ddp Nachrichtenagentur
Sprengstoffanschlag in Viernheim
19.08.2009 - 12:00
Viernheim (ddp-hes). Ein Bastler soll Jürgen K.
gewesen sein und schon früher mit Munition in der
Gartenparzelle seiner Eltern experimentiert haben.
Mietschulden soll er gehabt haben, eine Räumungsklage
soll bereits am Laufen gewesen sein. Viel mehr ist
über den etwa 40-Jährigen aus dem südhessischen
Viernheim an der Bergstraße nicht bekannt - nur, dass
er am Mittwochmorgen im baden-württembergischen
Weinheim und anschließend in Viernheim Sprengsätze
gezündet und sich danach in seiner Wohnung verschanzt
haben soll.
Es ist kurz nach 6.00 Uhr, als ein lauter Knall Jürgen K.s unmittelbaren Wohnungsnachbarn aus dem Schlaf reißt. Er sei sofort ans Fenster gerannt und habe nach der Ursache des Knalls Ausschau halten wollen, sagt der Familienvater. Hinter dem schmucklosen Wohnblock entdeckt er im Garten eines Bungalows dichten Rauch. Nach ersten Erkenntnissen soll Jürgen K. dort etwas Explosives gezündet haben, vielleicht eine Handgranate. Anschließend wollen mehrere Nachbarn Schüsse gehört haben. Bei der Flucht aus dem Bungalow verletzt sich der 32-jährige Hausherr leicht, ansonsten sind er, seine Frau und seine beiden Kinder wohlauf. Anschließend verbarrikadiert sich K. in Tarnanzug und Gasmaske im zweiten Obergeschoss des Wohnblocks in seiner Wohnung. Er ruft die Polizei an und droht mit der Explosion weiterer Sprengkörper.
Hintergrund für die Taten könnten Mietschulden des Mannes sein. Seit Monaten soll er kein Geld für die Wohnung bezahlt haben, die Vermieterin - die Schwester der Ehefrau aus dem Bungalow - habe bereits eine Räumungsklage gegen K. angestrengt, erzählt der Nachbar. Im Erdgeschoss des Wohnblocks in der Theodor-Heuss-Allee betreiben die Eltern der beiden Schwestern einen Lebensmittelladen.
In Weinheim, so die Mutmaßungen der Einsatzkräfte vor Ort, habe K. seine Sprengsätze testen wollen. Offiziell bestätigen will die Polizei dies hingegen nicht. Überhaupt hüllen sich die Behörden in Schweigen. Man stehe in Kontakt mit dem Mann und versuche, die Situation friedlich zu lösen. Dass bereits Beamte des Sondereinsatzkommandos das Gebäude umstellt und teilweise auch schon das Innere gesichert haben, will ein Polizeisprecher nicht bestätigen, obwohl dies alles in Sichtweite der Fernsehteams geschieht.
Nett sei der Jürgen gewesen, sagt sein Nachbar, intelligent, aber eben ein Einzelgänger. Stets habe er Armeeklamotten getragen. "Ich kenne ihn gar nicht anders", sagt der Nachbar. Besonders auffällig oder ein Waffennarr sei K. nicht gewesen, betont er: "Ich war mal mit ihm Skifahren, da wirkte er ganz normal." Viel mehr wisse er über K. nicht. Mehr als Smalltalk auf dem Hausflur habe es zwischen beiden kaum gegeben. Nur, dass K. selbstständig als Gas- Wasserinstallateur sein Geld verdient habe, das wisse er noch: "Er war ein Bastler."
Das bestätigt auch ein junger Mann hinter dem rot-weißen Absperrband. Seine Eltern hätten direkt neben K.s Eltern eine Parzelle in der Viernheimer Kleingartensiedlung "Am Glockenbuckel". "Da hat er immer vor sich hingewerkelt", sagt der Mann. Der Jürgen K. sei "schon immer ein komischer Kerl" gewesen, auch am Dienstagnachmittag habe er sich im Kleingarten aufgehalten und "etwas gebastelt". Wieder sei er im Tarnanzug rumgelaufen, habe den Kopf gesenkt gehalten "und noch komischer gewirkt als sonst". Schon vor zehn oder fünfzehn Jahren habe K. Ärger mit der Polizei gehabt, als er im Kleingarten mit Munition experimentiert habe. "Wahrscheinlich hatte er die aus seiner Bundeswehrzeit", sagt der junge Mann: "Da war die Kripo da und hat ermittelt."
Um 9.50 Uhr gehen die ersten Beamten des Sondereinsatzkommandos in das Haus mit der Nummer 45. Im Laufe des Tages kommen immer mal wieder welche raus, andere gehen hinein. Das Gebäude wird Stück für Stück gesichert, das Gelände immer weiträumiger abgesperrt und immer mehr Wohnhäuser werden evakuiert. Auch am frühen Nachmittag hält Jürgen K. die Polizei und die Viernheimer noch in Atem. Offiziell wird noch immer an einer gewaltfreien Lösung gearbeitet. K. soll freiwillig aus seiner Wohnung kommen. Ob er dort noch weitere Sprengsätze oder Waffen hat, ist nicht bekannt.
Es ist kurz nach 6.00 Uhr, als ein lauter Knall Jürgen K.s unmittelbaren Wohnungsnachbarn aus dem Schlaf reißt. Er sei sofort ans Fenster gerannt und habe nach der Ursache des Knalls Ausschau halten wollen, sagt der Familienvater. Hinter dem schmucklosen Wohnblock entdeckt er im Garten eines Bungalows dichten Rauch. Nach ersten Erkenntnissen soll Jürgen K. dort etwas Explosives gezündet haben, vielleicht eine Handgranate. Anschließend wollen mehrere Nachbarn Schüsse gehört haben. Bei der Flucht aus dem Bungalow verletzt sich der 32-jährige Hausherr leicht, ansonsten sind er, seine Frau und seine beiden Kinder wohlauf. Anschließend verbarrikadiert sich K. in Tarnanzug und Gasmaske im zweiten Obergeschoss des Wohnblocks in seiner Wohnung. Er ruft die Polizei an und droht mit der Explosion weiterer Sprengkörper.
Hintergrund für die Taten könnten Mietschulden des Mannes sein. Seit Monaten soll er kein Geld für die Wohnung bezahlt haben, die Vermieterin - die Schwester der Ehefrau aus dem Bungalow - habe bereits eine Räumungsklage gegen K. angestrengt, erzählt der Nachbar. Im Erdgeschoss des Wohnblocks in der Theodor-Heuss-Allee betreiben die Eltern der beiden Schwestern einen Lebensmittelladen.
In Weinheim, so die Mutmaßungen der Einsatzkräfte vor Ort, habe K. seine Sprengsätze testen wollen. Offiziell bestätigen will die Polizei dies hingegen nicht. Überhaupt hüllen sich die Behörden in Schweigen. Man stehe in Kontakt mit dem Mann und versuche, die Situation friedlich zu lösen. Dass bereits Beamte des Sondereinsatzkommandos das Gebäude umstellt und teilweise auch schon das Innere gesichert haben, will ein Polizeisprecher nicht bestätigen, obwohl dies alles in Sichtweite der Fernsehteams geschieht.
Nett sei der Jürgen gewesen, sagt sein Nachbar, intelligent, aber eben ein Einzelgänger. Stets habe er Armeeklamotten getragen. "Ich kenne ihn gar nicht anders", sagt der Nachbar. Besonders auffällig oder ein Waffennarr sei K. nicht gewesen, betont er: "Ich war mal mit ihm Skifahren, da wirkte er ganz normal." Viel mehr wisse er über K. nicht. Mehr als Smalltalk auf dem Hausflur habe es zwischen beiden kaum gegeben. Nur, dass K. selbstständig als Gas- Wasserinstallateur sein Geld verdient habe, das wisse er noch: "Er war ein Bastler."
Das bestätigt auch ein junger Mann hinter dem rot-weißen Absperrband. Seine Eltern hätten direkt neben K.s Eltern eine Parzelle in der Viernheimer Kleingartensiedlung "Am Glockenbuckel". "Da hat er immer vor sich hingewerkelt", sagt der Mann. Der Jürgen K. sei "schon immer ein komischer Kerl" gewesen, auch am Dienstagnachmittag habe er sich im Kleingarten aufgehalten und "etwas gebastelt". Wieder sei er im Tarnanzug rumgelaufen, habe den Kopf gesenkt gehalten "und noch komischer gewirkt als sonst". Schon vor zehn oder fünfzehn Jahren habe K. Ärger mit der Polizei gehabt, als er im Kleingarten mit Munition experimentiert habe. "Wahrscheinlich hatte er die aus seiner Bundeswehrzeit", sagt der junge Mann: "Da war die Kripo da und hat ermittelt."
Um 9.50 Uhr gehen die ersten Beamten des Sondereinsatzkommandos in das Haus mit der Nummer 45. Im Laufe des Tages kommen immer mal wieder welche raus, andere gehen hinein. Das Gebäude wird Stück für Stück gesichert, das Gelände immer weiträumiger abgesperrt und immer mehr Wohnhäuser werden evakuiert. Auch am frühen Nachmittag hält Jürgen K. die Polizei und die Viernheimer noch in Atem. Offiziell wird noch immer an einer gewaltfreien Lösung gearbeitet. K. soll freiwillig aus seiner Wohnung kommen. Ob er dort noch weitere Sprengsätze oder Waffen hat, ist nicht bekannt.
Jürgen Walter und kein Ende
07.07.2009 - 12:00
Wiesbaden (ddp-hes). Die hessische SPD wird das Thema
Jürgen Walter einfach nicht los. Der frühere
Parteivize und Fraktionschef diktiert der
Parteispitze rund um den Vorsitzenden Thorsten
Schäfer-Gümbel schon seit Monaten immer wieder die
Agenda. Wochenlang war der 40-jährige Rechtsanwalt
von der Bildfläche verschwunden, bis er sich am
Samstag zu Wort meldete und der hessischen SPD
"unreflektiertes Selbstmitleid" vorwarf. Am Montag
schließlich verließ Walter die Sitzung der
Schiedskommission des SPD-Bezirks Hessen-Süd
vorzeitig. "Moskauer Prozesse" lasse er mit sich
nicht machen, sagte er. Die Assoziation mit
Schauprozessen aus der Stalin-Zeit stand im Raum, der
Eklat war perfekt.
Eigentlich wollte sich die SPD in dieser Woche mit ganz anderen Themen ins Gespräch bringen. Am Montag enthüllte Schäfer-Gümbel vor dem Landtag in Wiesbaden einen ausgebluteten hessischen Löwen. Mit dem Wappentier wollten die Sozialdemokraten auf die Pläne von CDU und FDP hinweisen, ab 2011 die Mittel für die Kommunen um insgesamt 400 Millionen Euro kürzen zu wollen. Und am Dienstag wollte die SPD eigentlich über ihr Gesetz zum Vorrang Erneuerbarer Energien reden und mit der Regierung über das geplante neue Schulgesetz streiten. Doch von Schäfer-Gümbel und der SPD wollen alle seit Tagen nur eines wissen: Wie halten sie es denn mit Jürgen Walter?
Der 40-Jährige ist ein Profi im politischen Geschäft, er weiß, dass er seiner Partei mit seinen Aussagen nicht gerade nützt. Schon seit dem 4. November 2008, als Walter zusammen mit den drei Abgeordneten Silke Tesch, Carmen Everts und Dagmar Metzger bekanntgegeben hatte, die damalige SPD-Chefin Andrea Ypsilanti nicht zur Chefin einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung wählen zu wollen, zeigt vor allem die CDU mit ausgestrecktem Finger auf die SPD. Die vier SPD-Abgeordneten, die das rot-rot-grüne Projekt platzen ließen, gelten den Christdemokraten als die einzig Aufrechten in der SPD, denen auch noch der innerparteiliche Prozess gemacht wurde und wird.
Doch während die Anträge auf ein Parteiordnungsverfahren gegen Metzger zurückgezogen wurden und sowohl Everts als auch Tesch mit Rügen aus den Verfahren herauskamen, sollten nach dem Willen der hessischen Sozialdemokraten Walters Parteirechte wegen parteischädigenden Verhaltens für zwei Jahre ruhen. Dagegen hatte dieser Widerspruch eingelegt - und sich seither auffallend ruhig verhalten. Als ihm dann Vertreter des SPD-Bezirks Hessen-Süd einige Tage vor Beginn der Berufungsverhandlung vorgeworfen hatten, sich über den November hinaus "in ehrenrühriger und herabsetzender Weise" über die Partei geäußert zu haben, konnte Walter wohl nicht mehr an sich halten.
Walter sprach vom "unreflektierten Selbstmitleid" der Hessen-SPD, das mittlerweile unerträglich" "sei. Die Parteispitze stilisiere sich als Opfer und versuche den ehemaligen Landtagsabgeordneten Metzger, Everts, Tesch und ihm "die Schuld am katastrophalen Zustand der Hessen-SPD zuzuschieben". Auch der jetzige SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel wurde angegangen. Indem dieser die Attacken des SPD-Bezirks gegen die SPD-Rebellen tatenlos hinnehme, "macht er den notwendigen Neuanfang unmöglich und beschleunigt den Niedergang der Hessen-SPD". Die SPD sei nicht Opfer dunkler Mächte, "sondern sie ist an ihrem eigenen Unvermögen gescheitert", sagte Walter.
Als Walter dann am Montag auch noch die Berufungsverhandlung im Frankfurter SPD-Haus vorzeitig verließ und anschließend wegen der Nichtzulassung seines Anwaltes von "Moskauer Prozessen" sprach und das Vorgehen des SPD-Bezirks mit dem Hinweis abkanzelte, so etwas gebe es sonst nur in Nordkorea, war der Eklat perfekt. Wenn es in der hessischen SPD seit November 2008 je die Hoffnung gegeben hatte, die Causa Jürgen Walter lasse sich irgendwann irgendwie friedlich oder geräuschlos lösen - seit Dienstag ist sie vorbei. Erstmals keilte nämlich auch Parteichef Schäfer-Gümbel selbst zurück: Walters Äußerung zeuge "von mangelnder Kenntnis der Geschichte, sei intellektuell unredlich und bösartig, zutiefst infam und nicht hinnehmbar".
Eigentlich wollte sich die SPD in dieser Woche mit ganz anderen Themen ins Gespräch bringen. Am Montag enthüllte Schäfer-Gümbel vor dem Landtag in Wiesbaden einen ausgebluteten hessischen Löwen. Mit dem Wappentier wollten die Sozialdemokraten auf die Pläne von CDU und FDP hinweisen, ab 2011 die Mittel für die Kommunen um insgesamt 400 Millionen Euro kürzen zu wollen. Und am Dienstag wollte die SPD eigentlich über ihr Gesetz zum Vorrang Erneuerbarer Energien reden und mit der Regierung über das geplante neue Schulgesetz streiten. Doch von Schäfer-Gümbel und der SPD wollen alle seit Tagen nur eines wissen: Wie halten sie es denn mit Jürgen Walter?
Der 40-Jährige ist ein Profi im politischen Geschäft, er weiß, dass er seiner Partei mit seinen Aussagen nicht gerade nützt. Schon seit dem 4. November 2008, als Walter zusammen mit den drei Abgeordneten Silke Tesch, Carmen Everts und Dagmar Metzger bekanntgegeben hatte, die damalige SPD-Chefin Andrea Ypsilanti nicht zur Chefin einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung wählen zu wollen, zeigt vor allem die CDU mit ausgestrecktem Finger auf die SPD. Die vier SPD-Abgeordneten, die das rot-rot-grüne Projekt platzen ließen, gelten den Christdemokraten als die einzig Aufrechten in der SPD, denen auch noch der innerparteiliche Prozess gemacht wurde und wird.
Doch während die Anträge auf ein Parteiordnungsverfahren gegen Metzger zurückgezogen wurden und sowohl Everts als auch Tesch mit Rügen aus den Verfahren herauskamen, sollten nach dem Willen der hessischen Sozialdemokraten Walters Parteirechte wegen parteischädigenden Verhaltens für zwei Jahre ruhen. Dagegen hatte dieser Widerspruch eingelegt - und sich seither auffallend ruhig verhalten. Als ihm dann Vertreter des SPD-Bezirks Hessen-Süd einige Tage vor Beginn der Berufungsverhandlung vorgeworfen hatten, sich über den November hinaus "in ehrenrühriger und herabsetzender Weise" über die Partei geäußert zu haben, konnte Walter wohl nicht mehr an sich halten.
Walter sprach vom "unreflektierten Selbstmitleid" der Hessen-SPD, das mittlerweile unerträglich" "sei. Die Parteispitze stilisiere sich als Opfer und versuche den ehemaligen Landtagsabgeordneten Metzger, Everts, Tesch und ihm "die Schuld am katastrophalen Zustand der Hessen-SPD zuzuschieben". Auch der jetzige SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel wurde angegangen. Indem dieser die Attacken des SPD-Bezirks gegen die SPD-Rebellen tatenlos hinnehme, "macht er den notwendigen Neuanfang unmöglich und beschleunigt den Niedergang der Hessen-SPD". Die SPD sei nicht Opfer dunkler Mächte, "sondern sie ist an ihrem eigenen Unvermögen gescheitert", sagte Walter.
Als Walter dann am Montag auch noch die Berufungsverhandlung im Frankfurter SPD-Haus vorzeitig verließ und anschließend wegen der Nichtzulassung seines Anwaltes von "Moskauer Prozessen" sprach und das Vorgehen des SPD-Bezirks mit dem Hinweis abkanzelte, so etwas gebe es sonst nur in Nordkorea, war der Eklat perfekt. Wenn es in der hessischen SPD seit November 2008 je die Hoffnung gegeben hatte, die Causa Jürgen Walter lasse sich irgendwann irgendwie friedlich oder geräuschlos lösen - seit Dienstag ist sie vorbei. Erstmals keilte nämlich auch Parteichef Schäfer-Gümbel selbst zurück: Walters Äußerung zeuge "von mangelnder Kenntnis der Geschichte, sei intellektuell unredlich und bösartig, zutiefst infam und nicht hinnehmbar".
Das rot-grüne Projekt wird 25
05.06.2009 - 12:00
Wiesbaden (ddp-hes). Holger Börner war zeitlebens ein
Freund deutlicher Worte. Vor allem an den Grünen
arbeitete sich der frühere hessische
Ministerpräsident gerne verbal ab. Und dennoch war es
Börner, der urtypische Sozialdemokrat,
Betonfacharbeiter, Gewerkschafter, Betriebsrat, der
in den 1980er Jahren die Weichen für ein Bündnis
stellte, das er selbst geradezu verteufelt hatte. Am
7. Juni 1984, vor 25 Jahren, ließ er sich, nach
monatelangen Gesprächen, von SPD und Grünen zum
Ministerpräsident einer Minderheitsregierung wählen.
Das rot-grüne Projekt war geboren.
Hubert Kleinert erinnert sich noch gut an die wilden Anfangsjahre der Grünen. Kleinert, heute in Gießen Politikprofessor an der Verwaltungshochschule des Landes, gehörte damals zu den führenden Leuten im Realo-Flügel der hessischen Grünen. Zudem galt Kleinert vielen als enger Weggefährte des damaligen Ober-Grünen und späteren Bundesaußenministers Joschka Fischer. "Plötzlich, über Nacht, hatte sich die Frage nach Regierungsverantwortung gestellt", erinnert sich Kleinert an die vorgezogene Landtagswahl von 1983, bei der Sozialdemokraten und Grüne eine Mehrheit bekamen, jedoch nicht zueinander fanden - jedenfalls zunächst.
Der Vereidigung Fischers zum hessischen Umweltminister in Turnschuhen am 12. Dezember 1985 ging ein langer Annäherungsprozess voraus. Börner hatte eine Zusammenarbeit mit den Grünen noch im Wahlkampf 1983 ausgeschlossen, ganz egal in welcher Form. "Fotos mit mir und den Grünen an einem Verhandlungstisch werden noch nicht einmal als Montage zu sehen sein", soll er gesagt haben. Trotzdem, oder gerade deshalb, sei Börner der geeignete Mann für das rot-grüne Projekt gewesen, sagt Kleinert. "Nur er konnte die ganze SPD mitnehmen."
