Sudkessel zu einer stark zuckerhaltigen Flüssigkeit und versetzte diese so genannte Würze mit Säurebakterien, die einen Großteil des Zuckers nicht etwa, wie beim Bier üblich, in Alkohol verwandelt, sondern in Gluconsäure. In weiteren Reaktionen entstanden Mineraliengluconate wie Calcium- und Magnesiumgluconat. Kohlensäure, Säfte und natürliche Aromen gab Leipold in verschiedenen Mischungen hinzu. Irgendwann begann das Getränk zu schmecken. Bionade war entdeckt.
Dieter Leipold ließ sich die Entwicklung patentieren. Und dann geschah - nichts. Das übliche Tüftlerdilemma: "Sie glauben, dass ihre Erfindung so bahnbrechend ist, dass sie ihnen regelrecht aus den Händen gerissen wird", sagt Kowalsky. Doch für die Bionade, die damals noch keinen Namen hatte, gab es nicht einen Interessenten. Leipold wollte die Erfindung als Lizenz an große Brauereien vergeben, doch sie lehnten allesamt ab. "Brauereien sind konservativ und wenig innovationsfreundlich", meint Kowalsky. Seine Familie stand vor einem Scherbenhaufen - ideell und finanziell. Drei Millionen Mark hatte die Entwicklung der Bionade verschlungen.
Die schweren Zeiten sind fast vergessen. Kowalsky läuft durch die Lagerhallen der Brauerei. Ein penetrant süßsäuerlicher Geruch liegt in der Luft, an einigen Stellen tropft es heftig durchs Dach. Auf einem frisch gepflasterten Hinterhof stehen Getränkekisten. Alle leer, alle dunkelblau mit weiß-roter Aufschrift. "Wir kommen mit dem Befüllen kaum noch hinterher", sagt der Firmenlenker mit Stolz. Stolz darauf, die Bionade zum gefragten Produkt gemacht zu haben, dessen Siegeszug gerade erst begonnen hat. Und stolz darauf, es den Zweiflern vor Ort gezeigt zu haben. Denn in ihrem 3500-Seelen-Kaff war und ist seine Familie als "Spinner-Truppe" verschrien.
"Peter, kannst du mal halten?", sagt ein korpulenter Typ im Blaumann. Peter Kowalsky hält den Schlauch fest. Er ist einer, der keine Scheu davor hat, sich die Gummistiefel anzuziehen und im Brauhaus selbst mit anzupacken. Aber heute hat der Bionade-Geschäftsführer dafür keine Zeit. Hurtig stapft er in Richtung Bürogebäude, das wohl kein Fremder als solches erkennen würde. Der Lack der Eingangstür splittert schon seit Jahren ab. Innen riecht es muffig, Wandfliesen aus den frühen sechziger Jahren, überall stehen Kartons im Weg. Wie die Schaltstelle eines erfolgreichen Familienunternehmens sieht es hier nicht aus.
Peter Kowalsky geht durch einen schummrig beleuchteten Gang und biegt links in sein Büro ein. Auf einem alten Schreibtisch steht ein etwas weniger alter Computer, davor ein lederner Chefsessel und an der Seite ein kleiner Besprechungstisch. Nicht gerade nobel, aber doch so gut, dass man sich nicht schämen muss, jemanden hierhin mitzunehmen. Kowalsky setzt sich an den runden Besprechungstisch, wuschelt sich kurz durch seine blonden Locken, kramt anschließend in seiner Hemdentasche, holt ein Päckchen filterloser Zigaretten heraus, zündet sich eine an. Dann schnappt er sich eine Flasche Bionade, öffnet sie mit dem Feuerzeug und beginnt von der Zeit seit 1995 zu erzählen, als Bionade viel Geld gekostet hatte, aber keines einbrachte. "Wir haben uns entschlossen, sie selbst herzustellen."
Anschließend begann das zermürbende, demütigende Klinkenputzen. Zunächst im eigenen Ort. Weit mehr als 20 Gaststätten gibt es in Ostheim; überall sprachen Kowalsky und Stiefvater Leipold vor; überall baten sie die Gastwirte, die Bionade auf die Karte zu setzen; überall mit sehr bescheidenem Erfolg. "Uns wurde mehr und mehr klar, dass die Bionade eine echte Innovation ist, die man nicht bloß regional verkaufen durfte, wenn man Erfolg damit haben wollte", erzählt Kowalsky.
Plötzlich geht die Bürotür auf. Ein untersetzter Mann in Holzfällerhemd und ausgewaschenen, schmutzigen Jeans stürmt ins Zimmer. "Peter, gut, dass ich dich endlich mal erwisch’. Irgendwas stimmt mit dem Abfluss an der Garage hinten nicht!", brüllt der Mann durch den Raum, als hielte sich Kowalsky mehrere hundert Meter entfernt auf. "Karl, das kriegen wir schon hin. Sprichst mal mit meinem Bruder oder meiner Mutter, ich hab’ gerade zu tun", entgegnet der Bionade-Chef. Karl im Holzfällerhemd stutzt, sagt "ähh, ja klar", dreht sich und geht.
Bevor die Tür zuschnappt, erzählt Kowalsky weiter: Ein Jahr später, 1996, stellten die Brauer aus der Rhön ihre Erfindung auf einer Fachtagung von Getränkehändlern vor. "Die Fachwelt stand Kopf", erinnert sich Kowalsky, die Fachzeitschriften überschlugen sich mit Lob. Nur ins Programm aufnehmen wollte man die Bionade nicht. Lediglich ein Getränkegroßhändler aus dem fernen Hamburg gewann der Idee etwas ab, ein Erfrischungsgetränk in Bierflaschen zu verkaufen. "Damals wussten wir nicht, was wir uns da für einen großen Fisch geangelt hatten", gesteht der Bionade-Chef. Der große Fisch hieß Göttsche Getränke, zwar ein unscheinbarer Name, doch die Firma beliefert 70 Prozent aller Gastronomen der Hansestadt.
Der Hamburger Getränkehändler kam unregelmäßig, mal alle zwei, mal alle vier Wochen. Immer lud er seinen Lastzug randvoll mit Bionade. In den Szenekneipen im hohen Norden avancierte das Getränk binnen weniger Wochen zum absoluten Kultgetränk, doch davon ahnte Peter Kowalsky in der unterfränkischen Pampa nichts. Nur eines, das wusste er: "Der große Durchbruch war das nicht." Denn die Hamburger tranken am Abend zwar mal eine Bionade - doch der Umsatz zog nicht stark genug an, um das Getränk rentabel herzustellen. Also wurde kräftig am Image der Bionade gefeilt. "Das hätte uns - finanziell - fast das Genick gebrochen."
Bionade bekam ein neues Outfit, sie sollte peppiger daherkommen. "Die Gesellschaft für Konsumforschung hat uns klar gemacht, dass wir ein tolles Produkt haben, es aber völlig falsch verkaufen", erinnert sich Kowalsky. Denn die Brauer aus der Rhön überrumpelten jeden gleich mit den unglaublich großen und tollen Vorteilen ihrer Bionade, bevor die Leute sie überhaupt einmal probiert hatten. "Wir haben jedem erzählt, wie gesund Bionade im Gegensatz zu herkömmlichen Erfrischungsgetränken ist. Wir haben die Bionade so verkauft wie Dr. Best seine Zahnbürsten. Aber so etwas wollen die Menschen nicht hören - zumindest nicht, wenn es um Getränke geht."
Anfang des Jahres 2000, die Bionade war gerade erst einige Wochen mit ihren neuen Etiketten auf dem Markt, setzte es den nächsten herben Rückschlag. "Wir haben von ein paar Bio-Erzeugern Briefe bekommen, die uns darauf aufmerksam machten, dass die Bionade künftig nicht mehr Bionade heißen darf, wenn wir sie weiterhin aus nicht ökologischen Rohstoffen herstellen", sagt Kowalsky. Bio? In der Rhön ist doch alles Bio und öko, dachte sich der junge Brauer, als er die Schreiben in den Händen hielt. Doch der EU-öko-Verordnung reicht das nicht. "Wir hatten uns gerade halbwegs einen Namen gemacht - und jetzt hätten wir wieder ganz von vorne anfangen sollen? Unmöglich!"
Die Brauereifamilie zermarterte sich den Kopf. "Wir hätten uns eine Namensänderung gar nicht leisten können", meint Kowalsky. Also entschloss man sich, aus der Bionade eine wirkliche Bio-Limo zu machen. Eine Entscheidung, die sich gelohnt hat. "Dann prasselten diese ganzen Lebensmittelskandale wie BSE und Schweinepest vom Himmel, und plötzlich interessierten sich alle für Bioprodukte." Und somit auch für Bionade. Eine Hamburger Drogeriekette stellte den Biotrank aus der Rhön ins Regal, und die Leute kauften ihn. Stetig stieg der Umsatz.
Gut drei Jahre später, im Sommer 2004, klingelte bei Kowalsky das Telefon. Coca-Cola Deutschland bat darum, den Chef zu sprechen. "Am Apparat." Das Angebot, das der größte Getränkehändler der Republik der kleinen Firma aus der Rhön machte, war kaum auszuschlagen. Coca-Cola wollte die Bionade deutschlandweit vertreiben. "Die verfügen über das dichteste Händlernetz, etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren", sagt Kowalsky. Und er freut sich diebisch, dass selbst Coca-Cola nicht mehr an ihm vorbeikommt, "weil wir ein so tolles Produkt haben". Die Kritik, er habe seine Seele an den Getränkemulti verkauft, versteht er nicht.
Nach wie vor ist die Brauerei in der Rhön selbstständig. "Und sie bleibt es auch", beteuert Kowalsky: "Wir werden bei keiner übernahmesumme mehr schwach." Angebote habe es in der Vergangenheit etliche gegeben. Das stärkt das Selbstbewusstsein und tätschelt die über die Jahre oftmals schwer gekränkte Seele: "Wir sind die nächste Generation von Erfrischungsgetränken, und die Großen der Branche wissen das genau. Die zittern ein bisschen, weil wir so etwas wie das Tempotaschentuch der Getränkeindustrie von morgen sind."
