Evangelischer Pressedienst

Seelsorgen, wo andere Urlaub machen

Fuchsmühl/Fanø (epd). Eigentlich ist Otto Thinschmied seit einem Jahr im Ruhestand. Doch wenn im Sommer viele Deutsche wieder das Reisefieber packt, zieht es den Pfarrer aus der Oberpfalz zurück auf die Kanzel. Seit 30 Jahren tut der heute 65-Jährige Dienst als Urlaubspfarrer, einstmals im Allgäu, seit fünf Jahren nun schon auf der dänischen Nordseeinsel Fanø. Während Urlauber mit Strandmatten und Sonnencreme anreisen, hat der Pfarrer aus Fuchsmühl in der Oberpfalz seinen Laptop und Talar im Gepäck.

Dass es den evangelischen Pfarrer nach Nordby auf Fanø verschlagen hat, ist absoluter Zufall. Sein Sohn hatte mit sechs Jahren eine schwere Angina - die Ärzte rieten zum Auskurieren einen längeren Aufenthalt an der See. Deshalb reiste Thinschmied mit seiner Familie 1982 erstmals als Urlaubsseelsorger nach Nordby. Von Juli bis September hält er seither in der Kirche des Inselortes deutschsprachige Gottesdienste, freilich nicht nur für deutsche Protestanten. "Jeder ist willkommen", sagt er.

Zum Wochenprogramm eines Urlaubpfarrers gehören ein Gottesdienst und eine weitere Veranstaltung. "Das kann ein Liederabend sein, aber auch eine abendliche Strandandacht oder ein Pfannkuchenessen", sagt Thinschmied. Neben den deutschen Touristen kommen auch Schweizer, Österreicher oder Holländer - und auch Dänen sind darunter. "Und das, obwohl ich kein Wort Dänisch kann", berichtet der 65-Jährige. "Manche kommen, um Deutsch zu lernen oder ihre Kenntnisse aufzufrischen."

Und auch die Konfessionen sind bunt gemischt. Katholische Messen in deutscher Sprache gibt es auf der dänischen Insel nicht, deshalb sind auch viele Katholiken unter seinen Gottesdienstbesuchern. "Wie sich das Publikum zusammensetzt, merkt man beim Glaubensbekenntnis", sagt Thinschmied. Statt von der heiligen christlichen Kirche, wie es im evangelischen Glaubensbekenntnis heißt, spreche der ein oder andere von der heiligen katholischen Kirche. "Mich stört das nicht", sagt er.

Thinschmied wohnt und arbeitet während seiner Dänemark-Einsätze im Wohnwagen. "Ferienzimmer an der dänischen Küste sind einfach viel zu teuer, wenn man mehrere Monate dort ist", sagt er. Für den Einsatz im Ausland gibt es von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die solche Einsätze koordiniert, 20 Euro Verpflegungszuschuss pro Tag. Die Reise- und Übernachtungskosten trage man selbst, erklärt Thinschmied. Insgesamt leisten etwa 140 Pfarrer im EKD-Auftrag Urlaubseelsorge.

Mit Urlaub habe das Dasein als Urlaubsseelsorger jedoch wenig zu tun, sagt der 65-Jährige. Denn die Ferien sind traditionell die Zeit, in der es in Beziehungen und Familien häufig kriselt. "Ganz einfach, weil man viel Zeit gemeinsam auf engem Raum verbringt", erklärt Thinschmied. Daher gehe es in Gesprächen am Urlaubsort mitunter um weniger Erbauliches, wie heftige Ehekrisen, Scheidungsgedanken, Probleme am Arbeitsplatz. Der Urlaub sei oftmals ein "Brennglas für persönliche Katastrophen".

Manchmal wird der Urlaubspfarrer auch zum Notfallseelsorger. Denn die Nordsee "wird von vielen Urlaubern unterschätzt", erzählt Thinschmied. Immer mal wieder gebe es Touristen, die beim Schwimmen abgetrieben werden oder ertrinken. Das seien allerdings "Gott sei Dank Ausnahmen". Die Anzahl freudiger Anlässe bei der Urlaubsseelsorge überwiege klar: "Ich bin immer begeistert, wenn ich einen Gospel- und Jazzgottesdienst machen darf - zu Hause käme das nicht so gut an", sagt Thinschmied.

Auch deshalb hat Otto Thinschmied noch immer Freude am Einsatz als Urlaubsseelsorger - auch im Ruhestand. "Die Arbeit unterscheidet sich komplett von der eines Gemeindepfarrers", sagt der Pensionär. Sie sei trotz der Vielzahl der Aufgaben am Urlaubsort "weniger stressig als die Arbeit in der eigenen Gemeinde", weil man weniger "Gemeindemanager" sein müsse und mehr Seelsorger sein dürfe.

Die Senioren-WG

Reichenberg (epd). Anfangs war Brunhilde Martini schon etwas skeptisch. Am 8. Mai zog die 88-Jährige aus dem badischen Karlsruhe in die kleine Marktgemeinde Reichenberg im Landkreis Würzburg. Rund 72 Jahre verbrachte sie in der selben Mietswohnung. Doch seit einiger Zeit war sie nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Ein normales Altenheim kam für die Seniorin nicht infrage. Nun hat sie sich in eine Art Wohngemeinschaft für Senioren eingemietet - ein bayernweit einzigartiges Projekt.

Brunhilde Martinis Sohn Rudolf arbeitet als Professor für Neurobiologie an der Würzburger Uniklinik. Sein Job ist stressig, die Mutter war weit weg. Alle zwei bis drei Monate haben sich die beiden im Schnitt gesehen. "Das war viel zu wenig. Außerdem habe ich gesehen, dass meine Mutter ganz alleine nicht mehr zurechtkommt", erzählt er. Doch bei ihm zu Hause wäre sie den ganzen Tag alleine gewesen. "Das hätte die Situation für sie nur unwesentlich verbessert", ist Martini überzeugt.

Zufällig hörte Rudolf Martini Anfang 2011 von der neuen Senioren-WG in Reichenberg. Damals wurde der alte Gebäudekomplex mitten im Ort neben der evangelischen Kirche noch um- und ausgebaut. 16 nagelneue Appartements mit großen Gemeinschaftsräumen und Pflegebädern hat die Gemeinde unter einem Dach gebaut - vier sind inzwischen vermietet. Mehr als drei Millionen hat das Projekt gekostet. Das Besondere daran ist die Struktur: Es ist kein Pflegeheim, sondern eine Rentner-WG.

Diakon Hendrik Lütke von der Diakonie Würzburg erklärt das zunächst etwas kompliziert wirkende Konstrukt: "Die Gemeinde hat diese Anlage gebaut und vermietet sie als ganzes an eine gemeinnützige GmbH." Die wiederum vermietet die einzelnen Wohnungen direkt an die Senioren. Für rund 1800 Euro sind die Warmmiete, die Gemeinschaftsverpflegung sowie eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch Präsenzkräfte zu haben. "Wer Pflege benötigt, muss sie ambulant dazukaufen", sagt Lütke.

Was nach einer Luxus-WG für Rentner klingt - und von der Ausstattung her auch so wirkt - ist laut Lütke "unterm Strich nicht wirklich teurer als ein Platz im klassischen Pflegeheim". Dort koste ein Platz mit Pflegestufe 2 etwa 2800 Euro, ein Platz in der Reichenberger Senioren-WG sei da nicht teurer. "Man kann alles zukaufen, was man wirklich braucht. Man muss aber kein fixes Komplett-Paket wie im Pflegeheim nehmen", so Lütke. Freilich könnten auch Angehörige die Pflege übernehmen.

Das wohl gewichtigste Pfund, mit dem die Senioren-WG wuchern kann, ist, dass die Wohnanlage nicht einmal einen Hauch "Heim-Atmosphäre" versprüht. Gleichzeitig aber bietet sie enorme Vorteile im Vergleich zur ambulanten Pflege zu Hause, findet Rudolf Martini: "Meine Mutter war ein Stück weit sozial isoliert." Besuche von Freunden wurden weniger, die Kinder wohnten weit weg. In Reichenberg verbringen die Senioren hingegen einen Großteil des Tages in den Gemeinschaftsräumen.

"Es heißt ja immer: Einen alten Baum verpflanzt man nicht", sagt Rudolf Martini. Doch die Erfahrungen mit der Mutter zeigten ihm das Gegenteil: "Der Wurzelballen muss halt groß genug sein." Die 88-Jährige nahm fast alle Möbel aus der Karlsruher Wohnung mit nach Reichenberg, so wurde ihr Zuhause einfach insgesamt "verpflanzt". Die 88-Jährige blühe seither regelrecht auf. "Die vielen sozialen Kontakte tun ihr gut", sagt ihr Sohn. "Ich freue mich, dass ich meinen Sohn so oft sehe", sagt die Mutter.

