die tageszeitung
Papa, warum tust du das?
20.04.2005 - 12:00
Horst ist die kleinste. Gerade mal 21 Zentimeter
breit, 11 Zentimeter hoch und 2,4 Zentimeter tief.
Rechts unten in der Ecke prangt ein breites schwarzes
F. F wie Freitag. Links oben ragt aus Horst eine
dünne Schlaufe heraus. So wie sie daliegt, in seinem
gedeckten Braun-Beige-Ton, sieht Horst richtig nett
aus. Jedoch nur so lange, bis man weiß, was diese
Horst eigentlich ist. Eine Herrenhandtasche!
Horst und seine beiden größeren Geschwister Fritz und Willy sind eine Hommage an die Modeexzesse der späten 70er- und der frühen 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das klingt so, als sei das schon ganz schön lange her. Ist es aber (leider) nicht. Damals durften die Männer der Republik noch ungestraft Schnauzbärte, knallbunte Karottenjeans, hellgelbe Pullunder und eben auch Herrenhandtaschen tragen. Der bloße Anblick dieses Männer-Accessoires hat damals tausende Unschuldige verstört.
Mann erinnert sich mit Schaudern an den Tag zurück, als der eigene Vater stolz mit einer Handtasche, die vermeintlich lässig um sein linkes Handgelenk baumelte, nach Hause kam. "Papa, wozu brauchst du denn die Handtasche?" Schlüssige Antworten gab es schon vor zwanzig Jahren nicht, denn in die Modeerscheinung passte so gut wie gar nichts hinein.
Nun kommt er also zurück, der Klassiker des schlechten Geschmacks. Reanimiert haben das Männer-Accessoire die ansonsten sehr stilsicheren Freitag-Brüder Markus und Daniel aus Zürich. Vor rund zehn Jahren haben die beiden Schweizer mit ihren Umhängetaschen aus Lkw-Planen, Autogurten und Reifenschläuchen Kultobjekte geschaffen. Und viel Geld verdient.
Ob man die bunten Freitag-Taschen nun schön findet oder nicht: Unbestreitbar ist, dass sie richtig praktisch sind. Das allerdings kann und darf man bei den neuen Kreationen der Gebrüder in Frage stellen. Nach und nach folgten noch Geldbeutel, Einkaufsbeutel und Tussi-Täschchen aus denselben Materialien. Die waren schon längst nicht mehr so cool und lässig wie das Original. Nun aber haben Freitags den Vogel abgeschossen. Horst, Fritz und Co., ein Accessoire für "moderne Jäger und Sammler". Stimmt. In Horst hat kaum ein frisch erlegter iPod Platz.
Für die Brüder sind die Herrenhandtaschen ein "Begleiter des Kosmopoliten", ein "Außenborder des Playboys", dessen Hosentaschen zu eng waren, "um selbst seine Yachtschlüssel zu beherbergen". Bleibt die Frage, wie viele Jungs und Männer im 21. Jahrhundert noch so enge Hosen tragen. Geschweige denn, wie vielen das Problem mit dem Yachtschlüssel bekannt ist. Zudem haben die Freitags einen gravierenden Denkfehler begangen: Wer einen Porscheschlüssel hat, will ihn nicht verstecken, sondern zeigen.
In einem Punkt allerdings muss man den Taschen-Designern aus der Schweiz absolut Recht geben: Ausgebeulte Hinterhosentaschen sind eindeutig noch schlimmer als ihre freischwingenden Herrenbeutel, die so männlich und praktisch sein sollen, dann aber doch nur stören. Es ist demnach ratsamer, Geldbeutel und Handy zu Hause zu lassen. Dann braucht man auch keine Horsts. Auf die propagierte Taschen-Mannzipation kann also verzichtet werden!
Horst und seine beiden größeren Geschwister Fritz und Willy sind eine Hommage an die Modeexzesse der späten 70er- und der frühen 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das klingt so, als sei das schon ganz schön lange her. Ist es aber (leider) nicht. Damals durften die Männer der Republik noch ungestraft Schnauzbärte, knallbunte Karottenjeans, hellgelbe Pullunder und eben auch Herrenhandtaschen tragen. Der bloße Anblick dieses Männer-Accessoires hat damals tausende Unschuldige verstört.