Ihm und Fischer, den beiden damals wichtigsten hessischen Grünen, die auch im Bundestag in Bonn saßen, sei schnell klar gewesen, "dass es nur mit Börner geht - und nicht ohne", erinnert sich Kleinert. Im Frühjahr 1984 habe er seine "erste intensive persönliche Begegnung" mit Börner gehabt, die für ihn eine Art "Schlüsselerlebnis" gewesen sei, betont Kleinert. Bevor der SPD-Politiker mit den Grünen zusammenarbeiten konnte, habe er die grünen Protagonisten kennenlernen wollen. "Ihm war dieses persönliche Gespräch wichtig", sagt Kleinert rückblickend, "und, dass man beim Biertrinken mithalten konnte".
Die Einschätzung, dass damals nur Börner die Annäherung an die Grünen wagen konnte, teilt auch der hessische SPD-Abgeordnete Reinhard Kahl. "Es brauchte jemanden mit einer großen politischen Reputation", erzählt Kahl, der 1983 erstmals in den Landtag gewählt wurde. Trotz der Verbalattacken gegen die Grünen habe Börner irgendwann erkannt, "dass es keine andere Möglichkeit" außer einer rot-grünen Zusammenarbeit gibt. Ihrem Ruf als "Chaostruppe" seien die Grünen gerecht geworden, sagt Kahl: "Die waren wenig verlässlich und sehr spontan."
Eben in der mangelnden Verlässlichkeit der neuen Partei sah auch der spätere hessische Ministerpräsident und Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) "das Grundproblem". Anfang der 1980er Jahre war Eichel Oberbürgermeister in Kassel und hatte ab 1981 als erstes Oberhaupt einer bundesrepublikanischen Großstadt Erfahrungen mit den Grünen gesammelt, zuerst mit "punktueller Zusammenarbeit". Aus Wiesbaden habe man 1981 nur ein Grummeln gehört, erinnert sich Eichel an die lokalen Anfänge von Rot-Grün. "1984 waren sie dann in Wiesbaden der Meinung, sie hätten Rot-Grün erfunden", sagt er: "Das fand' ich lustig."
Trotz der vielen inhaltlichen Differenzen seien die Grünen damals "sehr vernünftig" gewesen und ihre Ideen "zukunftsweisend", sagt Eichel. Rot-Grün habe vieles verändert, Deutschland in vielen Bereichen zum umweltpolitischen Vorreiter gemacht. Die derzeitige Debatte um die Zukunft der Atomkraft zeige, dass das Ziel von rot-grünen Regierungsmehrheiten "nach wie vor berechtigt ist", findet Eichel. Dem stimmt selbstredend auch Kleinert zu. Allerdings drohe Rot-Grün "zur politischen Ausnahmekonstellation zu werden", sagt der Politologe.
Nach rot-grünen Landesregierungen auch in vielen großen Bundesländern regiert derzeit nur noch im kleinen Bremen eine Mehrheit aus SPD und Grünen. "Rot-Grün ist in einem immer komplizierteren und vielfältigeren Parteiensystem nur noch eine Variante unter vielen", sagt Kleinert. Das "Projekt Rot-Grün" im Sinne der 1980er Jahre, "das gibt es nicht mehr". Dazu habe sich in der deutschen Politik und Gesellschaft zu viel verändert. "Die SPD ist schwächer als in den 1980ern, den Grünen fehlen der Überschwang und die Leidenschaft von damals", urteilt Kleinert.
Auch Kahl sieht kein rot-grünes Projekt mehr. "Aus den Grünen ist inzwischen eine normale Partei geworden", sagt der SPD-Abgeordnete. Das liegt wohl auch daran, dass sich SPD und Grüne angenähert haben. Inhaltliche Unterschiede gebe es natürlich "nach wie vor", erläutert Kleinert, doch die "kulturellen Unterschiede" seien überwunden. Öffentliche Verhandlungen über eine Zusammenarbeit etwa, wie sie die hessischen Grünen damals mit Börner forderten, sind heute undenkbar. "Auch bei den Grünen regiert inzwischen der Pragmatismus", sagt Kleinert.
Hubert Kleinert erinnert sich noch gut an die wilden Anfangsjahre der Grünen. Kleinert, heute in Gießen Politikprofessor an der Verwaltungshochschule des Landes, gehörte damals zu den führenden Leuten im Realo-Flügel der hessischen Grünen. Zudem galt Kleinert vielen als enger Weggefährte des damaligen Ober-Grünen und späteren Bundesaußenministers Joschka Fischer. "Plötzlich, über Nacht, hatte sich die Frage nach Regierungsverantwortung gestellt", erinnert sich Kleinert an die vorgezogene Landtagswahl von 1983, bei der Sozialdemokraten und Grüne eine Mehrheit bekamen, jedoch nicht zueinander fanden - jedenfalls zunächst.
Der Vereidigung Fischers zum hessischen Umweltminister in Turnschuhen am 12. Dezember 1985 ging ein langer Annäherungsprozess voraus. Börner hatte eine Zusammenarbeit mit den Grünen noch im Wahlkampf 1983 ausgeschlossen, ganz egal in welcher Form. "Fotos mit mir und den Grünen an einem Verhandlungstisch werden noch nicht einmal als Montage zu sehen sein", soll er gesagt haben. Trotzdem, oder gerade deshalb, sei Börner der geeignete Mann für das rot-grüne Projekt gewesen, sagt Kleinert. "Nur er konnte die ganze SPD mitnehmen."
Ihm und Fischer, den beiden damals wichtigsten hessischen Grünen, die auch im Bundestag in Bonn saßen, sei schnell klar gewesen, "dass es nur mit Börner geht - und nicht ohne", erinnert sich Kleinert. Im Frühjahr 1984 habe er seine "erste intensive persönliche Begegnung" mit Börner gehabt, die für ihn eine Art "Schlüsselerlebnis" gewesen sei, betont Kleinert. Bevor der SPD-Politiker mit den Grünen zusammenarbeiten konnte, habe er die grünen Protagonisten kennenlernen wollen. "Ihm war dieses persönliche Gespräch wichtig", sagt Kleinert rückblickend, "und, dass man beim Biertrinken mithalten konnte".
Die Einschätzung, dass damals nur Börner die Annäherung an die Grünen wagen konnte, teilt auch der hessische SPD-Abgeordnete Reinhard Kahl. "Es brauchte jemanden mit einer großen politischen Reputation", erzählt Kahl, der 1983 erstmals in den Landtag gewählt wurde. Trotz der Verbalattacken gegen die Grünen habe Börner irgendwann erkannt, "dass es keine andere Möglichkeit" außer einer rot-grünen Zusammenarbeit gibt. Ihrem Ruf als "Chaostruppe" seien die Grünen gerecht geworden, sagt Kahl: "Die waren wenig verlässlich und sehr spontan."
Eben in der mangelnden Verlässlichkeit der neuen Partei sah auch der spätere hessische Ministerpräsident und Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) "das Grundproblem". Anfang der 1980er Jahre war Eichel Oberbürgermeister in Kassel und hatte ab 1981 als erstes Oberhaupt einer bundesrepublikanischen Großstadt Erfahrungen mit den Grünen gesammelt, zuerst mit "punktueller Zusammenarbeit". Aus Wiesbaden habe man 1981 nur ein Grummeln gehört, erinnert sich Eichel an die lokalen Anfänge von Rot-Grün. "1984 waren sie dann in Wiesbaden der Meinung, sie hätten Rot-Grün erfunden", sagt er: "Das fand' ich lustig."
Trotz der vielen inhaltlichen Differenzen seien die Grünen damals "sehr vernünftig" gewesen und ihre Ideen "zukunftsweisend", sagt Eichel. Rot-Grün habe vieles verändert, Deutschland in vielen Bereichen zum umweltpolitischen Vorreiter gemacht. Die derzeitige Debatte um die Zukunft der Atomkraft zeige, dass das Ziel von rot-grünen Regierungsmehrheiten "nach wie vor berechtigt ist", findet Eichel. Dem stimmt selbstredend auch Kleinert zu. Allerdings drohe Rot-Grün "zur politischen Ausnahmekonstellation zu werden", sagt der Politologe.
Nach rot-grünen Landesregierungen auch in vielen großen Bundesländern regiert derzeit nur noch im kleinen Bremen eine Mehrheit aus SPD und Grünen. "Rot-Grün ist in einem immer komplizierteren und vielfältigeren Parteiensystem nur noch eine Variante unter vielen", sagt Kleinert. Das "Projekt Rot-Grün" im Sinne der 1980er Jahre, "das gibt es nicht mehr". Dazu habe sich in der deutschen Politik und Gesellschaft zu viel verändert. "Die SPD ist schwächer als in den 1980ern, den Grünen fehlen der Überschwang und die Leidenschaft von damals", urteilt Kleinert.
Auch Kahl sieht kein rot-grünes Projekt mehr. "Aus den Grünen ist inzwischen eine normale Partei geworden", sagt der SPD-Abgeordnete. Das liegt wohl auch daran, dass sich SPD und Grüne angenähert haben. Inhaltliche Unterschiede gebe es natürlich "nach wie vor", erläutert Kleinert, doch die "kulturellen Unterschiede" seien überwunden. Öffentliche Verhandlungen über eine Zusammenarbeit etwa, wie sie die hessischen Grünen damals mit Börner forderten, sind heute undenkbar. "Auch bei den Grünen regiert inzwischen der Pragmatismus", sagt Kleinert.
Mit 18 Jahren fit fürs Kanzleramt
03.06.2009 - 12:00
Wiesbaden (ddp-hes). Nuray Karaca selbstsicher zu
nennen, ist mit Sicherheit nicht verkehrt. Es ist
schon fast eine zurückhaltende Beschreibung. "Ich
kann Menschen führen, sie für etwas begeistern", sagt
die 18-jährige Schülerin ohne Selbstzweifel. Das
selbstbewusste Auftreten hat wohl auch mit ihrem
persönlichen Hintergrund zu tun. Als Kind türkischer
Eltern habe sie es "nicht immer leicht gehabt",
erklärt sie: "Viele haben ein schlechtes Bild von
Migranten." Das will sie korrigieren, auch am 19.
Juni im Finale der ZDF-Sendung "Ich kann Kanzler!".
In ihrer Freizeit leistet Karaca Integrationsarbeit, initiierte an der Wiesbadener Leibniz-Schule das Projekt "Crossing the bridge". Mädchen aus den elften Klassen greifen dabei jüngeren Schülerinnen aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien unter die Arme. Für das Projekt wurde der Schule vergangenen November der Integrationspreis des Landes verliehen. Nun soll das Patenprojekt bundesweit aufgelegt werden, erstmals auch für Jungs, berichtet die junge Frau. "Man muss Migranten fördern, da schlummert viel Potenzial", sagt Karaca.
Anfang des Jahres stieß sie im Internet auf die ZDF-Sendung und entschloss sich kurzerhand, eine Bewerbung abzuschicken. "Ich bin jung, kompetent, engagiert - ich hätte mich geärgert, wenn ich mich nicht beworben hätte", erzählt die 18-Jährige. Ein Kanzler brauche nicht nur Intelligenz, sondern auch Charakterstärke, müsse Menschen mitreißen und motivieren können. Anscheinend vereint Nuray Karaca diese Eigenschaften, immerhin überzeugte sie die vierköpfige Jury in der Vorauswahl und setzte sich gegen Dutzende Mitbewerber durch.
"Mein Vater hatte anfangs ja ein bisschen Bedenken, dass ich da mitmache", sagt die Schülerin, die sich auch bei der Grünen Jugend engagiert. Er habe Bedenken gehabt, dass die Show "auf DSDS-Niveau abläuft und mich jemand vor laufender Kamera fertigmacht", erläutert sie. Ihrem Vater konnte sie die Sorgen nehmen, ihre übrige Familie sei ohnehin begeistert von ihrer Teilnahme gewesen. "Mein Opa war ganz aus dem Häuschen, als das ZDF mich zu Hause besucht und einen Film über mich gedreht hat", erzählt Nuray Karaca stolz.
Am Job der Kanzlerin reize sie, "dass man total viel bewegen kann". Die Gesellschaft sei an einem Punkt angekommen, "wo sie sich verändern sollte - und ich will das mitgestalten", sagt sie. Ob sie später tatsächlich mal in die Politik möchte, weiß die 18-Jährige im Moment noch nicht. Ausschließen will sie es aber nicht. Zunächst einmal will sie "General Management" an einer kleinen hessischen Privatuni studieren - wenn sie dort ein Stipendium bekommt. "Aber vielleicht gehe ich ja über die Wirtschaft später in die Politik", sagt sie.
Bis dahin hat sie noch viel Zeit. Jetzt konzentriert sie sich erst einmal auf das Show-Finale am 19. Juni. Extra lernen oder sich vorbereiten will sie nicht. "Es ist doch albern, jetzt Rhetorikkurse zu besuchen oder Geschichtsdaten zu büffeln", findet sie. Sie wolle vielmehr mit ihrer Natürlichkeit und mit ihren Inhalten überzeugen, nicht so sehr mit geschliffener Rede. Juror Günther Jauch habe sie im Vorentscheid gefragt, ob sie nicht zu idealistisch sei, erzählt sie: "Aber es ist doch gut, hochgesteckte Ziele zu haben."
Vor den Aufgaben im Finale ist der jungen Frau nicht bange. Auch wenn sie noch nicht weiß, was genau dort auf sie zukommt. Ihren fünf Kontrahenten im Finale fühlt sie sich auch gewachsen. "Ich bin jung, Migrantin und eine Frau - die kann ich schlagen", sagt sie. Mit den fünf Mitbewerbern will sie sich trotzdem nicht weiter beschäftigen. Zumal, weil aus deren Umfeld schon die ein oder andere Gemeinheit in die Welt gesetzt worden sei. "Im Internet steht über mich: Schönheit alleine reicht nicht. Das fand ich ziemlich gemein", sagt sie.
Und dann sagt Nuray Karaca doch noch etwas über einige ihrer Mitbewerber. Zum Teil seien die schon professionell politisch aktiv, einige hätten schon eine kleine Parteikarriere hinter sich. "Das ist schade, weil wir frischen Wind in der Politik brauchen", findet sie. Ihre Mitgliedschaft bei den Jungen Grünen sei da etwas anderes: "Ich habe da viel Freiraum und muss nicht alles toll finden."
In ihrer Freizeit leistet Karaca Integrationsarbeit, initiierte an der Wiesbadener Leibniz-Schule das Projekt "Crossing the bridge". Mädchen aus den elften Klassen greifen dabei jüngeren Schülerinnen aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien unter die Arme. Für das Projekt wurde der Schule vergangenen November der Integrationspreis des Landes verliehen. Nun soll das Patenprojekt bundesweit aufgelegt werden, erstmals auch für Jungs, berichtet die junge Frau. "Man muss Migranten fördern, da schlummert viel Potenzial", sagt Karaca.
Anfang des Jahres stieß sie im Internet auf die ZDF-Sendung und entschloss sich kurzerhand, eine Bewerbung abzuschicken. "Ich bin jung, kompetent, engagiert - ich hätte mich geärgert, wenn ich mich nicht beworben hätte", erzählt die 18-Jährige. Ein Kanzler brauche nicht nur Intelligenz, sondern auch Charakterstärke, müsse Menschen mitreißen und motivieren können. Anscheinend vereint Nuray Karaca diese Eigenschaften, immerhin überzeugte sie die vierköpfige Jury in der Vorauswahl und setzte sich gegen Dutzende Mitbewerber durch.
"Mein Vater hatte anfangs ja ein bisschen Bedenken, dass ich da mitmache", sagt die Schülerin, die sich auch bei der Grünen Jugend engagiert. Er habe Bedenken gehabt, dass die Show "auf DSDS-Niveau abläuft und mich jemand vor laufender Kamera fertigmacht", erläutert sie. Ihrem Vater konnte sie die Sorgen nehmen, ihre übrige Familie sei ohnehin begeistert von ihrer Teilnahme gewesen. "Mein Opa war ganz aus dem Häuschen, als das ZDF mich zu Hause besucht und einen Film über mich gedreht hat", erzählt Nuray Karaca stolz.
Am Job der Kanzlerin reize sie, "dass man total viel bewegen kann". Die Gesellschaft sei an einem Punkt angekommen, "wo sie sich verändern sollte - und ich will das mitgestalten", sagt sie. Ob sie später tatsächlich mal in die Politik möchte, weiß die 18-Jährige im Moment noch nicht. Ausschließen will sie es aber nicht. Zunächst einmal will sie "General Management" an einer kleinen hessischen Privatuni studieren - wenn sie dort ein Stipendium bekommt. "Aber vielleicht gehe ich ja über die Wirtschaft später in die Politik", sagt sie.
Bis dahin hat sie noch viel Zeit. Jetzt konzentriert sie sich erst einmal auf das Show-Finale am 19. Juni. Extra lernen oder sich vorbereiten will sie nicht. "Es ist doch albern, jetzt Rhetorikkurse zu besuchen oder Geschichtsdaten zu büffeln", findet sie. Sie wolle vielmehr mit ihrer Natürlichkeit und mit ihren Inhalten überzeugen, nicht so sehr mit geschliffener Rede. Juror Günther Jauch habe sie im Vorentscheid gefragt, ob sie nicht zu idealistisch sei, erzählt sie: "Aber es ist doch gut, hochgesteckte Ziele zu haben."
Vor den Aufgaben im Finale ist der jungen Frau nicht bange. Auch wenn sie noch nicht weiß, was genau dort auf sie zukommt. Ihren fünf Kontrahenten im Finale fühlt sie sich auch gewachsen. "Ich bin jung, Migrantin und eine Frau - die kann ich schlagen", sagt sie. Mit den fünf Mitbewerbern will sie sich trotzdem nicht weiter beschäftigen. Zumal, weil aus deren Umfeld schon die ein oder andere Gemeinheit in die Welt gesetzt worden sei. "Im Internet steht über mich: Schönheit alleine reicht nicht. Das fand ich ziemlich gemein", sagt sie.
Und dann sagt Nuray Karaca doch noch etwas über einige ihrer Mitbewerber. Zum Teil seien die schon professionell politisch aktiv, einige hätten schon eine kleine Parteikarriere hinter sich. "Das ist schade, weil wir frischen Wind in der Politik brauchen", findet sie. Ihre Mitgliedschaft bei den Jungen Grünen sei da etwas anderes: "Ich habe da viel Freiraum und muss nicht alles toll finden."
Mankell wäre nicht Kurt Wallanders Freund
26.05.2009 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp). Mit Kommissar Kurt Wallander
hat der schwedische Autor Henning Mankell einen der
bekanntesten und beliebtesten Literatur- und
Film-Polizisten der Gegenwart erfunden. Nun wurden
die drei Wallander-Bücher "Die falsche Fährte", "Die
Brandmauer" und "Mittsommermord" erneut verfilmt, mit
Kenneth Branagh in der Hauptrolle. Die ARD zeigt die
drei neuen Verfilmungen von Mankells Bestsellern am
29. (21.45 Uhr) und 30. Mai (21.40 Uhr) sowie am 1.
Juni (21.45 Uhr). Mit Erfolgsautor Mankell sprach
ddp-Korrespondent Daniel Staffen-Quandt.
ddp: Herr Mankell, die drei Wallander-Romane wurden nun zum dritten Mal verfilmt. Was unterscheidet die neuen Filme von den vorherigen Fassungen?
Henning Mankell: Den Unterschied machen die Darsteller. Kenneth Branagh ist, wie auch die schwedischen Schauspieler in den Verfilmungen zuvor, ein wirklich toller Schauspieler, der mir in seiner Interpretation des Charakters Kurt Wallander viele Dinge über die Person und die Geschichten erzählt hat, die ich bislang selbst nicht wusste.
ddp: Kenneth Branagh hat gesagt, Sie und er hätten sich zum ersten Mal bei einer Gartenparty auf der Toilette getroffen.