Brunhilde Martini hatte "große Angst vor Heimweh", bevor sie umzog. Doch für so etwas hat sie überhaupt keine Zeit. Gemeinsames Kochen und Essen, Ausflüge und Programm in der Wohnanlage - der Tag ist von früh bis spät durchstrukturiert. Auch für zwei Tagesgäste hat die WG Platz - zudem wird auch eine Urlaubspflege abgeboten, falls zu Hause pflegende Angehörige einmal eine Auszeit benötigen. "Hier ist alles viel flexibler als im Heim", sagt Lütke. Dort gebe es zu viele Auflagen.

Doch nicht alle in Reichenberg sind von der neuen Wohnanlage mitten im Ort begeistert. "Millionengrab", wird das schmucke Gebäude hinter vorgehaltener Hand geschimpft. Manch einer hätte lieber ein klassisches Pflegeheim am Ortsrand mit 50 bis 60 Plätzen gesehen, statt der "nur" 16 Seniorenwohnungen im Ort. "Da spielt sicher auch Verbitterung mit hinein", glaubt Martini. Verbitterung von pflegenden Angehörigen etwa, die sich so etwas auch gewünscht hätten.

Hoch im bayerischen Norden

Münnerstadt/Bad Neustadt (epd). Es ist die Nummer 68, das letzte evangelische Dekanat auf der Liste. Seit seinem Amtsantritt vor zwölf Jahren hat Bayerns evangelischer Landesbischof Johannes Friedrich jedes Dekanat im Freistaat besucht. Nur in Bad Neustadt, ganz im Norden Bayerns, war er noch nicht - bis jetzt. Am Donnerstag und Freitag visitierte Friedrich zum letzten Mal in seiner Amtszeit, die am 31. Oktober endet, ein Dekanat. Unter anderem besuchte er das Ausbildungszentrum des Bundesverbandes Deutscher Bestatter in Münnerstadt (Kreis Bad Kissingen).

Friedrich waren die Dekanatsbesuche immer ein Herzensanliegen, auch wenn die vielen Reisen durchaus anstrengend waren. "Ich habe fast nichts lieber gemacht als Dekanatsbesuche", sagte er vor kurzem dem epd. Genau das stellte er am Freitagmorgen unter Beweis, als er das Berufsbildungszentrum (BBZ) Münnerstadt besuchte. "Ich war natürlich schon in einigen Berufsbildungszentren", sagte er. Und trotzdem hörte er aufmerksam zu, interessierte sich aufrichtig für die Besonderheiten der Schule sowie die Sorgen und Nöte der Lehrkräfte und Schüler.

Am BBZ werden unter anderem junge Menschen für die Alten- oder die Kinderpflege ausgebildet. Doch oft brauchen die Schüler erst mal selbst eine helfende Hand, "weil sie aus schwierigen Verhältnissen kommen", erläuterte Schulleiter Harry Koch. Rund ein Drittel der Schüler brauche "viel Zuwendung, weil sie das bislang so nicht erfahren haben". Dieser erhöhte Förderbedarf habe viele Gründe: familiäre Vorbelastungen, Flüchtlinge aus anderen Ländern, und, und, und. "Ich bin beeindruckt vom Engagement ihrer Lehrer und Ehrenamtlichen", so Friedrich.

Beim Bundesverband Deutscher Bestatter ließ sich der Landesbischof zeigen, wie Bestatter heutzutage ausgebildet werden. Erst seit 2003 ist der Bestatter ein Lehrberuf, seit 2010 ein Meisterberuf. In Münnerstadt finde die überbetriebliche Ausbildung für ganz Deutschland statt, sechs Wochen sei jeder Lehrling während seiner dreijährigen Ausbildung in der Rhön, sagte Verbandschef Rolf Lichtner. Neben dem Bestatterberuf könne man im Ausbildungszentrum Münnerstadt auch Fachausbildungen machen, beispielsweise zum Kremationstechniker.

Rund 45 Prozent aller Bestattungen in Deutschland sind Lichtner zufolge inzwischen nicht-christlich. Landesbischof Friedrich bedauerte diesen Trend zur Säkularisierung von Beerdigungen. Er sei betroffen darüber, dass selbst evangelische Kirchenmitglieder keine kirchliche Beerdigung mehr wünschen - machte dafür aber auch die Kirche selbst als Ursache aus. Manchmal würden Beerdigungen von Pfarrern "lieblos gemacht", sagte er. Säkulare Trauerredner könnten sich das nicht leisten, weil sie davon lebten - daher würden sie Pfarrern mitunter vorgezogen.

"Beerdigungen sind aber das ureigenste Geschäft der Kirche, das sollten wir uns nicht aus der Hand nehmen lassen", sagte Friedrich. Er betonte beim Besuch des Lehrfriedhofes in Münnerstadt auch die Bedeutung von öffentlichen Trauerorten wie Friedhöfen oder Friedwäldern. "Das ist so wichtig, damit nicht nur die engsten Verwandten Zugang haben", sagt der Landesbischof: "Die Öffentlichkeit muss gewährleistet sein."

Friedrich bekräftigte am Freitag auch die Position der Landeskirche bei kirchlichen Beerdigungen von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. "Wenn jemand ausgetreten ist, gibt es keine kirchliche Beerdigung, weil wir diese Austrittsentscheidung ernst nehmen", so Friedrich. Man wolle Menschen nicht nach dem Tod gegen ihren Willen vereinnahmen. Hingegen sei man offen für Trauergottesdienste für die Angehörigen von aus der Kirche ausgetretenen Verstorbenen.

Raus mit der blauen Sau!

Bad Windsheim (epd). Hanna Hartlehnert schaut fragend auf die Leinwand. Herzen, Eicheln, Ober, Unter, Könige und allerlei Zahlenkarten huschen hin und her. Von einem "Wenz" ist die Rede, von "Stichen" und von der ominösen "blauen Sau". Der ohnehin schon fragende Blick der 22-Jährigen wirkt nun fast ein bisschen verzweifelt. "Keine Angst, das ist normal", beschwichtigt Ute Rauschenbach: "Schafkopf ist anfangs verwirrend." Deshalb bietet das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim nun extra Kurse an.

Wer in Franken und Bayern abends ein uriges Gasthaus betritt, sieht mit großer Sicherheit an den Stammtischen wild kartelnde Quartette älterer Herrschaften. Schafkopf ist ein schnelles und emotionales Spiel, langes Nachdenken über den nächsten Zug gibt's hier nicht. Die Karten fliegen regelrecht in die Mitte des Tisches, manchmal werden sie auch lautstark hingeknallt. Für Außenstehende bleibt Schafkopf meist ein Rätsel. "Vom Zuschauen allein kann man's nicht lernen", erläutert Rauschenbach.

Deswegen beginnt der Kurs von Rauschenbach und Petrus Huber auch mit absoluten Grundlagen. Sie erklären den 17 Teilnehmern die Farben des Bayerischen Kartenblatts: Eichel, Blatt, Herz und Schelle. Es folgt die Wertigkeit der Karten. Ass gibt elf Punkte, der Zehner zehn, König vier, Ober drei, Unter zwei. Aber, und schon wird es kompliziert, nicht das Ass ist im Schafkopf die stärkste Karte, sondern der Ober, gefolgt vom Unter. Außerdem sticht die Zehn den König. "Puh", seufzt Hanna.

Das fiktive Spiel auf der Leinwand beginnt von Neuem: Klaus will ein so genanntes Ruf-Spiel starten. Bei dieser Spielvariante muss ein Spieler ein Ass, das er nicht hat, rufen - er muss aber mindestens eine andere Karte dieser Farbe auf der Hand haben. "Herz-Ass kann übrigens nie gerufen werden", sagt Huber. Denn neben den Obern und Untern sind auch sämtliche Herzen Trumpf. Es ist also wie immer: Keine Regeln ohne Ausnahmen - und das macht das Schafkopfen nicht gerade leichter.

Hanna Hartlehnert raucht nach der ganzen Theorie der Kopf. "Ich wollte das ja immer spielen können", sagt sie, "ich wollte verstehen, was mein Freund mit seinen Kumpels da so macht". Michael Wagners Motivation ist ganz ähnlich. Der 20-Jährige kommt ursprünglich aus Niederbayern, da gehört Schafkopfen zum guten Ton: "Meine Freunde haben immer zu mir gesagt: 'Setz' Dich her, schau zu, dann lernst Du's schon!' Aber das klappt nicht! Man versteht einfach nicht, was auf dem Tisch vorgeht."

