Eine Region unter Strom

Seit es Automobile gibt, stellen sich deren Fahrer auch die Frage: Wie sieht das Fahrzeug der Zukunft aus? Ganz gleich, ob es nun mit Brennstoffzellen oder Batterien angetrieben wird, ob es mit Wasserstoff fährt, mehr oder weniger als vier Räder oder kein Lenkrad mehr hat – eines ist sicher: Die individuelle Mobilität wird sich verändern, der Verbrennungsmotor hat langfristig ausgedient, das Elektroauto kommt. Und in Sachen Elektromobilität ist Mainfranken schon heute Spitze.

Der Grund: In der Region ist vielfältiges Know-how rund um das Thema Elektromobilität zu Hause – vom klassischen Automobilzulieferer über den E-Mobilitätsdienstleister bis hin zur Ideenschmiede findet sich im Dreieck zwischen Würzburg, Schweinfurt und Kitzingen nahezu alles, was man für ein Auto braucht, sagt Oliver Freitag, Leiter des Fachbereichs „Innovation & Umwelt“ bei der IHK Würzburg-Schweinfurt. Ob der Wälzlagerriese und Autozulieferer INA FAG in Schweinfurt oder der benachbarte Autozulieferer ZF Sachs – der bereits Elektroantriebe für Hybridfahrzeuge wie die S-Klasse von Mercedes produziert. Ob Mittelständler wie Beck Elektrotechnik in Würzburg, der das zweirädrige Elektromobil Sagway vertreibt, Hofer Powertrain Systeme in Würzburg, die in der Hybrid-Technologie Entwicklungsarbeit leisten, oder die innovative Wittenstein AG im Taubertal, die jüngst auf der Hannover Messe zum Thema E-Mobilität von sich reden machte. Die Wirtschaftsregion Mainfranken steht unter Strom. Noch aber fahren die meisten Verbraucher Autos mit Verbrennungsmotoren. Für die Masse sind E-Mobile noch zu teuer.

Das sieht auch Pascal Dégardins so. Er ist Chef der Würzburger Intedis, einem Joint- Venture der Zulieferer Hella und Leoni. Im Moment koste die Batterie für ein E-Mobil in der Größe und Ausstattung eines Serienfahrzeugs fast 10 000 Euro. Die Lebensdauer liegt noch weit unter zehn Jahren. „Wir können also noch kein wirtschaftliches Elektroauto herstellen, es wird noch einige Zeit dauern, bis sie preislich konkurrenzfähig werden.“

Dégardins sieht auch das Problem, dass batteriegetriebene Autos noch keine Lösung sind, um für Europa eine Energie-Unabhängigkeit zu erreichen: „Rohstoffe wie Lithium kommen meistens aus China.“ Batterien seien demnach nur eine Zwischenlösung, wohin die technische Entwicklungsreise allerdings geht (etwa in Richtung Brennstoffzelle), das müsse und könne allein die Politik entscheiden. „Der Druck auf die Europäer steigt, in diesem Bereich weiterhin intensive Forschung und Entwicklung zu betreiben.“ Denn China wolle in den nächsten Jahren mit einem E-Mobil für weniger als 10 000 Euro den Weltmarkt aufrollen, mit günstigen Akkus, hergestellt im eigenen Land.

Auch SKF in Schweinfurt ist am Thema dran. Als Wälzlagerhersteller ist das Unternehmen an der Entwicklung oder Herstellung von E-Fahrzeugen beteiligt. „Wir versuchen natürlich die Autohersteller bei der Entwicklung und der Produktion von Fahrzeugen mit vermindertem Kohlendioxid-Ausstoß oder auch rein elektrischen Autos zu unterstützen“, erläutert Joachim Seubert, Leiter des Bereichs Pkw-Industrie bei SKF.

SKF ist in vielen Bereichen künftiger Mobilitätskonzepte zu Hause. Bereits heute verfügt man über ausschließlich für den Einsatz in E-Mobilen konzipierte Wälzlager – die etwa im amerikanischen Elektroflitzer Tesla Roadster zum Einsatz kommen.

Mit der Tendenz hin zum E-Mobil wird sich auch der Autoherstellersektor verändern. Denn bislang gibt es vor allem große Autokonzerne, künftig wird es viele kleine E-Mobil-Hersteller geben, glaubt Seubert. Das bedeutet im Klartext: Die SKF leistet Entwicklungsunterstützung und stellt ihr Fachwissen auch gezielt kleineren E-Mobil-Firmen für deren Entwicklung zur Verfügung.

Ein ganz besonders umtriebiger und erfahrener Hersteller und Händler für kleine E-Flitzer ist ebenfalls in Mainfranken beheimatet: die Smiles AG (früher Citycom AG) aus Aub südlich von Würzburg. Dort wird seit vielen Jahren der CityEL zusammengeschraubt, ein dreirädriger Elektroflitzer, der etwa für Berufspendler ein Ersatz zum kostenintensiven Zweitwagen sein sollte.

Smiles-Vorstandschef Karl Nestmeier erinnert sich an die hämischen Kommentare, als er vor mehr als 20 Jahren erstmals in dem dreirädrigen Elektromobil durch die Gegend gefahren ist. Ob er sich kein richtiges Auto mehr leisten könne, sei er des Öfteren gefragt worden, erinnert sich der Ökopionier. Doch viele schwere Anfangsjahre als junger Unternehmer konnten Nestmeier seine Begeisterung für „seine Sache“ nicht nehmen.

Zwischenzeitlich, als bei großen Autokonzernen noch nicht einmal hinter den verschlossenen Türen ihrer Entwicklungsabteilungen über Elektromobile nachgedacht wurde, war der kleine CityEL aus Aub mit immerhin mehr als 5500 verkauften Exemplaren sogar das erfolgreichste E-Mobil Europas. Doch das elektrische Dreirad, das ein bisschen aussieht wie ein Liegerad, blieb ein Nischenprodukt, der Durchbruch blieb aus.

Heute hat Smiles auch einen Vierrädrigen im Angebot. Der Tazzari Zero sieht aus wie eine Mischung aus Mini Cooper und Fiat Cinquecento – und zumindest Letzteres überrascht nicht, da er aus Italien kommt. Die Smiles AG vermarktet den E-Flitzer in Deutschland. In der Grundversion kostet er 23 990 Euro, die Reichweite beträgt etwa 140 Kilometer je Akkuladung. Ein stolzer Preis für begrenzte Mobilität, möchte man meinen. Derartige Kritik ficht Nestmeier inzwischen jedoch nicht mehr an. „Mit einem Elektroauto spart man langfristig“, rechnet er vor.

Das Smiles-Engagement für umweltfreundliche Mobilität ist 2010 ausgezeichnet worden – für den CityEL mit Lithium-Batterietechnik erhielt Nestmeier im März den Bayerischen Staatspreis für Innovation.

In Mainfranken sind aber nicht nur Zulieferer, Denkfabriken und Pioniere der E-Mobilität zu Hause, sondern auch Automobil-Experten, die den Bereich im Blick haben. Edgar Schmidt ist Redakteur beim „kfz-betrieb“ von Vogel Business Media in Würzburg. Er hält Elektroantriebe für konkurrenzfähig – wenn sich die Anschaffung von Auto und Batterie trennen lässt. Ansonsten blieben E-Mobile auf lange Sicht deutlich teurer.

