Schiffe bauen, das ist wie Kuchen backen

GIEBELSTADT Schiffe bauen, das ist ein bisschen wie Kuchen backen. Sagt jedenfalls Rudolf Müller. Und der muss es wissen. Schließlich ist er stellvertretender Geschäftsführer der modernsten Sportbootwerft der Welt: Der Bavaria Yachtbau im kleinen örtchen Giebelstadt bei Würzburg. Aber zurück zum Rezept: Die Form gut wachsen, alles mit Kunstharz ausspritzen und anschließend mehrere Lagen Glasmatten aufkleben. Fertig ist der Rumpf.

Traditionellen Bootbauern läuft es bei dieser Beschreibung kalt den Rücken herunter. Eine Yacht vom Fließband? Segelschiffe als Massenprodukt? Für viele undenkbar. Nicht für Winfried Herrmann, Chef der Bavaria-Werft. Er hat vor Jahren schon die Modulbauweise der Autoindustrie übernommen. Das heißt: Rumpf sowie Deck werden in der Werft gefertigt, dann diverse Bauteile in die zwei Hälften eingebaut. Erst ganz zum Schluss werden beide Teile zusammengefügt. Pro Tag verlassen dank dieser Bauweise elf Segel- und drei Motorboote die Werft.

Bavaria ist Hightech. Nur wenig würde auf dem 60.000 Quadratmeter großen Produktionsgelände funktionieren, wenn die computergesteuerten Fräsen oder das eigens entwickelte Fördersystem für Rümpfe und Decks ausfallen würde. Anfangs wurde die unterfränkische Werft belächelt. Ein Billiganbieter für Luxusprodukte. Für traditionelle Yachthersteller in Europa war es undenkbar, dass man mit dieser Taktik Erfolg haben kann. Aldi verkauft ja auch keine Diamanten. Heute hat die Bavaria bei Yachten von 30 bis 45 Fuß Länge 26 Prozent Weltmarktanteil.

"Unsere Philosophie ist: Wir machen es anders als die anderen", sagt Rudolf Müller. Er tut es gebetsmühlenartig, als sei es wirklich sein ganz persönliches Credo. Der Erfolg gibt Bavaria recht. Der Gesamtumsatz stieg von rund 38 Millionen Euro im Geschäftsjahr 1997/98 auf mehr als 195 Millionen Euro für 2003/04. In dieser Zeit erhöhte sich die Zahl der gebauten Schiffe von 515 auf 2492, Tendenz stark steigend. Derzeit beschäftigt die Bavaria 608 Mitarbeiter, vor fünf Jahren waren es gerade mal 218. Die Personalkosten sanken derweil auf 10,64 Prozent.

"Unser Rezept ist: dank der industriellen Fertigung erzielen wir ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis", so Müller: "Und das geben wir natürlich gerne an unsere Kunden weiter." Im Klartext heißt das: Die teuerste Bavaria-Yacht, eine "Cruiser 50" mit 15,40 Metern Länge kostet rund 219.000 Euro. Würde man solch eine Segelyacht bei einem anderen Hersteller kaufen, wäre sie mindestens 25 bis 30 Prozent teurer - bei gleicher Ausstattung. Der Grund für diesen Unterschied ist in den Werkshallen zu suchen; im taktgesteuerten, voll durchgeplanten Betriebsablauf.

Auftragsbezogen werden stündlich ein neuer Rumpf und ein neues Deck gefertigt, anschließend werden die Teile dann vollautomatisch von Station zu Station befördert. überall bekommen sie eine neue Schicht Glasfasermatten verpasst, an manchen Stellen (wo später die Belastung besonders groß sein wird) auch ein bisschen Schaumstoff. Kurz nach 12 Uhr geht durch die Werkshalle ein Ruck - mal wieder. Ein Stationswechsel. Es quietscht, es rattert, plötzlich kommt ein Rumpf um die Ecke. Nun wird er von einem millionenschwerer Roboter zurechtgestutzt.

Rudolf Müller schreitet durch die hauseigene Schreinerei: "Hier werden alle Teile der Inneneinrichtung gefertigt und vormontiert." Knapp hundert Meter weiter sind andere Mitarbeiter damit beschäftigt, die fertigen Küchen und Schränke auf die Schotten zu setzen. Wenn Rumpf und Deck zusammengesetzt sind, wird die fertige Yacht noch poliert. Schließlich soll sie glänzen, wenn sie ihr Besitzer erstmals zu sehen bekommt. Glänzen, das soll auch die Bavaria-Werft noch lange: "Wir wachsen weiter. Vor allem dank unserer Motorboote", ist Müller überzeugt.

Erst seit ein paar Jahren tummelt sich die Bavaria auch in diesem Fahrwasser. Und auch hier hat sie mit ihrer sehr eigenwilligen Bootbauweise auf Erfolgskurs. In nur fünf Jahren stieg der Absatz von Motorbooten um knapp 300 Prozent, im vergangenen Geschäftsjahr haben 750 Motoryachten die Werft verlassen. Den Konkurrenten kann es bei solchen Zahlen nur mulmig werden. Die Unterfranken wühlen den Bootmarkt seit Jahren kräftig auf, Bavaria hat mit seiner industriellen Bauweise den Yachtbau revolutioniert; weit weg vom Meer, aber mitten in Europa.