"Wir leben alle in einer Anekdote"

Mit Wladimir Kaminer zu sprechen ist... anstrengend. Erst ist er trotz Termins fast eine Stunde nicht erreichbar, dann will er gleich zurückrufen. Als die Verbindung mit seinem Handy dann nach zig Versuchen endlich mal länger als fünf Sekunden steht, will schließlich seine kleine Tochter etwas von ihm. Puh! Doch dann geht’s los und das Chaos ist perfekt. Kaminer spricht schnell und nuschelt. Aber vielleicht muss das so sein. Schließlich ist er Künstler. Auch wenn er das überhaupt nicht gerne hört.

Herr Kaminer, sie haben in neun Jahren 15 Bücher veröffentlicht. Sind Sie schreibwütig?
Wladimir Kaminer: Ich habe natürlich länger an diesen 15 Büchern gearbeitet als neun Jahre. Manchmal denke ich selbst, dass das wahrscheinlich zu viel ist, was ich veröffentliche. Ich schnappe aber nun mal so viel auf. Für mich sind das alles Geschichten, die das Leben schreibt und die aufgeschrieben werden müssen.

Na gut, dann sagen wir: sie sind arbeitswütig...
Kaminer: Eigentlich beobachte ich nur die Phänomene des Lebens um mich herum. Und wenn ich auf etwas stoße, das ich nicht nachvollziehen kann, dann schreibe ich es. Diese Erkenntnisse unterteile ich dann einfach nach Abschnitten und die werden als Bücher veröffentlicht.

Sie haben mal gesagt: „Ich habe keine großen literarischen Ansprüche.“ Ist das immer noch so?
Kaminer: Jeder der meine Bücher liest, der merkt doch, dass das, was ich mache, wenig mit dem zu tun hat, was heute als hohe Literatur gilt. Ich bin ein Unterhalter, aber deshalb schreibe ich nicht. Ich schreibe, weil mir nur auf diese Weise gelingt, in einer Welt zu leben, die ich nicht nachvollziehen kann.

Ihre Kritiker sagen, sie seien mit ihren vielen Büchern „nur noch Berliner Mainstream“.
Kaminer: Ich kenne mich mit dem literarischen Leben in Berlin und Deutschland nicht wirklich aus. Die wahre, die große Literatur funktioniert anders, als das, was ich tue. Große Literaten sind für mich Leute, die sich selbst zum Schöpfer einer besseren Welt erheben, oder die einfach angeben wollen mit irgendwelchen Themen, die sie für sehr spektakulär halten. Ich kenne ein paar Journalisten, die – wie ich – verstehen wollen, was in dieser Welt eigentlich Sache ist und die das Leben verstehen wollen. Das ist in der Literatur eher unangebracht.

Sind sie also eher ein literarischer Journalist?
Kaminer: Ich würde mich als Beobachter unserer Zeit bezeichnen.

Ihre Bücher sind ja im weitesten Sinne erheiternde Literatur. Können Sie nur komisch?
Kaminer: Ich finde, dass das eigentlich eher tragische Dinge sind, die ich beschreibe. Ich versuche aber darüber zu lachen, weil man ja nicht nur weinen, das wäre eine Sackgasse. Ich denke, wir alle leben in einer Anekdote, die ganze Schöpfung ist eine Anekdote. Aber dem Schöpfer ist der Witz aus Zeitgründen abhanden gekommen, weil er zu lange daran gebastelt hat. Das müssen wir übernehmen. Wir müssen den Witz im Tragischen suchen.

Ist das für Sie guter Humor? Der Witz im Tragischen?
Kaminer: Guter Humor darf niemanden verletzen. Er darf nicht auf Kosten anderer entstehen, sondern nur aus einem Gefühl der Hoffnung auf etwas Besseres.