Steigende Umsätze, neue Jobs
Anfangs von den Ostheimern müde belächelt, ist die Bionade der Brauerei Peter mittlerweile zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die unterfränkische Rhön geworden. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in nur einem Jahr von 20 auf 40 (2004) verdoppelt. Spätestens im Herbst dieses Jahres sollen fünf neue Mitarbeiter eingestellt werden, zeitgleich stellt die Dorfbrauerei aufgrund der hohen Nachfrage von Ein- auf Zweischichtbetrieb um.
Die Zahl der verkauften Flaschen stieg von 2,1 Millionen (6500 Hektoliter) im Jahr 2003 auf mehr als sieben Millionen (23Â 000 Hektoliter) im Jahr 2004. Für 2005 erwartet Brauereichef Peter Kowalsky 15 Millionen verkaufte Flaschen und somit rund 60Â 000 Hektoliter Bionade. "In den ersten drei Monaten dieses Jahres hatten wir eine Verdreifachung der Umsätze. Dabei sind Januar, Februar und März traditionell die absatzschlechtesten Monate für die Getränkeindustrie."
Bilanzzahlen will der Brauer indes nicht herausgeben. Durch die Ausgaben für Flaschen und Kisten - allein 2004 waren es mehr als eine Million Euro - sinke natürlich der Gewinn. "Das hat aber keine Aussagekraft über die Entwicklung des Unternehmens", meint Kowalsky. Seit 2003 jedenfalls schreibe die Brauerei schwarze Zahlen. Spätestens im Frühjahr 2006 solle der Familienbetrieb wegen der steigenden Nachfrage ausgebaut werden. Umbauten stünden an, und eine neue Abfüllanlage müsse her. D.S.
"Peter Bier" war früher einmal ein klangvoller Name. 80.000 Hektoliter hat die kleine Privatbrauerei in ihren besten Jahren verkauft. Ein letztes Hoch erlebte das Haus Anfang der Neunziger, nach der Wende. "Wir haben 90 Prozent unseres Biers nach Thüringen verkauft", sagt Peter Kowalsky, der in vierter Generation die Brauerei Peter leitet. Doch ebenso schnell wie der Bierabsatz nach der Wiedervereinigung stieg, sank er auch wieder. Die Brauerei hatte wegen der großen Nachfrage investiert und neue Kredite aufgenommen. Aus den 80.000 Hektolitern wurden bald mickrige 10.000, der Familienbetrieb stand mehrere Male kurz vor der Pleite.
Heute, rund zehn Jahre später, brummt der Laden wieder. Richtig begreifen kann Peter Kowalsky das nicht. Mit dem Bier aus der Dorfbrauerei jedenfalls hat der neue Erfolg nicht wirklich etwas zu tun. In Ostheim vor der Rhön, hier im unterfränkischen Niemandsland zwischen Bayern und Thüringen, liegt nämlich die Wiege der Bionade. Ein einzigartiges, ungewöhnliches Getränk, das anfangs keiner haben wollte und das sich inzwischen in den Metropolen der Republik zum Kultgebräu gemausert hat. Berlin, Hamburg, Köln oder München: Wenn Szenekneipen und extravagante Clubs etwas auf sich halten, steht Bionade in ihren Kühlschränken.
Die Geschichte der Bionade beginnt vor knapp 20 Jahren. Damals forderten Politiker wieder mal die Abschaffung des Reinheitsgebots. Doch Brauer und viele deutsche Biertrinker wollten ihr "sauberes Bier" nicht aufgeben. "Es ist typisch verlogen: Die Leute mucken auf, sobald die heilige Kuh Bier angerührt wird, und ansonsten kippen sie sich frohen Mutes den allerletzten Mist in den Rachen", poltert Peter Kowalsky noch heute: "Farbstoffe, Zucker und Geschmacksstoffe." Die Politiker traten auf die Bremse - aber Dieter Leipold, Stiefvater von Peter Kowalsky, Biochemiker und Bastler, nahm langsam Fahrt auf. Ihm kam eine Idee: Wieso nicht eine Limo erfinden, die wie Bier gebraut wird, deren Zutaten aus ökologischem Anbau stammen und die deshalb gesünder ist als all das bunte Zuckerwasser?
Gedacht, gesagt, gescheitert. Im heimischen Bad, das flugs zum Labor umfunktioniert wurde, experimentierte er Tag und Nacht auf der Suche nach einem passenden Mikroorganismus, mit dem man die neuartige Limo brauen könnte. Irgendwann wurde Eigenbrötler Leipold fündig. Mit Gluconsäure wollte er sein Glück versuchen, obwohl Fachleute der einschlägigen Universitäten Leipold davon abgeraten hatten. "Bis dahin waren sämtliche Versuche mit diesen Bakterien gescheitert", sagt Kowalsky. Leipolds erste Ergebnisse schmeckten ent-sprechend grausam. Anders als Cola und Fanta kamen Leipolds Experimente von vornherein ohne chemische Zusätze aus: Er erhitzte Malz im Sudkessel zu einer stark zuckerhaltigen Flüssigkeit und versetzte diese so genannte Würze mit Säurebakterien, die einen Großteil des Zuckers nicht etwa, wie beim Bier üblich, in Alkohol verwandelt, sondern in Gluconsäure. In weiteren Reaktionen entstanden Mineraliengluconate wie Calcium- und Magnesiumgluconat. Kohlensäure, Säfte und natürliche Aromen gab Leipold in verschiedenen Mischungen hinzu. Irgendwann begann das Getränk zu schmecken. Bionade war entdeckt.
Dieter Leipold ließ sich die Entwicklung patentieren. Und dann geschah - nichts. Das übliche Tüftlerdilemma: "Sie glauben, dass ihre Erfindung so bahnbrechend ist, dass sie ihnen regelrecht aus den Händen gerissen wird", sagt Kowalsky. Doch für die Bionade, die damals noch keinen Namen hatte, gab es nicht einen Interessenten. Leipold wollte die Erfindung als Lizenz an große Brauereien vergeben, doch sie lehnten allesamt ab. "Brauereien sind konservativ und wenig innovationsfreundlich", meint Kowalsky. Seine Familie stand vor einem Scherbenhaufen - ideell und finanziell. Drei Millionen Mark hatte die Entwicklung der Bionade verschlungen.
Die schweren Zeiten sind fast vergessen. Kowalsky läuft durch die Lagerhallen der Brauerei. Ein penetrant süßsäuerlicher Geruch liegt in der Luft, an einigen Stellen tropft es heftig durchs Dach. Auf einem frisch gepflasterten Hinterhof stehen Getränkekisten. Alle leer, alle dunkelblau mit weiß-roter Aufschrift. "Wir kommen mit dem Befüllen kaum noch hinterher", sagt der Firmenlenker mit Stolz. Stolz darauf, die Bionade zum gefragten Produkt gemacht zu haben, dessen Siegeszug gerade erst begonnen hat. Und stolz darauf, es den Zweiflern vor Ort gezeigt zu haben. Denn in ihrem 3500-Seelen-Kaff war und ist seine Familie als "Spinner-Truppe" verschrien.
"Peter, kannst du mal halten?", sagt ein korpulenter Typ im Blaumann. Peter Kowalsky hält den Schlauch fest. Er ist einer, der keine Scheu davor hat, sich die Gummistiefel anzuziehen und im Brauhaus selbst mit anzupacken. Aber heute hat der Bionade-Geschäftsführer dafür keine Zeit. Hurtig stapft er in Richtung Bürogebäude, das wohl kein Fremder als solches erkennen würde. Der Lack der Eingangstür splittert schon seit Jahren ab. Innen riecht es muffig, Wandfliesen aus den frühen sechziger Jahren, überall stehen Kartons im Weg. Wie die Schaltstelle eines erfolgreichen Familienunternehmens sieht es hier nicht aus.
Peter Kowalsky geht durch einen schummrig beleuchteten Gang und biegt links in sein Büro ein. Auf einem alten Schreibtisch steht ein etwas weniger alter Computer, davor ein lederner Chefsessel und an der Seite ein kleiner Besprechungstisch. Nicht gerade nobel, aber doch so gut, dass man sich nicht schämen muss, jemanden hierhin mitzunehmen. Kowalsky setzt sich an den runden Besprechungstisch, wuschelt sich kurz durch seine blonden Locken, kramt anschließend in seiner Hemdentasche, holt ein Päckchen filterloser Zigaretten heraus, zündet sich eine an. Dann schnappt er sich eine Flasche Bionade, öffnet sie mit dem Feuerzeug und beginnt von der Zeit seit 1995 zu erzählen, als Bionade viel Geld gekostet hatte, aber keines einbrachte. "Wir haben uns entschlossen, sie selbst herzustellen."
Anschließend begann das zermürbende, demütigende Klinkenputzen. Zunächst im eigenen Ort. Weit mehr als 20 Gaststätten gibt es in Ostheim; überall sprachen Kowalsky und Stiefvater Leipold vor; überall baten sie die Gastwirte, die Bionade auf die Karte zu setzen; überall mit sehr bescheidenem Erfolg. "Uns wurde mehr und mehr klar, dass die Bionade eine echte Innovation ist, die man nicht bloß regional verkaufen durfte, wenn man Erfolg damit haben wollte", erzählt Kowalsky.
Plötzlich geht die Bürotür auf. Ein untersetzter Mann in Holzfällerhemd und ausgewaschenen, schmutzigen Jeans stürmt ins Zimmer. "Peter, gut, dass ich dich endlich mal erwisch’. Irgendwas stimmt mit dem Abfluss an der Garage hinten nicht!", brüllt der Mann durch den Raum, als hielte sich Kowalsky mehrere hundert Meter entfernt auf. "Karl, das kriegen wir schon hin. Sprichst mal mit meinem Bruder oder meiner Mutter, ich hab’ gerade zu tun", entgegnet der Bionade-Chef. Karl im Holzfällerhemd stutzt, sagt "ähh, ja klar", dreht sich und geht.