Der Chefredakteur des ebenfalls bei Vogel Business Media erscheinenden Branchenmagazins „Automobil-Industrie“, Wilhelm Mißler, steht der E-Mobilitätswelle etwas skeptischer gegenüber. „Nach der heute überblickbaren Entwicklung der Batterietechnik ist das Elektroauto als Universalfahrzeug – also auch für längere Distanzen – nicht realistisch“, meint er. Dagegen rücke das elektrische Fahren im Stadtverkehr mit kleinen E-Modellen in greifbare Nähe. Wie nahe, das wird sich beim „Würzburger Automobil Gipfel“ im November im Vogel Convention Center (VCC) zeigen: Dann versammelt Mißler hochkarätige Experten – natürlich zum Thema Elektromobilität.

Literatur des Extremen

Er wird mit Böll verglichen, mit Hemingway, mit Bukowski, aber auch für den „Hardcore-Sozialkitsch“ und die Kraftmeierei in seinen bisherigen Werken geschmäht: Clemens Meyer, 33, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur. 2008 bekam er den Preis der Leipziger Buchmesse. Am 4. Mai liest er in Würzburgs Stadtbücherei.

FRAGE: Wie viel Persönliches steckt in Ihrem neuem Buch „Gewalten. Ein Tagebuch“?
CLEMENS MEYER: Na ja, schwer zu sagen, alles und nichts, gleichzeitig natürlich. Wie’s immer so ist in der Literatur.

Aber der Prolog ist doch autobiografisch angehaucht. Sie liegen in einer Psychiatrie...
MEYER (erregt): Wer autobiografisch schreibt, schreibt Autobiografien! Und selbst die sind nicht autobiografisch! Ich habe keine Autobiografie geschrieben. Es gibt allenfalls Dinge, denen etwas zugrunde liegt. Aber was das ist, geht niemanden was an.

Die Form des „Tagebuchs“ lässt aber vermuten, dass es sehr persönliche Texte sind, oder?
MEYER: Eigentlich ist es ja kein Tagebuch. Es ist vielmehr ein Spiel mit dem Genre, mit Identität, mit Fiktion. Aber ohne Fundament kann man nicht erfinden.

Die Hauptdarsteller in Ihren Büchern schlagen gerne mal über die Stränge – Sie auch. Zufall?
MEYER: Das weiß ich nicht, ich hab nie darüber geschrieben, wie ich über die Stränge schlage. Das ist alles peripher. Das Wichtigste für den Schriftsteller ist sowieso, sich Dinge vorstellen zu können. Selbstverständlich geht man – auch und gerade als Autor – nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt.

Das Buch spielt 2009, ein spannendes Jahr. Was, wenn es ein langweiliges gewesen wäre?
MEYER: Es gibt doch keine langweiligen Jahre. Man braucht nur die Zeit, um genau zu studieren und zu sehen, was um einen herum passiert. Irgendetwas geschieht immer.

Sie schaffen sich gezielt Figuren, die ein extremes Leben führen. Weshalb?
MEYER: Das ist für mich eines der Hauptmerkmale von Literatur, dass sie sich mit den Extremen beschäftigt. Wenn das in der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht immer so der Fall ist, liegt das an den Leuten, die diese Literatur ausmachen. Das Extreme kann man überall finden. Ich bin jetzt keiner, der über die Probleme eines Professors schreibt, mich interessiert das Profane, das Abseitige und das Grenzwertige.

Sie beschreiben Deutschland 2009 – und das sehr politisch. Wie viel Politiker steckt in Ihnen?
MEYER: Ich hoffe nicht so viel. Der kleinste gemeinsame Nenner, den ich mit manchem Politiker vielleicht habe, ist, dass ich die Menschen zum Nachdenken bewegen will. Die Leser sollen sich Gedanken machen, was in diesem Land vorgeht. Es ist doch so: Dann, wenn man versucht am unpolitischsten zu sein, ist man am politischsten.

Ihre Sprache ist kraftvoll, manchmal fast gewaltsam. Woher kommt das?
MEYER: Die Mischung macht’s. Ich kenne Bücher, in denen findet man viel mehr Kraftausdrücke als in meinen. Da bleibt aber oft alles andere auf der Strecke. Ich benutze Kraftaus- drücke nur, wenn es etwas über die Figuren aussagt, über den Zorn des Ich-Erzählers. Der Text muss einen Rhythmus haben, ausgewogen sein, die Sätze müssen ineinander greifen, wie ein Musikstück, mal moderato, manchmal auch forte.

Sie gelten als Enfant terrible der deutschen Gegenwartsliteratur, wollen das aber gar nicht sein.
MEYER: Es bringt doch nichts, sich gegen Kritiken und Kritiker zu wehren. Als Privatmann hat mich noch nie jemand als Macho bezeichnet, als feinfühligen Menschen ja, aber nie als Macho. Aber so was liest man dann in der „Welt“ über sich. Oder die „Süddeutsche Zeitung“, die zu meinem neuen Buch „Ein Mann, ein Colt, ein Dosenbier“ getitelt hat. Wie blind muss man sein? Ich lasse mir das gefallen, weil, erstens: Was soll ich machen? Und zweitens bringt es Aufmerksamkeit. Aber es nervt irgendwann. Ich komme nicht schlecht weg in den Medien, aber mich ärgern diese dummen Klischees und Vorurteile.

Manche Texte in „Gewalten“ wirken verstörend. Verstört Sie als Autor diese Welt denn so?
MEYER: Die Welt ist ein bisschen aus den Fugen geraten. Ich habe 2009 gezielt unter diesem Blickwinkel betrachtet – für das Buch. Ich wollte die Brüche sehen, wie Winnenden, Guantanamo, und so weiter, ich wollte das Jahr mit dieser extremen Sicht durchleben.
Allerdings würde ich so ein Projekt wie „Gewalten“ kein zweites Mal machen wollen. Viele der Texte sind verstörend, sie haben mich selbst beim Schreiben verstört, ich musste mich vielen Einflüssen öffnen und Dinge an mich heranlassen, direkt und in kurzer Zeit. Einmal ist genug.
Wie viele Flaschen Bier sind im Schnitt pro Seite „Gewalten“ draufgegangen? MEYER: Eher wenig, das meiste habe ich sogar nüchtern geschrieben. Ich hab’ allerdings sehr viel geraucht, davon bin ich jetzt aber wieder runter. Ist ja nicht so gesund . . .

Zur Person: Clemens Meyer
Der Schriftsteller, geboren 1977 in Halle an der Saale, ist der Enkel der Künstler Otto und Gertraud Möhwald. Er lebt und arbeitet in Leipzig, wo er auch aufwuchs, illegale Techno-Discos organisierte und im Posaunenchor spielte. Nach dem Abitur jobbte Meyer als Bauarbeiter, von 1998 bis 2003 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, unterbrochen von einem Aufenthalt in einer Jugendarrestanstalt. Sein Studium finanzierte er als Wachmann, Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer. Sein erster Roman, „Als wir träumten“ (2006), soll bald verfilmt werden. Von Meyer sind des weiteren erschienen „Die Nacht, die Lichter. Stories“ (2008) und „Gewalten. Ein Tagebuch“ (2010).

Nur Mut!