Mankell: Wenn ich mich recht erinnere, haben wir uns schon davor gesehen. Ich glaube, wir haben uns zum ersten Mal auf Farö getroffen, der Insel, auf der Ingmar Bergman vor seinem Tod gelebt hat. Kenneth war dort, um seinen Film "Die Zauberflöte" zu zeigen. Aber bei der Gelegenheit kann ich von einem viel skurrileren Treffen erzählen: Kenneth war vor den Dreharbeiten in Ystad, um sich mit der Atmosphäre vertraut zu machen. Während er durch die Stadt lief, traf er den schwedischen Schauspieler Krister Henriksson, der Wallander in den Fernsehenfilmen spielt, die nicht auf den Romanen basieren. Das muss eine surrealistische Situation gewesen sein...
ddp: 1990 wurde der erste Wallander-Roman "Mörder ohne Gesicht" veröffentlicht. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie die Idee für Wallander hatten?
Mankell: Ja, sehr gut sogar. 1989 kam ich zurück nach Schweden, nachdem ich viel Zeit in Afrika verbracht hatte. Normalerweise lebe ich drei bis vier Monate in Afrika, dann wieder in Schweden. Aber damals war ich für über ein Jahr nicht in Schweden. Nach meiner Rückkehr war ich besorgt über die starke Zunahme von Fremdenhass und Rassismus. Ich wollte darüber schreiben und entschied mich, eine Kriminalgeschichte zu machen. Dann habe ich bemerkt, dass ich einen Polizisten brauche. Und so wurde Kurt Wallander an einem Tag im Mai 1989 geboren. Seinen Namen habe ich aus dem Telefonbuch von Malmö, wenn ich mich richtig erinnere. Kurzum: Wallander wurde geboren, damit ich eine Geschichte über Fremdenhass erzählen kann. Ich mache das immer so: erst die Geschichte, dann die Figuren.
ddp: Wallander verzweifelt oft an der Schlechtigkeit der Welt. Man könnte auch sagen, er ist depressiv. Ist das realistisch für einen Kriminalkommissar?
Mankell: Ja, ich denke schon. Nach den ersten Wallander-Büchern habe ich eine Freundin gefragt, was Wallander für eine Krankheit haben müsste. Sie sagte blitzschnell: "Diabetes. So wir er lebt, muss er Diabetes haben." Also gab ich ihm im nächsten Buch Diabetes - und das hat ihn noch beliebter gemacht. Meine Idee war von Anfang an, einen Man zu zeigen, der wie du und ich ist, der sich durch die Dinge verändert, die ihm täglich passieren. Wie sind morgen ja auch nicht mehr dieselben wie heute. Wenn ich nach den ersten zwei Seiten eines Buches schon weiß, wie eine Figur ist und sie entwickelt sich nicht weiter, dann ist das Mist.
ddp: Wie viel Kurt Wallander steckt in Henning Mankell - oder andersherum?
Mankell: Zum einen haben wir exakt das gleiche Alter. Zweitens sind wir beide absolute Liebhaber italienischer Opern. Die dritte und letzte Ähnlichkeit ist, dass wir beide sehr viel arbeiten. Außer diesen drei Dingen haben wir sehr wenig gemein. Wenn Wallander eine leibhaftige Person wäre, wären wir wohl keine Freunde geworden, weil wir doch ziemlich unterschiedliche Charaktere sind.
ddp: Ihre Wallander-Bücher sind weltweit erfolgreich. Ist das so, weil Kurt Wallander ein internationaler Charakter ist - oder, weil er eben ein typischer Schwede mittleren Alters?
Mankell: Ich denke, er ist ein typischer Mann mittleren Alters. Er könnte auch braune oder schwarze Haut haben, das wäre egal. Ich denke, dieses etwas Unspezifische ist ein weiterer Grund für seinen Erfolg. Man kann sich mit ihm und seinem Denken in vielen verschiedenen Kulturen identifizieren. Das hat nichts damit zu tun, dass er aus Südschweden kommt.
ddp: Demnach könnte Wallander auch im Schwarzwald ermitteln und die Bücher wären erfolgreich?
Mankell: Ja, ich denke schon - mit einigen Änderungen, versteht sich.
ddp: Herr Mankell, die drei Wallander-Romane wurden nun zum dritten Mal verfilmt. Was unterscheidet die neuen Filme von den vorherigen Fassungen?
Henning Mankell: Den Unterschied machen die Darsteller. Kenneth Branagh ist, wie auch die schwedischen Schauspieler in den Verfilmungen zuvor, ein wirklich toller Schauspieler, der mir in seiner Interpretation des Charakters Kurt Wallander viele Dinge über die Person und die Geschichten erzählt hat, die ich bislang selbst nicht wusste.
ddp: Kenneth Branagh hat gesagt, Sie und er hätten sich zum ersten Mal bei einer Gartenparty auf der Toilette getroffen.
Mankell: Wenn ich mich recht erinnere, haben wir uns schon davor gesehen. Ich glaube, wir haben uns zum ersten Mal auf Farö getroffen, der Insel, auf der Ingmar Bergman vor seinem Tod gelebt hat. Kenneth war dort, um seinen Film "Die Zauberflöte" zu zeigen. Aber bei der Gelegenheit kann ich von einem viel skurrileren Treffen erzählen: Kenneth war vor den Dreharbeiten in Ystad, um sich mit der Atmosphäre vertraut zu machen. Während er durch die Stadt lief, traf er den schwedischen Schauspieler Krister Henriksson, der Wallander in den Fernsehenfilmen spielt, die nicht auf den Romanen basieren. Das muss eine surrealistische Situation gewesen sein...
ddp: 1990 wurde der erste Wallander-Roman "Mörder ohne Gesicht" veröffentlicht. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie die Idee für Wallander hatten?
Mankell: Ja, sehr gut sogar. 1989 kam ich zurück nach Schweden, nachdem ich viel Zeit in Afrika verbracht hatte. Normalerweise lebe ich drei bis vier Monate in Afrika, dann wieder in Schweden. Aber damals war ich für über ein Jahr nicht in Schweden. Nach meiner Rückkehr war ich besorgt über die starke Zunahme von Fremdenhass und Rassismus. Ich wollte darüber schreiben und entschied mich, eine Kriminalgeschichte zu machen. Dann habe ich bemerkt, dass ich einen Polizisten brauche. Und so wurde Kurt Wallander an einem Tag im Mai 1989 geboren. Seinen Namen habe ich aus dem Telefonbuch von Malmö, wenn ich mich richtig erinnere. Kurzum: Wallander wurde geboren, damit ich eine Geschichte über Fremdenhass erzählen kann. Ich mache das immer so: erst die Geschichte, dann die Figuren.
ddp: Wallander verzweifelt oft an der Schlechtigkeit der Welt. Man könnte auch sagen, er ist depressiv. Ist das realistisch für einen Kriminalkommissar?
Mankell: Ja, ich denke schon. Nach den ersten Wallander-Büchern habe ich eine Freundin gefragt, was Wallander für eine Krankheit haben müsste. Sie sagte blitzschnell: "Diabetes. So wir er lebt, muss er Diabetes haben." Also gab ich ihm im nächsten Buch Diabetes - und das hat ihn noch beliebter gemacht. Meine Idee war von Anfang an, einen Man zu zeigen, der wie du und ich ist, der sich durch die Dinge verändert, die ihm täglich passieren. Wie sind morgen ja auch nicht mehr dieselben wie heute. Wenn ich nach den ersten zwei Seiten eines Buches schon weiß, wie eine Figur ist und sie entwickelt sich nicht weiter, dann ist das Mist.
ddp: Wie viel Kurt Wallander steckt in Henning Mankell - oder andersherum?
Mankell: Zum einen haben wir exakt das gleiche Alter. Zweitens sind wir beide absolute Liebhaber italienischer Opern. Die dritte und letzte Ähnlichkeit ist, dass wir beide sehr viel arbeiten. Außer diesen drei Dingen haben wir sehr wenig gemein. Wenn Wallander eine leibhaftige Person wäre, wären wir wohl keine Freunde geworden, weil wir doch ziemlich unterschiedliche Charaktere sind.
ddp: Ihre Wallander-Bücher sind weltweit erfolgreich. Ist das so, weil Kurt Wallander ein internationaler Charakter ist - oder, weil er eben ein typischer Schwede mittleren Alters?
Mankell: Ich denke, er ist ein typischer Mann mittleren Alters. Er könnte auch braune oder schwarze Haut haben, das wäre egal. Ich denke, dieses etwas Unspezifische ist ein weiterer Grund für seinen Erfolg. Man kann sich mit ihm und seinem Denken in vielen verschiedenen Kulturen identifizieren. Das hat nichts damit zu tun, dass er aus Südschweden kommt.
ddp: Demnach könnte Wallander auch im Schwarzwald ermitteln und die Bücher wären erfolgreich?
Mankell: Ja, ich denke schon - mit einigen Änderungen, versteht sich.
"Die CDU kann auch anstrengend sein"
15.05.2009 - 12:00
Wiesbaden (ddp-hes). Die Wirtschaft kriselt, mit dem
Autokonzern Opel hat einer der größten Arbeitgeber im
Rhein-Main-Gebiet Schlagseite, und auch in der
hessischen Landesregierung läuft nicht alles rund. Am
Samstag (16. Mai) ist die Koalition aus CDU und FDP
unter Ministerpräsident Roland Koch 100 Tage im Amt.
Über die Krise, die Bundestagswahl, das Profil der
CDU und politischen Stil sprach ddp-Korrespondent
Daniel Staffen-Quandt mit Koch.
ddp: Herr Koch, Ihr Koalitionspartner hat gesagt, in den ersten 100 Tagen habe es "ein bisschen Gerumpel" gegeben. Sehen Sie das genauso?
Roland Koch: Die Regierung ist gut gestartet. Aber in einer Regierungszeit wird es immer so sein, dass in irgendeinem Ministerium auch ein Problem zu bewältigen ist. Davor ist man auch in den ersten 100 Tage nicht gefeit. Die Frage ist am Ende doch, wie ein Problem bewältigt wird. Ich denke, Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) hat das gut bewältigt. Und stellen Sie sich mal eine rot-grüne Regierung von Gnaden der Linkspartei in Zeiten wie diesen vor.
ddp: Aber Sie hatten schon unkompliziertere Starts in eine Amtsperiode.
Koch: Wir haben die Amtsgeschäfte in einer schwierigen Zeit der Ungewissheit übernommen, in der wir jetzt - auch nach den unklaren politischen Verhältnissen des vergangenen Jahres - viel Gewissheit und Verlässlichkeit vermitteln können. Das ist wichtig für das Land, und die Menschen wissen diese Berechenbarkeit auch zu schätzen. Aber natürlich haben wir die Regierungsverantwortung in einer extrem schwierigen politischen und ökonomischen Zeit bekommen. Die Dinge hängen ja miteinander zusammen.
ddp: Wie sinnvoll ist da das Versprechen, nach der Bundestagswahl Steuern zu senken?
Koch: Meine These ist: 50 Prozent Krisenbewältigung, 50 Prozent Zukunftsgestaltung. In der Krisenbewältigung haben wir das, was wir in der Steuerpolitik für nötig halten, entschieden. Das heißt: Dieses Jahr wird die kalte Progression ein Stück zurückgeführt, nächstes Jahr auch. Durch die Anerkennung der Krankenversicherungsbeiträge haben gerade diejenigen, die eine höhere Abgabenlast haben, eine bessere Chance, das steuerlich geltend zu machen. Das ist in der Summe in 2010 die größte Steuersenkung, die es in den zurückliegenden zehn Jahren gegeben hat. Und die nehmen wir auch nicht zurück - trotz Krise. Nur weil wir jetzt eine Krise haben, dürfen wir nicht aufhören, über die notwendigen Strukturveränderungen nachzudenken.
ddp: In der Krise spielt Opel für Hessen eine große Rolle: Es gibt einige mögliche Investoren. Haben Sie einen Favoriten?
Koch: Jeder Investor sollte die Chance haben, sich vorzustellen. Vor einigen Wochen ist ja noch behauptet worden, es gäbe keinerlei Interessenten. Am Ende der Diskussion zählen dann Kriterien wie: Wie werden die meisten Arbeitsplätze erhalten, wie wird Rüsselsheim zu einem starken Zentrum in diesem neuen Konzern und wo wird der Steuerzahler am geringsten belastet. Ich habe aus den vielen Gesprächen der vergangenen Wochen eine gewisse Erwartung, wer das sein könnte.
ddp: Sie sehen Ihre Koalition als Blaupause für den Bund. Meinen Sie konkret Ihr Bündnis in Hessen oder die Parteienkombination Schwarz-Gelb an sich?
Koch: Das Modell Schwarz-Gelb ist mehr als bloß die Kombination beider Parteien. Hinter dem Gedanken der Blaupause steht, dass die Bundesrepublik eine Regierung verdient hätte, in der nicht zwei Antipoden miteinander regieren, die ganz entgegengesetzte Vorstellungen von der Zukunft haben und für die jede Entscheidung ein Formelkompromiss ist. Das ist das, was wir nämlich in der großen Koalition in weiten Teilen haben, nachdem die wichtigsten Projekte abgearbeitet sind.
CDU und FDP haben hingegen ziemlich ähnliche Vorstellungen davon, was die eigene Verantwortung des Bürgers, die wirtschaftliche Entwicklung und die Organisation des Staates angeht. Wir brauchen in Deutschland - wie in Hessen - eine Regierung, in der jedes Mitglied zu den Projekten steht und nicht jeweils die Hälfte der Regierungsmitglieder sagen muss: Okay, das machen wir jetzt zähneknirschend mit, wenn die anderen an anderer Stelle Kröten schlucken. Die weitgehende inhaltliche Übereinstimmung zwischen CDU und FDP ist eine gute Grundlage für eine Koalition auch auf Bundesebene.
ddp: Die FDP könnte aber auch ein ganz schön anstrengender Juniorpartner werden, so kraftmeiernd, wie FDP-Chef Guido Westerwelle seit Monaten auftritt.
Koch: Die CDU kann auch anstrengend sein.
ddp: Die CDU plant keinen Parteitag vor der Bundestagswahl. Wäre der aber nicht vonnöten, um das inhaltliche Profil der Union zu schärfen?
Koch: Wir werden genug Gelegenheit haben, unser Profil zu schärfen. Wir haben seit einem halben Jahrhundert eine gute Tradition, keine Parteitage unmittelbar vor Wahlen zu machen. Es gab nur eine Ausnahme, weil wir einen Generalsekretär wählen mussten. Am Ende treten wir ja als Union aus CDU und CSU an. Deshalb sind wir gut beraten, bei der Tradition zu bleiben, die Zusammenarbeit der Union in gemeinsamen Tagungen zu dokumentieren und nicht in getrennten Parteitagen.
ddp: Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Profil?
Koch: Ich glaube, dass die Bundespartei unter den schwierigen Herausforderungen der großen Koalition den richtigen Weg geht. Mir als stellvertretendem Bundesvorsitzenden muss nicht jeder einzelne Schritt - beispielsweise der Mittelstandsunion oder der CDA - gefallen. Aber das, was schließlich zusammengefügt wird, ist richtig. Ich glaube, dass wir mit Angela Merkel in der Führung der Union zwei Dinge haben: ein extrem gutes personelles Angebot und eine politische Vorstellung von der Zukunft, mit der wir in der Mitte der Gesellschaft stehen.
ddp: Werden Sie als CDU-Wirtschaftsexperte im Bundestagswahlkampf auftreten?
Koch: Ich glaube nicht, dass wir solche Rollenverteilungen diskutieren müssen. Ich werde der stellvertretende Parteivorsitzende der CDU sein. Dass ich mich gelegentlich mit Wirtschaft beschäftige, ist bekannt.
ddp: In wenigen Wochen ist Europawahl. Wen will die CDU denn als EU-Kommissar nach Brüssel schicken?
Koch: Das werden wir in aller Ruhe dann besprechen, wenn es ansteht.
ddp: Sie selbst sind nicht mehr im Gespräch?
Koch: Ich kann Journalisten ja nicht daran hindern, zu spekulieren. Aber ich war nie und werde nicht im Gespräch sein.
ddp: Noch einmal zurück nach Hessen: Hat sich Ihrer Einschätzung nach der politische Stil in Wiesbaden verändert?
Koch: Das kann man noch nicht abschließend sagen. Klar ist, die Parteien haben sicher aus der Erfahrung eines Landtags ohne klare Mehrheiten im vergangenen Jahr gelernt, auch im persönlichen Miteinander. Man darf sich nur an einer sehr zentralen Stelle keine Illusionen machen: Eine Regierung will, dass sie Regierung bleibt und eine Opposition will, dass die Regierung wegkommt. Ganz merkwürdig wäre, wenn die Bürger den Eindruck hätten, dass einer nicht mehr dieser Meinung wäre.
ddp: Herr Koch, Ihr Koalitionspartner hat gesagt, in den ersten 100 Tagen habe es "ein bisschen Gerumpel" gegeben. Sehen Sie das genauso?
Roland Koch: Die Regierung ist gut gestartet. Aber in einer Regierungszeit wird es immer so sein, dass in irgendeinem Ministerium auch ein Problem zu bewältigen ist. Davor ist man auch in den ersten 100 Tage nicht gefeit. Die Frage ist am Ende doch, wie ein Problem bewältigt wird. Ich denke, Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) hat das gut bewältigt. Und stellen Sie sich mal eine rot-grüne Regierung von Gnaden der Linkspartei in Zeiten wie diesen vor.
ddp: Aber Sie hatten schon unkompliziertere Starts in eine Amtsperiode.
Koch: Wir haben die Amtsgeschäfte in einer schwierigen Zeit der Ungewissheit übernommen, in der wir jetzt - auch nach den unklaren politischen Verhältnissen des vergangenen Jahres - viel Gewissheit und Verlässlichkeit vermitteln können. Das ist wichtig für das Land, und die Menschen wissen diese Berechenbarkeit auch zu schätzen. Aber natürlich haben wir die Regierungsverantwortung in einer extrem schwierigen politischen und ökonomischen Zeit bekommen. Die Dinge hängen ja miteinander zusammen.
ddp: Wie sinnvoll ist da das Versprechen, nach der Bundestagswahl Steuern zu senken?
Koch: Meine These ist: 50 Prozent Krisenbewältigung, 50 Prozent Zukunftsgestaltung. In der Krisenbewältigung haben wir das, was wir in der Steuerpolitik für nötig halten, entschieden. Das heißt: Dieses Jahr wird die kalte Progression ein Stück zurückgeführt, nächstes Jahr auch. Durch die Anerkennung der Krankenversicherungsbeiträge haben gerade diejenigen, die eine höhere Abgabenlast haben, eine bessere Chance, das steuerlich geltend zu machen. Das ist in der Summe in 2010 die größte Steuersenkung, die es in den zurückliegenden zehn Jahren gegeben hat. Und die nehmen wir auch nicht zurück - trotz Krise. Nur weil wir jetzt eine Krise haben, dürfen wir nicht aufhören, über die notwendigen Strukturveränderungen nachzudenken.
ddp: In der Krise spielt Opel für Hessen eine große Rolle: Es gibt einige mögliche Investoren. Haben Sie einen Favoriten?
Koch: Jeder Investor sollte die Chance haben, sich vorzustellen. Vor einigen Wochen ist ja noch behauptet worden, es gäbe keinerlei Interessenten. Am Ende der Diskussion zählen dann Kriterien wie: Wie werden die meisten Arbeitsplätze erhalten, wie wird Rüsselsheim zu einem starken Zentrum in diesem neuen Konzern und wo wird der Steuerzahler am geringsten belastet. Ich habe aus den vielen Gesprächen der vergangenen Wochen eine gewisse Erwartung, wer das sein könnte.
ddp: Sie sehen Ihre Koalition als Blaupause für den Bund. Meinen Sie konkret Ihr Bündnis in Hessen oder die Parteienkombination Schwarz-Gelb an sich?