Wer einen Kaminer in die Hand nimmt, denkt: Aha, schon wieder was über Russlanddeutsche. Langweilt sie diese Monotonie nicht?
Kaminer: Was gibt es denn noch für Themen? (lacht) Nun, ich schreibe ja auch über die Sowjetunion und über den Sozialismus. Gerade der Sozialismus ist ja ein sehr aktuelles Thema ist. Die bisherigen Ausführungen waren falsch, die Idee aber gar nicht so abwegig. Man muss zumindest darüber reden. Und ich schreibe ja auch über Deutschland, weil ich ständig unterwegs bin. Diese Geschichten sind Versuche, das große Ganze im Kleinen zu sehen. Ich schreibe darüber, was ich ständig vor Augen habe. Damit kenne ich mich aus. Und oft habe ich eben auch meine Landsleute vor Augen und schreibe deshalb über Russen in Deutschland.

Sie sind ein Multitalent: DJ, Moderator, Autor. Was können Sie denn nicht?
Kaminer: Ich bin ein Erzähler, der durch die Republik reist und manchmal auch Musik auflegt. Aber das kann eigentlich jeder. So ein großes Allround-Talent bin ich nicht.

Sie kamen damals mit leeren Händen Berlin, heute sind Sie ein gemachter Mann. War das so geplant?
Kaminer: Ich wollte unbedingt die Welt kennen lernen. Es war kein langweiliges Leben in der Sowjetunion, aber wir waren eingesperrt, wir wollten raus. Diese Reise war eine Eroberung. Hier in Deutschland machen sich die Menschen wenig Gedanken über Freiheit und Würde, weil beides im Grundgesetz steht. Sie denken, das ist eine Garantie. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der man sich Freiheit und Würde hart erkämpfen musste. Aus heutiger Sicht kann man diese Zugreise von Moskau nach Ost-Berlin natürlich als skurrile Abenteuergeschichte sehen: Ein junger Mann im hellblauen Anzug mit einer Flasche Wodka reist in die DDR aus...

Zurück zur Arbeit: Wie schreiben Sie eigentlich? Mit Papier und Notizblock in einem Café am Prenzlauer Berg?
Kaminer: Nein, eigentlich schreibe ich vor allem, wenn ich unterwegs bin. Im Zug mit einem Glas Wein.

Sie lesen ja oft vor. Wie oft haben Sie ihren Bestseller „Russendisco“ schon durch?
Kaminer: Ich lese so gut wie nie aus Büchern, das ist meine Rettung. Sonst wäre ich wahrscheinlich schon verrückt geworden, wenn ich immer das gleiche vorlese. Da ich jede Woche was Neues schreibe, lese ich immer aktuelle Texte von mir vor.

Und was liegt zurzeit an Büchern auf ihrem Nachttisch?
Kaminer: Privat lese ich gerade drei Bücher, eines auf deutsch und zwei auf russisch. Ich lese von Bruno Latour „Das Parlament der Dinge“ über Naturpolitik. Das ist einerseits schwer wissenschaftlich, andererseits ist es so genial, so gut, ich würde das jedem weiterempfehlen. Der Mann hat die grüne Idee ja quasi neu erfunden und propagiert eine neue politische Ökologie. Auch die beiden russischen Bücher sind keine Belletristik, ich lese wenig Kunst, eher Biografien, wissenschaftliche Aufsätze oder Memoiren.

Zum Abschluss Politik: Sagen Sie mal was Nettes über... Wladimir Putin und Dmitri Medwedew.
Kaminer: Oh (Pause), das ist schwierig. (lange Pause) Beide haben erheblich dazu beigetragen, das alte Wodka-Russen-Klischee zu durchbrechen. Sie machen viel Sport und lassen sich dabei fotografieren, sie trinken und rauchen nicht. Allein das ist schon eine Errungenschaft.