Bevor die Tür zuschnappt, erzählt Kowalsky weiter: Ein Jahr später, 1996, stellten die Brauer aus der Rhön ihre Erfindung auf einer Fachtagung von Getränkehändlern vor. "Die Fachwelt stand Kopf", erinnert sich Kowalsky, die Fachzeitschriften überschlugen sich mit Lob. Nur ins Programm aufnehmen wollte man die Bionade nicht. Lediglich ein Getränkegroßhändler aus dem fernen Hamburg gewann der Idee etwas ab, ein Erfrischungsgetränk in Bierflaschen zu verkaufen. "Damals wussten wir nicht, was wir uns da für einen großen Fisch geangelt hatten", gesteht der Bionade-Chef. Der große Fisch hieß Göttsche Getränke, zwar ein unscheinbarer Name, doch die Firma beliefert 70 Prozent aller Gastronomen der Hansestadt.
Der Hamburger Getränkehändler kam unregelmäßig, mal alle zwei, mal alle vier Wochen. Immer lud er seinen Lastzug randvoll mit Bionade. In den Szenekneipen im hohen Norden avancierte das Getränk binnen weniger Wochen zum absoluten Kultgetränk, doch davon ahnte Peter Kowalsky in der unterfränkischen Pampa nichts. Nur eines, das wusste er: "Der große Durchbruch war das nicht." Denn die Hamburger tranken am Abend zwar mal eine Bionade - doch der Umsatz zog nicht stark genug an, um das Getränk rentabel herzustellen. Also wurde kräftig am Image der Bionade gefeilt. "Das hätte uns - finanziell - fast das Genick gebrochen."
Bionade bekam ein neues Outfit, sie sollte peppiger daherkommen. "Die Gesellschaft für Konsumforschung hat uns klar gemacht, dass wir ein tolles Produkt haben, es aber völlig falsch verkaufen", erinnert sich Kowalsky. Denn die Brauer aus der Rhön überrumpelten jeden gleich mit den unglaublich großen und tollen Vorteilen ihrer Bionade, bevor die Leute sie überhaupt einmal probiert hatten. "Wir haben jedem erzählt, wie gesund Bionade im Gegensatz zu herkömmlichen Erfrischungsgetränken ist. Wir haben die Bionade so verkauft wie Dr. Best seine Zahnbürsten. Aber so etwas wollen die Menschen nicht hören - zumindest nicht, wenn es um Getränke geht."
Anfang des Jahres 2000, die Bionade war gerade erst einige Wochen mit ihren neuen Etiketten auf dem Markt, setzte es den nächsten herben Rückschlag. "Wir haben von ein paar Bio-Erzeugern Briefe bekommen, die uns darauf aufmerksam machten, dass die Bionade künftig nicht mehr Bionade heißen darf, wenn wir sie weiterhin aus nicht ökologischen Rohstoffen herstellen", sagt Kowalsky. Bio? In der Rhön ist doch alles Bio und öko, dachte sich der junge Brauer, als er die Schreiben in den Händen hielt. Doch der EU-öko-Verordnung reicht das nicht. "Wir hatten uns gerade halbwegs einen Namen gemacht - und jetzt hätten wir wieder ganz von vorne anfangen sollen? Unmöglich!"
Die Brauereifamilie zermarterte sich den Kopf. "Wir hätten uns eine Namensänderung gar nicht leisten können", meint Kowalsky. Also entschloss man sich, aus der Bionade eine wirkliche Bio-Limo zu machen. Eine Entscheidung, die sich gelohnt hat. "Dann prasselten diese ganzen Lebensmittelskandale wie BSE und Schweinepest vom Himmel, und plötzlich interessierten sich alle für Bioprodukte." Und somit auch für Bionade. Eine Hamburger Drogeriekette stellte den Biotrank aus der Rhön ins Regal, und die Leute kauften ihn. Stetig stieg der Umsatz.
Gut drei Jahre später, im Sommer 2004, klingelte bei Kowalsky das Telefon. Coca-Cola Deutschland bat darum, den Chef zu sprechen. "Am Apparat." Das Angebot, das der größte Getränkehändler der Republik der kleinen Firma aus der Rhön machte, war kaum auszuschlagen. Coca-Cola wollte die Bionade deutschlandweit vertreiben. "Die verfügen über das dichteste Händlernetz, etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren", sagt Kowalsky. Und er freut sich diebisch, dass selbst Coca-Cola nicht mehr an ihm vorbeikommt, "weil wir ein so tolles Produkt haben". Die Kritik, er habe seine Seele an den Getränkemulti verkauft, versteht er nicht.
Nach wie vor ist die Brauerei in der Rhön selbstständig. "Und sie bleibt es auch", beteuert Kowalsky: "Wir werden bei keiner übernahmesumme mehr schwach." Angebote habe es in der Vergangenheit etliche gegeben. Das stärkt das Selbstbewusstsein und tätschelt die über die Jahre oftmals schwer gekränkte Seele: "Wir sind die nächste Generation von Erfrischungsgetränken, und die Großen der Branche wissen das genau. Die zittern ein bisschen, weil wir so etwas wie das Tempotaschentuch der Getränkeindustrie von morgen sind."
Steigende Umsätze, neue Jobs
Anfangs von den Ostheimern müde belächelt, ist die Bionade der Brauerei Peter mittlerweile zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die unterfränkische Rhön geworden. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in nur einem Jahr von 20 auf 40 (2004) verdoppelt. Spätestens im Herbst dieses Jahres sollen fünf neue Mitarbeiter eingestellt werden, zeitgleich stellt die Dorfbrauerei aufgrund der hohen Nachfrage von Ein- auf Zweischichtbetrieb um.
Die Zahl der verkauften Flaschen stieg von 2,1 Millionen (6500 Hektoliter) im Jahr 2003 auf mehr als sieben Millionen (23Â 000 Hektoliter) im Jahr 2004. Für 2005 erwartet Brauereichef Peter Kowalsky 15 Millionen verkaufte Flaschen und somit rund 60Â 000 Hektoliter Bionade. "In den ersten drei Monaten dieses Jahres hatten wir eine Verdreifachung der Umsätze. Dabei sind Januar, Februar und März traditionell die absatzschlechtesten Monate für die Getränkeindustrie."
Bilanzzahlen will der Brauer indes nicht herausgeben. Durch die Ausgaben für Flaschen und Kisten - allein 2004 waren es mehr als eine Million Euro - sinke natürlich der Gewinn. "Das hat aber keine Aussagekraft über die Entwicklung des Unternehmens", meint Kowalsky. Seit 2003 jedenfalls schreibe die Brauerei schwarze Zahlen. Spätestens im Frühjahr 2006 solle der Familienbetrieb wegen der steigenden Nachfrage ausgebaut werden. Umbauten stünden an, und eine neue Abfüllanlage müsse her. D.S.
"Wir werden ruiniert!"
07.10.2004 - 12:00
Norbert Mayer bohrt beide Hände tief in die Taschen
seines blauen Overalls. Das sieht trotzig aus und
auch ein bisschen unbeholfen. Der 40-Jährige
schweigt, starrt auf den lehmigen Feldweg und tritt
unmotiviert gegen einen festen Erdklumpen. Man könnte
meinen, Norbert Mayer will alles und jeden um ihn
herum ignorieren. Dabei will der Landwirt aus dem
südbadischen Stühlingen, einer kleinen Stadt an der
deutsch-schweizerischen Grenze, bloß gefasst und
ruhig wirken. Doch Norbert Mayer hat Angst, und die
kann man nicht einfach so verbergen. In seinen
wenigen Worten schwingt tiefe Verzweiflung mit: "Wir
werden ruiniert, man raubt uns unsere Existenz."
Das Problem, das Norbert Mayer zu schaffen macht, trübt seit mittlerweile zwei Jahren die Bauernlaune im Grenzgebiet: Wenn auf der deutschen Seite landwirtschaftliche Flächen zum Verkauf oder auch zur Pacht stehen, dann bieten Landwirte aus der Schweiz regelmäßig mehr als deutsche Interessenten. Denn deutsches Land ist viel preiswerter als Schweizer Ackerboden. Und im Gegensatz zu früher sichern den Deutschen heute keine Gesetze mehr Vorkaufsrechte zu.
Seit Juni 2002 ist es damit vorbei: Ein Freizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU trat in Kraft und stellte den Schweizer Landwirt seinem deutschen Berufskollegen gleich (siehe Kasten). "Plötzlich durften die Land kaufen und pachten, auch wenn sich ein deutscher Landwirt dafür interessiert hat", sagt Erhard Graunke. Der 50-jährige Landwirt aus Stühlingen leitet die Arbeitsgemeinschaft deutscher Grenzlandwirte er ist die verbale Speerspitze im Abwehrkampf gegen die Schweizer Invasion. "Oft wissen wir gar nicht mehr, wo Land zum Verkauf steht." Deutsche Landbesitzer inserieren oft nur noch in der Schweiz.
Frühmorgens auf dem Kalvarienberg, einem kleinen Hügel nördlich von Stühlingen. Hier hat Norbert Mayer vor ein paar Jahren einen neuen Schweinestall gebaut. Mehrere 100.000 Euro hat er investiert, eine Unmenge Schulden aufgenommen. "Bei den sinkenden Nahrungsmittelpreisen muss man als Landwirt expandieren, sprich: man muss deutlich mehr produzieren und verkaufen, um halbwegs überleben zu können", sagt der Blondschopf im Blaumann. Doch wer mehr Schweine hat, der braucht auch mehr Ackerland, um mehr Futter anbauen und Gülle ausbringen zu können. Genau hier liegt das Problem für deutsche Landwirte.