Mann erinnert sich mit Schaudern an den Tag zurück, als der eigene Vater stolz mit einer Handtasche, die vermeintlich lässig um sein linkes Handgelenk baumelte, nach Hause kam. "Papa, wozu brauchst du denn die Handtasche?" Schlüssige Antworten gab es schon vor zwanzig Jahren nicht, denn in die Modeerscheinung passte so gut wie gar nichts hinein.
Nun kommt er also zurück, der Klassiker des schlechten Geschmacks. Reanimiert haben das Männer-Accessoire die ansonsten sehr stilsicheren Freitag-Brüder Markus und Daniel aus Zürich. Vor rund zehn Jahren haben die beiden Schweizer mit ihren Umhängetaschen aus Lkw-Planen, Autogurten und Reifenschläuchen Kultobjekte geschaffen. Und viel Geld verdient.
Ob man die bunten Freitag-Taschen nun schön findet oder nicht: Unbestreitbar ist, dass sie richtig praktisch sind. Das allerdings kann und darf man bei den neuen Kreationen der Gebrüder in Frage stellen. Nach und nach folgten noch Geldbeutel, Einkaufsbeutel und Tussi-Täschchen aus denselben Materialien. Die waren schon längst nicht mehr so cool und lässig wie das Original. Nun aber haben Freitags den Vogel abgeschossen. Horst, Fritz und Co., ein Accessoire für "moderne Jäger und Sammler". Stimmt. In Horst hat kaum ein frisch erlegter iPod Platz.
Für die Brüder sind die Herrenhandtaschen ein "Begleiter des Kosmopoliten", ein "Außenborder des Playboys", dessen Hosentaschen zu eng waren, "um selbst seine Yachtschlüssel zu beherbergen". Bleibt die Frage, wie viele Jungs und Männer im 21. Jahrhundert noch so enge Hosen tragen. Geschweige denn, wie vielen das Problem mit dem Yachtschlüssel bekannt ist. Zudem haben die Freitags einen gravierenden Denkfehler begangen: Wer einen Porscheschlüssel hat, will ihn nicht verstecken, sondern zeigen.
In einem Punkt allerdings muss man den Taschen-Designern aus der Schweiz absolut Recht geben: Ausgebeulte Hinterhosentaschen sind eindeutig noch schlimmer als ihre freischwingenden Herrenbeutel, die so männlich und praktisch sein sollen, dann aber doch nur stören. Es ist demnach ratsamer, Geldbeutel und Handy zu Hause zu lassen. Dann braucht man auch keine Horsts. Auf die propagierte Taschen-Mannzipation kann also verzichtet werden!
Asche zu Klunkern
13.11.2004 - 12:00
Es klingt verführerisch: Nie wieder teure Grabpflege,
nie wieder Stiefmütterchen. Nie wieder bei Eis und
Schnee auf den weit entfernten Friedhof pilgern.
Stattdessen sitzt die Witwe in ihrem beheizten
Wohnzimmer und prostet den filigran geschliffenen
überresten des einst eher ungehobelten Herrn Gemahls
zu. Wie das funktionieren soll? Ganz einfach: Statt
die Asche in einer Urne zu begraben, hat sie sich
einen Diamanten daraus pressen lassen.
Wofür Mutter Erde Millionen von Jahren benötigt, braucht man im schweizerischen Chur nur drei bis vier Wochen. Seit Anfang des Jahres firmiert dort das kleine Unternehmen "Algordanza", ein Wort aus dem Romanischen, das so viel wie "Erinnerung" bedeutet. Veit Brimer, ein gebürtiger Würzburger, hat es zusammen mit dem Schweizer Rinaldo Willy gegründet. Seither werden in der Nordostschweiz aus Menschenasche Diamanten hergestellt. Erst werden die überreste chemisch analysiert - und dann bei 50.000 Bar und 1.500 Grad wochenlang gepresst.
Heraus kommt ein bläulich schimmerndes Steinchen von einem halben bis einem Karat Größe - je nachdem, wie lange die Asche gepresst wurde. "Anfangs wollten wir die Edelsteine auf stilvolle Granitsockel setzen", sagt Veit Brimer: "Viele Interessenten fragten aber, ob man die Diamanten nicht auch in Schmuckstücke einarbeiten kann." Und weil der Kunde in der Marktwirtschaft nun mal der König ist, wurde auch das ermöglicht. Wers mag, der kann sich fortan also seinen Onkel Max um den Hals hängen und Tante Liesel ins Ohrläppchen stecken.