Mut ist... ja, was eigentlich? Das Gegenteil von Angst? Oder von Feigheit? Ist eine mutige Tat auch tollkühn? Der Würzburger Diplom-Psychologe Philippe T. Pereira hält Mut für erlernbar, allerdings nur bedingt. Mit Mut lassen sich auch Ängste überwinden, sagt er. Muss man also immer auch erst mal Ängste haben, um überhaupt mutig sein zu können? Darüber haben wir mit dem Experten gesprochen.

Herr Pereira, was ist – psychologisch gesehen – Mut?
PHILIPPE T. PEREIRA: Aus psychologischer Sicht ist Mut das Zutrauen zu sich selbst.

Also ist Mut ein Gefühl?
PEREIRA: Nein, es ist eher eine persönliche Eigenschaft, die aber mit einem positiven Gefühl einhergehen kann.

Ist Mut also Unerschrockenheit?
PEREIRA: Wer Mut beweist, der ist nicht unbedingt unerschrocken. Man kann etwas Mutiges tun und dabei trotzdem Angst empfinden. Wer mutig ist, der macht etwas, obwohl er dabei ein ungutes Gefühl hat. Es ist aber wohl so, dass es durchaus unerschrockenere Leute gibt als andere und dass die dann auch mutiger sind.

Lässt sich Mut lernen, oder ist es eine Charaktereigenschaft?
PEREIRA: Vorneweg: Es gibt kein Mut-Gen oder so etwas. Es gibt aber bereits erste Experimente mit Ratten, die gezeigt haben, dass Mut mit dem Stresslevel zusammenhängt. Mutigere Tiere haben demnach weniger oft und weniger stark Stress als nicht so mutige Tiere. Das könnte ein erster Hinweis darauf sein, dass Mut in gewisser Weise auch angeboren ist. Ich würde das aber mit Vorsicht genießen, ich halte Mut eher für erlernbar.

Und wie?
PEREIRA: Das beginnt bereits in der Erziehung: In der Kindheit ist es vor allem Modelllernen, man schaut sich das Mutigsein also von den Eltern, Geschwistern und Vorbildern ab. Aber auch im Erwachsenenalter kann man durchaus noch Mut lernen. Es gibt nicht nur in der Therapie unterschiedliche Trainingsmethoden, wie man lernen kann, mutiger zu werden und dabei ängstliches Verhalten zu überwinden.

Kann man mit Mut seine Ängste überwinden?
PEREIRA: Ja, gerade bei uns Psychologen spielt Mut in der Therapie eine wichtige Rolle. Aber man muss das häufig Schritt für Schritt tun. Man kann mit einem Patienten, der Höhenangst hat, oft nicht gleich in den 30. Stock auf einen Balkon gehen. Man fährt erst mal ins erste Stockwerk, schaut da runter und dann fährt mal zwei Etagen höher, um so immer mutiger zu werden. Mut muss sich auch erst im Laufe einer Therapie entwickeln, wobei allein schon der bewusste Schritt, sich in Therapie zu begeben, Mut erfordert.

Heißt das im Umkehrschluss: Feigheit ist das Gegenteil von Mut?
PEREIRA: Man kann sagen, das Gegenteil von Mut ist Angst, Mutlosigkeit oder Zaghaftigkeit. Mit Feigheit wäre ich vorsichtig, denn damit ist ja schon eine enorme Wertung verbunden. Nur weil jemand mutlos ist, ist er ja nicht automatisch auch feige. Eine feige Tat ist etwas Hinterlistiges, eine ängstliche Tat eher nicht.

Und was unterscheidet Mut von Tollkühnheit?
PEREIRA: Tollkühnheit bedeutet ja eher Leichtsinn oder Übermut. Das heißt also, dass man absichtlich das Risiko fehl oder überhaupt nicht einschätzt, und sich selbst und oder andere dadurch in Gefahr bringt. Es ist schon auch Mut, aber einer, der nicht sein muss. Es ist eher etwas, wo es um den Kick geht, wie zum Beispiel bei Extremsportarten.

Ist jeder Mutige auch tapfer?
PEREIRA: Ja, wobei Tapferkeit das Durchhaltevermögen beschreibt. Mut ist die Voraussetzung dafür, überhaupt etwas zu tun – Tapferkeit braucht man dabei, dieses Tun dann über längere Zeit auszuhalten und durchzustehen. Tapferkeit ist also eher etwas, das auf Mut folgt.

Hat Mut auch etwas mit Selbstbewusstsein zu tun?
PEREIRA: Ja, denn bei mutigen Taten geht es immer um Selbstvertrauen in einen selbst. Da steckt ja schon im Wort „trauen“ im Sinne von „sich trauen“ drin.

Wenn zu starkes Selbstvertrauen zu Geltungsbedürfnis wird, ist das auch noch Mut?
PEREIRA: Jemand, der sich etwas beweisen will und etwas Gefährliches oder Außergewöhnliches tut, kann dies auch durchaus tun, um sich und andere von etwas zu überzeugen. Das kann in ein übersteigertes Selbstwertgefühl münden – damit wäre es Tollkühnheit, nicht aber Mut.

Und was ist mit dem „Mut der Verzweiflung“?
PEREIRA: Diese Redewendung beschreibt eine Situation, in der man schon mit dem Rücken zur Wand steht und nichts mehr verlieren kann. Also wirft man alles, was man hat, in die Waagschale. Man packt also all seinen Mut zusammen – aus der Verzweiflung der Situation heraus. Die kleine Wahrscheinlichkeit, dass man die Situation noch zu seinen Gunsten drehen kann, macht einen dann mutig.

Die Trennlinie zwischen Mut aus Verzweiflung und Tollkühnheit ist sehr dünn, oder?
PEREIRA: Ja, das sehe ich auch so. Man reagiert in beiden Fällen mehr aus dem Affekt heraus, man ist spontan und wägt die Risiken des Handelns nicht so sehr ab.

Warum sollte man denn überhaupt mutig sein? Mut birgt ja meist auch Risiken . . .
PEREIRA: Die Frage ist doch: Will man etwas verändern, will man etwas Neues ausprobieren, will man mal die Erfahrung machen, keine Angst mehr zu haben? Das kann man auf das ganze Leben übertragen, oder auch auf die wirtschaftliche politische Situation im Moment. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, heißt es doch so schön.

Wann waren Sie denn das letzte Mal so richtig mutig?
PEREIRA: Das ist schon ein bisschen her. Damals ist vor mir ein Auto plötzlich ausgeschert und in den Graben gefahren. Ich habe angehalten und gesehen, dass es sich mehrmals überschlagen hatte. Ich bin hingelaufen um zu helfen, obwohl es gequalmt hat. In diesem Moment hatte ich ein unangenehmes Gefühl und Angst, weil man das ja aus Filmen kennt, dass qualmende Autos irgendwann explodieren. Trotzdem hab ich mir gedacht: „Ich geh' da jetzt hin.“ Gott sei Dank kam mir der Fahrer dann schon entgegen und war unverletzt.

Zivilcourage ist also auch Mut?
PEREIRA: Mut ist ein wichtiger Bestandteil von Zivilcourage – aber dazu gehört noch viel mehr. Man muss die Situation zunächst einmal wahrnehmen und sie dann noch als gefährlich einschätzen. Das ist nicht so selbstverständlich wie es klingt. Zu diesem Thema gibt es viele Studien: Beispielsweise weiß man, dass je mehr Leute herumstehen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich selbst eingreife. Oder auch: Wenn alle anderen nur herumstehen und nichts tun, interpretiere ich die Situation wahrscheinlich als ungefährlich und gehe weiter.