"Da hinten, das Feld mit den Zuckerrüben, das gehört seit ein paar Jahren einem Schweizer", erklärt Mayer und blickt fast ein wenig sehnsüchtig auf die fünf Hektar Ackerland, die nur einen Steinwurf von seinem neuen Stall entfernt liegen. "Ich hätte das gut gebrauchen können", sagt Mayer, die Hände immer noch tief in seine Taschen vergraben: "Aber mit dem Schweizer konnte ich nicht mithalten." Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kostet hier in Baden ein Hektar Land, in der Schweiz sind es 65.000 Franken oder gut 42.000 Euro. Deutsches Land ist für Schweizer also ein Schnäppchen.
Abends in einem Landgasthof in Lausheim, einem 400-Seelen-Dorf bei Stühlingen. Im Nebenzimmer haben sich sieben Landwirte getroffen, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Auch Erhard Graunke ist dabei. Er erzählt seinen Kollegen von einem Gespräch mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel: "Der wusste genau Bescheid, steht ohne Wenn und Aber hinter uns." Teufel will seinen Europaminister nach Brüssel schicken. Denn die Verträge mit der Schweiz haben EU und Bund abgeschlossen.
Dieses neue Freizügigkeitsabkommen deckt die Schwachstellen des Zollabkommens von 1958 zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik auf: Eidgenössische Landwirte, die ihren Betriebssitz zwar in der Schweiz, etliche Felder aber in Deutschland haben, dürfen alle Produkte zollfrei in ihre Heimat überführen und dort zu höheren Konditionen verkaufen. "Die bekommen fast das Vierfache für dieselbe Ware", weiß Horst Scherer, Landwirt aus Blumberg: "Wir kriegen für 100 Kilo Weizen elf Euro, und die bekommen 40." Erhard Graunke fordert deshalb, dass die Schweiz Einfuhrzölle für ihre Landwirte erhebt. Nur so könnten die Wettbewerbsverzerrung und die Chancenungleichheit beendet werden: "Im Moment sind wir doch Landwirte zweiter Klasse."
In der Tat sind es zwei völlig verschiedene volkswirtschaftliche Welten, die in Südbaden aufeinander prallen. Die eine profitiert legal von der Schutzlosigkeit der anderen. "Unsere Politiker haben total geschlampt", so Erhard Graunke. Ein Blick auf die Grenzen anderer EU-Staaten zur Schweiz zeigt, dass die badischen Bauern den schwarzen Peter nicht zu Unrecht nach Berlin und Brüssel abgeben. Ganz gleich, ob Frankreich, Italien oder österreich: Alle drei Staaten haben seit Jahrzehnten bestehende Verträge mit der Schweiz, die heimische Landwirte besser schützen. "Die Schweiz hat kein Interesse, an diesen Verträgen etwas zu ändern", meint Graunke: "Deren Bauern werden zu grünen Millionären. Die können aus der Portokasse bei uns Höfe kaufen." Auch Rudolf Leingruber ist Landwirt. In Lembach bei Stühlingen hat der 60-Jährige einen Betrieb mit Milchvieh und einen Sohn, der den Hof übernehmen will: "Uns wäre auch damit geholfen, wenn die Schweizer alles, was sie in Deutschland produzieren, auch zu EU-Preisen verkaufen müssten."
Die überlegung der deutschen Bauern ist: Wenn die Schweizer für ihre in Deutschland erzeugten Produkte nicht mehr so viel Gewinn einfahren, lohnt sich der lange Anfahrtsweg über die Grenze nicht mehr. Dadurch sollen die Schweizer Bauern das Interesse an weiterem deutschen Boden verlieren und das bisher gepachtete oder gekaufte Land sogar wieder loswerden wollen. "Im Moment fühlen die sich wie Könige", wettert Graunke, "die fahren mit einem scheinheiligen Grinsen auf ihren Traktoren an uns vorbei und wissen genau, dass sie uns damit den Garaus machen." Norbert Mayer wird sogar noch deutlicher: "Die lassen uns am ausgestreckten Arm verrecken."
Dass die Angst vor den Schweizer Bauern nicht auf kleinkariertem Denken fußt, das belegen die Zahlen, die der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband vor kurzem veröffentlicht hat. Bereits 14 Prozent des Ackerlands im Zollgrenzbezirk werden von Schweizer Landwirten genutzt oder gehören ihnen sogar, etliche haben mehr als 100 Hektar auf deutscher Seite, und in einigen Gemeinden rund um den Kanton Schaffhausen, der wie eine Halbinsel nach Baden-Württemberg hineinragt, sind noch beträchtlichere Anteile der Anbaufläche in Schweizer Hand: In Jestetten zum Beispiel sind es 65, in Lotstetten 25 und in Tengen bei Konstanz ebenfalls rund 20 Prozent.
Insgesamt haben die Schweizer heute im zehn Kilometer breiten Grenzstreifen, in dem sie laut Zollabkommen Land erwerben oder pachten können, 3500 Hektar in ihrem Besitz. Im Jahr 2002 waren es nur rund 2800 Hektar. "Das ist Land für 70 Höfe", sagt Graunke. "Das ist aber längst nicht alles", meint Hans-Jürgen Büche, Landwirt aus Lausheim: "Die setzen sich ins gemachte Nest." Was er damit meint, sieht man auf der Landkarte: Schweizer Bauern warten die Flurbereinigung ab, um möglichst zusammenhängende Flächen zu bekommen. "Bezahlt haben die Flurbereinigung aber wir", sagt Büche und polemisiert: "Damit es die Schweizer noch besser haben."
Am Tisch im Nebenzimmer wird die Stimmung von Minute zu Minute gespannter. "Wenn mir einer zehn Hektar wegnimmt, dann weiß ich nicht, wie ich reagieren würde", orakelt Norbert Mayer. Wortführer Erhard Graunke versucht, seine Kollegen zu beruhigen: "Wir sind kein militanter Verein, wir wollen diese Probleme demokratisch lösen." Kein Bauernkrieg also wie 1525, aber der Druck soll steigen. Die Grenze könnte dichtgemacht werden. Eine Traktor-Demo in Waldshut, ein Mahnfeuer und mehrere Protestkundgebungen haben die Bauern schon hinter sich.
Unterdessen leidet auch die heile südbadische Welt unter dem Konflikt. Irgendwoher muss das Land ja kommen, das die Schweizer kaufen und pachten. "Der Dorffrieden ist gestört. Wir schauen uns gegenseitig nicht mehr an, die Landbesitzer und wir", erklärt ein Landwirt: "Die haben keinen Bezug zum Land, die kaufen sich lieber ein Auto." Die Bevölkerung verstehe zwar die Nöte der Bauern, aber den Landbesitzern sind die Beziehungen zur Schweiz wichtiger. Denn ohne Zollabkommen gäbe es zum Beispiel auch kein günstiges Schweizer Benzin. Der Protest der deutschen Landwirte scheint daher nicht allen zu gefallen.
Mittlerweile bläst den Bauern, die in vorderster Front gegen das Problem angehen, sogar deutlicher Gegenwind ins Gesicht. "Pass mit deinen Sprüchen gegen Schweizer Bauern auf", hat jemand auf ein Scheunentor gesprüht. "Es gab auch schon viele tote Tiere und keiner weiß, woran sie gestorben sind", klagt Graunke. Protestschilder wurden nachts umgerissen und beschmiert: "Wir wurden als Nazis beschimpft und haben Angst um unsere Existenz", sagt ein Landwirt. "Wir stellen die Schilder zum Trotz wieder auf", sagt Norbert Mayer und ballt seine Hand zur Faust.
Von der Landwirtschaftsministerin in Berlin fordern die Bauern Hilfe: "Die Künast schaut sich in Schaffhausen öko-Legehennen an, aber für die wirklich wichtigen Probleme ihrer Bauern hat sie keine Zeit", zetert Graunke. Auch die so genannte Gemischte Kommission, die aus Vertretern der Schweiz und der Bundesrepublik besteht und Grenzstreitigkeiten behandelt, hat bislang keinerlei Lösung gefunden. Erst vor vier Wochen hat sie wieder in Bonn getagt. Auch das federführende Bundesfinanzministerium verweigert bislang eine Stellungnahme in Sachen Grenzlandstreit.
Die deutsche Seite hat zwar das Problem der badischen Landwirte angesprochen aber nicht gerade mit Nachdruck auf eine Lösung gedrängt, verrät ein Teilnehmer der Gemischten Kommission. Beim badischen Bauernverband sieht man das ähnlich: "Die Schweiz gibt ihr Privileg sicher nicht einfach so auf. Der muss man etwas bieten. Und das will man in Berlin offenbar nicht", sagt Pressesprecher Richard Bruskowski. "Die deutsche Seite hat schlicht und einfach Angst, dass ihre gesamtwirtschaftlichen Vorteile auf der Strecke bleiben, sofern sie zu offensiv auf eine Lösung drängt", meint der Verbandssprecher: "Das ist für uns aber nicht hinnehmbar."
"Beim Schaffhauser Bauernverband hat man die Situation erkannt", sagt Bauernsekretär Ernst Landolt und fügt hinzu: "Uns ist es wichtig, dass man klipp und klar sagt, dass sich die Schweizer Bauern völlig legal verhalten und nichts Unrechtes tun." Ein gewisses Verständnis für die Verärgerung deutscher Bauern habe er zwar, "aber nicht dafür, dass die deutsche Seite zunehmend mit falschen Zahlen und Behauptungen agiert." So sei es unwahr, dass ein Schweizer Bauer das Vielfache eines deutschen Landwirts verdiene. "Tatsächlich ist die Differenz beim Gewinn zwischen den Landwirten dies- und jenseits der Grenze nicht mehr sehr groß."