Koch: Das Modell Schwarz-Gelb ist mehr als bloß die Kombination beider Parteien. Hinter dem Gedanken der Blaupause steht, dass die Bundesrepublik eine Regierung verdient hätte, in der nicht zwei Antipoden miteinander regieren, die ganz entgegengesetzte Vorstellungen von der Zukunft haben und für die jede Entscheidung ein Formelkompromiss ist. Das ist das, was wir nämlich in der großen Koalition in weiten Teilen haben, nachdem die wichtigsten Projekte abgearbeitet sind.
CDU und FDP haben hingegen ziemlich ähnliche Vorstellungen davon, was die eigene Verantwortung des Bürgers, die wirtschaftliche Entwicklung und die Organisation des Staates angeht. Wir brauchen in Deutschland - wie in Hessen - eine Regierung, in der jedes Mitglied zu den Projekten steht und nicht jeweils die Hälfte der Regierungsmitglieder sagen muss: Okay, das machen wir jetzt zähneknirschend mit, wenn die anderen an anderer Stelle Kröten schlucken. Die weitgehende inhaltliche Übereinstimmung zwischen CDU und FDP ist eine gute Grundlage für eine Koalition auch auf Bundesebene.
ddp: Die FDP könnte aber auch ein ganz schön anstrengender Juniorpartner werden, so kraftmeiernd, wie FDP-Chef Guido Westerwelle seit Monaten auftritt.
Koch: Die CDU kann auch anstrengend sein.
ddp: Die CDU plant keinen Parteitag vor der Bundestagswahl. Wäre der aber nicht vonnöten, um das inhaltliche Profil der Union zu schärfen?
Koch: Wir werden genug Gelegenheit haben, unser Profil zu schärfen. Wir haben seit einem halben Jahrhundert eine gute Tradition, keine Parteitage unmittelbar vor Wahlen zu machen. Es gab nur eine Ausnahme, weil wir einen Generalsekretär wählen mussten. Am Ende treten wir ja als Union aus CDU und CSU an. Deshalb sind wir gut beraten, bei der Tradition zu bleiben, die Zusammenarbeit der Union in gemeinsamen Tagungen zu dokumentieren und nicht in getrennten Parteitagen.
ddp: Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Profil?
Koch: Ich glaube, dass die Bundespartei unter den schwierigen Herausforderungen der großen Koalition den richtigen Weg geht. Mir als stellvertretendem Bundesvorsitzenden muss nicht jeder einzelne Schritt - beispielsweise der Mittelstandsunion oder der CDA - gefallen. Aber das, was schließlich zusammengefügt wird, ist richtig. Ich glaube, dass wir mit Angela Merkel in der Führung der Union zwei Dinge haben: ein extrem gutes personelles Angebot und eine politische Vorstellung von der Zukunft, mit der wir in der Mitte der Gesellschaft stehen.
ddp: Werden Sie als CDU-Wirtschaftsexperte im Bundestagswahlkampf auftreten?
Koch: Ich glaube nicht, dass wir solche Rollenverteilungen diskutieren müssen. Ich werde der stellvertretende Parteivorsitzende der CDU sein. Dass ich mich gelegentlich mit Wirtschaft beschäftige, ist bekannt.
ddp: In wenigen Wochen ist Europawahl. Wen will die CDU denn als EU-Kommissar nach Brüssel schicken?
Koch: Das werden wir in aller Ruhe dann besprechen, wenn es ansteht.
ddp: Sie selbst sind nicht mehr im Gespräch?
Koch: Ich kann Journalisten ja nicht daran hindern, zu spekulieren. Aber ich war nie und werde nicht im Gespräch sein.
ddp: Noch einmal zurück nach Hessen: Hat sich Ihrer Einschätzung nach der politische Stil in Wiesbaden verändert?
Koch: Das kann man noch nicht abschließend sagen. Klar ist, die Parteien haben sicher aus der Erfahrung eines Landtags ohne klare Mehrheiten im vergangenen Jahr gelernt, auch im persönlichen Miteinander. Man darf sich nur an einer sehr zentralen Stelle keine Illusionen machen: Eine Regierung will, dass sie Regierung bleibt und eine Opposition will, dass die Regierung wegkommt. Ganz merkwürdig wäre, wenn die Bürger den Eindruck hätten, dass einer nicht mehr dieser Meinung wäre.
Marathon-Wettlauf im Knast
14.05.2009 - 12:00
Darmstadt (ddp-hes). Martin Klosers Bestzeit liegt
bei 3 Stunden und 23 Minuten. "Diesmal will ich es
unter drei Stunden schaffen", sagt der 32-Jährige,
während er sein linkes Knie anwinkelt, den Fuß nach
hinten zieht und seine Oberschenkelmuskulatur dehnt.
Seit sechs Monaten trainiert Kloser schon für den
kommenden Sonntag. Dann wollen er und seine 22
Lauf-Kumpels die 42,195 Kilometer lange
Marathon-Strecke in Angriff nehmen - in der
Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt.
Kloser sitzt wegen wiederholten Einbruchdiebstahls ein, früher war er mal Leistungssportler. Rad sei er gefahren. "Dann bin ich total abgestürzt", sagt er. "Falsche Freunde und so." Doch das ist für ihn Vergangenheit, die er im Knast hinter sich lassen, bewältigen, vergessen will. Zum Beispiel mit dem monatelangen Training für den inzwischen dritten Knastmarathon in Darmstadt, dem vermutlich einzigen in ganz Deutschland. Ihm gehe es "ums Durchhalten" am Sonntag. "Das ist eine tolle Abwechslung. Sonst hat man ja eh nichts zu tun", sagt Kloser.
Um die Abwechslung für die Gefangenen ging es auch vor mehr als zweieinhalb Jahren, als Sportübungsleiter Gerhard Wydra die Idee für den Gefängnis-Dauerlauf hatte. "Wir wollten mal wieder ein besonderes Sport-Projekt anbieten", sagt er. Das ist gar nicht so leicht, wenn man räumlich so beschränkt ist wie im Knast - dabei ist die Darmstädter JVA mit ihrer fast schon idyllischen Lage im Kiefernwald für ein Gefängnis ziemlich weitläufig. "Ein Marathon schien uns da das Beste", sagt Wydra: "Einfach umsetzbar und trotzdem außergewöhnlich."
Für das Training der Gefangenen holte sich die JVA den Marathon-Profi Dieter Bremer, der unter anderem auch den Frankfurter Stadtmarathon organisiert. Mehrere Male war Bremer in den vergangenen sechs Monaten zur Vorbereitung bei den Inhaftierten. Fünfmal die Woche mussten die 23 Läufer trainieren, manchmal ging es nach der Arbeit noch mehrere Stunden nach draußen zum Laufen. "Wir hatten 100 Trainingseinheiten, und keine einzige davon ist ausgefallen", sagt Wydra. Trotz des teils fiesen Winterwetters mit Schnee, Eis und Regen.
Sowohl die sechsmonatige Vorbereitung als auch der Lauf am Sonntag spielen sich hinter den meterhohen Betonmauern ab. Die Route führt quer durch das JVA-Areal, sie ist genau 1,758 Kilometer lang und muss von den Teilnehmern 24 Mal abgelaufen werden. "Das ist natürlich kein Landschaftslauf, es hat aber auch Vorteile", sagt Wydra. Schließlich komme man öfter an der Verpflegungsstation vorbei. Neben den 23 Häftlingen machen auch noch etwa 130 Bürger von außen und einige Beamte aus anderen Anstalten beim Marathon mit.
Um Teilnehmer von außen oder aus anderen Gefängnissen macht sich Michael Walter derzeit keine Gedanken. Für den 44-Jährigen ist es nicht der erste Anlauf zum Marathon. "Ich hab es vor zwei Jahren schon mal versucht", erinnert er sich. Damals habe er noch 96 Kilo gewogen und sei schlicht nicht fit genug gewesen. Das Schlimmste an den vergangenen Monaten seien die schmerzenden Füße gewesen. "Ich musste mich schon überwinden und durchbeißen", sagt Walter, der wegen schweren Raubes mehrere Jahre einsitzt: "Laufen tut mir einfach gut."
Der vor rund drei Jahren als einfaches Sportprojekt gestartete Knastmarathon sei inzwischen "mehr als das", sagt Anstaltspsychologe Willi Zehfuß. Die Vorbereitung auf den Marathon habe bei den Gefangenen "nur Positives" ausgelöst, Konzentration und Disziplin seien gestiegen. "Das hat der ganzen Persönlichkeitsentwicklung gut getan", ist auch Anstaltsleiter Wigbert Baulig überzeugt. Der Knast-Marathon könnte deshalb bald in anderen Anstalten Nachahmer finden. "Am Sonntag laufen auch schon ein paar Gefangene aus der JVA Wittlich mit", sagt Wydra.
Kloser sitzt wegen wiederholten Einbruchdiebstahls ein, früher war er mal Leistungssportler. Rad sei er gefahren. "Dann bin ich total abgestürzt", sagt er. "Falsche Freunde und so." Doch das ist für ihn Vergangenheit, die er im Knast hinter sich lassen, bewältigen, vergessen will. Zum Beispiel mit dem monatelangen Training für den inzwischen dritten Knastmarathon in Darmstadt, dem vermutlich einzigen in ganz Deutschland. Ihm gehe es "ums Durchhalten" am Sonntag. "Das ist eine tolle Abwechslung. Sonst hat man ja eh nichts zu tun", sagt Kloser.
Um die Abwechslung für die Gefangenen ging es auch vor mehr als zweieinhalb Jahren, als Sportübungsleiter Gerhard Wydra die Idee für den Gefängnis-Dauerlauf hatte. "Wir wollten mal wieder ein besonderes Sport-Projekt anbieten", sagt er. Das ist gar nicht so leicht, wenn man räumlich so beschränkt ist wie im Knast - dabei ist die Darmstädter JVA mit ihrer fast schon idyllischen Lage im Kiefernwald für ein Gefängnis ziemlich weitläufig. "Ein Marathon schien uns da das Beste", sagt Wydra: "Einfach umsetzbar und trotzdem außergewöhnlich."
Für das Training der Gefangenen holte sich die JVA den Marathon-Profi Dieter Bremer, der unter anderem auch den Frankfurter Stadtmarathon organisiert. Mehrere Male war Bremer in den vergangenen sechs Monaten zur Vorbereitung bei den Inhaftierten. Fünfmal die Woche mussten die 23 Läufer trainieren, manchmal ging es nach der Arbeit noch mehrere Stunden nach draußen zum Laufen. "Wir hatten 100 Trainingseinheiten, und keine einzige davon ist ausgefallen", sagt Wydra. Trotz des teils fiesen Winterwetters mit Schnee, Eis und Regen.
Sowohl die sechsmonatige Vorbereitung als auch der Lauf am Sonntag spielen sich hinter den meterhohen Betonmauern ab. Die Route führt quer durch das JVA-Areal, sie ist genau 1,758 Kilometer lang und muss von den Teilnehmern 24 Mal abgelaufen werden. "Das ist natürlich kein Landschaftslauf, es hat aber auch Vorteile", sagt Wydra. Schließlich komme man öfter an der Verpflegungsstation vorbei. Neben den 23 Häftlingen machen auch noch etwa 130 Bürger von außen und einige Beamte aus anderen Anstalten beim Marathon mit.
Um Teilnehmer von außen oder aus anderen Gefängnissen macht sich Michael Walter derzeit keine Gedanken. Für den 44-Jährigen ist es nicht der erste Anlauf zum Marathon. "Ich hab es vor zwei Jahren schon mal versucht", erinnert er sich. Damals habe er noch 96 Kilo gewogen und sei schlicht nicht fit genug gewesen. Das Schlimmste an den vergangenen Monaten seien die schmerzenden Füße gewesen. "Ich musste mich schon überwinden und durchbeißen", sagt Walter, der wegen schweren Raubes mehrere Jahre einsitzt: "Laufen tut mir einfach gut."
Der vor rund drei Jahren als einfaches Sportprojekt gestartete Knastmarathon sei inzwischen "mehr als das", sagt Anstaltspsychologe Willi Zehfuß. Die Vorbereitung auf den Marathon habe bei den Gefangenen "nur Positives" ausgelöst, Konzentration und Disziplin seien gestiegen. "Das hat der ganzen Persönlichkeitsentwicklung gut getan", ist auch Anstaltsleiter Wigbert Baulig überzeugt. Der Knast-Marathon könnte deshalb bald in anderen Anstalten Nachahmer finden. "Am Sonntag laufen auch schon ein paar Gefangene aus der JVA Wittlich mit", sagt Wydra.
Bürgerbewegung will demokratischeres Europa
12.05.2009 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Margit Reiser-Schober ist
überzeugte Europäerin. Doch von der Europäischen
Union (EU) hat sie keine besonders gute Meinung.
Deren Institutionen seien viel zu undemokratisch,
beklagt sie. Deshalb hat sie sich Ende Oktober 2005
den "Newropeans" angeschlossen, einer damals erst
wenige Monate alten europaweiten Bürgerbewegung. "Wir
wollen Europa demokratischer machen", sagt die
52-Jährige, die mittlerweile Spitzenkandidatin der
"Neuropäer" in Deutschland ist. Dem "bürgerfernen
EU-Apparat" will die Bewegung, die sich selbst weder
links noch rechts verortet, nun Beine machen.
Die Ziele der - nach eigenen Angaben - ersten transeuropäischen Partei, die neben ihrer deutschen Liste zur Europawahl am 7. Juni auch Listen in Frankreich, Italien und den Niederlanden aufgestellt hat, sind schwer zu greifen. Den "Newropeans" geht es nämlich um Grundsätzliches: Sie wollen erst die Strukturen der EU verändern, um dann in die Sachpolitik einzusteigen. Was man als Mangel an Programm deuten könnte, sehen die "Neuropäer" als Stärke: Die Bewegung ziehe Menschen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen an. Alle eint indes ihre Kritik an der jetzigen Form der EU.
Deshalb seien die "Newropeans" in ihrer jetzigen Form auch nur eine auf Zeit angelegte Vereinigung. 15 bis 20 Jahre wolle man für die Demokratisierung der EU kämpfen, erzählt Reiser-Schober. Danach löse sich die neue Bürgerbewegung wieder auf oder formiere sich um. Bei der diesjährigen Wahl steht die Bürgerbewegung auf Listenplatz 28, die Bekanntheit wenige Wochen vor dem Urnengang ist nicht gerade berauschend groß. Trotzdem ist Reiser-Schober zuversichtlich: "Wir kriegen so unglaublich viele Reaktionen." Die Fünf-Prozent-Hürde wolle man knacken, betont die studierte Politologin.
Harald Greib, Kandidat auf Listenplatz zwei, zählt zu den eher linksorientierten Skeptikern der EU. Jahrelang hat er als Beamter des Bundes im Ausland gearbeitet - und dort hat er mitbekommen, wie Europa funktioniert. "Man einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und verwischt so die Zuständigkeiten", sagt er. Wenn bei den Bürgern eine Verordnung nicht gut ankomme, könne jede EU-Ebene die Verantwortung problemlos auf eine andere abschieben. Das Parlament auf die EU-Kommission, die wiederum auf den Ministerrat, und so weiter. "Das wollen wir ändern", betont der 48-Jährige.
So fordern die "Newropeans" zum Beispiel eine grundlegende Reform der EU-Architektur. So soll das von den Bürgern gewählte Parlament aus seiner Mitte heraus eine Regierung bestimmen - und die wiederum soll dem Parlament verantwortlich sein, sagt Greib. So, wie das in parlamentarischen Demokratien üblich sei, fügt Reiser-Schober hinzu. Auch das EU-Wahlrecht soll reformiert werden: internationale Listen sollen zusätzlich neben die jetzigen nationalen Listen treten. Bei bedeutenden Fragen wie Erweiterungen oder Grundsatzverträgen wollen die "Neuropäer" außerdem transeuropäische Volksabstimmung einführen. Dies fördere "die gesamteuropäische Debatte", sagt Greib.
Neben ihren strukturellen Demokratie-Forderungen finden sich bei den "Newropeans" aber auch einige inhaltliche Positionen. Die haben zwar weniger mit kleinteiliger EU-Politik à la Glühlampenverbot zu tun, sind dafür aber ein recht buntes Sammelsurium von liberal bis konservativ, von links bis rechts, von grün bis dunkelrot. So wollen die "Neuropäer" etwa einen weniger wettbewerbslastigen Binnenmarkt, sie fordern integrationsorientierte Einwanderungspolitik, wollen eigene EU-Steuern und wollen nur eine "privilegierte Partnerschaft" mit der Türkei statt deren EU-Beitritt.
Trotz mancher Skepsis an der EU wollen die "Newropeans" aber nicht als EU-Gegner verstanden werden. "Aber wir sind durchaus der Meinung, dass der Nationalstaat nicht unwichtig ist", sagt Greib. Regionale und kulturelle Vielfalt seien wichtig für Europa, diese dürfe man nicht einfach "wegharmonisieren". "Wettbewerb kann nicht die Lösung für jedes Problem sein", ergänzt er: "Warum mischt sich die EU zum Beispiel ein, wie die Städte ihren Nahverkehr organisieren? Weshalb sollte das EU-weit ausgeschrieben werden?" Und dann ist sie doch schnell wieder kleinteilig geworden, die Europapolitik.
Die Ziele der - nach eigenen Angaben - ersten transeuropäischen Partei, die neben ihrer deutschen Liste zur Europawahl am 7. Juni auch Listen in Frankreich, Italien und den Niederlanden aufgestellt hat, sind schwer zu greifen. Den "Newropeans" geht es nämlich um Grundsätzliches: Sie wollen erst die Strukturen der EU verändern, um dann in die Sachpolitik einzusteigen. Was man als Mangel an Programm deuten könnte, sehen die "Neuropäer" als Stärke: Die Bewegung ziehe Menschen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen an. Alle eint indes ihre Kritik an der jetzigen Form der EU.
Deshalb seien die "Newropeans" in ihrer jetzigen Form auch nur eine auf Zeit angelegte Vereinigung. 15 bis 20 Jahre wolle man für die Demokratisierung der EU kämpfen, erzählt Reiser-Schober. Danach löse sich die neue Bürgerbewegung wieder auf oder formiere sich um. Bei der diesjährigen Wahl steht die Bürgerbewegung auf Listenplatz 28, die Bekanntheit wenige Wochen vor dem Urnengang ist nicht gerade berauschend groß. Trotzdem ist Reiser-Schober zuversichtlich: "Wir kriegen so unglaublich viele Reaktionen." Die Fünf-Prozent-Hürde wolle man knacken, betont die studierte Politologin.
Harald Greib, Kandidat auf Listenplatz zwei, zählt zu den eher linksorientierten Skeptikern der EU. Jahrelang hat er als Beamter des Bundes im Ausland gearbeitet - und dort hat er mitbekommen, wie Europa funktioniert. "Man einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und verwischt so die Zuständigkeiten", sagt er. Wenn bei den Bürgern eine Verordnung nicht gut ankomme, könne jede EU-Ebene die Verantwortung problemlos auf eine andere abschieben. Das Parlament auf die EU-Kommission, die wiederum auf den Ministerrat, und so weiter. "Das wollen wir ändern", betont der 48-Jährige.
So fordern die "Newropeans" zum Beispiel eine grundlegende Reform der EU-Architektur. So soll das von den Bürgern gewählte Parlament aus seiner Mitte heraus eine Regierung bestimmen - und die wiederum soll dem Parlament verantwortlich sein, sagt Greib. So, wie das in parlamentarischen Demokratien üblich sei, fügt Reiser-Schober hinzu. Auch das EU-Wahlrecht soll reformiert werden: internationale Listen sollen zusätzlich neben die jetzigen nationalen Listen treten. Bei bedeutenden Fragen wie Erweiterungen oder Grundsatzverträgen wollen die "Neuropäer" außerdem transeuropäische Volksabstimmung einführen. Dies fördere "die gesamteuropäische Debatte", sagt Greib.