Großmut, Kleinmut, Hochmut, Sanftmut: alles Laster oder Tugenden. Ist Mut immer eine Tugend?
PEREIRA: Wenn ich da beispielsweise an den Extremsportbereich denke, wo man sich selbst immer wieder mit noch mutigeren Taten übertreffen will und es immer riskanter und gefährlicher sein muss, dann wird Mut zur Sucht – und damit wahrscheinlich auch zu einem Laster.

Mut ist in unserem Sprachgebrauch positiv besetzt, Angst eher negativ. Warum?
PEREIRA: Die westliche Gesellschaft ist in einem großen Maße durch Erfolg und Leistung geprägt, deshalb will natürlich niemand Angst vor irgendetwas haben. Darunter leiden sicher viele Menschen, denken Sie etwa an Robert Enke. Mit Depressionen sind oftmals auch starke Ängste verknüpft – und Enke wollte nicht, dass davon jemand weiß. Wohl auch, weil man in der harten Welt des Profifußballs eben ein ganzer Kerl sein muss: also angstfrei und mutig.

Es kann aber doch nur derjenige mutig sein, der auch seine Ängste kennt – und also auch Ängste hat?
PEREIRA: Richtig. Man ist ja nicht entweder mutig oder ängstlich – wie gesagt, jeder Mensch hat beide Seiten. Die Frage ist nur, welche der beiden Seiten am häufigsten durchschlägt.

Der gebürtige Brasilianer Philippe T. Pereira ist seit 2005 Diplom-Psychologe. Er promoviert und lehrt derzeit an der Universität Würzburg. Parallel dazu macht er am Institut für Verhaltenstherapie, Verhaltensmedizin und Sexuologie in Nürnberg eine Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten. Zuvor hat Pereira an den Universitäten Erlangen/Nürnberg und Würzburg studiert.

Mozart gibt den Takt vor

KITZINGEN Der Klavierbauer Seiler ist in den Konzertsälen der Welt zu Hause. Die Anfänge des Unternehmens gehen zurück bis ins Jahr 1849. Und solange schon stellen sich die Firmenchefs immer wieder die gleiche Frage: Gibt es das perfekte Klavier? Wenn Kurt Schäfer von Authentizität spricht, dann funkeln seine Augen. "Wir sind die größte und älteste deutsche Firma der Branche, die noch jedes ihrer Instrumente authentisch baut", sagt er. Der Name Seiler stelle immer noch das dar, was er verspreche: "100 Prozent deutsche Handwerkskunst." Andere Pianofortefirmen, auch die bekannten und renommierten, würden ihren Kunden über ihren Namen "oft nur Qualität vorgaukeln".

Kitzingen, Industriegebiet. Schön ist es hier nicht: Beton, Wellblech, Milchglas. Jedenfalls kein Ort, an dem man die Geburtsstätte für hochkarätige Konzertflügel und Klaviere vermuten würde, die in alle Welt verkauft werden. Doch schon draußen auf der Straße hört man, dass in dieser Fabrik keine Getriebeteile oder Wälzlager hergestellt werden. Ein durchdringender Ton dringt nach außen, immer und immer wieder. Und plötzlich legt jemand richtig los. Mozart? Ja, tatsächlich. Die kleine Nachtmusik. Morgens um zehn Uhr. Nach fünf sechs Takten ist Schluss.

Seit 1849 baut die Firma Seiler nun schon Pianos. Doch erst nach dem Krieg siedelte sie sich in Kitzingen an. "Unter Einsatz seines Lebens hat mein Mann die Modelle für die Flügel und die Klaviere über die grüne Grenze nach Westdeutschland gebracht", erzählt die verwitwete Firmeninhaberin Ursula Seiler. In renommierten Musikhochschulen, Konservatorien und großen Opernhäusern auf der ganzen Welt stehen inzwischen Instrumente aus Kitzingen - und trotzdem hat Seiler ein kleines Image-Problem, sagt Kurt Schäfer.
"Die Allgemeinheit kennt eher andere Marken, wenn sie an Klaviere oder Konzertflügel denkt", so Schäfer. Zwar sei man bei Musikern und Kennern durchaus für gute Instrumente bekannt, "aber selbst wenn wir einen besseren Flügel bauen als ein bekannterer Konkurrent, können wir für unser Instrument nicht annähernd den gleichen Preis verlangen". Das Produkt sei gut, das gute Image aber fehle. "Das ist auch der Grund, warum wir in den Ländern, in denen man seine Produkte nicht über Werbung und Image verkauft, bessere Geschäfte machen", so Schäfer.

Zu diesen Ländern gehört Osteuropa ebenso wie Russland. Im bekannten Bolschoi-Theater in Moskau stehen zum Beispiel nur Instrumente aus der Werkstatt in Kitzingen. "Ganz einfach, weil wir Substanz bieten", sagt Schäfer. Die Qualitätsanforderungen bei Seiler seien enorm hoch. Das Holz zum Beispiel, das für einen Flügel verarbeitet wird, müsse "mindestens sechs gleichmäßige Jahresringe pro Zentimeter haben", sagt Klavierbaumeister Joachim Leonardy: "Das ergibt den unverwechselbaren, transparenten Seiler-Klang, für den uns unsere Kunden lieben." Im Jahr 2005 hatte die Pianofortefabrik 110 Mitarbeiter und zwölf Auszubildende - der Jahresumsatz lag bei acht Millionen Euro, fast zwei Drittel davon macht Seiler im Ausland. Die wichtigsten Ziele für die kommenden Jahre seien "das gute Image bei den Fachleuten zu bewahren und zu festigen", erklärt Schäfer, "und bei den Endkunden bekannter zu werden". Denn Instrumente von Seiler seien für alle attraktiv, die zu Hause selbst ein Klavier haben wollen, meint der Marketing-Chef: "Wir bauen erstklassige Instrumente. Jetzt muss es nur noch jeder wissen."

Mehr als nur Lebensmittel

FULDA Für Wolfgang Gutberlet sind Lebensmittel mehr als Nahrungsmittel. Er ist Chef von 5700 Mitarbeitern, hat mit Hierarchie aber wenig am Hut. Auch Geld bedeutet ihm nicht so viel, das Kapital der väterlichen Firma hat er Anfang der 80er Jahre in eine Stiftung gesteckt. Gutberlet fördert seit mehr als 20 Jahren die Herstellung von Bioprodukten - nun machten ihn die Umweltstiftung WWF und das Wirtschaftsmagazin "Capital" zum "Ökomanager des Jahres".
 
Wenn Wolfgang Gutberlet über sein Unternehmen spricht, klingt das immer ein bisschen visionär: "Es gibt diese gewisse Suche nach dem Sinn der Dinge, die bei mir aus dem Christlichen heraus kommt." Was genau er damit meint, wird schnell klar, wenn er von der Verantwortung der Verbraucher beim Einkaufen redet: "Wir in Deutschland leben in einem ganz enormen Überfluss. Aber die Qualitätsfrage haben wir nie richtig beantwortet."

Vielmehr gehe es der Industriegesellschaft bloß darum, möglichst viele Produkte möglichst billig herzustellen. "Das ist nicht meine Sicht der Dinge". Sein Denken wurde maßgeblich Anfang der 80er Jahre geprägt. Zu dieser Zeit lebte er mit seiner Frau und seinen Kindern auf einem kleinen Bauernhof im Umland von Fulda: "Sieben Hektar Wiese und 16 Angus-Rinder", schwärmt der tegut-Chef.