Dass die Stimmung immer aggressiver wird, das gefällt freilich auch dem Schweizer Bauernsekretär nicht. Daher sei es durchaus akzeptabel, wenn die Deutschen ihr Vorkaufsrecht wieder einführen, so Landolt. Wohl wissend, dass nur durch ein Entgegenkommen der Schweizer Schlimmeres verhindert werden kann; denn in Deutschland rüsten sich die Bauern zum massiven Protest. "Einfuhrzölle für unsere Erzeugnisse werden wir nicht hinnehmen", mahnt Landolt, "zumindest nicht, solange es Schweizer Einkaufstourismus nach Deutschland gibt".
Zollabkommen: Freudige Grenzgänger
Was für die einen Nachteile hat, birgt für andere Vorteile – so lassen sich die Auswirkungen des Zollabkommens von 1958 und des Freizügigkeitsabkommens von 2002 am besten auf den Punkt bringen. Während die Landwirte auf deutscher Seite sich mit Existenzängsten wegen der finanzstarken Schweizer Bauern plagen, bergen die zwei Verträge für die meisten Menschen im Grenzland große Vorteile. Dank des Zollabkommens können Deutsche in der Schweiz arbeiten und einkaufen; außerdem wurde für Bewohner des Zollgrenzbezirks der so genannte kleine Grenzverkehr (zum Beispiel die tägliche überquerung der Staatsgrenze zur Arbeit) erheblich erleichtert.
Und für die deutschen Einzelhändler ist das Zollabkommen ein regelrechter Segen. Viele Geschäfte machen mehr als 60 Prozent ihres Jahresumsatzes mit Schweizer Kundschaft. Und auch das Freizügigkeitsabkommen hat viele Vorteile für deutsche Staatsbürger. Sie können ihren Wohnsitz nämlich in die Schweiz verlegen – und sparen sich eine Menge Geld. Zwar sind die Wohnungen auf der eidgenössischen Grenzseite um einiges teurer, doch das fällt kaum ins Gewicht, denn Deutsche können in der Schweiz Steuern sparen. Statt der Lohnsteuer auf deutscher Seite zahlen viele lieber nur knapp 13 Prozent. Das nämlich kann jeder mit den Schweizer Behörden aushandeln. D.S.
Das Problem, das Norbert Mayer zu schaffen macht, trübt seit mittlerweile zwei Jahren die Bauernlaune im Grenzgebiet: Wenn auf der deutschen Seite landwirtschaftliche Flächen zum Verkauf oder auch zur Pacht stehen, dann bieten Landwirte aus der Schweiz regelmäßig mehr als deutsche Interessenten. Denn deutsches Land ist viel preiswerter als Schweizer Ackerboden. Und im Gegensatz zu früher sichern den Deutschen heute keine Gesetze mehr Vorkaufsrechte zu.
Seit Juni 2002 ist es damit vorbei: Ein Freizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU trat in Kraft und stellte den Schweizer Landwirt seinem deutschen Berufskollegen gleich (siehe Kasten). "Plötzlich durften die Land kaufen und pachten, auch wenn sich ein deutscher Landwirt dafür interessiert hat", sagt Erhard Graunke. Der 50-jährige Landwirt aus Stühlingen leitet die Arbeitsgemeinschaft deutscher Grenzlandwirte er ist die verbale Speerspitze im Abwehrkampf gegen die Schweizer Invasion. "Oft wissen wir gar nicht mehr, wo Land zum Verkauf steht." Deutsche Landbesitzer inserieren oft nur noch in der Schweiz.
Frühmorgens auf dem Kalvarienberg, einem kleinen Hügel nördlich von Stühlingen. Hier hat Norbert Mayer vor ein paar Jahren einen neuen Schweinestall gebaut. Mehrere 100.000 Euro hat er investiert, eine Unmenge Schulden aufgenommen. "Bei den sinkenden Nahrungsmittelpreisen muss man als Landwirt expandieren, sprich: man muss deutlich mehr produzieren und verkaufen, um halbwegs überleben zu können", sagt der Blondschopf im Blaumann. Doch wer mehr Schweine hat, der braucht auch mehr Ackerland, um mehr Futter anbauen und Gülle ausbringen zu können. Genau hier liegt das Problem für deutsche Landwirte.
"Da hinten, das Feld mit den Zuckerrüben, das gehört seit ein paar Jahren einem Schweizer", erklärt Mayer und blickt fast ein wenig sehnsüchtig auf die fünf Hektar Ackerland, die nur einen Steinwurf von seinem neuen Stall entfernt liegen. "Ich hätte das gut gebrauchen können", sagt Mayer, die Hände immer noch tief in seine Taschen vergraben: "Aber mit dem Schweizer konnte ich nicht mithalten." Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kostet hier in Baden ein Hektar Land, in der Schweiz sind es 65.000 Franken oder gut 42.000 Euro. Deutsches Land ist für Schweizer also ein Schnäppchen.
Abends in einem Landgasthof in Lausheim, einem 400-Seelen-Dorf bei Stühlingen. Im Nebenzimmer haben sich sieben Landwirte getroffen, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Auch Erhard Graunke ist dabei. Er erzählt seinen Kollegen von einem Gespräch mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel: "Der wusste genau Bescheid, steht ohne Wenn und Aber hinter uns." Teufel will seinen Europaminister nach Brüssel schicken. Denn die Verträge mit der Schweiz haben EU und Bund abgeschlossen.
Dieses neue Freizügigkeitsabkommen deckt die Schwachstellen des Zollabkommens von 1958 zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik auf: Eidgenössische Landwirte, die ihren Betriebssitz zwar in der Schweiz, etliche Felder aber in Deutschland haben, dürfen alle Produkte zollfrei in ihre Heimat überführen und dort zu höheren Konditionen verkaufen. "Die bekommen fast das Vierfache für dieselbe Ware", weiß Horst Scherer, Landwirt aus Blumberg: "Wir kriegen für 100 Kilo Weizen elf Euro, und die bekommen 40." Erhard Graunke fordert deshalb, dass die Schweiz Einfuhrzölle für ihre Landwirte erhebt. Nur so könnten die Wettbewerbsverzerrung und die Chancenungleichheit beendet werden: "Im Moment sind wir doch Landwirte zweiter Klasse."
In der Tat sind es zwei völlig verschiedene volkswirtschaftliche Welten, die in Südbaden aufeinander prallen. Die eine profitiert legal von der Schutzlosigkeit der anderen. "Unsere Politiker haben total geschlampt", so Erhard Graunke. Ein Blick auf die Grenzen anderer EU-Staaten zur Schweiz zeigt, dass die badischen Bauern den schwarzen Peter nicht zu Unrecht nach Berlin und Brüssel abgeben. Ganz gleich, ob Frankreich, Italien oder österreich: Alle drei Staaten haben seit Jahrzehnten bestehende Verträge mit der Schweiz, die heimische Landwirte besser schützen. "Die Schweiz hat kein Interesse, an diesen Verträgen etwas zu ändern", meint Graunke: "Deren Bauern werden zu grünen Millionären. Die können aus der Portokasse bei uns Höfe kaufen." Auch Rudolf Leingruber ist Landwirt. In Lembach bei Stühlingen hat der 60-Jährige einen Betrieb mit Milchvieh und einen Sohn, der den Hof übernehmen will: "Uns wäre auch damit geholfen, wenn die Schweizer alles, was sie in Deutschland produzieren, auch zu EU-Preisen verkaufen müssten."
Die überlegung der deutschen Bauern ist: Wenn die Schweizer für ihre in Deutschland erzeugten Produkte nicht mehr so viel Gewinn einfahren, lohnt sich der lange Anfahrtsweg über die Grenze nicht mehr. Dadurch sollen die Schweizer Bauern das Interesse an weiterem deutschen Boden verlieren und das bisher gepachtete oder gekaufte Land sogar wieder loswerden wollen. "Im Moment fühlen die sich wie Könige", wettert Graunke, "die fahren mit einem scheinheiligen Grinsen auf ihren Traktoren an uns vorbei und wissen genau, dass sie uns damit den Garaus machen." Norbert Mayer wird sogar noch deutlicher: "Die lassen uns am ausgestreckten Arm verrecken."
Dass die Angst vor den Schweizer Bauern nicht auf kleinkariertem Denken fußt, das belegen die Zahlen, die der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband vor kurzem veröffentlicht hat. Bereits 14 Prozent des Ackerlands im Zollgrenzbezirk werden von Schweizer Landwirten genutzt oder gehören ihnen sogar, etliche haben mehr als 100 Hektar auf deutscher Seite, und in einigen Gemeinden rund um den Kanton Schaffhausen, der wie eine Halbinsel nach Baden-Württemberg hineinragt, sind noch beträchtlichere Anteile der Anbaufläche in Schweizer Hand: In Jestetten zum Beispiel sind es 65, in Lotstetten 25 und in Tengen bei Konstanz ebenfalls rund 20 Prozent.
Insgesamt haben die Schweizer heute im zehn Kilometer breiten Grenzstreifen, in dem sie laut Zollabkommen Land erwerben oder pachten können, 3500 Hektar in ihrem Besitz. Im Jahr 2002 waren es nur rund 2800 Hektar. "Das ist Land für 70 Höfe", sagt Graunke. "Das ist aber längst nicht alles", meint Hans-Jürgen Büche, Landwirt aus Lausheim: "Die setzen sich ins gemachte Nest." Was er damit meint, sieht man auf der Landkarte: Schweizer Bauern warten die Flurbereinigung ab, um möglichst zusammenhängende Flächen zu bekommen. "Bezahlt haben die Flurbereinigung aber wir", sagt Büche und polemisiert: "Damit es die Schweizer noch besser haben."
Am Tisch im Nebenzimmer wird die Stimmung von Minute zu Minute gespannter. "Wenn mir einer zehn Hektar wegnimmt, dann weiß ich nicht, wie ich reagieren würde", orakelt Norbert Mayer. Wortführer Erhard Graunke versucht, seine Kollegen zu beruhigen: "Wir sind kein militanter Verein, wir wollen diese Probleme demokratisch lösen." Kein Bauernkrieg also wie 1525, aber der Druck soll steigen. Die Grenze könnte dichtgemacht werden. Eine Traktor-Demo in Waldshut, ein Mahnfeuer und mehrere Protestkundgebungen haben die Bauern schon hinter sich.