>>> Wladimir Kaminer, 42, ist gebürtiger Moskauer. 1990 reiste er kurz vor der Wiedervereinigung als Student in die DDR ein und erhielt wegen seine russisch-jüdischen Herkunft „humanitäres Asyl“. Er bekam noch vor der Wiedervereinigung die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen. Deutschlandweit (und darüber hinaus) wurde der Schriftsteller, Kolumnist und DJ mit seinem im Jahr 2000 veröffentlichten Buch „Russendisco“ bekannt. Kritik zog er auf sich, als er in einer ARD-Sendung zum „Eurovision Song Contest“ im vergangenen Jahr die Gewalt der russischen Polizei gegen schwule Demonstranten mit den Worten „Die Russen sind nicht schwulenfeindlich, sie sind schwulenfreundliche. Sie zeigen es nur nicht.“ Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Berlin. Sein neustes Buch heißt „Meine russischen Nachbarn“; er liest am 21. Januar im Saalbau Luisengarten (Würzburg).

Blockflötenalarm

Alle Jahre wieder wird an Heiligabend bei vielen Familien gesungen. Noch immer Warum eigentlich? Und wieso singen wir an Weihnachten, nicht aber an Ostern oder Pfingsten? Guido Fuchs beschert neun7 einen Sack voll Antworten.

Herr Fuchs, wird bei Ihnen zu Hause an Weihnachten auch gesungen?
Guido Fuchs: Ja, meine Frau und ich singen mit unseren beiden Kindern Weihnachtslieder. Allerdings läuft Weihnachten bei uns wohl etwas anders ab als in den meisten Familien in Deutschland. Wir feiern sehr angloamerikanisch erst am 1. Weihnachtsfeiertag. Das kommt daher, weil ich während meiner Studienzeit in Würzburg an Heiligabend im Krankenhaus Musik gemacht habe und daher erst am 25. Dezember Zeit zum selber Feiern hatte.

Warum wird denn an Weihnachten eigentlich gesungen. Reicht Zuhören nicht?
Fuchs: Es stimmt schon, dass das Singen an Weihnachten etwas Besonderes ist. An anderen christlichen Feiertagen wie Ostern oder Pfingsten singt man zu Hause nicht, höchstens in der Kirche. Weihnachten ist – anders als andere christliche Feste – ein sehr verbürgerlichtes Fest, bei dem das Emotionale ganz gezielt bedient wird. An Weihnachten wird seit Jahrhunderten zu Hause musiziert, die Kinder müssen am Klavier ran oder auf der Blockflöte spielen. Bei immer mehr Menschen spielt dieses besinnliche Moment heute aber kaum noch eine Rolle, da läuft Weihnachtsmusik vom Band, wenn überhaupt. Übrig geblieben ist nur die Bescherung...

Wenn einer nicht singen kann, sollte er aber auch besser nicht singen, oder?
Fuchs: Was heißt denn schon „singen können“? Wenn man singt, dann äußert man sich in der Öffentlichkeit, selbst wenn es nur die eigene Familie ist. Das tun viele Leute äußerst ungern, das ist meiner Meinung nach der eigentliche Grund, weshalb wohl immer weniger gesungen wird. Und natürlich, weil der christliche Hintergrund für das Fest in Vergessenheit gerät.

Sie haben Weihnachtslieder aus 2000 Jahren in ihrem Buch behandelt. Warum diese 25?
Fuchs: Weil diese Lieder in ihrer Gesamtheit die Entwicklung des Weihnachtsfestes widerspiegeln – und auch dessen Verständnis, das immer neue Facetten enthält: Von der theologischen Auseinandersetzung über die Beziehung der Menschen zu diesem Kind bis dahin, was die Geburt Jesu in uns bewegen sollte. Und vieles mehr.

Lassen sich Weihnachtslieder aus zwei Jahrtausenden auf einen Nenner bringen?
Fuchs: Nein, sicher nicht. Manche Lieder aus dem 20. Jahrhundert, etwa „Rudolph, the red-nosed reindeer“ oder „Stop the cavalry“ haben nämlich erst auf den zweiten Blick etwas mit Weihnachten zu tun und beschäftigen sich gar nicht mit der Geburt Jesu.