"Jeder kriegt das zu essen, was er will."
Wolfgang Gutberlet tegut-Chef

Damals kam er zum ersten Mal mit einem ökologisch arbeitenden demeter-Bauernhof in Berührung. "Die haben mit Behinderten gearbeitet; und mich hat beeindruckt, wie die mit Lebensmitteln umgegangen sind." Von diesem Zeitpunkt an hatte Gutberlet eine Vision: Er war überzeugt vom Bio-Gedanken und wollte ihn der breiten Masse, seinen Kunden, zugänglich machen. Für den Unternehmer stand es außer Frage, von heute auf morgen komplett von konventionellen auf ökologische Lebensmittel umzusteigen. "Das geht nicht Hauruck." Vielmehr brauche man Zeit und Standfestigkeit, um seine Ideen zu vermitteln. "Das Schwierigste war damals, überhaupt Bioprodukte zu bekommen. Einmal habe ich einem Bauern Kühe gekauft, damit wir Milch hatten."

Hinter Gutberlets Bio-Mission steht die Idee der kontinuierlichen Entwicklung. "Man muss die Menschen langsam davon überzeugen, dass das, was man vor hat, auch richtig ist." Deshalb tastete sich der tegut-Chef langsam in die zu Beginn der 80er Jahre kleine Bio-Nische hinein: "Zuerst haben wir Brot aus ökologischen Rohstoffen hergestellt." Mittlerweile reichen die Biobackwaren für 100 000 Menschen. Würden sie konventionell erzeugt, "kämen jährlich 170 Tonnen Stickstoffdünger mehr auf die Felder", erläutert Gutberlet.
Den Backwaren folgten Gemüse, dann Fleisch, Wurst und Käse: "Meine Idee war, das Lebensmittel wieder zu Lebens-Mitteln werden."

Anfangs wurde Gutberlet auch im eigenen Haus belächelt, doch der große Erfolg der tegut-Märkte gibt ihm heute Recht: "Wir haben das mal statistisch auswerten lassen", sagt der 61-Jährige: "In den Regionen und Gegenden, in denen wir vertreten sind, essen die Leute deutlich mehr Bioprodukte als anderswo." Man habe sie sensibilisiert. Für Gutberlet ist dieses schrittweise Umdenken der Konsumenten auch ein ganz persönlicher Erfolg: "Nicht alle unsere Kunden haben die gleiche Meinung wie ich", sagt er, "und weil wir Kaufleute sind und den Menschen das geben, was sie wollen, finden sich in tegut-Läden auch Dinge, die ich persönlich nicht kaufen und essen würde." Doch es gibt Grenzen: Gentechnisch veränderte Lebensmittel werden bei tegut nicht verkauft, ebenso Ware, "die offensichtlich durch Ausbeutung von Mensch und Tier hergestellt wurde", stellt Gutberlet klar. Er klingt streng. Zu der Diskussion um Gammelfleisch fällt ihm nicht viel mehr als ein Kopfschütteln ein. "Jeder kriegt das zu essen, was er will - und was er verdient." Die Profitgier und die blanke Not mancher Lebensmittel-Produzenten seien dafür verantwortlich, dass immer schlechtere Qualität auf den Markt gelange.

"Wenn ich einen Liter Milch für 39 Cent kaufe, kann ich doch nicht ernsthaft erwarten, dass mir diese Milch noch gut tut." Billiger werde von vielen Käufern per se als eine Optimierung angesehen. Ein fataler Trugschluss in Gutberlets Augen. In einem Radius von etwa 150 Kilometern rund um Fulda stehen mittlerweile tegut-Läden. Doch weiter wachsen will der Ökomanager nicht.

Der Impulsgeber

IGERSHEIM Immer wieder macht die Wittenstein AG bundesweit von sich reden. Doch wer steckt hinter dem so erfolgsverwöhnten Unternehmen aus dem Taubertal. Nein. Jammern ist so gar nicht seine Sache. Manfred Wittenstein ist einer, der nicht gleich den Kopf in den Sand steckt, wenn es mal brenzlig wird. So wie damals, vor 25 Jahren, als er die Firma von seinen Eltern übernommen hat.

Da hieß die Wittenstein AG noch Dewitta und produzierte keine komplexen Getriebe oder Motoren, sondern einfach Nähmaschinen. Und genau das war das Problem. Denn Nähmaschinen aus Deutschland waren zu teuer. Manfred Wittenstein tat dann genau das, was er heute von und bei seinen Mitarbeitern fordert und fördert: denken, denken, denken - und neugierig sein. Wittenstein junior krempelte das Produkt-Portfolio des elterlichen Unternehmens komplett um - auf der Suche nach einer Marktlücke blieb er schnell bei spielarmen Planetengetrieben (siehe Stichwort) hängen. Und diese begründeten den Erfolg seiner Firma.

Seit Manfred Wittenstein das Ruder in der Hand hält, läuft bei der Wittenstein AG einiges anders, als in so manch anderem Unternehmen. "Wir haben eine klare Vorstellung davon, was uns wichtig und wertig ist", sagt der Chef. Und mit "uns" meint er nicht etwa den Aufsichtsrat, sondern alle Mitarbeiter: vom Mechatronik-Auszubildenden im ersten Lehrjahr über den Maschinenbau-Ingenieur bis hin zu sich selbst. Die Wittenstein AG - irgendwie eine große Familie. "Diese Unternehmensphilosophie definiert, wie wir miteinander und mit den Kunden umgehen."

Konkret bedeutet diese Denkart des Chefs für all seine Mitarbeiter: Es gibt einen firmeneigenen Fitnessraum, den jeder jederzeit benutzen kann. Es gibt ein firmeneigenes Beach-Volleyballfeld. Einen Grillplatz. Den Weltgarten, mit exotischen Pflanzen. Und nicht zu vergessen das firmeneigene Fortbildungszentrum: die Wittenstein Akademie. Wieso leistet sich ein Unternehmen mit knapp 980 Mitarbeitern all so etwas eigentlich? Eine Frage, die Manfred Wittenstein sich in dieser Form selbst nie stellen würde, weil sie seinen Ansichten zuwider läuft. Denn der Motor der Wittenstein AG ist die Innovation. "Wer etwas Neues machen will, der muss sich selbst permanent erneuern", sagt er, "denn die Haltbarkeit von Wissen beträgt nur sieben Jahre". Aus dieser Überlegung heraus verkauft die Firma aus dem baden-württembergischen Igersheim auch kein Produkt, das älter als fünf Jahre ist.

"Wenn Nähmaschinen aus Deutschland zu teuer werden, muss eben ein anderes Produkt her"
Manfred Wittenstein

Dieser permanente Wandel und die Weiterentwicklung der Produktpalette, die stete Innovation, das sind für Manfred Wittenstein die Quintessenzen des erfolgreichen Unternehmertums. "Ich bin hundertprozentig der Meinung, dass es dem Standort Deutschland besser gehen würde, wenn alle dem weltwirtschaftlichen Wandel so begegnen, wie wir das tun", sagt er selbstsicher - und hat allen Grund dazu. Der Umsatz der Wittenstein AG steigt jedes Jahr im zweistelligen Bereich, außerdem werden zehn Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert.

