Drei Jahre und ein Tag

Potsdam/Wehr. Blasen bekommt Martina Baumgart schon lange nicht mehr. Zumindest nicht an den Füßen. Nur manchmal an den Händen. Dann, wenn sie einmal wieder eine ungewohnte und harte Arbeit zu erledigen hat. Das kommt bei der 26-Jährigen aber fast täglich vor. Die junge Frau wechselt nämlich alle paar Wochen den Arbeitsplatz - samt Wohnsitz. Martina Baumgart kommt aus Potsdam. Nun ist sie auf Wanderschaft, auf Tippelei, auf der Walz. Und zwar als Gärtnerin. Derzeit macht sie Station in der Stadt Wehr am Hochrhein.

"Alle denken immer, dass nur Zimmerleute oder Maurer auf Wanderschaft gehen", erzählt Martina Baumgart - und dabei schwingt ein wenig Entrüstung mit: "Die Walz gibt es in allen Handwerksberufen, auch bei den Gärtnern." Seit dem 6. August 2001 ist die junge Frau jetzt schon in der ganzen Bundesrepublik unterwegs. Von Potsdam aus ging es erst einmal nach Wörlitz in den Südwesten Brandenburgs, nach Thüringen und auf die Schwäbische Alb. "Dort hab ich meine erste Baustelle erlebt", sagt Martina Baumgart. Baustelle heißt: Wandergesellen arbeiten für Kost und Logis an einem bestimmten Projekt. Damals hat die junge Frau mit an einer Trockenmauer gebaut. "Das gehört auch zum Berufsbild des Landschaftsgärtners, auch wenn das viele nicht so recht glauben."

Dabei ist Martina Baumgart gar keine Landschafts-, sondern Baumschulgärtnerin. "Ich habe nichts mit Baumpflege zu tun", stellt sie klar. Und auch Sträucher schneidet sie nicht. "In meiner Lehre habe ich das Vermehren, Veredeln und das Großziehen von Gehölzen und Sträuchern gelernt." Von der Schwäbischen Alb aus ist sie dann in den hohen Norden. Zwei Monate war sie auf Rügen, danach ist sie durch Sachsen und einige westdeutsche Länder gereist. "Lediglich in Bremen und im Saarland war ich noch nicht", sagt die junge Frau. Und das alles, ohne nur eine müde Mark für die ganze Reiserei auszugeben: "Entweder ich laufe - oder ich trampe."

Auch für die Logis gibt Martina Baumgart kaum Geld aus. "Das gehört sich auf der Walz so", sagt sie. Irgendwo komme man immer unter. Wobei irgendwo auch schon mal bedeuten kann, dass die junge Potsdamerin Abends von einer Haustür zu anderen geht, erzählt wer sie ist, was sie so macht - und dass sie für einige Tage eine Bleibe sucht. "Und meistens klappt das auch recht schnell", sagt sie.

ähnlich sieht auch ihre Suche nach Jobs bei Gärtnereien aus. "Hingehen und fragen", lautet Martina Baumgarts Devise: "Dass das nicht immer von Erfolg gekrönt ist, ist klar." In Südbaden scheint das anders zu sein. Allein in Bad Säckingen am Hochrhein weilt die junge Frau bereits seit einem Monat. Zuvor hat sie mehrere Wochen in Weil am Rhein - unweit der Schweizer Stadt Basel - verbracht.

Arbeit hat die junge Frau im kleinen Dorf öflingen bei Wehr gefunden, bei Gärtnermeister Bernhard Maier. In dessen Betrieb dreht sich zwar alles eher um Zierpflanzen und weniger um Bäume, "aber gerade das macht die Wanderschaft so spannend", findet Martina Baumgart. Nämlich die Berührung mit anderen Facetten des Gärtnerberufs. Bis Ende dieser Woche will die Potsdamerin noch am Hochrhein südlich des Schwarzwaldes bleiben. Doch wohin genau es sie dann verschlägt, das weiß sie noch nicht: "Vielleicht einmal an den Bodensee. Oder nach Gießen."

Ganz egal wohin - langweilig wird es Martina Baumgart mit Sicherheit nicht. Mindestens bis zum 7. August 2004 wird die Wanderschaft der jungen Potsdamerin noch dauern. "Drei Jahre und einen Tag", so schreibt es die Tradition der Walz vor. Außerdem besagt diese Tradition, dass Wandergesellen sich einen neuen "Zögling" suchen sollen, den sie dann eine Zeit lang auf seiner Reise begleiten. "Genau deshalb will ich an den Bodensee. Denn dort kenne ich eine Gärtnerin, die auch einmal auf die Walz will. Ich weiß jedoch nicht, ob sie gerade arbeitet oder bei ihren Eltern in Gießen ist", sagt Martina Baumgart. Jedenfalls will sie bald zu ihr, und sie auf die arbeitsreiche Reise mitnehmen. Zu Fuß natürlich.