Rauschenbach und Huber haben viel Geduld mit den Neulingen. "Wenn Klaus nun die Eichel-Ass ruft, dann weiß der Spieler, der die Karte hat, dass er in dieser Runde mit Klaus zusammenspielt", erklärt Huber. Beim Ruf-Spiel spielen immer zwei gegen zwei, Runde für Runde gewinnt der Spieler die vier ausgespielten Karten, der die höchste in die Mitte gelegt hat. Am Ende werden die Punkte der zwei Teams gezählt, wer 61 oder mehr Punkt hat, gewinnt. Klingt einfach, ist aber doch komplizierter.

Franz und Gabi Gleng müssen Schafkopfen nicht lernen, das Ehepaar ist kartenspielerfahren: "Wir spielen ein Mal pro Woche Bridge." Zusätzlich sind sie auf der Suche nach Schafkopfbegeisterten, mit denen sie mehr karteln können. Die Mitspieler an Glengs Vierer-Tisch im Schafkopfkurs profitieren vom profunden Wissen der beiden. "Wenn Trumpf gespielt wird, muss ich auch Trumpf legen, und bei einer Farbe auch die Farbe, oder?", fragt Monika Hoffmann. "So schaut's aus", sagt Franz Gleng.

Rauschenbach ist überrascht über die Zusammensetzung ihres Kurses. Neun Frauen sitzen acht Männern gegenüber, viele jüngere Teilnehmer sind darunter. "Dafür, dass wir den Kurs zum ersten Mal und eigentlich auch aus dem Bauch heraus angeboten haben, sind wir über die große Resonanz ziemlich überrascht", erklärt sie. Was man am Theorieabend in der Aumühle des Freilandmuseums eingepaukt hat, wird eine Woche später im Gasthaus "Zum Hirschen" unter Live-Bedingung getestet.

Biere stehen auf den Tischen, dazwischen ein paar Gläser Frankenwein. Die erste Runde am zweiten Abend wird mit offenen Karten gespielt, dann wird es ernst. "Die Konzentration ist hoch, ein lockeres Spielen war das noch nicht", resümiert Rauschenbach. Das dauert wohl auch noch ein bisschen, bis die Regeln in Fleisch und Blut übergehen. Und vor allem die eigene Schafkopfsprache. Wer als echter Kartler die Blatt-Ass sucht, sagt das nämlich nicht einfach, sondern: "Raus mit der blauen Sau!"

Werkstätten im Wandel

Würzburg (epd). Werner Sendner kann nicht klagen. "Die Auftragslage ist gut", sagt der Geschäftsführer der Mainfränkischen Werkstätten. Das aber ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 hat auch die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) teils schwer getroffen. "Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht", sagt Sendner. Vor und während der Krise wurde viel umstrukturiert.

Jahrzehntelang waren die Werkstätten in Bayern und Deutschland vor allem eines: eine Art "verlängerte Werkbank" für Auftragsarbeiten im sogenannten Niedriglohnbereich. Einfache Arbeiten zwar, aber eben doch nötige Arbeiten. "Das funktioniert natürlich nur, wenn die Wirtschaft zu tun hat", sagt Sendner. Sobald die Auftragsbücher leerer werden, geht auch der Bedarf an Auftragsarbeiten zurück. Die Werkstätten sind oft die ersten, die das zu spüren bekommen: die Aufträge bleiben aus.

Doch anders als Betriebe in der freien Wirtschaft können und wollen die Werkstätten ihre Mitarbeiter in diesem Fall nicht einfach beurlauben, in Kurzarbeit schicken oder sogar entlassen. "Eine Werkstatt ist in erster Linie eine Rehabilitationseinrichtung", erläutert Claudia Fischer von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten. Das heißt: Eine WfbM hat eine Beschäftigungspflicht. Jeder Mensch mit Behinderung, der auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Stelle findet, muss dort arbeiten dürfen.

Das Wort Behinderung hört Sonja Scheublein allerdings nicht so gerne. "Meine Behinderung behindert mich nicht", erklärt sie. Klar, sie braucht Krücken. Und ja, sie läuft etwas langsamer als andere. Trotzdem kommt sie Tag für Tag für acht Stunden in die Mainfränkischen Werkstätten zur Arbeit. "Es gibt immer Wege, dass auch ich eine Arbeit erledigen kann", sagt Scheublein, die stellvertretende Vorsitzende des Werkstattrates ist. Etwa, indem man die Arbeiten in verschiedene Schritte aufteilt.

Nicht passende Mitarbeiter für anstehende Arbeiten suchen, sondern die anstehende Arbeit so organisieren, dass die jetzigen Mitarbeiter sie auch übernehmen können - das sei die Hauptaufgabe einer WfbM, sagt der Würzburger Werkstattleiter der Mainfränkischen Werkstätten, Peter Estenfelder. Das werde jedoch nicht gerade einfacher, wenn man nicht nur einfache Tätigkeiten als Auftragsarbeit annehmen wolle, erläutert er. Aber genau darin liegt die Herausforderung für die Werkstätten.

Ein wichtiges Ziel der Umstrukturierungen war, vom reinen Dienstleister für die Industrie und den Mittelstand zu deren Partner zu werden, sagt Geschäftsführer Sendner. Das Stichwort lautet hier "Systemleistungen". Anstatt einzelne Arbeitsschritte im Fertigungsprozess eines Produktes zu übernehmen, biete man vom Materialeinkauf über die Fertigung bis hin zur Lagerhaltung ein komplettes Dienstleistungspaket an, erklärt Estenfelder. Das binde WfbM und Unternehmen stärker aneinander.

"Das wiederum bietet uns mehr Sicherheit", sagt Sendner. Denn selbst wenn die Auftragsbücher dünner werden, "verlagert man so komplexe Kooperationen nicht von heute auf morgen woanders hin", betont der Geschäftsführer. Noch mehr Sicherheit für die Werkstätten und deren Mitarbeiter erreiche man dadurch, sich nicht zu sehr auf einen einzelnen Auftraggeber oder eine bestimmte Branche zu stützen. "Je breiter man sich aufstellt, desto krisenresistenter ist man."

Fast noch wichtiger aber sei es, selbst Arbeit für die eigenen Mitarbeiter zu schaffen. Die Mainfränkischen Werkstätten etwa haben vor Jahren schon einen Catering-Service gegründet. "Wir machen nicht vorrangig Party-Catering, sondern beliefern Schulen mit Mittagessen", erläutert Sendner. Diese Unterscheidung ist so wichtig, weil eine WfbM privaten Anbietern keine Konkurrenz machen will. "Wir suchen uns Nischen", fügt er hinzu: "Damit sind wir nicht erst seit der Krise sehr erfolgreich."

Die Mainfränkischen Werkstätten sind ein Zusammenschluss von fünf Behinderten-Organisationen in Unterfranken. Fünf Standorte gehören zu den Werkstätten. Neben der Würzburger Zentrale gibt es Standorte in Gemünden, Kitzingen, Ochsenfurt und in Marktheidenfeld. Mehr als 1.300 Menschen arbeiten in diesen Einrichtungen.

Ambitioniert und umstritten

Heidenheim (epd). Für Klaus Kuhn ist das Projekt mittlerweile eine Herzensangelegenheit. Der evangelische Dekan und Vorsitzende des Zweckverbandes Kloster Heidenheim gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er vor den Mauern des Klosters in der Heidenheimer Ortsmitte steht. Das Dekanat und die Marktgemeinde im Kreis Weißenburg-Gunzenhausen wollen das Kloster zur Begegnungs-, Bildungs- und Dokumentationsstätte umbauen.

Für das Projekt wurden bereits Machbarkeitsstudien erstellt, Gutachten angefertigt, Architekten beauftragt. Geboren wurde das ambitionierte Vorhaben allerdings aus der Not heraus. Der Freistaat Bayern, seit der Säkularisation Eigentümer des Klosters, wollte die im Unterhalt teure historische Immobilie im Jahr 2004 loswerden - per Auktion im Internet. "Der Startpreis lag gerade mal bei einem Euro", erinnert sich Kuhn.

Der Vorstand der evangelische Gemeinde in Heidenheim, die seit 1551 das Münster St. Wunibald nutzt, verabschiedete nach Bekanntwerden der Verkaufspläne für das Klostergebäude eine Resolution. "So darf man mit Kulturgut nicht umgehen", echauffiert sich Dekan Kuhn. Das im Jahr 752 gegründete Kloster ist kirchengeschichtlich sehr bedeutend, gilt es doch als Wiege des Christentums in Süddeutschland.

Nicht nur, dass ein historisch so bedeutender Ort nicht einfach an einen x-beliebigen privaten Investor verkauft werden dürfe, weil er dann für die Allgemeinheit nicht mehr frei zugänglich sei, sagt Kuhn. Die größere Gefahr als ein reicher Privatier seien streitbare Vereine, Gruppierungen oder Sekten. So hatten etwa die "Zwölf Stämme" offenbar Interesse am Kauf der historischen Klosteranlage bekundet, sagt Kuhn.