Pietätlos findet Veit Brimer das Herstellungsverfahren nicht. Man gehe nämlich sehr sorgsam mit den überresten der Verstorbenen um, versichert der Unternehmer. Im Klartext heißt das: "Unsere Maschinen werden nach jedem Vorgang gründlich gereinigt." Denn die Asche des einen Verstorbenen soll freilich nicht mit den überresten eines anderen vermischt werden. Schließlich wolle die Witwe an ihrem Ehering nur den verstorbenen Gatten, und nicht irgendwelche Körperteile eines fremden Mannes wissen: "Bei uns wird Menschenwürde sehr hoch gehängt."
Verantwortlich für diese brandneue zivilisatorische Errungenschaft ist die Russische Akademie der Wissenschaften in Moskau, die seit Jahrzehnten die Herstellung künstlicher Diamanten vorantreibt. Dort wird nicht nur geforscht, dort werden auch Maschinen zur Klunkerproduktion hergestellt. Zwar kann man einen echten, sprich: natürlichen Edelstein mit technischen und chemischen Analysen durchaus von einem synthetischen Klunker unterscheiden - aus was für Material der künstliche Diamant gepresst wurde, das kann jedoch kaum nachvollzogen werden.
Veit Brimer warnt aber vor Horrorszenarien. "Normalerweise werden synthetische Diamanten aus einem Karbongemisch hergestellt, dessen Zusammensetzung genau erprobt ist." Deshalb sei der so hergestellte Stein erheblich preiswerter als ein Diamant aus Menschenasche. "Dort muss zuerst die Zusammensetzung und der Karbongehalt festgestellt und dann die Maschine darauf eingestellt werden." Wer seine gepressten Vorfahren verscherbeln will, der zahlt also drauf. Doch wer garantiert, dass der Urenkel den funkelnden Uropa nicht doch zu Geld macht?
"Dazu fällt mir gerade nichts ein", sagt Veit Brimer - nur, um eine halbe Sekunde später doch nachzulegen: "Bei solchen überlegungen bewegen wir uns doch auf derselben Ebene, wie wenn einer die Asche seiner Oma aus der Urne kippen würde, weil er sie als Vase verwenden will." Letztlich kann sich künftig also niemand mehr wirklich sicher sein, ob auf dem neuen Diamantcollier wirklich ein synthetischer Stein oder ein gepresster Mensch steckt. Die Kosten für Menschensteine liegen nämlich zwischen 3.000 und 12.000 Euro. Preiswerte Diamanten also.
Für Muslime und Juden kommt das Verfahren vermutlich nicht in Frage, denn beide Religionen lehnen schon das Verbrennen ihrer Toten ab. Unternehmer Brimer glaubt indes, dass zumindest bei den Christen "aus dogmatischer Sicht nichts gegen das Verfahren einzuwenden ist". Das sieht man bei den beiden großen deutschen Kirchen aber anders. "Das Verarbeiten der Asche Verstorbener zu Schmucksteinen" stehe im Widerspruch zu einer christlichen Bestattungs-, Trauer- und Erinnerungskultur", erklärt Martina Höhns von der Deutschen Bischofskonferenz.
Und auch die Evangelische Kirche in Deutschland ist nicht gerade begeistert von den Menschendiamanten: "Das wirkt außerordentlich geschmacklos", findet Oberkirchenrat Thies Gundlach. Eine solche Praxis werde der Würde des Menschen, die über den Tod hinweg andauere, nicht gerecht: "Wir wenden uns der äußeren Ewigkeit zu, und die innere ist immer weniger wert." übrigens: Buddhisten wären von den Diamanten wohl auch nicht begeistert. Wenn ein Buddhist nämlich als Stein wiedergeboren wird, dann war er zu Lebzeiten ein schlechter Mensch.
Wofür Mutter Erde Millionen von Jahren benötigt, braucht man im schweizerischen Chur nur drei bis vier Wochen. Seit Anfang des Jahres firmiert dort das kleine Unternehmen "Algordanza", ein Wort aus dem Romanischen, das so viel wie "Erinnerung" bedeutet. Veit Brimer, ein gebürtiger Würzburger, hat es zusammen mit dem Schweizer Rinaldo Willy gegründet. Seither werden in der Nordostschweiz aus Menschenasche Diamanten hergestellt. Erst werden die überreste chemisch analysiert - und dann bei 50.000 Bar und 1.500 Grad wochenlang gepresst.