Neben ihren strukturellen Demokratie-Forderungen finden sich bei den "Newropeans" aber auch einige inhaltliche Positionen. Die haben zwar weniger mit kleinteiliger EU-Politik à la Glühlampenverbot zu tun, sind dafür aber ein recht buntes Sammelsurium von liberal bis konservativ, von links bis rechts, von grün bis dunkelrot. So wollen die "Neuropäer" etwa einen weniger wettbewerbslastigen Binnenmarkt, sie fordern integrationsorientierte Einwanderungspolitik, wollen eigene EU-Steuern und wollen nur eine "privilegierte Partnerschaft" mit der Türkei statt deren EU-Beitritt.
Trotz mancher Skepsis an der EU wollen die "Newropeans" aber nicht als EU-Gegner verstanden werden. "Aber wir sind durchaus der Meinung, dass der Nationalstaat nicht unwichtig ist", sagt Greib. Regionale und kulturelle Vielfalt seien wichtig für Europa, diese dürfe man nicht einfach "wegharmonisieren". "Wettbewerb kann nicht die Lösung für jedes Problem sein", ergänzt er: "Warum mischt sich die EU zum Beispiel ein, wie die Städte ihren Nahverkehr organisieren? Weshalb sollte das EU-weit ausgeschrieben werden?" Und dann ist sie doch schnell wieder kleinteilig geworden, die Europapolitik.
Neuartiges Verkehrsleitsystem im Test
10.03.2009 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Autofahrer kennen solche
Situationen: Seit 30 Minuten stehen sie schon im
Stau, als im Autoradio erstmals auch die Staumeldung
zu hören ist. Oder sie warten an einer Ampelkreuzung,
deren Grünphasen in ihre Richtung viel zu kurz sind
und in der kreuzenden Richtung dafür zu lang.
Verkehrseffizienz sieht anders aus. Deshalb haben
Autoindustrie, Wissenschaft und öffentliche Hand im
Jahr 2008 das Projekt "Sichere Intelligente Mobilität
- Testfeld Deutschland" (SIM-TD) gestartet. Ziel ist
ein Feldversuch im Rhein-Main-Gebiet.
Dorothee Allekotte vom Frankfurter Straßenverkehrsamt kommt ein bisschen ins Schwärmen, wenn sie von SIM-TD erzählt. Sicherer könne der Verkehr durch das System werden, der Verkehrsfluss besser - und für die Kommunen könnten vielleicht die Infrastrukturkosten sinken, sagt sie. Bislang wird das Verkehrsaufkommen auf den Straßen an vielbefahrenen Stellen von Hand gezählt. Um die aktuelle Verkehrsdichte zu erheben und Ampelschaltungen und Signalbrücken zu steuern, werden Kameras, Infrarotsensoren oder Induktionsschleifen eingesetzt. Doch die Technik ist oft sehr empfindlich oder nicht flexibel genug.
Bei SIM-TD sei das ein bisschen anders, sagt Allekotte. Denn im Gegensatz zu bisherigen Systemen werden die Verkehrsteilnehmer Teil des Ganzen. Autos und Lkw werden mit einer "Car Communication Unit" (CCU) ausgestattet, einer Art Bordcomputer, der mit anderen CCUs und den fest installierten "Road Side Units" (RSU) per Funk kommuniziert.
Nach Angaben von Allekotte kann über verschiedene Funktechniken "alles mögliche" übertragen werden: die Geschwindigkeit, die genaue Position des Fahrzeugs oder die Außentemperatur, aber auch die Richtungsanzeige per Blinklicht, das Bremsverhalten oder das Scheibenwischer-Intervall. Aus diesen Daten soll bei SIM-TD ein komplexes Bild der Verkehrslage entstehen. Hinzu kommen manuelle Eingaben von Unfällen und Gefahrenstellen.
Die daraus in einer Verkehrsleitzentrale errechneten Informationen werden dann an die Teilnehmer zurückgesendet, die in der betroffenen Region unterwegs sind. Eine Anzeige im Fahrzeug warnt punktgenau vor Glatteis, vor dem Stauende hinter einem Hang oder informiert über die Verkehrsdichte auf dem Weg zum Ziel. Mit den Daten ließe sich aber auch der Verkehrsfluss besser steuern, also die Verkehrseffizienz erhöhen. Wenn etwa besonders viele Linksblinker an einer Kreuzung warten, könnte die Ampelschaltung in Echtzeit auf den aktuellen Bedarf reagieren.
Dass der Feldversuch in der Rhein-Main-Region und im Stadtgebiet Frankfurts stattfindet, ist für Allekotte nicht überraschend. Das Straßenverkehrsamt stehe neuer Technik schon seit Jahren offen gegenüber. Man sei stolz, dass man sich gegen andere Bewerber "wie die Stadt Berlin oder das Saarland" durchgesetzt habe, berichtet die Diplom-Geografin.
Eingesetzt werden bei dem Feldversuch etwa 100 Autos, die von eigens für das Projekt engagierten Fahrern gelenkt werden. Man schicke die Fahrer dann "gezielt von A nach B", sagt Allekotte. So soll getestet werden, ob die Übertragung und die Verarbeitung der Daten funktioniert.
Zudem werden bis zu 300 Autos mit CCUs ausgestattet, die nicht von Testfahrern gelenkt werden sollen. Dazu baut zum Beispiel die Stadt Frankfurt 100 CCUs in Dienstwagen ein. Auch große Unternehmen sollen sich mit Dienstwagen beteiligen. Auf einem abgesperrten Testgelände sollen zudem die Verkehrsleitfunktionen des SIM-TD getestet werden.
Die Möglichkeit der punktgenauen Ortung und die Funkübertragung von Daten lassen natürlich auch die Datenschützer hellhörig werden. Christian Weiß vom Stuttgarter Autokonzern Daimler und Projektchef bei SIM-TD beruhigt: Sicherheitsaspekte wie Authentifizierung, Verschlüsselung und Anonymisierung werde man bereits bei der Konzeption der Kommunikationssysteme berücksichtigen. So könnten den Fahrzeugen regelmäßig neue Pseudonyme zugewiesen werden, über die sie kommunizieren, sagt Weiß. "Gläserne" Autofahrer mit Bewegungsprofilen werde es nicht geben. Das müsse man gewährleisten, wenn man später bei der Serienreife möglichst viele Verkehrsteilnehmer für SIM-TD begeistern wolle. "Das System funktioniert nur, wenn möglichst viele mitmachen", sagt Weiß.
Dorothee Allekotte vom Frankfurter Straßenverkehrsamt kommt ein bisschen ins Schwärmen, wenn sie von SIM-TD erzählt. Sicherer könne der Verkehr durch das System werden, der Verkehrsfluss besser - und für die Kommunen könnten vielleicht die Infrastrukturkosten sinken, sagt sie. Bislang wird das Verkehrsaufkommen auf den Straßen an vielbefahrenen Stellen von Hand gezählt. Um die aktuelle Verkehrsdichte zu erheben und Ampelschaltungen und Signalbrücken zu steuern, werden Kameras, Infrarotsensoren oder Induktionsschleifen eingesetzt. Doch die Technik ist oft sehr empfindlich oder nicht flexibel genug.
Bei SIM-TD sei das ein bisschen anders, sagt Allekotte. Denn im Gegensatz zu bisherigen Systemen werden die Verkehrsteilnehmer Teil des Ganzen. Autos und Lkw werden mit einer "Car Communication Unit" (CCU) ausgestattet, einer Art Bordcomputer, der mit anderen CCUs und den fest installierten "Road Side Units" (RSU) per Funk kommuniziert.
Nach Angaben von Allekotte kann über verschiedene Funktechniken "alles mögliche" übertragen werden: die Geschwindigkeit, die genaue Position des Fahrzeugs oder die Außentemperatur, aber auch die Richtungsanzeige per Blinklicht, das Bremsverhalten oder das Scheibenwischer-Intervall. Aus diesen Daten soll bei SIM-TD ein komplexes Bild der Verkehrslage entstehen. Hinzu kommen manuelle Eingaben von Unfällen und Gefahrenstellen.
Die daraus in einer Verkehrsleitzentrale errechneten Informationen werden dann an die Teilnehmer zurückgesendet, die in der betroffenen Region unterwegs sind. Eine Anzeige im Fahrzeug warnt punktgenau vor Glatteis, vor dem Stauende hinter einem Hang oder informiert über die Verkehrsdichte auf dem Weg zum Ziel. Mit den Daten ließe sich aber auch der Verkehrsfluss besser steuern, also die Verkehrseffizienz erhöhen. Wenn etwa besonders viele Linksblinker an einer Kreuzung warten, könnte die Ampelschaltung in Echtzeit auf den aktuellen Bedarf reagieren.
Dass der Feldversuch in der Rhein-Main-Region und im Stadtgebiet Frankfurts stattfindet, ist für Allekotte nicht überraschend. Das Straßenverkehrsamt stehe neuer Technik schon seit Jahren offen gegenüber. Man sei stolz, dass man sich gegen andere Bewerber "wie die Stadt Berlin oder das Saarland" durchgesetzt habe, berichtet die Diplom-Geografin.
Eingesetzt werden bei dem Feldversuch etwa 100 Autos, die von eigens für das Projekt engagierten Fahrern gelenkt werden. Man schicke die Fahrer dann "gezielt von A nach B", sagt Allekotte. So soll getestet werden, ob die Übertragung und die Verarbeitung der Daten funktioniert.
Zudem werden bis zu 300 Autos mit CCUs ausgestattet, die nicht von Testfahrern gelenkt werden sollen. Dazu baut zum Beispiel die Stadt Frankfurt 100 CCUs in Dienstwagen ein. Auch große Unternehmen sollen sich mit Dienstwagen beteiligen. Auf einem abgesperrten Testgelände sollen zudem die Verkehrsleitfunktionen des SIM-TD getestet werden.
Die Möglichkeit der punktgenauen Ortung und die Funkübertragung von Daten lassen natürlich auch die Datenschützer hellhörig werden. Christian Weiß vom Stuttgarter Autokonzern Daimler und Projektchef bei SIM-TD beruhigt: Sicherheitsaspekte wie Authentifizierung, Verschlüsselung und Anonymisierung werde man bereits bei der Konzeption der Kommunikationssysteme berücksichtigen. So könnten den Fahrzeugen regelmäßig neue Pseudonyme zugewiesen werden, über die sie kommunizieren, sagt Weiß. "Gläserne" Autofahrer mit Bewegungsprofilen werde es nicht geben. Das müsse man gewährleisten, wenn man später bei der Serienreife möglichst viele Verkehrsteilnehmer für SIM-TD begeistern wolle. "Das System funktioniert nur, wenn möglichst viele mitmachen", sagt Weiß.
Soziale Internet-Netzwerke ohne Server
07.03.2009 - 12:00
Darmstadt (ddp-hes). Für Nutzer sind sie meist
gebührenfrei, und doch verursachen sie Kosten in
Millionenhöhe: Soziale Netzwerke im Internet erfreuen
sich seit Jahren wachsender Beliebtheit, sie sprießen
wie Pilze aus dem Boden. Facebook, StudiVZ,
Wer-kennt-wen, Xing und wie sie alle heißen, haben
unterschiedliche Zielgruppen - doch sie haben auch
alle eines gemeinsam: ihre Server kosten Geld. Bei
LifeSocial ist das anders, denn die Entwicklung der
Technischen Universität (TU) Darmstadt kommt ohne
Server aus, indem sie die Rechenlast auf ihre Nutzer
verteilt.
Kalman Graffi vom Fachbereich Multimedia Kommunikation (KOM) an der TU hat die neue Netzwerk-Architektur maßgeblich mit entwickelt. Der 26-jährige Diplom-Mathematiker und Diplom-Informatiker gehört zu einem 20-köpfigen Team aus Wissenschaftlern und Studenten, die gemeinsam nach Alternativen zu den serverabhängigen Netzwerk-Architekturen gesucht haben. Fündig wurden die Forscher in der Peer-to-Peer-Technik (P2P), die bislang vor allem im Bereich der Internet-Tauschbörsen oder beim Internettelefonieren verwendet wurde.
"Bandbreite, Speicherplatz und Rechenleistung werden auf die Nutzer verteilt", sagt Kalman Graffi. "Die vielen kleinen Beiträge jedes Teilnehmers ersetzen dann die Server." LifeSocial soll alles ermöglichen, was die herkömmlichen Netzwerke auch bieten: Profilseiten mit Fotos anlegen, Freunde suchen und verknüpfen, sich in Gruppen zusammenschließen, Nachrichten verschicken oder direkt miteinander chatten. Aber es soll noch mehr können. So soll man bei LifeSocial direkt über die P2P-Verbindung mit anderen Nutzern telefonieren können.
Die Abkehr von der "Client-Server-Technik", bei der alle Nutzer (Clients) über den Server miteinander verbunden sind, bietet Betreibern wie Nutzern Vorteile, meint Graffi. Die Betreiber sparen bares Geld. "Facebook hat mal ausgerechnet, dass jeder Nutzer pro Jahr im Schnitt einen Dollar kostet", erzählt der Diplom-Informatiker. Bei 100 Millionen Nutzern komme da "ganz schön was zusammen". Zwar seien das nicht alles Server-Kosten, räumt der Forscher ein: "Aber Server brauchen nun einmal viel Strom. Und Strom kostet Geld."
Für die Nutzer werde die Teilnahme an einem sozialen Netzwerk sicherer, sagt Graffi. Denn während bei dem Client-Server-Modell alle Nutzerdaten zentral an einem Ort gespeichert und so leichter Hackerangriffen ausgesetzt sind, werden die Nutzerdaten bei der P2P-Technik auf viele tausend Teilnehmerrechner verteilt. "Die Daten werden dort verschlüsselt abgelegt, der Teilnehmer kann also nicht einfach die Daten anderer lesen oder bearbeiten", erläutert Graffi. Die Verschlüsselung ähnele dem Pin-Verfahren beim Online-Banking und sei sicher.
Der Server-Wegfall habe aber noch einen weiteren Aspekt für die Nutzer. Weil die Betreiber nun weniger Geld für Technik und Strom ausgeben müssen, müsste er theoretisch nicht mehr so viele Werbebanner schalten. Auch die Auswertung oder gar der Verkauf von Nutzerdaten, um einzelne Teilnehmer mit gezielter Werbung anzusprechen, fielen weg. "Unsere Idee gäbe den Nutzern ein Stück Kontrolle zurück", betont Graffi. Der "gläserne Nutzer" wäre passé. In etwa einem halben Jahr will die TU-Gruppe eine Test-Version von LifeSocial freischalten.
Doch bevor es so weit ist, müssen Kalman Graffi und seine Kollegen noch ein paar knifflige technische Details lösen. Weil nicht immer alle Teilnehmer online sind, müssen die Daten der Nutzer intelligent auf verschiedene Rechner gestreut werden. Würden die Daten eines Nutzers nur auf einigen wenigen Rechnern liegen, könnte man sein Profil nicht aufrufen, wenn er und diese wenigen anderen Rechner nicht online wären. Über "intelligente Replizierungstechniken erreichen wir eine Verfügbarkeit von 99 Prozent - auch ohne Server", sagt Kalman Graffi.
So schön die Idee auch klingt, die Betreiber sozialer Netzwerke reagieren noch zurückhaltend auf die Entwicklung der TU. "Für uns ist das eigentlich nicht interessant", sagt Thomas Ohler von Wer-kennt-wen. Einmal abgesehen davon, dass er sich als Informatiker "nicht vorstellen kann", wie ein Netzwerk über P2P-Technik funktionieren soll, habe Wer-kennt-wen sich für einen von jedem PC aus nutzbaren Online-Betrieb entschieden. Denn für ein P2P-Netzwerk wie LifeSocial benötige man ein eigenes Programm, das auf jedem Computer erst eigens installiert werden muss.
(lifesocial.org)
Kalman Graffi vom Fachbereich Multimedia Kommunikation (KOM) an der TU hat die neue Netzwerk-Architektur maßgeblich mit entwickelt. Der 26-jährige Diplom-Mathematiker und Diplom-Informatiker gehört zu einem 20-köpfigen Team aus Wissenschaftlern und Studenten, die gemeinsam nach Alternativen zu den serverabhängigen Netzwerk-Architekturen gesucht haben. Fündig wurden die Forscher in der Peer-to-Peer-Technik (P2P), die bislang vor allem im Bereich der Internet-Tauschbörsen oder beim Internettelefonieren verwendet wurde.
"Bandbreite, Speicherplatz und Rechenleistung werden auf die Nutzer verteilt", sagt Kalman Graffi. "Die vielen kleinen Beiträge jedes Teilnehmers ersetzen dann die Server." LifeSocial soll alles ermöglichen, was die herkömmlichen Netzwerke auch bieten: Profilseiten mit Fotos anlegen, Freunde suchen und verknüpfen, sich in Gruppen zusammenschließen, Nachrichten verschicken oder direkt miteinander chatten. Aber es soll noch mehr können. So soll man bei LifeSocial direkt über die P2P-Verbindung mit anderen Nutzern telefonieren können.
Die Abkehr von der "Client-Server-Technik", bei der alle Nutzer (Clients) über den Server miteinander verbunden sind, bietet Betreibern wie Nutzern Vorteile, meint Graffi. Die Betreiber sparen bares Geld. "Facebook hat mal ausgerechnet, dass jeder Nutzer pro Jahr im Schnitt einen Dollar kostet", erzählt der Diplom-Informatiker. Bei 100 Millionen Nutzern komme da "ganz schön was zusammen". Zwar seien das nicht alles Server-Kosten, räumt der Forscher ein: "Aber Server brauchen nun einmal viel Strom. Und Strom kostet Geld."
Für die Nutzer werde die Teilnahme an einem sozialen Netzwerk sicherer, sagt Graffi. Denn während bei dem Client-Server-Modell alle Nutzerdaten zentral an einem Ort gespeichert und so leichter Hackerangriffen ausgesetzt sind, werden die Nutzerdaten bei der P2P-Technik auf viele tausend Teilnehmerrechner verteilt. "Die Daten werden dort verschlüsselt abgelegt, der Teilnehmer kann also nicht einfach die Daten anderer lesen oder bearbeiten", erläutert Graffi. Die Verschlüsselung ähnele dem Pin-Verfahren beim Online-Banking und sei sicher.
Der Server-Wegfall habe aber noch einen weiteren Aspekt für die Nutzer. Weil die Betreiber nun weniger Geld für Technik und Strom ausgeben müssen, müsste er theoretisch nicht mehr so viele Werbebanner schalten. Auch die Auswertung oder gar der Verkauf von Nutzerdaten, um einzelne Teilnehmer mit gezielter Werbung anzusprechen, fielen weg. "Unsere Idee gäbe den Nutzern ein Stück Kontrolle zurück", betont Graffi. Der "gläserne Nutzer" wäre passé. In etwa einem halben Jahr will die TU-Gruppe eine Test-Version von LifeSocial freischalten.
Doch bevor es so weit ist, müssen Kalman Graffi und seine Kollegen noch ein paar knifflige technische Details lösen. Weil nicht immer alle Teilnehmer online sind, müssen die Daten der Nutzer intelligent auf verschiedene Rechner gestreut werden. Würden die Daten eines Nutzers nur auf einigen wenigen Rechnern liegen, könnte man sein Profil nicht aufrufen, wenn er und diese wenigen anderen Rechner nicht online wären. Über "intelligente Replizierungstechniken erreichen wir eine Verfügbarkeit von 99 Prozent - auch ohne Server", sagt Kalman Graffi.
So schön die Idee auch klingt, die Betreiber sozialer Netzwerke reagieren noch zurückhaltend auf die Entwicklung der TU. "Für uns ist das eigentlich nicht interessant", sagt Thomas Ohler von Wer-kennt-wen. Einmal abgesehen davon, dass er sich als Informatiker "nicht vorstellen kann", wie ein Netzwerk über P2P-Technik funktionieren soll, habe Wer-kennt-wen sich für einen von jedem PC aus nutzbaren Online-Betrieb entschieden. Denn für ein P2P-Netzwerk wie LifeSocial benötige man ein eigenes Programm, das auf jedem Computer erst eigens installiert werden muss.