Das Finanzministerium setzte die Auktion schließlich wegen der Proteste aus. Die Heidenheimer sollten ein tragfähiges Konzept zur Nutzung des Klosters erstellen. Kurz darauf begann eine Arbeitsgruppe erste Ideen zu sammeln, bis Ende 2006 schließlich Dekanat und Marktgemeinde einen Zweckverband für das Klosterprojekt gründeten. Das damals erarbeitete und bis heute gültige Konzept fußt auf drei Säulen.

Zum einen soll das Kloster im dünn besiedelten Westmittelfranken den Tourismus fördern. "Heidenheim liegt direkt am Jakobsweg", sagt Kuhn. Ein Pilgerbüro und ein Klosterladen sollen mehr Pilger und Touristen als bislang anziehen. Zudem soll das Kloster eine Dokumentationsstätte für die Missionierung von Heidenheim aus werden. Geplant sei aber "keine Tafelschau", sondern eine "ganzheitliche Präsentation".

Die dritte Säule des Konzepts ist ein Bildungs- und Begegnungszentrum, ein Ort für Konzerte, Lesungen, Ausstellungen - und Spiritualität. Dass es in Bayern keinen Mangel an evangelischen Bildungsstätten gibt, weiß auch Kuhn. Das Kloster soll daher auch mit einem besonderen Angebot punkten: Seminare zur Trauerarbeit, die in einem Modulsystem angeboten werden, erläutert der Heidenheimer Dekan.

"Wir planen einen klassischen Halbtages- und Tagesbetrieb", sagt Kuhn. Übernachtungsmöglichkeiten soll es im Kloster nicht geben: "Das wäre zu viel auf einmal und zu teuer." Es ist ohnehin ein Mammutprojekt: Um die Bausubstanz zu sanieren und das Kloster auf den neusten Stand der Technik zu bringen, müssen 10,1 Millionen Euro in die Hand genommen werden - 4,78 Millionen Euro davon muss der Zweckverband tragen.

Doch die Marktgemeinde und das Dekanat sind nicht gerade reich. Zehn Prozent der Summe, also rund 478 000 Euro, müssen sie als Eigenmittel aufbringen, der Rest soll über Fördergelder zusammenkommen. Soweit die ursprüngliche Überlegung; inzwischen geht Kuhn nur noch von etwa 70 Prozent Fördergeldern aus. Von den 478 000 Euro sei zudem erst knapp die Hälfte beisammen. Die Finanzierungslücke ist also groß.

Deshalb spaltet das Projekt auch die Markt- und die Kirchengemeinde. So mancher kämpft schon fast verbissen für oder gegen das Vorhaben. Marktgemeinderat Reinhard Ebert war, obwohl treuer evangelischer Kirchgänger, von Anfang an Kritiker des Klosterprojekts. "Wir haben nicht mal genügend Geld, um unsere Schule vernünftig zu unterhalten", sagt er. Finanziell sei das Vorhaben schlichtweg nicht zu stemmen.

Im bayerischen Staatshaushalt für 2011/2012 wurde das Klosterprojekt inzwischen als undotierter Posten aufgenommen. Auch die katholische Kirche hat Dekan Kuhn mit ins Boot geholt: Das Bistum Eichstätt hat für das Klosterprojekt stundenweise eine Religionslehrerin abgestellt. Dem Zweckverband gehören zudem zwei Bistums-Vertreter als Beisitzer an.

Auf ein Mal, da ist sich Kuhn inzwischen sicher, wird der Zweckverband seinen Anteil von 4,78 Millionen Euro nicht stemmen können. Deshalb wurde das Projekt in Bauabschnitte aufgeteilt, damit die Finanzierung mit Fördergeldern - die oft nur für kurze Zeit zugesagt werden - gelingt. Als erster Bauabschnitt ist der Umbau des Westflügels für 4,5 Millionen Euro geplant, sagt Kuhn und hofft: "2012 könnte Spatenstich sein."

Die Magie des Schwanbergs

Rödelsee (epd). Irgendwann, es muss vor etwa vier Jahren gewesen sein, da kam in Kathrin-Susanne Schulz die Frage auf, warum sie das eigentlich macht. Damals studierte sie in Nürnberg Religionspädagogik. "Da habe ich mich am Dienstagmorgen in der Vorlesung selbst gefragt, ob ich abends mal eben so zum Gottesdienst auf den Schwanberg fahren soll", erinnert sich die heute 42-Jährige. Dort, auf der markanten Erhebung im Steigerwald, hat die Communität Casteller Ring (CCR) ihr Domizil.

Inzwischen heißt sie Schwester Kathrin-Susanne Schulz und ist nun Teil der CCR, einer geistlichen Gemeinschaft von Frauen innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die Aufnahme in die Ordensgemeinschaft erfolgt schrittweise, niemand muss sofort für immer bleiben. Zunächst durchläuft jede Anwärterin ein halbes Jahr Postulat, anschließend jeweils zwei Jahre Noviziat und zeitliche Profess, bevor sie sich mit der ewigen Profess ein Leben lang an die Communität bindet.

"Ich habe mich damals gefragt: Was ist es, dass dich auf den Schwanberg zieht", erinnert sich die Religionspädagogin: "Ja, es waren sicher auch die Schwestern - aber nicht nur. Es war auch die Art, wie Glauben in der Communität gelebt wird, es war der spirituelle Rhythmus, den man durch die vier Stundengebete bekommt". Schwester Kathrin-Susanne ist derzeit in zeitlicher Profess, also nur noch einen Schritt von dem Versprechen entfernt, für immer in der Communität zu bleiben.

Die Schwestern vom Schwanberg kennt die gebürtige Oberfränkin schon seit dem 15. Lebensjahr, als sie ihre erste Bibeltage dort erlebte. "Ich fand das schon damals irgendwie spannend", sagt sie. Die Pausen habe sie damals in der Michaelskapelle im Schloss auf dem Schwanberg verbracht. Schwester wollte sie damals noch nicht werden, "sondern Pfarrerin", erzählt sie. Doch ihre ganze Schul- und Studienzeit über zog es Kathrin-Susanne Schulz immer wieder auf den Schwanberg.

Die Religionspädagogin studierte damals zunächst Theologie in Erlangen und Bochum, scheiterte jedoch zwei Mal am ersten kirchlichen Examen. "Ich hatte damals - ehrlich gesagt - keinen Plan B, weil ich ja unbedingt Pfarrerin werden wollte", erinnert sie sich. Über eine Station im Ausland und ihr Religionspädagogik-Studium in Nürnberg fand sie dann zurück auf den Schwanberg, verbrachte schließlich mehr oder weniger jede freie Minute dort. 2007 trat die Kathrin-Susanne Schulz dann ein.

Ihr Umfeld habe im Großen und Ganzen gut auf die Entscheidung reagiert. "Viele meiner Freunde wussten es schon von mir", sagt sie und lacht. Die einzige, die ein bisschen skeptisch gewesen sei, war ihre Mutter. Aber auch das habe sich gelegt, "nachdem sie gesehen hat, wie wir hier leben", sagt Schwester Kathrin-Susanne. Seit einem Jahr leitet sie als Jugendreferentin den "Jugendhof", das Schullandheim am Schwanberg. Ein Vollzeitjob, eingebettet in den Rhythmus der Communität.

6.30 Uhr gemeinsames Morgengebet in der St. Michaelskirche, davor oder danach Frühstück, bis 8 Uhr herrscht Schweigezeit. Um kurz nach 12 Uhr treffen sich alle zum Mittagsgebet, anschließend wird (wieder schweigend) in fester klösterlicher Sitzordnung gemeinsam gegessen. Ab 18 Uhr folgen Abendgebet und -essen in Tischgruppen, um 20 Uhr gibt es ein gemeinsames Nachtgebet, danach wird bis morgens geschwiegen. Drei Mal die Woche finden gemeinsame Gottesdienste statt.

Die Communität lebt nach der Regel des heiligen Benedikt. Anfangs wurden die Schwestern von vielen Evangelischen als "katholisch" verspottet. Nicht nur, weil sie der Benediktsregel folgen, sondern auch, weil sie sich zum Beispiel bekreuzigen und vor dem Kreuz verneigen. "Das hat aber doch nichts mit katholisch oder evangelisch zu tun", findet Schwester Kathrin-Susanne. Die Benediktsregel stammt aus dem 6. Jahrhundert, "da war ja noch nicht einmal die erste Kirchenspaltung aktuell".

Hervorgegangen ist die Gemeinschaft kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Bund Christlicher Pfadfinderinnen. Die Gründungsschwestern hatten sich noch während des Krieges einander versprochen, eine geistliche Gemeinschaft zu gründen. Unterstützung fanden sie bei den katholischen Benediktinermönchen in der nahen Abtei Münsterschwarzach. Diese freundschaftliche Verbindung hält bis heute, regelmäßig treffen sich Mönche und Schwestern, tauschen sich aus.