Heraus kommt ein bläulich schimmerndes Steinchen von einem halben bis einem Karat Größe - je nachdem, wie lange die Asche gepresst wurde. "Anfangs wollten wir die Edelsteine auf stilvolle Granitsockel setzen", sagt Veit Brimer: "Viele Interessenten fragten aber, ob man die Diamanten nicht auch in Schmuckstücke einarbeiten kann." Und weil der Kunde in der Marktwirtschaft nun mal der König ist, wurde auch das ermöglicht. Wers mag, der kann sich fortan also seinen Onkel Max um den Hals hängen und Tante Liesel ins Ohrläppchen stecken.
Pietätlos findet Veit Brimer das Herstellungsverfahren nicht. Man gehe nämlich sehr sorgsam mit den überresten der Verstorbenen um, versichert der Unternehmer. Im Klartext heißt das: "Unsere Maschinen werden nach jedem Vorgang gründlich gereinigt." Denn die Asche des einen Verstorbenen soll freilich nicht mit den überresten eines anderen vermischt werden. Schließlich wolle die Witwe an ihrem Ehering nur den verstorbenen Gatten, und nicht irgendwelche Körperteile eines fremden Mannes wissen: "Bei uns wird Menschenwürde sehr hoch gehängt."
Verantwortlich für diese brandneue zivilisatorische Errungenschaft ist die Russische Akademie der Wissenschaften in Moskau, die seit Jahrzehnten die Herstellung künstlicher Diamanten vorantreibt. Dort wird nicht nur geforscht, dort werden auch Maschinen zur Klunkerproduktion hergestellt. Zwar kann man einen echten, sprich: natürlichen Edelstein mit technischen und chemischen Analysen durchaus von einem synthetischen Klunker unterscheiden - aus was für Material der künstliche Diamant gepresst wurde, das kann jedoch kaum nachvollzogen werden.
Veit Brimer warnt aber vor Horrorszenarien. "Normalerweise werden synthetische Diamanten aus einem Karbongemisch hergestellt, dessen Zusammensetzung genau erprobt ist." Deshalb sei der so hergestellte Stein erheblich preiswerter als ein Diamant aus Menschenasche. "Dort muss zuerst die Zusammensetzung und der Karbongehalt festgestellt und dann die Maschine darauf eingestellt werden." Wer seine gepressten Vorfahren verscherbeln will, der zahlt also drauf. Doch wer garantiert, dass der Urenkel den funkelnden Uropa nicht doch zu Geld macht?
"Dazu fällt mir gerade nichts ein", sagt Veit Brimer - nur, um eine halbe Sekunde später doch nachzulegen: "Bei solchen überlegungen bewegen wir uns doch auf derselben Ebene, wie wenn einer die Asche seiner Oma aus der Urne kippen würde, weil er sie als Vase verwenden will." Letztlich kann sich künftig also niemand mehr wirklich sicher sein, ob auf dem neuen Diamantcollier wirklich ein synthetischer Stein oder ein gepresster Mensch steckt. Die Kosten für Menschensteine liegen nämlich zwischen 3.000 und 12.000 Euro. Preiswerte Diamanten also.
Für Muslime und Juden kommt das Verfahren vermutlich nicht in Frage, denn beide Religionen lehnen schon das Verbrennen ihrer Toten ab. Unternehmer Brimer glaubt indes, dass zumindest bei den Christen "aus dogmatischer Sicht nichts gegen das Verfahren einzuwenden ist". Das sieht man bei den beiden großen deutschen Kirchen aber anders. "Das Verarbeiten der Asche Verstorbener zu Schmucksteinen" stehe im Widerspruch zu einer christlichen Bestattungs-, Trauer- und Erinnerungskultur", erklärt Martina Höhns von der Deutschen Bischofskonferenz.
Und auch die Evangelische Kirche in Deutschland ist nicht gerade begeistert von den Menschendiamanten: "Das wirkt außerordentlich geschmacklos", findet Oberkirchenrat Thies Gundlach. Eine solche Praxis werde der Würde des Menschen, die über den Tod hinweg andauere, nicht gerecht: "Wir wenden uns der äußeren Ewigkeit zu, und die innere ist immer weniger wert." übrigens: Buddhisten wären von den Diamanten wohl auch nicht begeistert. Wenn ein Buddhist nämlich als Stein wiedergeboren wird, dann war er zu Lebzeiten ein schlechter Mensch.