Unterdessen leidet auch die heile südbadische Welt unter dem Konflikt. Irgendwoher muss das Land ja kommen, das die Schweizer kaufen und pachten. "Der Dorffrieden ist gestört. Wir schauen uns gegenseitig nicht mehr an, die Landbesitzer und wir", erklärt ein Landwirt: "Die haben keinen Bezug zum Land, die kaufen sich lieber ein Auto." Die Bevölkerung verstehe zwar die Nöte der Bauern, aber den Landbesitzern sind die Beziehungen zur Schweiz wichtiger. Denn ohne Zollabkommen gäbe es zum Beispiel auch kein günstiges Schweizer Benzin. Der Protest der deutschen Landwirte scheint daher nicht allen zu gefallen.
Mittlerweile bläst den Bauern, die in vorderster Front gegen das Problem angehen, sogar deutlicher Gegenwind ins Gesicht. "Pass mit deinen Sprüchen gegen Schweizer Bauern auf", hat jemand auf ein Scheunentor gesprüht. "Es gab auch schon viele tote Tiere und keiner weiß, woran sie gestorben sind", klagt Graunke. Protestschilder wurden nachts umgerissen und beschmiert: "Wir wurden als Nazis beschimpft und haben Angst um unsere Existenz", sagt ein Landwirt. "Wir stellen die Schilder zum Trotz wieder auf", sagt Norbert Mayer und ballt seine Hand zur Faust.
Von der Landwirtschaftsministerin in Berlin fordern die Bauern Hilfe: "Die Künast schaut sich in Schaffhausen öko-Legehennen an, aber für die wirklich wichtigen Probleme ihrer Bauern hat sie keine Zeit", zetert Graunke. Auch die so genannte Gemischte Kommission, die aus Vertretern der Schweiz und der Bundesrepublik besteht und Grenzstreitigkeiten behandelt, hat bislang keinerlei Lösung gefunden. Erst vor vier Wochen hat sie wieder in Bonn getagt. Auch das federführende Bundesfinanzministerium verweigert bislang eine Stellungnahme in Sachen Grenzlandstreit.
Die deutsche Seite hat zwar das Problem der badischen Landwirte angesprochen aber nicht gerade mit Nachdruck auf eine Lösung gedrängt, verrät ein Teilnehmer der Gemischten Kommission. Beim badischen Bauernverband sieht man das ähnlich: "Die Schweiz gibt ihr Privileg sicher nicht einfach so auf. Der muss man etwas bieten. Und das will man in Berlin offenbar nicht", sagt Pressesprecher Richard Bruskowski. "Die deutsche Seite hat schlicht und einfach Angst, dass ihre gesamtwirtschaftlichen Vorteile auf der Strecke bleiben, sofern sie zu offensiv auf eine Lösung drängt", meint der Verbandssprecher: "Das ist für uns aber nicht hinnehmbar."
"Beim Schaffhauser Bauernverband hat man die Situation erkannt", sagt Bauernsekretär Ernst Landolt und fügt hinzu: "Uns ist es wichtig, dass man klipp und klar sagt, dass sich die Schweizer Bauern völlig legal verhalten und nichts Unrechtes tun." Ein gewisses Verständnis für die Verärgerung deutscher Bauern habe er zwar, "aber nicht dafür, dass die deutsche Seite zunehmend mit falschen Zahlen und Behauptungen agiert." So sei es unwahr, dass ein Schweizer Bauer das Vielfache eines deutschen Landwirts verdiene. "Tatsächlich ist die Differenz beim Gewinn zwischen den Landwirten dies- und jenseits der Grenze nicht mehr sehr groß."
Dass die Stimmung immer aggressiver wird, das gefällt freilich auch dem Schweizer Bauernsekretär nicht. Daher sei es durchaus akzeptabel, wenn die Deutschen ihr Vorkaufsrecht wieder einführen, so Landolt. Wohl wissend, dass nur durch ein Entgegenkommen der Schweizer Schlimmeres verhindert werden kann; denn in Deutschland rüsten sich die Bauern zum massiven Protest. "Einfuhrzölle für unsere Erzeugnisse werden wir nicht hinnehmen", mahnt Landolt, "zumindest nicht, solange es Schweizer Einkaufstourismus nach Deutschland gibt".
Zollabkommen: Freudige Grenzgänger
Was für die einen Nachteile hat, birgt für andere Vorteile – so lassen sich die Auswirkungen des Zollabkommens von 1958 und des Freizügigkeitsabkommens von 2002 am besten auf den Punkt bringen. Während die Landwirte auf deutscher Seite sich mit Existenzängsten wegen der finanzstarken Schweizer Bauern plagen, bergen die zwei Verträge für die meisten Menschen im Grenzland große Vorteile. Dank des Zollabkommens können Deutsche in der Schweiz arbeiten und einkaufen; außerdem wurde für Bewohner des Zollgrenzbezirks der so genannte kleine Grenzverkehr (zum Beispiel die tägliche überquerung der Staatsgrenze zur Arbeit) erheblich erleichtert.
Und für die deutschen Einzelhändler ist das Zollabkommen ein regelrechter Segen. Viele Geschäfte machen mehr als 60 Prozent ihres Jahresumsatzes mit Schweizer Kundschaft. Und auch das Freizügigkeitsabkommen hat viele Vorteile für deutsche Staatsbürger. Sie können ihren Wohnsitz nämlich in die Schweiz verlegen – und sparen sich eine Menge Geld. Zwar sind die Wohnungen auf der eidgenössischen Grenzseite um einiges teurer, doch das fällt kaum ins Gewicht, denn Deutsche können in der Schweiz Steuern sparen. Statt der Lohnsteuer auf deutscher Seite zahlen viele lieber nur knapp 13 Prozent. Das nämlich kann jeder mit den Schweizer Behörden aushandeln. D.S.
Heim der frechen Engel
15.04.2004 - 12:00
An den dicken Schlüsselbund wird sich Winfried
Neisinger wohl nie gewöhnen. Wie ein Gefängniswärter
kommt sich der Lehrer damit vor. "Das ständige Auf-
und Zusperren der Türen, das nervt mich ziemlich."
Doch es muss sein. Schließlich unterrichtet der
49-Jährige nicht irgendjemanden. Neisingers Schüler
haben geklaut, Mitschüler verprügelt, Lehrer
erpresst, und sie haben Drogen genommen. Sie wurden
in unterschiedliche Heime gesteckt - und wieder nach
Hause geschickt. Sie sind mit gängigen Methoden nicht
mehr zu erziehen. Keiner ist älter als 15 Jahre. In
der Würzburger Clearingstelle sollen sie lernen,
Perspektiven für sich zu entwickeln.
Nina sitzt allein am Tisch. Sie soll eine Nachspeise zubereiten. Missmutig nimmt die 15-Jährige eine Birne aus der Schüssel und schnippelt daran herum. Sie guckt in die Luft, aus dem Fenster, auf ihr Schneidebrett, wieder in die Luft - und dann passiert es: Nina piekst sich mit dem stumpfen Messerchen in den Finger. Die Wunde ist nicht größer als ein Stecknadelstich. Nina schreit trotzdem, steht auf und rennt davon. Sie will sich nicht helfen und schon gar kein Pflaster geben lassen. Kein Wunder, denn bis vor kurzem hat sich Nina immer wieder mutwillig in die Arme geschnitten. "Geritzt", sagt sie dazu. Die Narben sind frisch.
Nina ist jetzt in ihrem Zimmer, kauert auf dem Bett. Auf dem Tisch vor ihr liegt eine Doppel-CD von Wolfgang Petry. Den mag sie, weil er von Liebe singt, von Freundschaft, von einer heilen Welt, in der "alles nur geil" ist. Eine Welt, die Nina nicht kennt. Die 15-Jährige hatte immer nur Probleme: mit ihren Eltern, wegen ihrer Eltern. Nichts und niemand konnte Nina bisher helfen, auch der Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie nicht. Seit sie hier in der Clearingstelle ist, kann sie manchmal sogar wieder lachen. Nina heißt im richtigen Leben anders. Sie will nicht erkannt werden, so wie auch alle anderen, die hier leben. Für sie ist hier "Endstation Hoffnung".
Mario weiß, was das heißt. Er ist eines von sechs "Kindern", die derzeit in der Clearingstelle der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe des Diakonischen Werkes leben. Ein Richter hat ihn dort hingeschickt, als das Jugendamt die geschlossene Unterbringung für den 14-Jährigen beantragt hatte. Vor einigen Tagen ist Mario abgehauen, auf einem der wenigen Freigänge, die während des drei- bis sechsmonatigen Aufenthalts in der Clearingstelle genehmigt werden und die sich die Schüler durch korrektes Verhalten erarbeiten müssen. Die Konsequenzen für ihn: Rauchverbot, Stubenarrest. Auch ist das gemeinsame Mittagessen mit Bewohnern und Betreuern vorerst gestrichen.
"Strafen müssen sein", sagt Pädagogin Patricia Dengler. "Damit die Kinder und Jugendlichen sie auch begreifen und akzeptieren, müssen die Konsequenzen zeitnah und sachbezogen sein." Plötzlich tönen aus dem Klassenraum nebenan dumpfe Schläge. Mario tritt gegen den Videoschrank, weil er die Strafe nicht akzeptieren will. Neisinger weist ihn zurecht: "Wenn man als Süchtiger kein Nikotin bekommt, hat man halt schlechte Laune." Angst hat der Lehrer nie. "Sonst wäre das der falsche Job." Aber Vorsicht ist sein ständiger Begleiter. "Wir haben Kaliber dabei, die können jederzeit ausrasten. Das könnte heftig werden." Für diesen Fall gibt es ein Notrufhandy.