Natürlich ist das Leben in einer Gemeinschaft nicht nur Sonnenschein. "Ich habe eine sehr große Familie, wir sind 39 Schwestern zwischen 35 und 89 Jahren, da gibt es auch mal Reibung", sagt Schwester Kathrin-Susanne. Doch gerade dann helfen auch die festen, für Außenstehende auch manchmal starr wirkenden Regeln der CCR. "Viele evangelische Gemeinschaften jüngeren Datums haben sehr viel 'freier' angefangen als sie heute sind - eine Gruppe braucht Regeln", sagt sie.

Regeln, Rhythmus, Ordnung. Dazu gehören auch die drei Evangelischen Räte Keuschheit, Armut (Gütergemeinschaft) und Gehorsam. Sie gehören zur Communität auf dem Schwanberg, sind das Gerüst dieser Lebensform, aber nicht ihr Fundament. Das ist der Glaube. Und der kann verblüffendes bei Menschen bewirken, findet Schwester Kathrin-Susanne. "Ich bin eigentlich ein Langschläfer, daher bin ich immer noch erstaunt, dass Gott mir eine Frühaufsteher-Communität ausgesucht hat."

Ein besonderes Gotteshaus soll weichen

Würzburg (epd). Die Luft in dem meterhohen Raum ist kalt, der Teppichboden scheint feucht. Fahles Licht fällt durch die Fenster am Kopfende des Gebäudes. Vor wenigen Jahren stand dort noch ein Altar. Die Leighton Chapel auf dem einstigen US-Kasernengelände in Würzburg ist seit dem US-Abzug im Jahr 2008 verwaist. 2018 findet auf einem Teil des Geländes die Landesgartenschau statt. Bis dahin soll es dann die Leighton Chapel nicht mehr geben. Die evangelische Kirche will den schmucklosen Bau abreißen und stattdessen ein neues, kleineres Gemeindehaus bauen lassen.

Die Chapel ist ein typisch US-amerikanischer Holzbalken-Leichtbau der Nachkriegszeit. Zwischen das Holzständerwerk wurden Steine hinein gemauert und verputzt. An dieser Schnellbauweise nagt der Zahn der Zeit besonders. Das Dach ist zwar dicht, doch innen zieht es - selbst wenn alles geschlossen ist. An vielen Stellen ist das Mauerwerk feucht. "Die schlechte Bausubstanz ist einer von vielen Gründen, weshalb wir an dem Grundstück, aber nicht an der Chapel interessiert sind", sagt Diakon Günther Barthel, Geschäftsführer des Evangelischen Kirchengemeindeamtes Würzburg.

Trotz der Mängel ist die Leighton Chapel ein besonderer sakraler Raum, den man nicht einfach abreißen kann. Neben Christen verschiedener Konfessionen haben nämlich auch Juden, Muslime und Angehörige vieler anderer Religionen dort gebetet und gefeiert. Inzwischen ist die Chapel ein leerer Raum, die Kirchenbänke wurden von den US-Amerikanern abmontiert, Kreuze und alle anderen religiösen Symbole weggeschafft. Nur die Einbauschränke in der Sakristei oder das Baptisten-Taufbecken im Keller zeugen noch von der Vielzahl der christlichen Strömungen in der Chapel.

Wegen dieser multireligiösen Nutzung soll die Chapel auch nach einem Abriss nicht in Vergessenheit geraten, sagt Barthel. Man wolle neben dem Neubau eines Gemeindehauses auf alle Fälle auch eine Art "Gedenkstätte der Weltreligionen" errichten, um an den Kirchenbau zu erinnern. Die jetzige Chapel bietet Platz für 300 Gläubige - das ist ein weiterer Grund, sie durch ein kleineres und zweckmäßigeres Gebäude zu ersetzen, erläutert Barthel. Das Gemeindehaus solle etwa ein Drittel so viele Sitzplätze erhalten, einen größeren Bedarf gebe es im geplanten neuen Stadtteil Hubland nicht.

Die Pläne für den neuen Stadtteil bergen für die evangelische Kirche in Würzburg einige Chancen. Denn bislang gehören die Anwohner rund um das Kasernenareal zur Innenstadtgemeinde St. Johannis. Das soll zwar auch künftig so bleiben, sie sollen nun jedoch ein eigenes Gemeindezentrum erhalten. Denn von der Innenstadt trennt die Anwohner des Stadtteils Frauenland und des künftigen Stadtteils Hubland der vierspurige Stadtring. Ein neues Gemeindezentrum könnte also das kirchliche Leben im und um den neuen Stadtteil neu beleben, hoffen die Initiatoren.

Bislang ist nichts in trockenen Tüchern, denn noch ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Vermittler des Kasernenareals. Die Behörde will offenbar viel Geld für das Konversionsgelände, auf dem einst die US-Truppen stationiert waren. Zu viel Geld, ist aus dem Würzburger Rathaus zu hören. Denn ein Teil des alten Gebäudebestandes und die Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung sind marode. Auf der anderen Seite hat die Stadt nicht mehr viel Zeit: 2018 ist Landesgartenschau, zuvor bezieht bereits die Uni auf dem Armee-Areal neue Gebäude.

Wie viel das Grundstück samt Leighton Chapel kosten soll, darüber schweigt sich die Bundesanstalt aus. Wegen der laufenden Sondierungsgespräche mit der Stadt könne man keine Angaben machen. Hinter vorgehalteneder Hand werden für das etwa 1.000 Quadratmeter große Gelände Summen im niedrigen sechsstelligen Bereich genannt. Interesse habe man aber nur, betont Barthel, wenn man die Chapel nicht stehen lassen müsse. Das prüft derzeit das Bayerische Landesamt für Denkmalschutz. "Wir erwarten nicht, dass sie denkmalgeschützt wird", sagt Barthel.

Bekommt die Stadt das Areal der ehemaligen Leighton-Kaserne, geht das Chapel-Gelände auch mit großer Sicherheit an die evangelische Kirche, erläutert Barthel. Der Bebauungsplan für das Gelände werde bereits erstellt, 2012 soll er fertig sein, 2013 könnte dann mit dem Bau des Gemeindezentrums begonnen werden.

Geistliche Gemeinschaft ohne Klostermauern

Heilsbronn (epd). Anfangs, erinnert sich Christian Schmidt, sei er ein bisschen skeptisch gewesen: "Spielen wir da jetzt Mönch?" Doch beim heutigen Regionalbischof des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg wich die Skepsis der Begeisterung. Evangelische Spiritualität leben, sie in den Alltag mitnehmen, das ist das erklärte Ziel des "Evangelischen Konvents Kloster Heilsbronn" (EKKH), der jüngsten Pflanze im Reigen der Geistlichen Gemeinschaften in Bayern. Ende November 2007 gründeten 23 Männer und Frauen den EKKH und ließen eine jahrhundertealte Klostertradition auf neue Art aufleben.

Freitag, ein Winternachmittag, kurz nach 17 Uhr. Es ist schon dunkel, das Heilsbronner Münster in Denkmalscheinwerferlicht getaucht. Regionalbischof Schmidt, der sozusagen im Ehrenamt Prior des EKKH ist, schließt das mächtige Hauptportal auf, die Luft im Inneren der romanischen Kirche ist kühler als draußen. Im Chorraum stehen sich Stuhlreihen gegenüber, es brennen ein paar Lampen, der Rest des Münsters liegt in Dunkelheit. Nach und nach füllen sich die Stuhlreihen, Männer und Frauen, alle ungefähr zwischen 35 und 65 Jahre alt. Jeder trägt einen weißen Schal um den Hals wie eine Stola. Punkt 17.30 Uhr beginnen die Mitglieder des Münsterkonvents ihre Vesper.

Es ist eine Besonderheit des EKKH, dass er aus zwei Konventen besteht. Jedes Mitglied ist nur einem der beiden Konvente zugeordnet. Der Münsterkonvent ist vor allem für Menschen aus Heilsbronn und der näheren Umgebung gedacht. Die Mitglieder treffen sich jeden Freitag um 17.30 Uhr zur Vesper im Münster, einmal im Monat essen sie danach gemeinsam zu Abend, führen ein geistliches Gespräch und beten schließlich das klösterliche Nachtgebet, die Komplet. Der andere Teil des EKKH besteht aus dem Klosterkonvent, der zwölf Tage pro Jahr - aufgeteilt auf vier Blöcke - in Heilsbronn zusammenkommt.  Zwei Wochenenden im Jahr tagen Münsterkonvent und Klosterkonvent zusammen und auch sonst besteht eine große Offenheit hin und her.