(lifesocial.org)
Helau auf dem Parkett
24.02.2009 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Ausgerechnet jetzt! Einen
unpassenderen Zeitpunkt hätte sich der Deutsche
Aktienindex (DAX) nicht aussuchen können, um erstmals
seit mehr als vier Jahren unter 4000 Punkte zu
rutschen: am Rosenmontagabend, mitten im Fasching.
Doch von mieser Stimmung ist am Dienstag auf dem
Frankfurter Parkett nichts zu spüren. Im Gegenteil.
Ein Großteil der Börsianer ist verkleidet. Als
gefallene Engel mit schwarzen Flügeln, als OP-Ärzte
und Krankenschwestern, als Hippies und
Börsen-Dinosaurier schauen sie zu, wie das
Kursbarometer auf der großen Anzeigetafel absackt.
Bei 3850 Punkten steht es am Mittag, tief im Minus.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Helau.
Normalerweise sei er ja nicht so ein Faschingstyp, sagt ein Wertpapierhändler der ICF Kursmakler AG. "Aber bei uns in der Schranke hat das eben Tradition", sagt er mit einem beinahe entschuldigenden Unterton. Schranke, so bezeichnet man die kreisrund angeordneten Tische auf dem Parkett der Deutschen Börse in Frankfurt am Main. Der 34-jährige Makler zieht seinen OP-Mundschutz wieder ins Gesicht. Neben ihm stehen zwei neongrelle Hippies, zwei lebensgroße Echsen und ein Teufel. In der ICF-Schranke ist heute ausnahmsweise kein Börsianer in Nadelstreifen gekommen - alle sind verkleidet.
Aus zwei kleinen Computer-Lautsprechern dröhnen Faschingslieder und Partyschlager. In der Mitte der ICF-Schranke stehen eimerweise Süßigkeiten, gezuckerte Berliner und das ein oder andere Fläschchen unbekannten Inhalts. "Das ist nur heiße Milch mit Honig", sagt ein Makler. Er riecht allerdings eher nach Altbier. Es ist kurz nach 9.00 Uhr, das Klackern und Klappern der Tastaturen und Anzeigentafeln schallt durch den Raum, der DAX verliert - trotzdem steigt die Stimmung. "Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun", sagt der 34-Jährige. "Soll ich jetzt tagelang weinen gehen?"
Doreen Hanke sieht das genauso. Sie arbeitet ebenfalls bei ICF, seit Jahren schon verkleidet sie sich gemeinsam mit ihren Kollegen am Faschingsdienstag. Klar, einige Kollegen hätten wegen der Krise Bedenken gehabt, ob das so gut ankommt, wenn die Börsianer knallbunt auflaufen. "Wir können auch nichts dafür, wir haben die Krise nicht gemacht", sagt sie. Nichtsdestotrotz habe man der Stimmung Rechnung tragen wollen. "Unsere Kostüme sind aufeinander abgestimmt", sagt sie und zupft ihre Flügelchen aus schwarzen Federn zurecht.
Jeweils zwei bis drei ICF-Händler sind ähnlich angezogen. Hanke und eine Kollegin sind "gefallene Engel", ein Kollege mimt den Teufel. Die nächste Gruppe ist als Hippie verkleidet, "der guten alten Zeiten wegen", andere sind als Ärzte gekommen, "um zu retten, was noch zu retten ist". Und schließlich gibt es noch zwei als große Echsen verkleidete Kolleginnen. "Börsen-Dinosaurier" steht auf den schwarzen Shirts. "Wenn wir heute wenigstens was zu lachen hätten", sagt eine der beiden, während der DAX weiter verliert.
Aber auch an anderen Schranken sitzen närrische Händler. Bei der Baader Bank liegt schon kurz nach Börsenbeginn Konfetti auf dem Parkett, aber Musik oder einen Schoppen wie bei ICF gibt es hier nicht. "Das holen wir am Feierabend nach", sagt ein als Sträfling verkleideter Händler. Bis dahin bleibe man streng abstinent. Wegen der Krise auf die Maskerade zu verzichten, komme gar nicht in Frage, findet er. Und sein Kollege mit Strohhut und bunten Hosenträgern pflichtet ihm bei. Als ob die Opelaner nicht auch Fasching feiern würden, sagt er.
Ein paar Meter weiter sieht man das ein bisschen anders. "Na, wir waren ja noch nie die Faschingsprinzen hier", sagt ein Händler an einer anderen Schranke. Dass er nun der Einzige sei, der in seiner Runde zumindest den Ansatz einer Verkleidung trage, sei "mit Sicherheit auch" der Krise geschuldet. Sagt's, und zieht sich die Kapuze des weißen Einmal-Overalls über den Kopf, während er im Takt mitwippt. Bei ICF läuft "Komm' hol' das Lasso raus". Wenig später, es ist 11.25 Uhr, ist die Krise für diesen Dienstag ganz und gar vergessen: Sektkorken knallen, die Börsianer rutschen beschwipst auf Skiern durch den Saal, der DAX sackt weiter ab. Manchmal hilft wohl nur noch schwarzer Humor.
Normalerweise sei er ja nicht so ein Faschingstyp, sagt ein Wertpapierhändler der ICF Kursmakler AG. "Aber bei uns in der Schranke hat das eben Tradition", sagt er mit einem beinahe entschuldigenden Unterton. Schranke, so bezeichnet man die kreisrund angeordneten Tische auf dem Parkett der Deutschen Börse in Frankfurt am Main. Der 34-jährige Makler zieht seinen OP-Mundschutz wieder ins Gesicht. Neben ihm stehen zwei neongrelle Hippies, zwei lebensgroße Echsen und ein Teufel. In der ICF-Schranke ist heute ausnahmsweise kein Börsianer in Nadelstreifen gekommen - alle sind verkleidet.
Aus zwei kleinen Computer-Lautsprechern dröhnen Faschingslieder und Partyschlager. In der Mitte der ICF-Schranke stehen eimerweise Süßigkeiten, gezuckerte Berliner und das ein oder andere Fläschchen unbekannten Inhalts. "Das ist nur heiße Milch mit Honig", sagt ein Makler. Er riecht allerdings eher nach Altbier. Es ist kurz nach 9.00 Uhr, das Klackern und Klappern der Tastaturen und Anzeigentafeln schallt durch den Raum, der DAX verliert - trotzdem steigt die Stimmung. "Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun", sagt der 34-Jährige. "Soll ich jetzt tagelang weinen gehen?"
Doreen Hanke sieht das genauso. Sie arbeitet ebenfalls bei ICF, seit Jahren schon verkleidet sie sich gemeinsam mit ihren Kollegen am Faschingsdienstag. Klar, einige Kollegen hätten wegen der Krise Bedenken gehabt, ob das so gut ankommt, wenn die Börsianer knallbunt auflaufen. "Wir können auch nichts dafür, wir haben die Krise nicht gemacht", sagt sie. Nichtsdestotrotz habe man der Stimmung Rechnung tragen wollen. "Unsere Kostüme sind aufeinander abgestimmt", sagt sie und zupft ihre Flügelchen aus schwarzen Federn zurecht.
Jeweils zwei bis drei ICF-Händler sind ähnlich angezogen. Hanke und eine Kollegin sind "gefallene Engel", ein Kollege mimt den Teufel. Die nächste Gruppe ist als Hippie verkleidet, "der guten alten Zeiten wegen", andere sind als Ärzte gekommen, "um zu retten, was noch zu retten ist". Und schließlich gibt es noch zwei als große Echsen verkleidete Kolleginnen. "Börsen-Dinosaurier" steht auf den schwarzen Shirts. "Wenn wir heute wenigstens was zu lachen hätten", sagt eine der beiden, während der DAX weiter verliert.
Aber auch an anderen Schranken sitzen närrische Händler. Bei der Baader Bank liegt schon kurz nach Börsenbeginn Konfetti auf dem Parkett, aber Musik oder einen Schoppen wie bei ICF gibt es hier nicht. "Das holen wir am Feierabend nach", sagt ein als Sträfling verkleideter Händler. Bis dahin bleibe man streng abstinent. Wegen der Krise auf die Maskerade zu verzichten, komme gar nicht in Frage, findet er. Und sein Kollege mit Strohhut und bunten Hosenträgern pflichtet ihm bei. Als ob die Opelaner nicht auch Fasching feiern würden, sagt er.
Ein paar Meter weiter sieht man das ein bisschen anders. "Na, wir waren ja noch nie die Faschingsprinzen hier", sagt ein Händler an einer anderen Schranke. Dass er nun der Einzige sei, der in seiner Runde zumindest den Ansatz einer Verkleidung trage, sei "mit Sicherheit auch" der Krise geschuldet. Sagt's, und zieht sich die Kapuze des weißen Einmal-Overalls über den Kopf, während er im Takt mitwippt. Bei ICF läuft "Komm' hol' das Lasso raus". Wenig später, es ist 11.25 Uhr, ist die Krise für diesen Dienstag ganz und gar vergessen: Sektkorken knallen, die Börsianer rutschen beschwipst auf Skiern durch den Saal, der DAX sackt weiter ab. Manchmal hilft wohl nur noch schwarzer Humor.
125 Jahre elektrische Straßenbahn 125 Jahre elektrische Straßenbahn
13.02.2009 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Sie war nicht sonderlich
bequem, und aus heutiger Sicht auch nicht sehr
schnell. Trotzdem war die erste Fahrt einer
elektrischen Straßenbahn in Deutschland vor 125
Jahren am 18. Februar 1884 etwas Besonderes: Die
wenige Kilometer lange Strecke zwischen der Alten
Brücke in Frankfurt-Sachsenhausen und dem
Buchrainplatz in Oberrad markiert den Beginn des
modernen innerstädtischen Nahverkehrs: "Ohne Pferde,
ganz ohne Abgase und auf Schienen", sagt Holger
Scheel vom Fahrgastverband Pro Bahn. Zwei Monate
später wurde die Strecke bis Offenbach verlängert.
Die damalige Streckenführung ist ein Kuriosum, das heute so wohl nicht mehr gebaut würde. Wenn es im Rhein-Main-Gebiet zwei Städte gibt, die seit einer Ewigkeit eine innige Rivalität pflegen, dann Frankfurt und Offenbach. "Damals hat es offenbar noch funktioniert", sagt der Frankfurter Scheel mit einem Lächeln. Die Initiative für die erste elektrische Straßenbahn Deutschlands kam aus Offenbach: Ein Konsortium von Kommerzienräten und Bankhäusern entwickelte zusammen mit Siemens das Konzept einer Trambahn und erhielt im Mai 1883 von den Behörden eine Konzession.
"Das war aber nicht der erste Plan für eine Straßenbahn zwischen Offenbach und Frankfurt", sagt Volker Hartmann vom Bürgerverein Oberrad. Schon 1878 wollten die Offenbacher eine Dampfstraßenbahn bauen, bekamen dafür allerdings keine Genehmigung vom Frankfurter Magistrat. In der Offenbacher Zeitung wurde damals laut darüber spekuliert, dass die Frankfurter Villenbesitzer entlang der geplanten Trasse an der Neuen Mainzer Straße die Ablehnung des Magistrats befördert hatten - um in ihren Häusern nicht vom Lärm und Kohlerauch einer Dampfstraßenbahn gestört zu werden.
Für die elektrische Straßenbahn mussten die Ingenieure damals etliche technische Hindernisse überwinden, berichtet Hartmann, der zusammen mit Scheel die Feierstunde zum Jubiläum der elektrischen Tram am 18. Februar organisiert. So mussten sie zum Beispiel eine funktionierende Oberleitung entwickeln. "Das verwendete System der Schlitzröhren muss man sich in etwa so vorstellen wie diese Leisten, in die man Gardinen einhängt", erläutert Scheel. In den Schlitzröhren zog die Straßenbahn kleine Schlitten-Stromabnehmer hinter sich her.
Obwohl das System vor allem im ersten Betriebsjahr fehleranfällig war, waren die Menschen in beiden Städten begeistert von "ihrer" elektrischen Straßenbahn. Die beförderte täglich so viele Menschen, dass sich die Baukosten innerhalb kürzester Zeit amortisiert hatten, erzählt Scheel: "Gebaut wurde sie für die vielen Arbeiter, die jeden Tag zwischen beiden Städten unterwegs waren." Viele Passagiere fuhren damals aber auch an Sonn- und Feiertagen mir der Bahn - obwohl sie alles andere als bequem war. "Knochenmühle" hieß sie im Volksmund.
"Der Fahrkomfort hielt sich vermutlich in Grenzen", sagt Hartmann. Das lag unter anderem an der vergleichsweise schmalen Spurweite von einem Meter. Schienenfahrzeuge haben heute in der Regel eine Spurweite von genau 1435 Millimetern, also einen knappen halben Meter mehr. "Die Räder waren aus Holz mit einem Reifen aus Metall, die Wagen außerdem nicht gefedert", berichtet Scheel. "Man wurde richtig durchgeschüttelt als Fahrgast", ergänzt Hartmann. Zumal die Kraftübertragung vom Motor zu den Felgen noch über riesengroße Zahnräder ablief. "Das hat eben geruckelt", fügt Hartmann noch hinzu.
Vielen Frankfurtern und Offenbachern ist heute kaum noch bewusst, dass die Straßenbahn als Verkehrsmittel ohne Pferde und ohne Dampf ihren Siegeszug vor ihrer Haustür angetreten hat. Das liegt auch daran, dass von der damaligen Strecke heute nur noch ein Teil in Betrieb ist. Die Offenbacher legten die Strecke zwischen Stadtgrenze und Marktplatz Mitte der 1990er Jahre still. Eine Entscheidung, die viele Offenbacher - und vor allem viele Einzelhändler - inzwischen mehr als bedauern. Seit 1996 fährt die Tramlinie 16 nur noch bis zur Offenbacher Stadtgrenze.
Natürlich gab es 1884 auch Gegner der neuen Technik, berichtet Hartmann: "Zum einen die Kutscher, denen die Bahn das Geschäft kaputt gemacht hat." Auf der anderen Seite die Technik-Skeptiker, die Angst vor der "blitzschnellen" Bahn hatten. Eine Polizeiordnung legte die Höchstgeschwindigkeit auf zwölf Stundenkilometer fest, sechs weniger, als die Bahn leisten konnte. "Manchen Fahrgästen ist auch dann noch schlecht geworden", sagt Scheel. Die dürften heute keine Tram der Linie 16 mehr besteigen - denn die fährt inzwischen bis zu 50 Stundenkilometer schnell.
Die damalige Streckenführung ist ein Kuriosum, das heute so wohl nicht mehr gebaut würde. Wenn es im Rhein-Main-Gebiet zwei Städte gibt, die seit einer Ewigkeit eine innige Rivalität pflegen, dann Frankfurt und Offenbach. "Damals hat es offenbar noch funktioniert", sagt der Frankfurter Scheel mit einem Lächeln. Die Initiative für die erste elektrische Straßenbahn Deutschlands kam aus Offenbach: Ein Konsortium von Kommerzienräten und Bankhäusern entwickelte zusammen mit Siemens das Konzept einer Trambahn und erhielt im Mai 1883 von den Behörden eine Konzession.
"Das war aber nicht der erste Plan für eine Straßenbahn zwischen Offenbach und Frankfurt", sagt Volker Hartmann vom Bürgerverein Oberrad. Schon 1878 wollten die Offenbacher eine Dampfstraßenbahn bauen, bekamen dafür allerdings keine Genehmigung vom Frankfurter Magistrat. In der Offenbacher Zeitung wurde damals laut darüber spekuliert, dass die Frankfurter Villenbesitzer entlang der geplanten Trasse an der Neuen Mainzer Straße die Ablehnung des Magistrats befördert hatten - um in ihren Häusern nicht vom Lärm und Kohlerauch einer Dampfstraßenbahn gestört zu werden.
Für die elektrische Straßenbahn mussten die Ingenieure damals etliche technische Hindernisse überwinden, berichtet Hartmann, der zusammen mit Scheel die Feierstunde zum Jubiläum der elektrischen Tram am 18. Februar organisiert. So mussten sie zum Beispiel eine funktionierende Oberleitung entwickeln. "Das verwendete System der Schlitzröhren muss man sich in etwa so vorstellen wie diese Leisten, in die man Gardinen einhängt", erläutert Scheel. In den Schlitzröhren zog die Straßenbahn kleine Schlitten-Stromabnehmer hinter sich her.
Obwohl das System vor allem im ersten Betriebsjahr fehleranfällig war, waren die Menschen in beiden Städten begeistert von "ihrer" elektrischen Straßenbahn. Die beförderte täglich so viele Menschen, dass sich die Baukosten innerhalb kürzester Zeit amortisiert hatten, erzählt Scheel: "Gebaut wurde sie für die vielen Arbeiter, die jeden Tag zwischen beiden Städten unterwegs waren." Viele Passagiere fuhren damals aber auch an Sonn- und Feiertagen mir der Bahn - obwohl sie alles andere als bequem war. "Knochenmühle" hieß sie im Volksmund.
"Der Fahrkomfort hielt sich vermutlich in Grenzen", sagt Hartmann. Das lag unter anderem an der vergleichsweise schmalen Spurweite von einem Meter. Schienenfahrzeuge haben heute in der Regel eine Spurweite von genau 1435 Millimetern, also einen knappen halben Meter mehr. "Die Räder waren aus Holz mit einem Reifen aus Metall, die Wagen außerdem nicht gefedert", berichtet Scheel. "Man wurde richtig durchgeschüttelt als Fahrgast", ergänzt Hartmann. Zumal die Kraftübertragung vom Motor zu den Felgen noch über riesengroße Zahnräder ablief. "Das hat eben geruckelt", fügt Hartmann noch hinzu.
Vielen Frankfurtern und Offenbachern ist heute kaum noch bewusst, dass die Straßenbahn als Verkehrsmittel ohne Pferde und ohne Dampf ihren Siegeszug vor ihrer Haustür angetreten hat. Das liegt auch daran, dass von der damaligen Strecke heute nur noch ein Teil in Betrieb ist. Die Offenbacher legten die Strecke zwischen Stadtgrenze und Marktplatz Mitte der 1990er Jahre still. Eine Entscheidung, die viele Offenbacher - und vor allem viele Einzelhändler - inzwischen mehr als bedauern. Seit 1996 fährt die Tramlinie 16 nur noch bis zur Offenbacher Stadtgrenze.
Natürlich gab es 1884 auch Gegner der neuen Technik, berichtet Hartmann: "Zum einen die Kutscher, denen die Bahn das Geschäft kaputt gemacht hat." Auf der anderen Seite die Technik-Skeptiker, die Angst vor der "blitzschnellen" Bahn hatten. Eine Polizeiordnung legte die Höchstgeschwindigkeit auf zwölf Stundenkilometer fest, sechs weniger, als die Bahn leisten konnte. "Manchen Fahrgästen ist auch dann noch schlecht geworden", sagt Scheel. Die dürften heute keine Tram der Linie 16 mehr besteigen - denn die fährt inzwischen bis zu 50 Stundenkilometer schnell.
Blaues Auge für Roland Koch
05.02.2009 - 12:00
Wiesbaden (ddp-hes). Damit hatte Roland Koch sicher
nicht gerechnet. Mindestens vier Stimmen aus dem
eigenen Lager fehlten dem CDU-Chef am Donnerstag bei
der Wiederwahl zum hessischen Ministerpräsidenten.
Die Enttäuschung war ihm anzusehen, als
Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) das
Wahlergebnis verkündete. Union und FDP haben Koch mit
ihrer breiten Mehrheit zwar zurück auf den Thron der
Macht im Land gehievt. Diese politische
Wiederauferstehung kann jedoch - spätestens seit
Donnerstag - nicht darüber hinwegtäuschen, dass die
CDU in Hessen in einer tiefen Krise steckt. Nur sie
selbst hat es bislang noch nicht erkannt.