"Man muss aber eben auch den Fakten emotionslos ins Auge schauen: Wenn Nähmaschinen aus Deutschland zu teuer werden, muss eben ein anderes Produkt her", sagt Manfred Wittenstein. Klagen und Jammern über zu hohe Lohnkosten helfe nichts - und Lohndumping erst recht nicht. Unzufriedene Mitarbeiter wollen schließlich keine Verantwortung übernehmen, sind wenig kreativ. Dass dieses Konzept aufgeht, sieht man an der großen Zahl von Patenten, die die Wittenstein AG anmeldet. Oder an Auszeichnungen. 2003 war Wittenstein bundesweit "Arbeitgeber des Jahres."

Durch das besondere Betriebsklima bei der Wittenstein AG, durch die etwas andere Unternehmens- und Produktphilosophie hat sich das einst überschaubare Familienunternehmen binnen 25 Jahren zum "Global Player" entwickelt - Planetengetrieben, Miniaturmotoren und mitwachsenden Knochenimplantaten sei Dank. Hierarchie spielt dabei keine Rolle. "Ich muss ebenso für meine Ideen werben wie jeder andere Mitarbeiter", sagt Manfred Wittenstein: "Ich sitze nicht im Büro und entscheide da vor mich hin."


Stichwort: Planetengetriebe

Der Wandlung des Familienunternehmens Dewitta zur Wittenstein AG begann 1983 mit der Präsentation des ersten spielarmen Planetengetriebes. Diese Getriebe, die überall dort eingesetzt werden, wo präzise und hochdynamisch positioniert werden muss (zum Beispiel bei der Produktion von Halbleitern), waren so erfolgreich, dass schon kurz nach der Messe eine eigenständige Tochterfirma für Getriebebau gegründet wurde.

Der dritte Mann auf dem Müllauto

WÜRZBURG Jürgen Scheuermann reibt sich seine müden Augen. Gestern ist es später geworden. Ein Film - im Fernsehen. Dann steht er auf, schlurft zielstrebig in Richtung Kaffeeautomat. Als der Kasten fertig gebrummt hat, schnappt sich Jürgen Scheuermann die dampfende Tasse und geht zurück an seinen Platz. Und wartet. Genau wie alle anderen hier. Draußen ist es dunkel, die Stadt schläft. Ihre Müllmänner indes sind längst auf den Beinen.

Es ist 5.30 Uhr. Dienstbesprechung in der äußeren Aumühlstraße. Knapp 80 orange gekleidete Männer sitzen im hell erleuchteten Speisesaal der Kantine und lassen sich vorlesen, welche Tour für sie heute ansteht und mit wem sie unterwegs sein werden. "Scheuermann, Göpfert, Staffen, Strütt", sagt der Mann im schwarzen T-Shirt. Jürgen Scheuermann guckt verdutzt. Uwe Göpfert kennt er bestens. Volker Strütt auch. Aber Staffen? Wer ist das? "Der Mann da hinten, von der Mainpost. Der arbeitet heute bei euch mit. Als dritter Mann", erklärt ihm sein Chef.

"Na dann. Auf geht's", sagt Jürgen Scheuermann, grinst, und läuft los. Zum Müllauto. Volker Strütt sitzt hinterm Lenkrad, dreht den Schlüssel um und der riesige Brummi zuckelt los. Heute ist der Biomüll in der Sanderau dran. "Weißt du eigentlich, wie das geht", fragt Uwe Göpfert den Reporter. Der schüttelt heftig den Kopf. "Kriegen wir alles hin", sagt Jürgen Scheuermann. Das Müllauto biegt nach rechts vom Stadtring in die Sieboldstraße ab, dann nach links in die Friedensstraße. Hier beginnt der Arbeitstag für die zwei Müllmänner, den Fahrer - und mich.

Uwe Göpfert lässt den rechten Greifarm des Müllautos herunter und stellt eine braune Biotonne direkt davor. "Du musst das Ding hier einhaken", erklärt er und deutet auf den Rand der Tonne. Dann zieht er den Hebel zu sich, die Tonne hebt sich, wird in den Wagen ausgekippt. Uwe Göpfert bewegt den Hebel ein paar mal vor und zurück, die braune Tonne schnalzt ein paar Mal hin und her, der letzte Rest des klebrigen Biomülls fällt raus. "So - und jetzt du", sagt Uwe und deutet auf die nächste Biotonne. Okay. Ich gehe hin, packe die Tonne. Und nichts passiert.

Himmelherrgott! "Was ist?" Uwe Göpfert steht da und wartet auf die Tonne und den Reporter. "Moment", stöhnt der, "ich hätte ja nicht gedacht, dass die Dinger so schwer sind". Doch das Umherwuchten der randvollen Tonnen ist nicht das einzige Problem. Noch viel schwieriger ist es, die Mülltonne so an den Greifarm zu hängen, dass sie auch richtig fest hält - und nicht zurück auf die Straße oder sogar in den Müllwagen fällt und von der Müllpresse zermalmt wird. "Man kriegt schnell raus, wie das geht", sagt Uwe und läuft schnurstracks zur nächsten Tonne.

"Wo ist eigentlich Jürgen hin", frage ich Uwe. "Der geht uns voraus und schiebt die Tonnen an den Straßenrand", sagt Uwe. Bis zu 15 Meter müssen die Mitarbeiter der Müllabfuhr in die Innenhöfe und Vorgärten der Anwohner hinein laufen und die Tonnen herausholen - und nach dem Entleeren auch wieder dahin zurückstellen. Das ist im Preis enthalten. Wenn die Tonne weiter weg steht, muss man sie entweder selbst an die Straße stellen, oder einen Aufschlag bezahlen. Ich ziehe die nächste Biotonne zum Müllauto. Schwerstarbeit für einen Schreibtischtäter.

Eine Stunde später klappt alles schon ganz gut: Mittlerweile habe ich den Dreh raus, wie man die Tonnen gut ans Auto wuchten und einhaken kann. Und einer meiner Kindheitsträume hat sich erfüllt: Einmal hinten auf so einem Trittbrett am Müllauto durch die Stadt kurven. Ein Riesen-Spaß. Doch vor lauter "Routine" passiert es mir dann: Die Tonne war nicht richtig eingehakt, ich habe sie zu schwungvoll nach oben fahren lassen, sie ist aus dem Arm gerutscht und liegt in der Ladefläche. "Die muss man rausholen", erklärt Uwe. Also steige ich rauf und ziehe.

Das Müllauto mit Volker, Uwe und mir fährt quer durch die Sanderau: An der Adalberokirche vorbei, Amalien-, Schiller- und Bentheim-Straße. überall stehen die braunen Tonnen am Straßenrand. Ab und zu sieht man ganz am anderen Ende der Straßen Jürgen Scheuermann in seinem orange-farbenen Dress Tonnen aus den Hauseingängen ziehen. Der Müllwagen steht mitten in einer engen Gasse, dahinter bildet sich eine kleine Autoschlange. Plötzlich beginnt einer wild zu hupen. Uwe schüttelt den Kopf, leert seine Tonne aus und zündet sich eine Zigarette an.