Entstanden ist die Idee zur Wiederbelebung zisterziensischer Traditionen nicht erst vor wenigen Jahren. Der einstige Heilsbronner Gemeindepfarrer Paul Geißendörfer hatte bereits vor mehreren Jahrzehnten damit begonnen, die evangelischen Pfarrer einzuladen, deren Kirche Teil eines ehemaligen Zisterzienserklosters war. "Aus dem zunächst losen Treffen wurde die Gemeinschaft der evangelischen Zisterziensererben", erzählt Schmidt. Doch eine geistliche Gemeinschaft, eine Communität, wollte Geißendörfer trotz einzelner Vorstöße nicht gründen. Doch der Wunsch ging nicht verloren, er schlummerte nur. Einen wichtigen Impuls gab dann eine Denkschrift, die auf Anregung des damaligen Ansbacher Regionalbischofs Helmut Völkel geschrieben wurde.

Im Oktober 2006 organisierte der "harte Kern" um den heutigen Regionalbischof und damaligen Nürnberger Dekan Christian Schmidt erste Meditationskurse in Heilsbronn. Die Gemeinschaft wuchs schnell, das Interesse an einer festen Bindung auch. Im November 2007 wurde der Konvent schließlich mit dem Segen der evangelischen Landeskirche gegründet. Ein Jahr später - nach einer Art Noviziat - verpflichteten sich die ersten Mitglieder auf Lebenszeit für den EKKH. "Das heißt: Häusliches Bibelstudium, Tageszeitengebete, Teilnahme an unseren Veranstaltungen und ein Leben unter Führung des Evangeliums", sagt Schmidt. Ehelos oder keusch muss beim EKKH hingegen - anders als in anderen Communitäten - niemand leben.

Ein Großteil der EKKH-Mitglieder hat ein theologisches Fundament, viele sind oder waren Pfarrer. "Im Moment sind wir noch 'pfarrerlastig'", sagt Prior Schmidt, aber grundsätzlich stehe der Konvent jedem offen. Mit einer Einschränkung: Das Eintrittsalter muss unter 70 Jahren liegen. So gehören auch eine Lehrerin, ein altkatholischer Priester und eine Wirtschaftsleiterin zum Mitgliedskreis. Derzeit gebe es mehrere Postulanten (Interessierte) und Novizen (Probemitglieder auf Zeit), berichtet der Prior, die Gemeinschaft wachse, wenn auch moderat. Stolz ist Schmidt darauf, dass die Vesper seit der Gründung noch nie ausgefallen ist. Sein Ziel: "Ein tägliches Tagzeitengebet oder eine Andacht im Münster."

Bis dahin wird es noch einige Zeit dauern. Was wohl auch an der Struktur des Konvents liegt - nämlich daran, dass die Mitglieder ihr privates Umfeld nicht verlassen und sich nicht hinter Klostermauren zurückziehen. Jeder geht, sofern nicht schon im Rentenalter, weiter seiner Arbeit nach. "Ganz nach dem Grundsatz: ora et labora (Bete und Arbeite)!", sagt Schmidt: "Beten ist gut, aber praktisches Handeln braucht's auch." Der EKKH versteht sich als Botschafter des evangelischen Christ-Seins.  Seine Mitglieder "tanken" in der Gemeinschaft auf - und zehren dort vom Erlebten, ohne dabei missionieren zu wollen.

Dieses "Auftanken" und die gelebte Gemeinschaft waren auch für den heute 71-jährigen Herbert Reber die wichtigsten Gründe, um dem EKKH beizutreten. Einst war er Pfarrer in Bayreuth und Fürth sowie Dekan in Dinkelsbühl; im Ruhestand zog er nach Heilsbronn - auch, weil er, seine Frau und seine Tochter im Konvent eine "innere geistliche Heimat" gefunden haben. Schon in seiner Kindheit habe er viel Kontakt zu Ordensleuten gehabt, etwa als Lehrer in der Schule, erinnert er sich. Reber ist Mitglied im Münsterkonvent, er kommt zu jeder Vesper, wenn er nicht verhindert ist: "Das ist ein schöner Kreis. Das ist kein Muss, es ist eine Freude."

Von der Kommune zur Kommunität

Triefenstein (epd). Die Klosteranlage in Triefenstein (Landkreis Main-Spessart) wirkt liebevoll gepflegt: Akkurat geschnittener Rasen von kleinen Buchsbaumhecken umgeben, hier und da einige knorrige Zierbäumchen. Man spürt regelrecht die jahrhundertealte Geschichte des einstigen Augustiner-Chorherren-Klosters. Nach der Säkularisation wurde es zivil und militärisch genutzt - seit 1986 ist es Hauptsitz der Christusträger Bruderschaft, der größten evangelischen Männergemeinschaft im deutschsprachigen Raum.

Bruder Christian Hauter steht in seiner braun-orangenen Strickjacke in der alten Klosterkirche. Viel Gold, viel Glanz, überaus prachtvoll, fast pompös und durch und durch katholisch wirkt die frühklassizistische Inneneinrichtung auf den Besucher. Noch größer könnte der Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart hier kaum sein: Eine evangelische Kommunität in den alten Mauern eines katholischen Ordens. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten. Vielleicht sogar mehr als Unterschiede.

Auf den ersten Blick trennt die Christusträger jedenfalls einiges von den katholischen Augustinern. Die Brüder tragen keine Ordenstracht, sie sind in der Mehrzahl keine Theologen, sondern Mediziner oder Handwerker. Sie machen seit Bestehen der Bruderschaft erfolgreich Musik mit ihrer eigenen Rockband "ct & friends" und gelten seither durchaus als eine Art christlicher "Beatles". Einziges sichtbares Zeichen der Bruderschaft ist eine metallene Kette mit Kreuz, die aber niemand tragen muss.

In vielen Regionen der Erde wäre dieses äußere Zeichen auch schlicht lebensgefährlich. "Seit unserer Entstehung Anfang der 1960er Jahre engagieren wir uns in verschiedenen Teilen der Erde für Menschen, die uns brauchen", erklärt der 48-jährige Bruder Christian, der seit 2005 auch Prior der Gemeinschaft ist: "Die Liturgie ist für uns nicht das Wichtigste, sondern der Dienst am Menschen." Anfangs waren die Christusträger in Pakistan und Vietnam im Einsatz, heute etwa in Afghanistan und im Kongo.

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist die Bruderschaft seit 1969 aktiv. "Damals gab's da noch einen König", sagt Prior Christian. Seither haben sich die Christusträger in ihrer Arbeit immer den wechselnden Umständen angepasst, auch wenn es bekennende Christen in Afghanistan heute alles andere als leicht haben. Auf der offenen Straße das Bruderschaftskreuz zu tragen, könnte tödlich enden. Unter anderem betreiben und finanzieren die Christusträger zwei Ambulanzkliniken in Kabul.

Im Kongo sind die Christusträger im Dorf Vanga, rund 350 Kilometer östlich der Hauptstadt Kinshasa aktiv. Sie arbeiten dort seit 1980 im kirchlichen Hospital mit, die Brüder haben die ärztliche Leitung der Kinderklinik inne. Einige Brüder sind schon seit Jahrzehnten im Ausland tätig, die meisten wechseln ihre Einsatzorte jedoch regelmäßig. Im sächsischen Wilsdruff betreibt die Bruderschaft zum Beispiel eine offene Stadtkommunität, die Brüder engagieren sich bei der Stiftung "Leben und Arbeit".

Die Christusträger gelten als progressive Kommunität. Sie sind offiziell nicht Teil der bayerischen evangelischen Landeskirche, zufällig ist ihr Prior Christian aber evangelischer Pfarrer, wenngleich "außer Dienst". Viele Brüder sind aber keine Lutheraner, sondern Reformierte. Jahrzehntelang lebte die Bruderschaft ohne festgeschriebene Regeln, erst 2004 wurde ihr "Konsens" erarbeitet. Auf diesen "gemeinsamen Grundlagen" fußt das Zusammenleben heute, erläutert Bruder Christian Hauter.

Die Brüder leben ehelos und zölibatär nach den sogenannten Evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die Mitglieder haben keinen Besitz, sie leben persönliche Armut. Auch wenn es im Kloster Triefenstein laut Prior Christian "sonntags kein geordnetes gottesdienstliches Leben gibt, weil wir die Gottesdienste in den umliegenden Gemeinden besuchen", so folgt das Leben doch einem klösterlichen Rhythmus; mit Stundengebeten um 6 und 18 Uhr sowie dem gemeinsamen Mittagsgebet in der Kellerkapelle.

Hauter ist seit Januar 1991 Mitglied der Bruderschaft. Mitbruder Bodo ist schon wesentlich länger dabei, nämlich von Anfang an. Mit damals 17 Jahren bekam er die Anfänge der Bruderschaft in den 1960er Jahren hautnah mit. "Bis dahin hatte ich mit Kirche und Jesus nichts am Hut", erinnert er sich. Doch der "Jugendkreis" in Südhessen, aus dem die heutige Bruderschaft erwuchs, weckte mit dem Dreiklang "Jazz, Jugend, Jesus" sein Interesse am Christsein.