Da ist zum einen das Wahlergebnis der CDU vom 18. Januar. Nach dem desaströsen Absturz am 27. Januar 2008 konnte die Hessen-CDU von den viel gescholtenen "hessischen Verhältnissen" im vergangenen Jahr in keiner Weise profitieren. Prozentual legte die Union nur einen Hauch zu, absolut verlor sie sogar an Wählerstimmen. Dieser Dämpfer wurde seither nicht aufgearbeitet, stattdessen wurde CDU-Generalsekretär Michael Boddenberg als oberster Wahlkämpfer für dieses Ergebnis noch belohnt, indem er zum Minister für Bundesangelegenheiten wurde.
Zum anderen ist da der Umgang mit Jürgen Banzer. Der ehemalige Justiz- und Kultusminister der CDU war tagelang ohne Posten, weil seine beiden Ministerien an die Liberalen fielen. Da Banzer nach dem Abgang der umstrittenen CDU-Kultusministerin Karin Wolff die Wogen bei Lehrern, Eltern und Schülern geglättet hatte, war allein das Wackeln seines Stuhles ein Affront - gegen ihn und die Taunus-CDU. Banzer selbst reagierte kurzzeitig entsprechend verschnupft, machte jedoch wieder gute Miene, als ihn Koch bei seiner Ressortrochade zum Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit machte. Doch Kritiker sehen darin eine klare Degradierung des einstigen Superministers.
Ein weiterer Grund für die vier fehlenden Stimmen könnten die in rekordverdächtigem Tempo geführten Koalitionsverhandlungen ein. Koch und sein Duzfreund, der FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn, legten nach der Wahl einen regelrechten Verhandlungssprint an den Tag. Koch wollte keine Zeit verlieren. Der CDU-Landeschef wollte offenbar das ungeliebte Attribut "geschäftsführender" vor seinem Titel Ministerpräsident so schnell wie möglich loswerden. Dabei haben Koch und Hahn eventuell den ein oder anderen Abgeordneten aus ihren Reihen vergrätzt.
Hinzu kommt, dass der Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP kaum neue Akzente setzt. Er ist das niedergeschriebene "Weiter so" der Politik der vergangenen Jahre. Genau dafür war die Alleinregierung der CDU vor einem Jahr abgewählt worden. Und eigentlich hatte man nach der Wahl vom Januar 2008 das Gefühl, diese Botschaft sei bei der Union angekommen. Koch und seine CDU gaben sich geläutert, etwa bei den Themen Studiengebühren oder erneuerbare Energien. Doch bis auf das Versprechen im Wahlkampf, die von Rot-Rot-Grün abgeschafften Gebühren bei einem Wahlsieg nicht wieder einzuführen, sowie der Bildung einer "Nachhaltigkeitskommission" änderte sich nichts.
Der 50-jährige Koch gilt als politisches Stehaufmännchen. Noch am Morgen des 3. November, kurz bevor vier SPD-Abgeordnete die von der damaligen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti geplante Bildung einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung platzen ließen, galt Kochs (landes-)politische Zukunft als besiegelt. Dass ihm damit ein Comeback geschenkt wurde, nahm er dankend an - und versuchte den Gegnern im Wahlkampf, anders als zuvor, so wenig Reibungsfläche wie möglich zu bieten. Dieses Konzept ging nicht auf, das Wahlergebnis sprach eine deutliche Sprache. Irgendwas fehlte den Wählern bei der CDU. Danach müssen Koch und seine Partei nun suchen.
Da ist zum einen das Wahlergebnis der CDU vom 18. Januar. Nach dem desaströsen Absturz am 27. Januar 2008 konnte die Hessen-CDU von den viel gescholtenen "hessischen Verhältnissen" im vergangenen Jahr in keiner Weise profitieren. Prozentual legte die Union nur einen Hauch zu, absolut verlor sie sogar an Wählerstimmen. Dieser Dämpfer wurde seither nicht aufgearbeitet, stattdessen wurde CDU-Generalsekretär Michael Boddenberg als oberster Wahlkämpfer für dieses Ergebnis noch belohnt, indem er zum Minister für Bundesangelegenheiten wurde.
Zum anderen ist da der Umgang mit Jürgen Banzer. Der ehemalige Justiz- und Kultusminister der CDU war tagelang ohne Posten, weil seine beiden Ministerien an die Liberalen fielen. Da Banzer nach dem Abgang der umstrittenen CDU-Kultusministerin Karin Wolff die Wogen bei Lehrern, Eltern und Schülern geglättet hatte, war allein das Wackeln seines Stuhles ein Affront - gegen ihn und die Taunus-CDU. Banzer selbst reagierte kurzzeitig entsprechend verschnupft, machte jedoch wieder gute Miene, als ihn Koch bei seiner Ressortrochade zum Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit machte. Doch Kritiker sehen darin eine klare Degradierung des einstigen Superministers.
Ein weiterer Grund für die vier fehlenden Stimmen könnten die in rekordverdächtigem Tempo geführten Koalitionsverhandlungen ein. Koch und sein Duzfreund, der FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn, legten nach der Wahl einen regelrechten Verhandlungssprint an den Tag. Koch wollte keine Zeit verlieren. Der CDU-Landeschef wollte offenbar das ungeliebte Attribut "geschäftsführender" vor seinem Titel Ministerpräsident so schnell wie möglich loswerden. Dabei haben Koch und Hahn eventuell den ein oder anderen Abgeordneten aus ihren Reihen vergrätzt.
Hinzu kommt, dass der Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP kaum neue Akzente setzt. Er ist das niedergeschriebene "Weiter so" der Politik der vergangenen Jahre. Genau dafür war die Alleinregierung der CDU vor einem Jahr abgewählt worden. Und eigentlich hatte man nach der Wahl vom Januar 2008 das Gefühl, diese Botschaft sei bei der Union angekommen. Koch und seine CDU gaben sich geläutert, etwa bei den Themen Studiengebühren oder erneuerbare Energien. Doch bis auf das Versprechen im Wahlkampf, die von Rot-Rot-Grün abgeschafften Gebühren bei einem Wahlsieg nicht wieder einzuführen, sowie der Bildung einer "Nachhaltigkeitskommission" änderte sich nichts.
Der 50-jährige Koch gilt als politisches Stehaufmännchen. Noch am Morgen des 3. November, kurz bevor vier SPD-Abgeordnete die von der damaligen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti geplante Bildung einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung platzen ließen, galt Kochs (landes-)politische Zukunft als besiegelt. Dass ihm damit ein Comeback geschenkt wurde, nahm er dankend an - und versuchte den Gegnern im Wahlkampf, anders als zuvor, so wenig Reibungsfläche wie möglich zu bieten. Dieses Konzept ging nicht auf, das Wahlergebnis sprach eine deutliche Sprache. Irgendwas fehlte den Wählern bei der CDU. Danach müssen Koch und seine Partei nun suchen.
Ein bisschen Wärme für die Ärmsten
06.01.2009 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Dieses Jahr ist es wieder
besonders schlimm. "Der Winter verdient seinen
Namen", sagt Volker. Während die meisten Menschen
gerade mal über kalte Füße, zugefrorene Autoscheiben
oder glatte Straßen klagen können, machen die zum
Teil zweistelligen Minusgrade dem 49-Jährigen ganz
anders zu schaffen. Bei ihm geht es ums nackte
Überleben. Denn Volker ist seit 1986 "mit kurzen
Unterbrechungen" obdachlos, erzählt er. Angebote wie
die Winterspeisung in der Katharinenkirche an der
Frankfurter Hauptwache nimmt er deshalb gerne an:
"Sonst taut man an diesen frostigen Tagen ja gar
nicht mehr auf."
Es ist Dienstagmittag, kurz nach zwölf Uhr. Im Eingangsbereich der Kirche stehen sieben lange Tischreihen, alle hübsch gedeckt mit grünen Tischdecken, Tulpensträußen und gelben Servietten. 140 Plätze für hungrige Frankfurter, die keine Wohnung oder kein Geld für eine ordentliche warme Mahlzeit haben. Der Andrang ist groß, kein Platz bleibt lange leer. Junge Mütter mit ihren Kindern sitzen ebenso hier wie ältere Herren mit Mantel und Hut. "Wir haben nicht den typischen Gast", sagt Bernhard Klinzing von der Katharinengemeinde, die schon seit mehr als 20 Jahren den Januar über kostenlos Essen ausgibt.
Heute gibt es Lasagne, die gut gefüllten Teller sind in Windeseile leer. "So, jetzt bin ich aber satt", sagt Volker, steht auf und bringt sein Geschirr zur Sammelstelle. Seine Tasse behält er noch eine Weile. Denn Tee gibt es in der Katharinenkirche ebenfalls kostenlos und soviel man will. Bis zu 300 Essen werden von den 30 ehrenamtlichen Helfern jeden Tag verteilt, erzählt Klinzing. 35 000 Euro kostet die Winterspeisung jährlich, finanziert wird sie allein durch Spenden. Vier Wochen lang findet sie in der Katharinenkirche statt, im Februar wird sie von der Hoffnungsgemeinde am Hauptbahnhof für weitere vier Wochen übernommen.
Neben einer kostenlosen warmen Mahlzeit will die Gemeinde den Hilfsbedürftigen zumindest für ein paar Stunden am Tag eine wärmende Zuflucht bieten. Entstanden ist die Idee der Winterspeisung, nachdem im Winter "vor etwa 21 Jahren" mehrere Obdachlose in Frankfurt wegen der klirrenden Kälte erfroren, erinnert sich Klinzing. Ab 11.30 Uhr hat die Katharinenkirche im Januar täglich geöffnet, zuerst gibt es Mittagessen, "danach machen viele ein Nickerchen", sagt Klinzing. Geschlafen wird auf den Kirchenbänken. Am frühen Nachmittag werden ein paar belegte Brote und Obst ausgeteilt, um 16.00 Uhr gibt es für jeden noch ein Vesperpaket, bevor die Kirche ihre Pforten schließt.
Maria Varvelli packt seit zwei Jahren als Helferin mit an. "Ich habe Zeit und kann sie hier sinnvoll nutzen", sagt sie. Sie würde sich schließlich auch freuen, wenn man sich Zeit für sie nähme, wenn sie Hilfe bräuchte. "Wenn ich mitgeholfen habe, gehe ich mit einem Glücksgefühl nach Hause", erzählt sie. Das habe sie früher nach elf Stunden Büroarbeit nicht gehabt. Die Menschen hier seien so dankbar, die beim ersten Besuch oft vorhandene anfängliche Scheu und Schüchternheit lege sich meist schnell. "Es muss niemandem peinlich sein, wenn er zu uns zum Essen kommt", betont Varvelli.
Volker sieht das genauso. "Klar, egal wo ich hingehe, werde ich schief angeschaut und wie ein Kleinkrimineller behandelt", sagt er. Entspannt durch ein Kaufhaus bummeln sei unmöglich, sofort werde er von den Sicherheitskräften nach draußen gebracht. "Aber nur weil ich keine Wohnung habe, bin ich doch kein schlechterer Mensch", sagt er. Seit vielen Jahren zieht der gebürtige Frankfurter immer mal wieder von einer Stadt in die nächste, immer wieder versucht er sein Glück auf den jeweiligen Wohnungsämtern. Doch die Wartelisten für einen Wohnheimplatz seien lang, sagt er. Es klingt ziemlich resigniert.
Im Moment schläft der 49-Jährige in der sogenannten B-Ebene der Hauptwache, der unterirdischen Einkaufspassage. Seit mehreren Jahren stellt die Verkehrsgesellschaft Frankfurt die B-Ebene in den kalten Monaten den Wohnungslosen als Schlafplatz zur Verfügung. "Das ist toll", sagt Volker. "Man friert nicht und wird sogar noch von den U-Bahn-Sheriffs bewacht, dass einem nichts passiert."
Es ist Dienstagmittag, kurz nach zwölf Uhr. Im Eingangsbereich der Kirche stehen sieben lange Tischreihen, alle hübsch gedeckt mit grünen Tischdecken, Tulpensträußen und gelben Servietten. 140 Plätze für hungrige Frankfurter, die keine Wohnung oder kein Geld für eine ordentliche warme Mahlzeit haben. Der Andrang ist groß, kein Platz bleibt lange leer. Junge Mütter mit ihren Kindern sitzen ebenso hier wie ältere Herren mit Mantel und Hut. "Wir haben nicht den typischen Gast", sagt Bernhard Klinzing von der Katharinengemeinde, die schon seit mehr als 20 Jahren den Januar über kostenlos Essen ausgibt.
Heute gibt es Lasagne, die gut gefüllten Teller sind in Windeseile leer. "So, jetzt bin ich aber satt", sagt Volker, steht auf und bringt sein Geschirr zur Sammelstelle. Seine Tasse behält er noch eine Weile. Denn Tee gibt es in der Katharinenkirche ebenfalls kostenlos und soviel man will. Bis zu 300 Essen werden von den 30 ehrenamtlichen Helfern jeden Tag verteilt, erzählt Klinzing. 35 000 Euro kostet die Winterspeisung jährlich, finanziert wird sie allein durch Spenden. Vier Wochen lang findet sie in der Katharinenkirche statt, im Februar wird sie von der Hoffnungsgemeinde am Hauptbahnhof für weitere vier Wochen übernommen.
Neben einer kostenlosen warmen Mahlzeit will die Gemeinde den Hilfsbedürftigen zumindest für ein paar Stunden am Tag eine wärmende Zuflucht bieten. Entstanden ist die Idee der Winterspeisung, nachdem im Winter "vor etwa 21 Jahren" mehrere Obdachlose in Frankfurt wegen der klirrenden Kälte erfroren, erinnert sich Klinzing. Ab 11.30 Uhr hat die Katharinenkirche im Januar täglich geöffnet, zuerst gibt es Mittagessen, "danach machen viele ein Nickerchen", sagt Klinzing. Geschlafen wird auf den Kirchenbänken. Am frühen Nachmittag werden ein paar belegte Brote und Obst ausgeteilt, um 16.00 Uhr gibt es für jeden noch ein Vesperpaket, bevor die Kirche ihre Pforten schließt.
Maria Varvelli packt seit zwei Jahren als Helferin mit an. "Ich habe Zeit und kann sie hier sinnvoll nutzen", sagt sie. Sie würde sich schließlich auch freuen, wenn man sich Zeit für sie nähme, wenn sie Hilfe bräuchte. "Wenn ich mitgeholfen habe, gehe ich mit einem Glücksgefühl nach Hause", erzählt sie. Das habe sie früher nach elf Stunden Büroarbeit nicht gehabt. Die Menschen hier seien so dankbar, die beim ersten Besuch oft vorhandene anfängliche Scheu und Schüchternheit lege sich meist schnell. "Es muss niemandem peinlich sein, wenn er zu uns zum Essen kommt", betont Varvelli.
Volker sieht das genauso. "Klar, egal wo ich hingehe, werde ich schief angeschaut und wie ein Kleinkrimineller behandelt", sagt er. Entspannt durch ein Kaufhaus bummeln sei unmöglich, sofort werde er von den Sicherheitskräften nach draußen gebracht. "Aber nur weil ich keine Wohnung habe, bin ich doch kein schlechterer Mensch", sagt er. Seit vielen Jahren zieht der gebürtige Frankfurter immer mal wieder von einer Stadt in die nächste, immer wieder versucht er sein Glück auf den jeweiligen Wohnungsämtern. Doch die Wartelisten für einen Wohnheimplatz seien lang, sagt er. Es klingt ziemlich resigniert.
Im Moment schläft der 49-Jährige in der sogenannten B-Ebene der Hauptwache, der unterirdischen Einkaufspassage. Seit mehreren Jahren stellt die Verkehrsgesellschaft Frankfurt die B-Ebene in den kalten Monaten den Wohnungslosen als Schlafplatz zur Verfügung. "Das ist toll", sagt Volker. "Man friert nicht und wird sogar noch von den U-Bahn-Sheriffs bewacht, dass einem nichts passiert."
Schäfer-Gümbel: "Schwarz-Gelb zu verhindern"
26.12.2008 - 12:00
xhe008 pl 3 DDP 0180 über ddp vom 26.12.08 10:58:31
Frankfurt/Main (ddp-hes). Der hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel könnte es in diesen Tagen kaum schwerer haben: Die SPD liegt in Umfragen bei gerade einmal 23 Prozent, und vor wenigen Wochen war er selbst noch ein eher unbekannter Landtagsabgeordneter aus Gießen. Deshalb bereist er seither das Land, um ein bisschen bekannter zu werden. Mit Schäfer-Gümbel sprach ddp-Korrespondent Daniel Staffen-Quandt über dessen Ziele und Ministerpräsident Roland Koch (CDU).
ddp: Herr Schäfer-Gümbel, mehrere Wochen Wahlkampf liegen bereits hinter und noch knapp drei Wochen vor ihnen. Wie geht es ihnen?
Thorsten Schäfer-Gümbel: Gut. Natürlich ist so ein Wahlkampf Stress, aber ich bin im Kopf klar sortiert. Jeder Tag, den ich mehr hätte, wäre ein guter Tag. Aber man kann sich die Welt eben nicht so basteln wie man sie gerne hätte.
ddp: Sie haben die heftige Kritik an ihrer Befürwortung von Zwangsanleihen also gut verkraftet?
Schäfer-Gümbel: Ich will mal den Blick darauf werfen, worum es eigentlich geht. Der Vorschlag ist ja nicht von mir alleine gemacht worden, sondern zunächst von der IG Metall beim Konjunkturgipfel im Bundeskanzleramt. Wir brauchen Geld, um die Konjunkturkrise abzufedern - und die Frage ist: woher nehmen? Die 20 Milliarden Euro von denen derzeit die Rede ist, fallen nicht wie Manna vom Himmel. Entweder zahlen das unsere Kinder über Schulden, oder angesichts unseres jetzigen Steuersystems die Mittelschicht und die Arbeitnehmer. Ich bin dafür, auch die zur Lösung des Problems heranzuziehen, die etwas stärkere Schultern haben. Es geht um die Frage der Gerechtigkeit auch in der Krise. Da sind alle gefordert. Wir sollten endlich über die harten Fakten reden: Wer leistet welchen Beitrag für die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft?
ddp: Wäre es da nicht viel leichter, die Vermögensteuer wieder einzuführen?
Schäfer-Gümbel: Das wäre ein Teil-Instrument. Aber das Volumen der Vermögenssteuer beträgt etwa ein bis zwei Milliarden Euro - wir reden aber gerade von 20 Milliarden Euro Investitionen.
ddp: Die jüngsten Umfragen waren für die hessische SPD ein Desaster. Wie machen sie ihrer Partei klar, dass das kein Himmelfahrtskommando wird?
Schäfer-Gümbel: Indem wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Es geht darum, dass wir für konkrete Probleme konkrete Lösungen anbieten. Das gilt für die Frage Bildungsgerechtigkeit, die in Hessen nach wie vor nicht gegeben ist. Das gilt für Themen wie die soziale Gerechtigkeit, die Energiewende und auch für die Frage, wie wir mit der Konjunkturkrise umgehen. Wenn wir uns auf die Inhalte konzentrieren, haben wir eine realistische Chance.
ddp: Und wo liegt die, prozentual gesehen?
Schäfer-Gümbel: Es geht jetzt erst einmal darum, Schwarz-Gelb zu verhindern, denn sonst könnte Koch so weiter machen wie bisher.
ddp: Die Bürger haben den Eindruck, der Lagerwahlkampf vom Januar 2008 wiederholt sich. Ihr Plakat "Wirklich wieder Koch" klingt nicht nach der versprochenen allseitigen Bündnisoffenheit.
Schäfer-Gümbel: Es geht nicht um Lagerwahlkampf. Wir wollen die Leute mit dieser Frage zum Nachdenken anregen. Diejenigen, die das Plakat mit Ja beantworten, die brauchen sich mit uns nicht mehr zu beschäftigen. Und diejenigen, die die Frage mit Nein beantworten, die müssen sich über die Konsequenzen klar werden. Der SPD geht es um die schlechte Bilanz von zehn Jahren Roland Koch und Hessen-CDU. Und da hat sich seit dem letzten Wahltag nichts geändert! Die Bilanz ist und bleibt schlecht.
ddp: Sie haben gesagt, Ihr Wunschpartner wären die Grünen. Aber für Rot-Grün wird es wohl nicht reichen. Was wäre die Alternative?