"Was die immer für einen Stress haben", sagt Uwe. Er ist ein alter Hase bei der Müllabfuhr. "Ich weiß schon gar nicht mehr, wie lange ich dabei bin." Ziemlich lange jedenfalls. Den Würzburger Stadtplan hat er stets vor Augen, er kennt fast jede Straße. Inzwischen ist es kurz nach 9 Uhr. Zeit für die Brotzeitpause. Volker Strütt parkt seinen Müllwagen am Straßenrand, dann geht er ins Stehcafé auf eine Tasse Kaffee. Gut eine Viertelstunde später geht's wieder los. Dem Reporter wird es zum ersten Mal speiübel: Die Biotonne einer Wirtschaft stinkt erbärmlich.

"Man gewöhnt sich dran", sagt Uwe. Aber manchmal wird auch einem erfahrenen Mann wie ihm noch schlecht: "Wenn’s im Sommer über 30 Grad hat, dann riecht es ab und zu schon echt unangenehm." Das Müllauto biegt in die Neubergstraße ab. Viele Mehrfamilienhäuser gibt es hier, also auch viele schwere Gemeinschaftstonnen. Mir tun langsam die Füße weh, und auch die Hände schmerzen ein bisschen. Was die Jungs jeden Tag leisten, ist mehr als beachtlich. "Klar, der Rücken tut abends schon mal weh", sagt Jürgen. Aber auch daran gewöhne man sich.

Viel schlimmer als der Gestank und die körperlich harte Arbeit ist aber, dass den Mitarbeitern der Müllabfuhr oft so wenig Respekt und Achtung gezollt wird. Zwar winken kleine Kinder den beiden Männern oftmals lächelnd zu und würden wohl selbst gerne mal hinten auf dem Trittbrett stehen; aber sobald sie älter sind, gucken sie einfach weg. Und die Erwachsenen sowieso. Der Reporter hat es selbst erlebt. Bekannte, die ihn ansonsten auf der Straße grüßen, schauen ihn nicht an, gehen an ihm vorbei. Ist man ein anderer Mensch, bloß weil man Orange trägt?

Plötzlich beginnt es zu regnen. "Das muss doch jetzt nicht sein", sagt Uwe. Die heutige Tour ist schließlich schon fast vorbei. Uwe zieht sich seine Regenjacke über und macht weiter. Ich auch. Die Kleidung ist zwar wasserdicht, meine Handschuhe aber nicht - nach ein paar Minuten sind meine Hände triefnass. Aber es hilft nichts. Der Müll muss ja weg. Inzwischen ist es halb zwölf. Die letzte Tonne für heute. Uwe, Jürgen und ich setzen uns zu Volker ins Führerhaus, der Brummi tuckert los. Jetzt muss der ganze Müll noch zum Kompostwerk gebracht werden.

431 große und kleinen Mülltonnen haben Uwe Göpfert, Jürgen Scheuermann und ich ausgeleert. Nur ein Mal hat der neue Metalldetektor am Auto ausgeschlagen. Dafür bekamen die Tonnen-Inhaber eine gelbe Karte. Piepst der Detektor noch einmal, weil er Metall im Biomüll entdeckt hat, bleibt die Tonne ungeleert stehen. Mehr als 5500 Kilo Biomüll hat allein unser Müllwagen an diesem Tag geladen. "Ging ja doch ganz zügig heute", meint Jürgen. "Hast gut gearbeitet", sagt Uwe zu mir. Irgendwie macht mich das ein bisschen stolz - so als Schreibtischtäter.



Daten & Fakten: Die Stadtreiniger

Die Stadtreiniger sind ein Eigenbetrieb der Stadt Würzburg - sie kümmern sich in ganz Würzburg um alles, was schmutzig ist und Dreck macht: Pro Jahr kehren die 69 Mitarbeiter der Straßenreinigung knapp 42000 Kilometer mit 13 großen und kleinen Kehrmaschinen im Stadtgebiet, der Winterdienst sorgt für schneefreie Straßen und die mehr als 100 Mitarbeiter der Abfalldienste leeren wöchentlich rund 68000 Papier-, Bio- und Restmüllbehälter im Stadtgebiet aus und entsorgen auf diese Weise etwa vier Millionen Liter Abfälle pro Jahr. Insgesamt arbeiten bei den Stadtreinigern 250 Menschen, der jährliche Bruttoumsatz lag vor einem Jahr bei ca. 23 Millionen Euro. das

Erst Zorn, dann Resignation

ALTSTADT Wie eine Kämpfernatur sieht Helmut Fries nicht gerade aus. Dabei hat der 61-Jährige bis zur letzten Minute in alle Richtungen gestrampelt. Der Rektor hat alles versucht, um aufzuhalten, was nicht mehr aufzuhalten war. Ende Juli wird die Hauger Volksschule in der Wallgasse geschlossen. "Meine Schule", wie er mit zitternder Stimme sagt. Der Grund: eklatanter Schülermangel. Damit geht eine 40-jährige Schulgeschichte zu Ende.

Helmut Fries will gefasst wirken; wie ein Profi eben. Doch man merkt, wie sehr ihn die Sache beschäftigt. Woher soll ein Schulleiter auch wissen, wie man sich in so einer Situation verhält? Kein Rektor übernimmt sein Amt mit dem Ziel, seine Einrichtung abzuwickeln. Doch genau das muss Helmut Fries jetzt tun.Und er erzählt von dieser Belastung nicht ohne unbeabsichtigten Galgenhumor. Vor einigen Wochen, so sagt er, seien schon Leiter anderer Schulen bei ihm gewesen: "Die haben geguckt, was sie für ihre Schule von uns noch brauchen können."

Nicht im Groll gehen

Helmut Fries will nicht im Groll gehen. Auch das Abschiedsfest der Schule am 24. Juli soll bloß keine Trauerfeier werden. Man wolle sich an die schönen Momente zurückerinnern. Doch leicht fällt ihm und seinen Kollegen das nicht. "Die wissen noch nicht, wo sie ab dem kommenden Schuljahr eingesetzt werden", beschreibt der Rektor die Situation der Lehrerinnen und Lehrer. Trotzdem: Das Abschiedsfest soll toll werden. "Wir wollen nicht sang- und klanglos untergehen. Die Leute sollen nach diesem Fest sagen: Wahnsinn! War das eine tolle Schule."

Seit Wochen schon wird das Fest vorbereitet. Es soll eine ökumenische Feier geben, der Schulleiter und auch die Kollegen sollen offiziell verabschiedet werden. Anschließend gibt es etwas zu essen, danach viel Programm. Eine ehemalige Handballmannschaft des Jahrgangs 1981/82 will gegen eine Auswahl der Hauger Schule antreten, die einstige Schülerband "Crazy Devils" erlebt an diesem Tag ein kurzes Revival - und viele ehemalige Schülerinnen und Schüler sollen beim Abschiedsfest zugegen sein. Das wünscht sich zumindest Rektor Helmut Fries.

Im Lehrerzimmer der Schule hängen Zeitungsausschnitte aus den 60er Jahren: "Stift Haug bekommt eine Schule" titelte die MAIN-POST, nachdem Stadtrat und Regierung grünes Licht für den Neubau gaben.

Helmut Fries kam vor acht Jahren an die Hauger Volksschule. Damals gab es noch mehr als 250 Schüler in allen neun Klassenstufen. Heute sind es gerade mal 140 Schüler in nur sechs Klassen. Eine erste, zweite und fünfte Klasse gibt es gar nicht mehr. "Das sind natürlich ganz gewichtige Argumente für eine Schließung", räumt Rektor Fries ein. Was ihn und sein elfköpfiges Kollegium wurmt, ist die Tatsache, dass man der Schule im Herbst 2003 nochmals Mut gemacht hat. Um die drohende Schließung abzuwenden, hatte das Kollegium ein Konzept ausgearbeitet. Die Hauger Schule und die Christophorus-Schule für behinderte Jugendliche, die seit zehn Jahren zusammenarbeiten, wollten eben diese Kooperation verstärken.