"Mit 19 dachte ich: das mache ich mal vier, fünf Jahre", erinnert sich Bodo. Mittlerweile sind fast 50 Jahre daraus geworden. In dieser Zeit hat sich die Gemeinschaft auch gewandelt. Die beiden Standbeine sind zwar nach wie vor die Auslandsarbeit und die Inlandsmission. Die Brüder arbeiten heute aber nicht mehr wie früher außerhalb der Bruderschaft, sondern für sie. Etwa in den Triefensteiner Gästehäusern, der Haupteinnahmequelle der Brüder. Um ihre vielen Sozialprojekte zu finanzieren, sind die Brüder aber auch auf Spenden angewiesen.

Schweinegestank an heiligem Ort?

Willmars (epd). Widerstand gegen Schweinemastanlagen gibt es überall, wo sie gebaut werden sollen. Doch im unterfränkischen Willmars (Kreis Rhön-Grabfeld) ist alles anders. Ein Landwirt will den Hof seiner Eltern mit einem Maststall für Schweine erweitern - nur einen Steinwurf von einem jahrhundertealten jüdischen Friedhof entfernt. Baurechtlich ist die Sache klar: er darf. Das hat auch das Verwaltungsgericht Würzburg entschieden. Doch der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern sieht die Religionsfreiheit bedroht und will in Berufung gehen.

Kyrill-Alexander Schwarz, Professor für öffentliches Recht an der Universität Würzburg, hat für den Landesverband einen Revisionsantrag verfasst. "Auf alle Fälle noch vor Weihnachten" solle er dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) zugestellt werden, sagte Schwarz. Noch vor der Sommerpause 2011 erhofft sich der Jurist eine Entscheidung, ob es zur Berufungsverhandlung kommt. "Ich bin zuversichtlich", sagt Schwarz, denn bei diesem Fall gehe es "um mehr als Bau- und Emissionsrecht". Es stelle sich die Frage nach dem Stellenwert der Religionsfreiheit.

Genau das ist auch das Hauptargument in Schwarz’ Revisionsantrag. "Es geht hier auch in hohem Maße um den symbolischen Charakter des Falls", sagt er. Für Juden seien Schweine nun einmal unreine Tiere, in den vergangenen Jahrhunderten seien jüdische Friedhöfe oftmals mit Schweinen geschändet worden. "Hier ist eindeutig mehr Sensibilität gefragt", sagt der Jurist. Die zu erwartende Geruchsbelästigung durch den 150 Meter entfernten Stall jedenfalls wäre für gläubige Juden nicht hinnehmbar: "Bei Schweinegestank können sie dort nicht beten."

Der Landwirt selbst will zu dem Fall gar nichts mehr öffentlich sagen und verweist auf seinen Anwalt Wolfgang Mohr. "Der jüdische Friedhof hat den gleichen Anspruch auf Rücksichtnahme wie jeder andere Friedhof auch", betont Mohr. Aber eben auch nicht mehr. Alleine die Tatsache, dass es sich um eine jüdische Grabstätte handle, "kann doch nicht einfach geltendes Baurecht außer Kraft setzen". Da der geplante Stall laut Gutachten sogar die niedrigen Emissionsgrenzwerte für Wohngebiete einhalte, müsse die Anlage auch genehmigt werden.

Für das Argument der Religionsfreiheit habe er "volles Verständnis", sagt Mohr. Doch er schränkt sogleich ein: "Er befindet sich in unserem Kulturkreis. Eventuell übersteigerte religiöse Vorstellungen zu Schweinen können und dürfen nicht über deutsches Recht gestellt werden." Erbost sei er über "Untertöne in der Berichterstattung", die seinem Mandanten indirekt judenfeindliche Tendenzen unterstellten. "Der Landwirt ist ein braver Katholik und hat nichts, aber auch gar nichts mit Antisemitismus zu tun", betont Rechtsanwalt Mohr.

Diesen Zungenschlag wollte Josef Schuster, Vorsitzender des Landesverbandes und Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, von Anfang an aus der Angelegenheit heraushalten. "Wir unterstellen weder dem Landwirt, noch der Baubehörde, die den Bauvorantrag genehmigt hat, noch dem Verwaltungsgericht antisemitische Tendenzen", sagt Schuster. Das Ergebnis, nämlich der Bau der Schweinemastanlage an geplanter Stelle, sei dann aber "trotzdem antisemitisch, auch ohne die Intention der Beteiligten". Schließlich behindere er die jüdische Religionsausübung.

Besonders ärgert Schuster, dass dem Landwirt vom Willmarser Bürgermeister Reimund Voß (SPD) zwei Alternativen zum jetzt geplanten Standort aufgezeigt wurden. Diese habe er jedoch alle abgelehnt. "Das stimmt so nicht", erwidert Anwalt Mohr. Die Baubehörde habe die Alternativen als ungeeignet abgelehnt. Voß kann sich das "nicht vorstellen". Zudem bescheinigt er dem Landwirt "eine gewisse Halsstarrigkeit". Wenn sich einer gegen ihn stelle, denke er sich: "Jetzt erst recht."

Im Landratsamt Bad Neustadt, der zuständigen Baubehörde, weist man die Aussage von Anwalt Mohr zurück: "Richtig ist: Wir haben gesagt, dass die Alternativen aus baurechtlicher Sicht nicht problemfrei sind", sagt Manfred Endres, Leiter der Bau- und Umweltabteilung. Eine baurechtliche Prüfung im engeren Sinne habe jedoch "nicht stattgefunden".

Unberührt davon, ob die Berufung vor dem VGH nun zugelassen wird, oder nicht: Der Dorffrieden in Willmars ist nachhaltig gestört, sagt Voß. Es gehe ein Riss durchs Dorf. Je akademischer gebildet, desto weniger Verständnis hätten die Menschen für die Baupläne des Landwirts; je näher der Verwandtheitsgrad mit dem Landwirt, desto weniger haben sie Verständnis für die Rücksichtnahme auf den jüdischen Friedhof. Dazu komme, "dass sich die Leute hier ungern von außen in ihre Sachen reinreden lassen", sagt Voß. Da würden sie schon mal "schnell bockig".

Jurist Schwarz kündigt unterdessen an, im Falle einer nicht zugelassenen Berufung für den Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern vors Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Inzwischen geht es nämlich um deutlich mehr als den Friedhof in Willmars, die Sache ist nun auch politisch. Der Zentralrat der Juden beteiligt sich an den Anwalts- und Prozesskosten, der Streit um den unterfränkischen Schweinemaststall ist für die gesamte jüdische Gemeinde hierzulande zum Präzedenzfall für die Frage geworden.

Streit ums Geläut

Lohr a.M. (epd). Es ist auf die Minute genau Mitternacht im unterfränkischen Lohr. Doch selbst um diese Uhrzeit ist es am Fuß des Valentinusberges nicht still. Lastwagen und Autos brausen auf den beiden nahen Bundesstraße 26 und 276 vorbei. Nur die Glocken der Auferstehungskirche schweigen - schon seit Mitte September, jeweils zwischen 22 und 6 Uhr. Einige Anwohner hatten sich mit einer Unterschriftenliste über ihr nächtliches Geläut beschwert. Kein Einzelfall. Immer öfter müssen Glocken nachts schweigen.

Der Lohrer Dekan Michael Wehrwein macht keinen Hehl daraus, dass er die Glocken am liebsten sofort auch wieder nachts läuten lassen würde. "Sie gehören zu unserer christlich-abendländischen Kultur", sagt er. Der Kirchenvorstand der Gemeinde jedoch hatte "um des Nachbarschaftsfriedens willen" beschlossen, die Glocken vorerst nachts abzuschalten. Denn die Stimmung, vor allem durch den Schlagabtausch beider Seiten per Leserbriefen in der Lokalpresse, schien zunehmend vergiftet.

Einer der Initiatoren der Unterschriften gegen das nächtliche Läuten ist Anwohner Harald Valder. Schon lange gebe es "ein Murren gegen die Glocken", nun sei es eben "mal hochgekocht". Einen konkreten Anlass für seine Initiative habe es nicht gegeben, vielmehr sei sie Ausfluss unzähliger Gespräche mit seinen Nachbarn, den direkten Anwohnern rund um die Kirche. Das Läuten nachts sei eine "ganz normale Ruhestörung", die man als Anwohner nicht hinnehmen müsse, findet er.

Doch das sehen längst nicht alle so. Denn seit die Turmglocken schweigen, treffen täglich Briefe, E-Mails und Anrufe im Dekanat und Pfarrbüro ein, in denen Anwohner fordern, die Glocken wieder anzuschalten. Auch nachts. Von den "kraftvollen Stundenschlägen", die einem "schon so manche schlaflose Nacht in Viertelstunden geteilt" habe, ist da die Rede, von einem "vertrauten Klang", der nun fehle. "Die Alteingesessenen wollen die Glocken, viele Zugezogene nicht", sagt Wehrwein.