Sondern mit was?
Fuchs: Mit Frieden, mit Nächstenliebe, mit dem Wunsch, an Weihnachten zu Hause bei der Familie zu sein. Oder mit der „Carol-Philosophy“ in Anlehnung an die berühmte Erzählung „A Christmas Carol“ von Charles Dickens, in der der böse alte Scrooge am Weihnachtsabend zum mitfühlenden Menschen wird. So ist das auch bei Rudolph, der 1939 in den Vereinigten Staaten eigentlich als Weihnachts-Werbefigur für ein Kaufhaus erfunden wurde. Das Lied entstand erst ein paar Jahre später und erzählt die Geschichte eines Außenseiters, nämlich eines Rentiers mit knallroter Nase, der an Weihnachten zum Held wird.

Sie haben den Pop-Song „Do the know it’s christmas“ behandelt. Was ist Ihnen aufgefallen?
Fuchs: Das Lied ist ja im November 1984 bei dem Projekt „Band Aid“ entstanden, an dem sich mehr als 30 Künstler beteiligt haben. Innerhalb weniger Tage spielte das Lied mehrere Millionen Britische Pfund ein, die zur Bekämpfung der Hungersnot in Äthiopien verwendet wurden. Wenn man sich den Text genauer anschaut, wird dort nicht mit einem Wort Bezug auf das Weihnachtsfest genommen, es geht um die Hungersnot in Afrika. Die Musik ist gut gemachter Pop, der seither jedes Jahr tausende Male im Radio läuft und weiter Geld einspielt.

„Band Aid“ hin oder her. Weihnachten ist vor allem ein Geschäft für die Plattenfirmen, oder?
Fuchs: Ach, wer macht denn heute kein Geschäft mit Weihnachten? Für Buchverlage ist es ebenso das zentrale Geschäft wie für die Musikindustrie, jedes Jahr kommen außerdem neue Weihnachtsfilme ins Kino. Gerade bei den Filmen geht es selten um den eigentlichen Kern des Weihnachtsfestes, sondern eigentlich immer um die „Carol-Philosophy“: Ein Außenseiter wird zum Held. Das hat mit der Geburt Jesu Christi nichts zu tun, aber der Kern der Botschaft ist im übertragenen Sinn weihnachtlich – Weihnachten als Fest der Liebe.

Das klingt jetzt aber wieder sehr US-amerikanisch...
Fuchs: Ist es auch. Aber eigentlich ist doch immer mehr, was Weihnachten heute für die meisten Menschen ausmacht, sehr USA-lastig. Seit den 1980er Jahren wird Weihnachten in den USA, aber auch in England, von den jüngeren Generationen eher als Party denn als ein christliches Fest betrachtet. Damals ist auch der Song „Last Christmas“ von Wham! entstanden. Der hat nichts mit Weihnachten zu tun, nicht mal im übertragenen Sinne, aber er steht wie kaum ein anderes Lied für das Weihnachtsgefühl vieler jüngerer Menschen... Es vermittelt Nostalgie, viel mehr ist Weihnachten in der säkularisierten Welt ja nicht mehr.

Wie wird ein Song zum Weihnachtslied? Reicht da ein wenig Glöckchengebimmel aus?
Fuchs: Ich bin – was so etwas angeht – Kulturpessimist, deshalb: leider ja. Viele Menschen hören doch gar nicht mehr hin, wer da was singt. Mit Schlittenglöckchen kann man fast alles zum Weihnachtsschlager machen. Aber mal ernsthaft: Ein Stück muss tatsächlich nichts mit Weihnachten zu tun haben, um ein erfolgreiches Weihnachtslied zu sein. Das gilt für „Jingle Bells“ genauso wie für „Leise rieselt der Schnee“ oder „Schneeflöckchen, Weißröckchen“.

Guido Fuchs ist seit 1999 außerplanmäßiger Professor an der Universität Würzburg. Der 1953 in Göppingen geborene Fuchs ist katholischer Liturgiewissenschaftler und Publizist und gibt die Zeitschrift „Liturgie konkret“ heraus. Außerdem leitet er das Institut für Liturgie und Alltagskultur in Hildesheim, seinem Wohnort. Fuchs ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein neustes Buch „Unsere Weihnachtslieder und ihre Geschichte“ ist im Herder-Verlag Freiburg erschienen.