Auf Konflikte lassen es die sechs Pädagogen, zwei Psychologen, drei Lehrer sowie eine Heilerzieherin, die in der Clearingstelle arbeiten, bewusst ankommen. "Das gehört zum Konzept", sagt Heimleiter Professor Gunter Adams. Er hat die Idee der Clearingstellen maßgeblich zur Praxisreife entwickelt. "Wir sperren die Kinder nicht einfach weg. Uns geht es darum, dass die Kinder zum ersten Mal Grenzen erleben. Sie müssen sich Konflikten stellen und können nicht davor weglaufen." Adams verteidigt das Heim gegen Kritik: "Denen, die sagen, so weit hätte es gar nicht kommen dürfen, das hätte man verhindern können, denen sage ich: Das ist alte Soße ohne Lösungsvorschläge."
Bei Carolin lief alles schief
Die Clearingstellen sind in Bayern ein Politikum. Im Sommer des vergangenen Jahres war mitten in München ein Rentner von einem Minderjährigen mit einer zur Waffe umfunktionierten Gabel niedergestochen worden. Seitdem sind die Angst und das Bedürfnis nach Schutz vor solchen Straftaten groß. Und da man unter 14-Jährige wegen ihrer Strafunmündigkeit nicht einfach in einen Jugendknast stecken darf, musste eine andere Lösung her. "Man muss bei diesen Kindern härter durchgreifen, aber man muss sie auch viel mehr mögen", erläutert Gunter Adams: "Wir finden durch verschiedene Tests und genaue Beobachtung heraus, was mit ihnen los ist."
"Wir versuchen die Kinder wieder erziehbar zu machen", sagt Patricia Dengler. Dabei helfe die räumliche Enge und die Möglichkeit, die Kinder zu isolieren, sie aufs Zimmer zu schicken und es gegebenenfalls zuzusperren. "So können sie ihr Verhalten in Ruhe selbst reflektieren. Selbstverständlich ist immer einer der Betreuer dabei, wenn ein Kind aus der Gruppe herausgenommen wird." Die Pädagogin ist sich darüber im Klaren, "dass hier nicht alle als Engel herausgehen". Aber selbst wenn nur die Hälfte durch den Aufenthalt in der Clearingstelle nicht mehr straffällig werde, stelle sich die Frage nach Sinn und Zweck der Einrichtung nicht mehr.
"Wenn sich niemand um diese Kinder kümmert, dann braucht man nur wenig Phantasie, um zu wissen, was sie in zwei bis drei Jahren machen", weiß Psychologe Karl Schneller. Die 7500 Euro, die die Unterbringung pro Kind im Monat kostet, seien deshalb eine gute Investition. Dass das Konzept "Wegsperren als Chance" fruchtet, dafür ist Carolin ein gutes Beispiel. Wie lange diese Einsicht anhält, weiß niemand. "Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen", sagt die 15-Jährige überzeugt. "Ich habe viel gelernt." Was wohl auch daran liegt, dass Carolin in dieser Einrichtung viel Zeit zum Nachdenken hatte - über ihr Leben und was alles schief gelaufen ist.
Bis vor einem halben Jahr ist sie immer wieder von zu Hause weggelaufen, hat Drogen genommen, hat in München, in Nürnberg und in Aschaffenburg auf der Straße gelebt. "Regelmäßig aufzustehen oder zu essen, das war früher undenkbar für mich." Neben der Möglichkeit zur Selbstreflexion hat die Clearingstelle einen weiteren Anspruch und Auftrag: Sie soll Regeln für das alltägliche Leben vermitteln, an die man sich ganz freiwillig hält. Das können auch banale Dinge sein, wie "täglich seine Unterwäsche zu wechseln oder sich regelmäßig und richtig zu waschen", so Patricia Dengler. Denn viele der Bewohner haben diese lebenswichtigen Verhaltensweisen nie gelernt.
Carolin hat in dem schmucklosen Sechziger-Jahre-Bau in der Lindleinstraße endlich Perspektiven für sich entwickelt. "Ich würde gerne meinen Schulabschluss nachholen." Ein persönlicher Erfolg für Lehrer Winfried Neisinger, der in dem Sechs-Personen-Heim eine der schwersten Aufgaben übernimmt. Er soll Kinder unterrichten, die zumeist nicht mal richtig lesen und schreiben können. An normalen Unterricht ist nicht zu denken. "Man muss die Jungs und Mädchen davon überzeugen, dass Lernen Sinn macht." Bei Carolin hat es offenbar funktioniert. Auch wenn sie ihr altes Leben manchmal ein wenig vermisst: "Auf der Straße war man halt so richtig frei!"
Plötzlich rastet Erich aus
Die Arbeit in der Clearingstelle ist ein Knochenjob. Das merkt man etwa, als der zehnjährige Erich urplötzlich vom Esstisch aufsteht und ohne Vorwarnung mit Kopf und Fäusten wild gegen einen Schrank hämmert. Doch Patricia Dengler bleibt ruhig. Freundlich und bestimmt redet sie auf den Jungen ein, schickt ihn in sein Zimmer. Erich geht. Denn dem direkten Augenkontakt, den die Pädagogin zu ihm aufgebaut hat, ist ein Zehnjähriger nicht gewachsen. Ein probates Mittel. "Wenn einer im Gruppenalltag ausrastet und man mit ihm allein in sein Zimmer geht, beruhigt der sich schnell - wenn man bei ihm bleibt und ihn nicht mit seinen Problemen alleine lässt."
Dass verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche anders die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versuchen als "normale" Kinder und Jugendliche, ist bekannt: Erich hämmert gegen den Schrank, Mario tritt dagegen, Nina rennt schreiend durchs Wohnzimmer. Und Carolin rülpst laut, wenn sie an einem Betreuer vorbeigeht. Dass das nicht nur anstrengend, sondern äußerst kräftezehrend ist, erfahren die Mitarbeiter der Clearingstelle jeden Tag.
Neisingers beide Kolleginnen zum Beispiel warfen nach gerade mal einem Jahr Dienst das Handtuch. "Das hier ist eine ganz andere Art von Stress." Es ist nicht nur harte Arbeit, es ist auch nervliche Belastung. "Während man an einer gewöhnlichen Schule weiß, was einen erwartet, geht man jeden Tag hoch angespannt in das Heim", sagt Neisinger: "An einem Tag kann der Unterricht super laufen, und die Jungs und Mädchen machen mit. Nur 24 Stunden später kann es aber sein, dass man gar keinen Draht zu ihnen bekommt." Wissen vermitteln steht in diesem Unterricht ohnehin kaum auf dem Programm - er ist vielmehr Therapie.
"Ich betrachte die Kinder nicht nur als Täter. Die sind nicht so auf die Welt gekommen. Erst ihre Familien haben sie zu dem gemacht, was sie sind. Sie haben eine Chance verdient." Auch, wenn man dazu manchmal einen dicken Schlüsselbund braucht.
Das bayerische Ziel
Die Bayerische Staatsregierung sieht im Wegsperren eine Chance für die delinquenten und dissozialen Kinder und Jugendlichen. Daher hat sie im September 2003 eine bundesweit einzigartige Einrichtung ins Leben gerufen: die Würzburger Clearingstelle. Bis zum Sommer 2005 soll es drei solcher Stellen mit insgesamt nur 15 Plätzen geben - in Würzburg, Regensburg und im oberbayerischen Hallbergmoos.
¨In den Bau dieser Heime investiert der bayerische Freistaat 3,2 Millionen Euro. Das Ziel ist, "konsequenter auf kriminelles Verhalten von Minderjährigen reagieren zu können", erklärt Bayerns Sozialministerin Christa Stewens. Notfalls eben auch durch Freiheitsentzug. Damit allein ist es aber nicht getan. Schließlich waren fast alle Bewohner der Clearingstelle auch schon einmal in geschlossenen Heimen. Doch die Wartelisten dieser Heime sind lang - und sie müssen nicht jeden aufnehmen. Bloß: Wohin mit den extrem schwierigen Fällen?
Allein in Bayern ist die Kinder- und Jugendkriminalität in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen. Im Jahr 2002 wurden mehr als 15 000 junge Menschen unter 15 Jahren wegen Diebstahls, Körperverletzung oder Sachbeschädigung aktenkundig. Vielen von ihnen ist in einem normalen geschlossenen Heim nicht beizukommen. Für sie gibt es nun die Clearingstellen. D.S.
Nina sitzt allein am Tisch. Sie soll eine Nachspeise zubereiten. Missmutig nimmt die 15-Jährige eine Birne aus der Schüssel und schnippelt daran herum. Sie guckt in die Luft, aus dem Fenster, auf ihr Schneidebrett, wieder in die Luft - und dann passiert es: Nina piekst sich mit dem stumpfen Messerchen in den Finger. Die Wunde ist nicht größer als ein Stecknadelstich. Nina schreit trotzdem, steht auf und rennt davon. Sie will sich nicht helfen und schon gar kein Pflaster geben lassen. Kein Wunder, denn bis vor kurzem hat sich Nina immer wieder mutwillig in die Arme geschnitten. "Geritzt", sagt sie dazu. Die Narben sind frisch.
Nina ist jetzt in ihrem Zimmer, kauert auf dem Bett. Auf dem Tisch vor ihr liegt eine Doppel-CD von Wolfgang Petry. Den mag sie, weil er von Liebe singt, von Freundschaft, von einer heilen Welt, in der "alles nur geil" ist. Eine Welt, die Nina nicht kennt. Die 15-Jährige hatte immer nur Probleme: mit ihren Eltern, wegen ihrer Eltern. Nichts und niemand konnte Nina bisher helfen, auch der Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie nicht. Seit sie hier in der Clearingstelle ist, kann sie manchmal sogar wieder lachen. Nina heißt im richtigen Leben anders. Sie will nicht erkannt werden, so wie auch alle anderen, die hier leben. Für sie ist hier "Endstation Hoffnung".