Auch eine Unterschriftenliste gegen das Schweigen der Glocken ist inzwischen im Umlauf. Aufgesetzt hat sie Christoph Chodura, der knapp 100 Meter von der Auferstehungskirche entfernt lebt. "Ich bin Atheist", stellt er klar, aber "Kirchenglocken gehören nun einmal zu unserer Tradition und Kultur", meint er. Die Wut mancher Anwohner findet Chodura sonderbar: "Wenn man in die Nähe eine Kirche zieht, sollte man damit rechnen, dass da Glocken zu hören sind!"

Eine vertrackte Situation. Auch aus rechtlicher Sicht, erläutert der Würzburger Anwalt Johannes Mierau, der die bayerische Landeskirche bereits in Geläut-Streitfällen gegen klagende Anwohner vertreten hat. "Das sind immer Einzelfallentscheidungen", sagt Mierau, eine einheitliche Rechtssprechung gebe es nicht. Dem Zeitläuten würden die Richter in der Regel keine liturgische Bedeutung zumessen, dem Läuten zum, während und nach dem Gottesdienst hingegen schon. Denn Letzteres ist per Grundgesetz geschützt.

Wie laut Glocken sein und wann sie schlagen dürfen, ist im Bundesimmissionschutzgesetz, genauer: in der Technischen Anleitung (TA) zum Schutz gegen Lärm geregelt. Die jedoch ist derart kompliziert, dass sie kaum ein Kirchenvorstand oder Pfarrer versteht - geschweige denn, dass sie überhaupt von ihr wissen. Darum gibt es Leute wie Kurt Kramer. Er ist Glockensachverständiger und Mitglied im Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen, einem gemeinsamen Gremium der evangelischen und katholischen Kirche.

"Grundsätzlich dürfen Glocken 65 Dezibel laut schlagen", sagt Kramer. 65 Dezibel - das kann ein sehr lauter Fernseher oder eine eher stille Werkshallenatmosphäre sein. Tagsüber seien es sogar 85 Dezibel, das entspricht in etwa dem Geräuschpegel, den ein lautes Motorrad verursacht. Gemessen werden diese Lautstärken der Kirchenglocken nicht direkt am Geläut im Turm, "sondern immer bei dem nächstgelegenen Nachbarn - nicht dem Beschwerdeführer", erläutert der Karlsruher Experte.

Werden die Grenzwerte eingehalten, sind Klagen ziemlich sinnlos, meint Kramer. Das gelte auch für das nächtliche Stundengeläut nachts. "Sie machen die Vergänglichkeit der Zeit hörbar", betont Dekan Wehrwein. Es gab jedoch auch schon gegenteilige Gerichtsentscheidungen. "Im Sinne des Nachbarschaftsfriedens ist Rücksicht das Wichtigste", sagt Kramer. Aber das könne ja nicht heißen, alle Glocken nachts schweigen zu lassen. "Rücksicht ja, Abstellen nein", sagt er.

Es gebe etliche technische Möglichkeiten wie etwa Schalläden am Kirchturm oder nicht so starke Schlaghämmer an den Glocken, um die Lautstärke zu reduzieren. "Gerade nachts sollten Glocken die Zeit anzeigen", findet Kramer: "Alte und Kranke warten oft regelrecht auf den Glockenschlag." Zudem sei man heute "zu leicht dabei, ganze Epochen der christlich-abendländischen Kultur mit einem Handstreich zu beenden", nur weil sich eine Minderheit über "Glockenlärm beschwert."

Messwein aus Franken

Würzburg (epd). Die Natur hat es in diesem Jahr nicht so gut gemeint mit den fränkischen Winzern. "Das sieht man auch als Laie, wenn man durch die Weinberge läuft", sagt Peter Rudloff, Weinbergsmeister beim renommierten Würzburger Weingut Juliusspital. Die knorrigen Weinstöcke am Steilhang sind voll mit reifen Weinbeeren, aber kaum eine Traube besteht nur aus goldgelben Früchten. Es war zu nass und kalt. Viel Braunes sieht man, dazwischen auch immer wieder Schimmel. Trotzdem: Die Beeren müssen runter vom Rebstock. Und das ist ein Knochenjob.

Der Himmel ist trüb, Hochnebel hängt über dem Würzburger Mainkessel. Aber wenigstens regnet es nicht. Ein paar Dutzend Erntehelfer mühen sich die schmalen Gänge zwischen den Rebzeilen bergauf und wieder bergab. Ein mühsames Geschäft, das auf den Rücken, auf die Schultern, den Nacken, auf die Oberarme geht. Marlene Betz macht die Arbeit trotzdem Spaß. Seit 1992 schon steht die heute 60-Jährige bei jeder Ernte mit im Berg: "Damals wollte eine Bekannte, dass ich sie begleite. Sie hatte schnell die Nase voll, ich aber bin geblieben."

Die Weinlese ist in diesem Jahr noch ein bisschen anstrengender als sonst. Denn die Beeren werden selektiert, die Weinberge zwei Mal abgeerntet. Zuerst werden nur die ganz gesunden Trauben abgeknipst, beim zweiten Durchgang kommen dann auch diejenigen mit der so genannten Edelfäule in die bunten Plastikwannen, die die Lesehelfer vor sich her wuchten. Marlene Betz nimmt behutsam eine Rebe in die Hand, mit ihrer Schere knipst sie blitzschnell die gesunden Beeren ab und lässt sie in die Wanne fallen: "Die anderen bleiben erst mal dran."

Dass die 60-Jährige mit ihren Kolleginnen und Kollegen heute in einem besonderen Weinberg steht, weiß sie gar nicht. Den Weintrauben sieht man es auch nicht an, dass sie später einmal Messwein werden sollen. Das Würzburger Juliusspital verwaltet und bewirtschaftet seit vielen Jahrzehnten die 3,4 Hektar großen Weinberge der im Jahr 1918 gegründeten "Ignaz Kolb’schen Messweinstiftung". Alle Trauben dieser beiden Weinberge in den Lagen Pfaffenberg und Abtsleite dürfen ausschließlich zu Messwein ausgebaut werden.

Ziel des Würzburger Weinhändler-Ehepaares Kolb sei damals gewesen, dass "jedem katholischen Pfarrer auf Verlangen, ein den kirchlichen Vorschriften völlig entsprechender, also durchaus naturreiner Wein (Messwein) zur Verfügung gestellt" werden kann, heißt es in der Stiftungsurkunde. Das war damals auch durchaus geboten, denn früher durften Winzer und Kellermeister noch ziemlich panschen. "Da landeten auch mal Gewürze oder Honig im Wein, um nicht so gute Jahrgänge aufzuhübschen", sagt Juliusspital-Vertriebsleiterin Kordula Geier.

Das galt übrigens noch bis ins Jahr 1971, bis mit dem neuen Weingesetz verschiedene Güteklassen eingeführt wurden. "Die Messweinverordnung war sozusagen der Vorreiter für die Prädikatsweine, wenn man so will auch für die Biobewegung im Weinbau", sagt Geier. 1918, als die Messweinstiftung gegründet wurde, war Messwein eine ausschließlich katholische Angelegenheit. Inzwischen bestellen auch immer mehr evangelische Gemeinden und Privatleute den Messwein. "Er ist gut und erschwinglich", erklärt Geier. Auch das wollten die Kolbs so.

In guten Jahren holen Kellermeister Benedikt Then und sein Team bis zu 20.000 Literflaschen aus den Bergen der Messweinstiftung. 2010 werden es bedeutend weniger sein. Da der Kolb’sche Silvaner und Müller-Thurgau ohnehin jedes Jahr ausverkauft werden, wird der 2010er höchstens bis zum Herbst kommenden Jahres reichen. Then selbst trinkt auch gerne mal Messwein. "Der hat Restsüße, das macht ihn morgens früh im Gottesdienst bekömmlicher", erklärt Then, der offiziell vom Würzburger Bischof vereidigter Messweinkellermeister ist.

Marlene Betz steht immer noch im Weinberg oberhalb von Würzburg, sie knipst und knipst, die Beeren fallen in die Plastikwanne. Montag bis Samstag, täglich von 7.15 Uhr bis es wieder dunkel wird, mindestens vier Wochen lang, bis alles abgeerntet ist. Dass der 2010er Weinjahrgang wohl kein herausragender wird, ist der 60-jährigen Hausfrau ziemlich schnuppe. "Ich hab’s selbst gar nicht so mit dem Wein", sagt sie, ein verlegenes Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. Nur, wenn die Trauben schöner gewesen wären, "hätte ich sicher ein paar genascht“.