Die Hauger Schule wollte eine Erlebnis-, eine Angebotsschule werden und ihr Profil mehr herausstellen: "Sich wohl fühlen und etwas leisten" wurde zum Wahlspruch gemacht. Die Regierung und das Schulamt waren von dem Konzept angetan. Umso härter traf Helmut Fries im Dezember die Nachricht von der unabwendbaren Schließung der Schule. Betroffenheit, Zorn, Unverständnis und schließlich Resignation machte sich unter den Lehrkräften breit. "Für mich ist das eine schwer zu ertragende Situation", sagt Fries: "Ich gehe in den frühzeitigen Ruhestand und weiß, dass diese Schule nicht mehr weiterleben wird." Seine Schüler werden auf die umliegenden Schulen verteilt, die Grenzen des Schulsprengels neu gezogen.

Unterschriften halfen nicht

Was mit dem Gebäude passiert, das weiß Helmut Fries nicht. Es soll wohl eine übergangsphase geben, in der die Räumlichkeiten vom Riemenschneider- und Siebold-Gymnasium genutzt werden sollen. Die Christophorus-Schule indes wird in der Hauger Schule nicht mehr zu Gast sein. Denn die integrativen Angebote der Hauger Schule, das Miteinander von Kindern mit und ohne Behinderung, sind passé. Da half auch die Unterschriftensammlung nichts mehr, die Fries' Schüler vor zwei Monaten gestartet hatten: "Die wollen ihre Schule nicht hergeben."

Doch das bayerische Schulgesetz will es anders. Es schreibt ausdrücklich vor, dass Schulen, "die nicht mehr alle Jahrgangsstufen umfassen", aufzulösen sind. Emotionen für eine Schule? Dafür ist im Gesetz kein Platz.

Mächtig viel Spaß im Matsch

"Schießen, das ist ein toller Tagesabschluss", sagt Kathleen Rehfeld-Zerahn und lächelt. Wenn man die zierliche Frau in ihrem Rock, den Stöckelschuhen und den hoch gesteckten Haaren anschaut, glaubt man kaum, dass sie das ernst meint. "Ehrlich, das beruhigt ungemein, weil man sich dabei so extrem konzentrieren muss." Aber Kathleen schießt nicht einfach so zum Spaß. Kathleen ist Leutnant der Luftwaffe und Schießen gehört zu ihrem Beruf. Seit mehr als fünf Jahren ist sie bereits Soldatin bei der Bundeswehr.

Die 61 Mädchen lauschen ganz gespannt, wenn Kathleen erzählt. Es ist Donnerstag morgen, "Girls' Day" in der Veitshöchheimer Balthasar-Neumann-Kaserne. An diesem Donnerstag sollen sich Mädels von der fünften bis zur zehnten Klasse in Betrieben, ämtern und eben auch bei der Bundeswehr mal ohne Jungs im Schlepptau umsehen dürfen. Schließlich muss frau ja wissen, was sie später beruflich machen will. Für Kathleen stand das schon lange fest. Und so hat sie im Januar 1999 direkt nach dem Abitur mit der Grundausbildung in Bayreuth begonnen. Mit allem, was dazugehört - im Matsch-Robben inklusive.

"Die Grundausbildung ist hart", gibt Kathleen zu, "aber hinterher ist man unglaublich stolz, dass man das alles geschafft hat". Und "geschafft" ist dafür das absolut richtige Wort. Denn bei der Bundeswehr bekommt niemand etwas geschenkt. Nur weil man eine Frau ist, ist das Marschgepäck nicht leichter. "30 Kilo Gepäck schleppen ist eine Herausforderung. Aber es ist eine, die man bewältigen kann." Die Mädchen staunen.

Das Aussehen der jungen "Leutnantin" passt gar nicht zu dem typischen Soldatinnen-Bild. Kathleen ist kein Mannsweib. Ihr Aussehen passt viel besser zu dem, was sie seit zehn Semestern im Rahmen ihrer Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr studiert: Zahnmedizin. Die junge Frau steht kurz vor dem Examen, ihr Studium hat sie so schnell wie möglich durchgezogen. Geheiratet hat sie in der Zwischenzeit übrigens auch noch, ihren Mann hat sie bei der Bundeswehr kennengelernt. Kathleen hat ihr Leben im Griff. Und genau das ist auch die Botschaft, die Jugendoffizier Christopher Gruhn den 61 Mädels mit auf den Weg geben will: Die Bundeswehr bietet euch Perspektiven.

Werbung für die Bundeswehr will Hauptmann Gruhn am "Girls' Day" aber nicht machen, so sagt er jedenfalls. Dafür sind andere Leute zuständig. Aber wer sich derart für seinen Arbeitgeber begeistert, der kommt nicht umhin, auch für ihn zu werben. Christopher Gruhn erzählt von seiner Ausbildung zum Offizier, zum Einzelkämpfer, von seinem Besuch der US- Militärakademie West Point in New York - und viele der Mädels sind ganz angetan. Es stimmt also doch: Soldaten haben auf das weibliche Geschlecht noch immer eine anziehende Wirkung. Unabhängig davon, dass frau mittlerweile selbst berechtigt ist, Olivgrün zu tragen.

Die Bundeswehr gibt sich an diesem Donnerstag viel Mühe, mit Vorurteilen, die über die Armee existieren, aufzuräumen. Sie will nicht länger verstaubt wirken, nicht mehr als reine Männerorganisation gelten - und trotzdem fällt ihr genau das schwer. Zum Beispiel als Jugendoffizier Gruhn sehr umständlich und ein wenig oberlehrerhaft versucht, den Mädels zu erklären, wozu es die Bundeswehr braucht. Dass Kathleen immer wieder erzählt, die Bundeswehr sei auch deshalb so toll, weil man sich hier nicht schminken und sich keine Gedanken um die Kleidung machen muss, ist klischeehaft.

Klar ist: Die Bundeswehr will junge, kompetente Leute für sich gewinnen. Vor allen Dingen junge Frauen. Die sind nämlich schon jetzt, wenige Jahre nach dem Fall des Männermonopols, nicht mehr wegzudenken - sagen die Männer, die mit Soldatinnen zusammenarbeiten. Oberfeldwebel Christian Kämpfer ist so einer. Er arbeitet bei den Feldjägern, also der deutschen Armeepolizei. Eine Truppe, bei der besonders viele Frauen tätig sind, weil das die tägliche Feldjäger- Arbeit im In- und Ausland erfordert. Kämpfer arbeitet gern mit Soldatinnen zusammen: "Die Frauen machen ihren Job wie alle anderen Männer auch."

Mag sein, dass auch einige der 61 Besucherinnen später mal Karriere bei der Bundeswehr machen wollen. Die 16-jährige Verena Hemm kann sich das zumindest vorstellen: "Ich bin so begeistert von der Gemeinschaft, die unter den Soldaten hier existiert." Das Einzige, was sie abschreckt, ist die lange Zeit, für die man sich verpflichten muss. Und die Tatsache, "dass man jederzeit in eine andere Gegend versetzt werden kann."