Mario weiß, was das heißt. Er ist eines von sechs "Kindern", die derzeit in der Clearingstelle der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe des Diakonischen Werkes leben. Ein Richter hat ihn dort hingeschickt, als das Jugendamt die geschlossene Unterbringung für den 14-Jährigen beantragt hatte. Vor einigen Tagen ist Mario abgehauen, auf einem der wenigen Freigänge, die während des drei- bis sechsmonatigen Aufenthalts in der Clearingstelle genehmigt werden und die sich die Schüler durch korrektes Verhalten erarbeiten müssen. Die Konsequenzen für ihn: Rauchverbot, Stubenarrest. Auch ist das gemeinsame Mittagessen mit Bewohnern und Betreuern vorerst gestrichen.
"Strafen müssen sein", sagt Pädagogin Patricia Dengler. "Damit die Kinder und Jugendlichen sie auch begreifen und akzeptieren, müssen die Konsequenzen zeitnah und sachbezogen sein." Plötzlich tönen aus dem Klassenraum nebenan dumpfe Schläge. Mario tritt gegen den Videoschrank, weil er die Strafe nicht akzeptieren will. Neisinger weist ihn zurecht: "Wenn man als Süchtiger kein Nikotin bekommt, hat man halt schlechte Laune." Angst hat der Lehrer nie. "Sonst wäre das der falsche Job." Aber Vorsicht ist sein ständiger Begleiter. "Wir haben Kaliber dabei, die können jederzeit ausrasten. Das könnte heftig werden." Für diesen Fall gibt es ein Notrufhandy.
Auf Konflikte lassen es die sechs Pädagogen, zwei Psychologen, drei Lehrer sowie eine Heilerzieherin, die in der Clearingstelle arbeiten, bewusst ankommen. "Das gehört zum Konzept", sagt Heimleiter Professor Gunter Adams. Er hat die Idee der Clearingstellen maßgeblich zur Praxisreife entwickelt. "Wir sperren die Kinder nicht einfach weg. Uns geht es darum, dass die Kinder zum ersten Mal Grenzen erleben. Sie müssen sich Konflikten stellen und können nicht davor weglaufen." Adams verteidigt das Heim gegen Kritik: "Denen, die sagen, so weit hätte es gar nicht kommen dürfen, das hätte man verhindern können, denen sage ich: Das ist alte Soße ohne Lösungsvorschläge."
Bei Carolin lief alles schief
Die Clearingstellen sind in Bayern ein Politikum. Im Sommer des vergangenen Jahres war mitten in München ein Rentner von einem Minderjährigen mit einer zur Waffe umfunktionierten Gabel niedergestochen worden. Seitdem sind die Angst und das Bedürfnis nach Schutz vor solchen Straftaten groß. Und da man unter 14-Jährige wegen ihrer Strafunmündigkeit nicht einfach in einen Jugendknast stecken darf, musste eine andere Lösung her. "Man muss bei diesen Kindern härter durchgreifen, aber man muss sie auch viel mehr mögen", erläutert Gunter Adams: "Wir finden durch verschiedene Tests und genaue Beobachtung heraus, was mit ihnen los ist."
"Wir versuchen die Kinder wieder erziehbar zu machen", sagt Patricia Dengler. Dabei helfe die räumliche Enge und die Möglichkeit, die Kinder zu isolieren, sie aufs Zimmer zu schicken und es gegebenenfalls zuzusperren. "So können sie ihr Verhalten in Ruhe selbst reflektieren. Selbstverständlich ist immer einer der Betreuer dabei, wenn ein Kind aus der Gruppe herausgenommen wird." Die Pädagogin ist sich darüber im Klaren, "dass hier nicht alle als Engel herausgehen". Aber selbst wenn nur die Hälfte durch den Aufenthalt in der Clearingstelle nicht mehr straffällig werde, stelle sich die Frage nach Sinn und Zweck der Einrichtung nicht mehr.
"Wenn sich niemand um diese Kinder kümmert, dann braucht man nur wenig Phantasie, um zu wissen, was sie in zwei bis drei Jahren machen", weiß Psychologe Karl Schneller. Die 7500 Euro, die die Unterbringung pro Kind im Monat kostet, seien deshalb eine gute Investition. Dass das Konzept "Wegsperren als Chance" fruchtet, dafür ist Carolin ein gutes Beispiel. Wie lange diese Einsicht anhält, weiß niemand. "Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen", sagt die 15-Jährige überzeugt. "Ich habe viel gelernt." Was wohl auch daran liegt, dass Carolin in dieser Einrichtung viel Zeit zum Nachdenken hatte - über ihr Leben und was alles schief gelaufen ist.
Bis vor einem halben Jahr ist sie immer wieder von zu Hause weggelaufen, hat Drogen genommen, hat in München, in Nürnberg und in Aschaffenburg auf der Straße gelebt. "Regelmäßig aufzustehen oder zu essen, das war früher undenkbar für mich." Neben der Möglichkeit zur Selbstreflexion hat die Clearingstelle einen weiteren Anspruch und Auftrag: Sie soll Regeln für das alltägliche Leben vermitteln, an die man sich ganz freiwillig hält. Das können auch banale Dinge sein, wie "täglich seine Unterwäsche zu wechseln oder sich regelmäßig und richtig zu waschen", so Patricia Dengler. Denn viele der Bewohner haben diese lebenswichtigen Verhaltensweisen nie gelernt.
Carolin hat in dem schmucklosen Sechziger-Jahre-Bau in der Lindleinstraße endlich Perspektiven für sich entwickelt. "Ich würde gerne meinen Schulabschluss nachholen." Ein persönlicher Erfolg für Lehrer Winfried Neisinger, der in dem Sechs-Personen-Heim eine der schwersten Aufgaben übernimmt. Er soll Kinder unterrichten, die zumeist nicht mal richtig lesen und schreiben können. An normalen Unterricht ist nicht zu denken. "Man muss die Jungs und Mädchen davon überzeugen, dass Lernen Sinn macht." Bei Carolin hat es offenbar funktioniert. Auch wenn sie ihr altes Leben manchmal ein wenig vermisst: "Auf der Straße war man halt so richtig frei!"
Plötzlich rastet Erich aus
Die Arbeit in der Clearingstelle ist ein Knochenjob. Das merkt man etwa, als der zehnjährige Erich urplötzlich vom Esstisch aufsteht und ohne Vorwarnung mit Kopf und Fäusten wild gegen einen Schrank hämmert. Doch Patricia Dengler bleibt ruhig. Freundlich und bestimmt redet sie auf den Jungen ein, schickt ihn in sein Zimmer. Erich geht. Denn dem direkten Augenkontakt, den die Pädagogin zu ihm aufgebaut hat, ist ein Zehnjähriger nicht gewachsen. Ein probates Mittel. "Wenn einer im Gruppenalltag ausrastet und man mit ihm allein in sein Zimmer geht, beruhigt der sich schnell - wenn man bei ihm bleibt und ihn nicht mit seinen Problemen alleine lässt."
Dass verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche anders die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versuchen als "normale" Kinder und Jugendliche, ist bekannt: Erich hämmert gegen den Schrank, Mario tritt dagegen, Nina rennt schreiend durchs Wohnzimmer. Und Carolin rülpst laut, wenn sie an einem Betreuer vorbeigeht. Dass das nicht nur anstrengend, sondern äußerst kräftezehrend ist, erfahren die Mitarbeiter der Clearingstelle jeden Tag.
Neisingers beide Kolleginnen zum Beispiel warfen nach gerade mal einem Jahr Dienst das Handtuch. "Das hier ist eine ganz andere Art von Stress." Es ist nicht nur harte Arbeit, es ist auch nervliche Belastung. "Während man an einer gewöhnlichen Schule weiß, was einen erwartet, geht man jeden Tag hoch angespannt in das Heim", sagt Neisinger: "An einem Tag kann der Unterricht super laufen, und die Jungs und Mädchen machen mit. Nur 24 Stunden später kann es aber sein, dass man gar keinen Draht zu ihnen bekommt." Wissen vermitteln steht in diesem Unterricht ohnehin kaum auf dem Programm - er ist vielmehr Therapie.
"Ich betrachte die Kinder nicht nur als Täter. Die sind nicht so auf die Welt gekommen. Erst ihre Familien haben sie zu dem gemacht, was sie sind. Sie haben eine Chance verdient." Auch, wenn man dazu manchmal einen dicken Schlüsselbund braucht.
Das bayerische Ziel
Die Bayerische Staatsregierung sieht im Wegsperren eine Chance für die delinquenten und dissozialen Kinder und Jugendlichen. Daher hat sie im September 2003 eine bundesweit einzigartige Einrichtung ins Leben gerufen: die Würzburger Clearingstelle. Bis zum Sommer 2005 soll es drei solcher Stellen mit insgesamt nur 15 Plätzen geben - in Würzburg, Regensburg und im oberbayerischen Hallbergmoos.
¨In den Bau dieser Heime investiert der bayerische Freistaat 3,2 Millionen Euro. Das Ziel ist, "konsequenter auf kriminelles Verhalten von Minderjährigen reagieren zu können", erklärt Bayerns Sozialministerin Christa Stewens. Notfalls eben auch durch Freiheitsentzug. Damit allein ist es aber nicht getan. Schließlich waren fast alle Bewohner der Clearingstelle auch schon einmal in geschlossenen Heimen. Doch die Wartelisten dieser Heime sind lang - und sie müssen nicht jeden aufnehmen. Bloß: Wohin mit den extrem schwierigen Fällen?
Allein in Bayern ist die Kinder- und Jugendkriminalität in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen. Im Jahr 2002 wurden mehr als 15 000 junge Menschen unter 15 Jahren wegen Diebstahls, Körperverletzung oder Sachbeschädigung aktenkundig. Vielen von ihnen ist in einem normalen geschlossenen Heim nicht beizukommen. Für sie gibt es nun die Clearingstellen. D.S.