Schäfer-Gümbel: Das oberste Ziel der hessischen SPD ist eine absolute Mehrheit im Landtag.
ddp: Die scheint aber sehr weit weg...
Schäfer-Gümbel: Da widerspreche ich jetzt nicht. Wir haben deshalb auch gesagt, dass wir keine Regierungskonstellation ausschließen. Wenn wir die Chance bekommen mitzuregieren, dann mit dem Partner, bei dem wir unsere Inhalte am besten durchsetzen können. Die zweite Bedingung ist: Es muss eine stabile Konstruktion sein.
ddp: Also kein Tolerierungsmodell mehr?
Schäfer-Gümbel: Es gibt sicherlich stabilere Möglichkeiten.
ddp: Parteichefin Andrea Ypsilanti ist für viele Hessen für das Debakel im November die Hauptschuldige. Wie viel Ypsilanti steckt denn noch in der Hessen-SPD und in ihrem Wahlkampf?
Schäfer-Gümbel: Die Personalisierung der letzten Wochen ist eine unzulässige Verkürzung dessen, was passiert ist. Die ganze Partei hat nach breit angelegten Diskussionsprozessen entschieden, welchen Weg wir gehen wollen. Das war nicht Andrea Ypsilanti allein.
ddp: Was machen Sie, wenn Sie ihr Ziel, Ministerpräsident zu werden, nicht erreichen?
Schäfer-Gümbel: Ich werde weiter konsequent dafür sorgen, dass die soziale Demokratie stärker wird, um - im Interesse unserer Inhalte - in Zukunft für Mehrheiten zu sorgen.
ddp: Als Fraktionschef im hessischen Landtag?
Schäfer-Gümbel: Diese Frage klären wir in der Fraktion, wenn sie ansteht. Noch gibt es keine Fraktion. Mein Ziel lautet jetzt: Ein gutes Ergebnis für die SPD erreichen, die Regierung für Hessen stellen und Ministerpräsident werden.
ddp: Aber sie wollen sich doch nicht einfach in die dritte Reihe zurücksetzen lassen.
Schäfer-Gümbel: Das wird auch nicht passieren.
ddp: Sollte die SPD bei den derzeit prognostizierten 23 Prozent landen, können sie sich doch kaum an der Parteispitze halten, oder?
Schäfer-Gümbel: Ich bin ja nicht an der Parteispitze. Aber lassen sie uns auf das Wesentliche schauen: Als ich vor 43 Tagen Spitzenkandidat der hessischen SPD wurde, standen wir als Partei unmittelbar vor dem Abgrund. Alle haben gesagt: Schäfer-Gümbel, du hast einen Höllenritt vor dir, das kriegst du niemals hin. Jetzt warten wir doch erst mal den 18. Januar ab. Dass wir als SPD in einer ungemütlichen Situation sind, wissen wir selbst. Darüber haben wir in den letzten Wochen so oft gesprochen wie keine andere politische Kraft. Und das, obwohl wir nicht die alleinige Verantwortung für die Situation tragen.
ddp: Aber Rot-Grün-Rot ist doch allein an der SPD gescheitert...
Schäfer-Gümbel: Wenn man es so sehen will, stimmt das. Aber das war nur das Ende eines fast einjährigen Prozesses. Am Anfang stand, dass sich die FDP Gesprächen mit der SPD verweigert hat und damit ihrer staatspolitischen Verantwortung nicht gerecht geworden ist.
ddp: FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn hat aber viel Nettes über sie zu sagen. Zum Beispiel, dass man mit ihnen reden könne - im Gegensatz zu Andrea Ypsilanti.
Schäfer-Gümbel: Ich sage auch nichts Schlimmes zu Herrn Hahn und ich habe gute Kontakte in die FDP hinein. Trotzdem: Der Versuch, Andrea Ypsilanti und mich auseinanderzudividieren, wird nicht gelingen. Sollte es zu Gesprächen über eine Ampel kommen, werden SPD, Grüne und FDP hart und konsequent verhandeln. Es geht nämlich um die Zukunft unseres Landes und nicht nur um den Austausch von Nettigkeiten.
ddp: Wird der Wahlkampf in den letzten Wochen noch schmutzig, so wie in den vergangenen Jahren?
Schäfer-Gümbel: Ich will es mal so sagen: Ich traue Herrn Koch und der Führung der Staatskanzlei so ziemlich alles zu. Von daher schließe ich nicht aus, dass er - wenn er merkt, dass es doch nicht so gut läuft für ihn - aus seinem Versteck herauskommt und doch noch etwas macht. Das haben wir bisher ja in jedem Koch-Wahlkampf erlebt. Unsere Frage "Wirklich wieder Koch?" haben wir doch nicht ohne Grund plakatiert?
Frankfurt/Main (ddp-hes). Der hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel könnte es in diesen Tagen kaum schwerer haben: Die SPD liegt in Umfragen bei gerade einmal 23 Prozent, und vor wenigen Wochen war er selbst noch ein eher unbekannter Landtagsabgeordneter aus Gießen. Deshalb bereist er seither das Land, um ein bisschen bekannter zu werden. Mit Schäfer-Gümbel sprach ddp-Korrespondent Daniel Staffen-Quandt über dessen Ziele und Ministerpräsident Roland Koch (CDU).
ddp: Herr Schäfer-Gümbel, mehrere Wochen Wahlkampf liegen bereits hinter und noch knapp drei Wochen vor ihnen. Wie geht es ihnen?
Thorsten Schäfer-Gümbel: Gut. Natürlich ist so ein Wahlkampf Stress, aber ich bin im Kopf klar sortiert. Jeder Tag, den ich mehr hätte, wäre ein guter Tag. Aber man kann sich die Welt eben nicht so basteln wie man sie gerne hätte.
ddp: Sie haben die heftige Kritik an ihrer Befürwortung von Zwangsanleihen also gut verkraftet?
Schäfer-Gümbel: Ich will mal den Blick darauf werfen, worum es eigentlich geht. Der Vorschlag ist ja nicht von mir alleine gemacht worden, sondern zunächst von der IG Metall beim Konjunkturgipfel im Bundeskanzleramt. Wir brauchen Geld, um die Konjunkturkrise abzufedern - und die Frage ist: woher nehmen? Die 20 Milliarden Euro von denen derzeit die Rede ist, fallen nicht wie Manna vom Himmel. Entweder zahlen das unsere Kinder über Schulden, oder angesichts unseres jetzigen Steuersystems die Mittelschicht und die Arbeitnehmer. Ich bin dafür, auch die zur Lösung des Problems heranzuziehen, die etwas stärkere Schultern haben. Es geht um die Frage der Gerechtigkeit auch in der Krise. Da sind alle gefordert. Wir sollten endlich über die harten Fakten reden: Wer leistet welchen Beitrag für die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft?
ddp: Wäre es da nicht viel leichter, die Vermögensteuer wieder einzuführen?
Schäfer-Gümbel: Das wäre ein Teil-Instrument. Aber das Volumen der Vermögenssteuer beträgt etwa ein bis zwei Milliarden Euro - wir reden aber gerade von 20 Milliarden Euro Investitionen.
ddp: Die jüngsten Umfragen waren für die hessische SPD ein Desaster. Wie machen sie ihrer Partei klar, dass das kein Himmelfahrtskommando wird?
Schäfer-Gümbel: Indem wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Es geht darum, dass wir für konkrete Probleme konkrete Lösungen anbieten. Das gilt für die Frage Bildungsgerechtigkeit, die in Hessen nach wie vor nicht gegeben ist. Das gilt für Themen wie die soziale Gerechtigkeit, die Energiewende und auch für die Frage, wie wir mit der Konjunkturkrise umgehen. Wenn wir uns auf die Inhalte konzentrieren, haben wir eine realistische Chance.
ddp: Und wo liegt die, prozentual gesehen?
Schäfer-Gümbel: Es geht jetzt erst einmal darum, Schwarz-Gelb zu verhindern, denn sonst könnte Koch so weiter machen wie bisher.
ddp: Die Bürger haben den Eindruck, der Lagerwahlkampf vom Januar 2008 wiederholt sich. Ihr Plakat "Wirklich wieder Koch" klingt nicht nach der versprochenen allseitigen Bündnisoffenheit.
Schäfer-Gümbel: Es geht nicht um Lagerwahlkampf. Wir wollen die Leute mit dieser Frage zum Nachdenken anregen. Diejenigen, die das Plakat mit Ja beantworten, die brauchen sich mit uns nicht mehr zu beschäftigen. Und diejenigen, die die Frage mit Nein beantworten, die müssen sich über die Konsequenzen klar werden. Der SPD geht es um die schlechte Bilanz von zehn Jahren Roland Koch und Hessen-CDU. Und da hat sich seit dem letzten Wahltag nichts geändert! Die Bilanz ist und bleibt schlecht.
ddp: Sie haben gesagt, Ihr Wunschpartner wären die Grünen. Aber für Rot-Grün wird es wohl nicht reichen. Was wäre die Alternative?
Schäfer-Gümbel: Das oberste Ziel der hessischen SPD ist eine absolute Mehrheit im Landtag.
ddp: Die scheint aber sehr weit weg...
Schäfer-Gümbel: Da widerspreche ich jetzt nicht. Wir haben deshalb auch gesagt, dass wir keine Regierungskonstellation ausschließen. Wenn wir die Chance bekommen mitzuregieren, dann mit dem Partner, bei dem wir unsere Inhalte am besten durchsetzen können. Die zweite Bedingung ist: Es muss eine stabile Konstruktion sein.
ddp: Also kein Tolerierungsmodell mehr?
Schäfer-Gümbel: Es gibt sicherlich stabilere Möglichkeiten.
ddp: Parteichefin Andrea Ypsilanti ist für viele Hessen für das Debakel im November die Hauptschuldige. Wie viel Ypsilanti steckt denn noch in der Hessen-SPD und in ihrem Wahlkampf?
Schäfer-Gümbel: Die Personalisierung der letzten Wochen ist eine unzulässige Verkürzung dessen, was passiert ist. Die ganze Partei hat nach breit angelegten Diskussionsprozessen entschieden, welchen Weg wir gehen wollen. Das war nicht Andrea Ypsilanti allein.
ddp: Was machen Sie, wenn Sie ihr Ziel, Ministerpräsident zu werden, nicht erreichen?
Schäfer-Gümbel: Ich werde weiter konsequent dafür sorgen, dass die soziale Demokratie stärker wird, um - im Interesse unserer Inhalte - in Zukunft für Mehrheiten zu sorgen.
ddp: Als Fraktionschef im hessischen Landtag?
Schäfer-Gümbel: Diese Frage klären wir in der Fraktion, wenn sie ansteht. Noch gibt es keine Fraktion. Mein Ziel lautet jetzt: Ein gutes Ergebnis für die SPD erreichen, die Regierung für Hessen stellen und Ministerpräsident werden.
ddp: Aber sie wollen sich doch nicht einfach in die dritte Reihe zurücksetzen lassen.
Schäfer-Gümbel: Das wird auch nicht passieren.
ddp: Sollte die SPD bei den derzeit prognostizierten 23 Prozent landen, können sie sich doch kaum an der Parteispitze halten, oder?
Schäfer-Gümbel: Ich bin ja nicht an der Parteispitze. Aber lassen sie uns auf das Wesentliche schauen: Als ich vor 43 Tagen Spitzenkandidat der hessischen SPD wurde, standen wir als Partei unmittelbar vor dem Abgrund. Alle haben gesagt: Schäfer-Gümbel, du hast einen Höllenritt vor dir, das kriegst du niemals hin. Jetzt warten wir doch erst mal den 18. Januar ab. Dass wir als SPD in einer ungemütlichen Situation sind, wissen wir selbst. Darüber haben wir in den letzten Wochen so oft gesprochen wie keine andere politische Kraft. Und das, obwohl wir nicht die alleinige Verantwortung für die Situation tragen.
ddp: Aber Rot-Grün-Rot ist doch allein an der SPD gescheitert...
Schäfer-Gümbel: Wenn man es so sehen will, stimmt das. Aber das war nur das Ende eines fast einjährigen Prozesses. Am Anfang stand, dass sich die FDP Gesprächen mit der SPD verweigert hat und damit ihrer staatspolitischen Verantwortung nicht gerecht geworden ist.
ddp: FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn hat aber viel Nettes über sie zu sagen. Zum Beispiel, dass man mit ihnen reden könne - im Gegensatz zu Andrea Ypsilanti.
Schäfer-Gümbel: Ich sage auch nichts Schlimmes zu Herrn Hahn und ich habe gute Kontakte in die FDP hinein. Trotzdem: Der Versuch, Andrea Ypsilanti und mich auseinanderzudividieren, wird nicht gelingen. Sollte es zu Gesprächen über eine Ampel kommen, werden SPD, Grüne und FDP hart und konsequent verhandeln. Es geht nämlich um die Zukunft unseres Landes und nicht nur um den Austausch von Nettigkeiten.
ddp: Wird der Wahlkampf in den letzten Wochen noch schmutzig, so wie in den vergangenen Jahren?
Schäfer-Gümbel: Ich will es mal so sagen: Ich traue Herrn Koch und der Führung der Staatskanzlei so ziemlich alles zu. Von daher schließe ich nicht aus, dass er - wenn er merkt, dass es doch nicht so gut läuft für ihn - aus seinem Versteck herauskommt und doch noch etwas macht. Das haben wir bisher ja in jedem Koch-Wahlkampf erlebt. Unsere Frage "Wirklich wieder Koch?" haben wir doch nicht ohne Grund plakatiert?
Freudentränen bei Obamas Anhängern
05.11.2008 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Marie Davenport-Schneider
bricht in Tränen aus. Es ist kurz nach 5.00 Uhr am
Mittwochmorgen, als der US-Nachrichtensender CNN
verkündet, dass der Demokrat Barack Obama die
Präsidentschaftswahlen in den USA gewonnen hat. Es
ist nicht der enorme Vorsprung Obamas vor dem
Republikaner John McCain, der die Afro-Amerikanerin
so bewegt. Es sei der historische Moment, sagt sie:
"Ein Schwarzer zieht ins Weiße Haus!" Die ganze Nacht
über sprang sie bei der "All Night Election Party"
des US-Generalkonsulats Frankfurt für jede
Obama-freundliche Prognose von ihrem Platz auf und
schwenkte ein Obama-Plakat.
Auch Dennis Phillips hat nie an einem "deutlichen Sieg Obamas" gezweifelt. Monatelang hatte der 65-Jährige im Rhein-Main-Gebiet zig Buttons und T-Shirts verkauft und den Erlös schließlich für Obamas Kampagne gespendet. Als sich kurz nach 2.00 Uhr abzeichnet, dass der Kandidat der Demokraten einen Bundesstaat nach dem anderen gewinnt, ist Phillips erleichtert: "Die Leute sind nicht so dumm, wie die Republikaner gedacht haben." Ein Sieg für McCain wären "vier Jahre Weiter-so gewesen - das wollten die Bürger nicht". Dass mit Obama erstmals ein Farbiger Präsident werde, erfülle ihn mit Stolz.
Stolze Demokraten gibt es am Mittwochmorgen im Frankfurter Westin Grand bei einer der größten US-Wahlpartys in Deutschland Hunderte. Nach Republikanern musste man jedoch schon vor dem Bekanntwerden der ersten Ergebnisse vor Mitternacht suchen. Die Buttons mit dem Obama-Schriftzug dominieren deutlich, nur selten blitzt ein McCain-Anstecker in der Masse auf. Eine Handvoll Republikaner trägt ihre Zustimmung besonders zur Schau: Mit handtellergroßen "Hockey Mom"-Buttons, auf der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zu sehen ist. Die Republikaner, die bis zum Schluss bleiben, nehmen die Buttons spätestens gegen 4.00 Uhr ab - man will nicht auffallen.
Der Republikaner Lars Thompson ist sogar nach Hause gegangen, noch bevor CNN das Ergebnis verkündete. Wenige Stunden zuvor war er sich noch "sehr sicher", dass McCain die Wahl trotz negativer Umfragen für sich entscheiden wird. "Die Medien", sagt Thompson gegen Mitternacht, hätten Obama "viel zu gut" und McCain zu schlecht dastehen lassen. Wenige Stunden später zeigt sich, dass es vielmehr andersherum war: In keiner der unzähligen Umfragen hatte Obama so klar vor McCain gelegen wie schließlich in der Wahlnacht selbst.
Elisabeth und Carsten van de Sande kann das Ergebnis Obamas unterdessen gar nicht gut genug sein. "Seit etwa drei Wochen" sei er sich sicher gewesen, dass der Demokrat "das Ding heimholt", sagt der mit einer US-Amerikanerin verheiratete Deutsche. Er verspricht sich von einem Präsidenten Obama wieder eine Annäherung zwischen den USA und Europa: "Ich glaube in Deutschland ist die Bereitschaft da, sich neu auf die Vereinigten Staaten einzulassen." Vor allem der Ton der USA gegenüber ihren Verbündeten werde sich nun bessern, sagt er.
Das glaubt auch Marie Davenport-Schneider. "Alle meine Träume werden in dieser Nacht wahr", sagt die Afro-Amerikanerin, die schon seit 25 Jahren in Deutschland lebt. "Ich hatte von Anbeginn an das Gefühl, dass Barack Obama gewinnt", sagt sie, "weil er für Frieden und Gerechtigkeit steht". Er habe die Leute mit seinen Botschaften begeistert, allein seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten habe das Bild Amerikas in der Welt "schon enorm verbessert".
Nach der langen Wahlnacht sehen die Anhänger der Demokraten am Mittwochmorgen trotz kostenloser Kaffeebar zerknittert aus - dafür aber glücklich. Von Republikanern fehlt mittlerweile jede Spur. Die Wahlanalyse mit Politologen und Amerika-Kennern wollen sie sich offenbar nicht mehr antun. Denn die ist hart und schonungslos. Der US-Politologe James Davis bringt es auf den Punkt: Obama habe zwar neue Wählerschichten erschlossen, so deutlich gewonnen habe er die Wahl aber vor allem dank Noch-Präsident George W. Bush. Denn dessen rundum ramponiertes Image habe klar auf McCain abgefärbt.
Auch Dennis Phillips hat nie an einem "deutlichen Sieg Obamas" gezweifelt. Monatelang hatte der 65-Jährige im Rhein-Main-Gebiet zig Buttons und T-Shirts verkauft und den Erlös schließlich für Obamas Kampagne gespendet. Als sich kurz nach 2.00 Uhr abzeichnet, dass der Kandidat der Demokraten einen Bundesstaat nach dem anderen gewinnt, ist Phillips erleichtert: "Die Leute sind nicht so dumm, wie die Republikaner gedacht haben." Ein Sieg für McCain wären "vier Jahre Weiter-so gewesen - das wollten die Bürger nicht". Dass mit Obama erstmals ein Farbiger Präsident werde, erfülle ihn mit Stolz.
Stolze Demokraten gibt es am Mittwochmorgen im Frankfurter Westin Grand bei einer der größten US-Wahlpartys in Deutschland Hunderte. Nach Republikanern musste man jedoch schon vor dem Bekanntwerden der ersten Ergebnisse vor Mitternacht suchen. Die Buttons mit dem Obama-Schriftzug dominieren deutlich, nur selten blitzt ein McCain-Anstecker in der Masse auf. Eine Handvoll Republikaner trägt ihre Zustimmung besonders zur Schau: Mit handtellergroßen "Hockey Mom"-Buttons, auf der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zu sehen ist. Die Republikaner, die bis zum Schluss bleiben, nehmen die Buttons spätestens gegen 4.00 Uhr ab - man will nicht auffallen.
Der Republikaner Lars Thompson ist sogar nach Hause gegangen, noch bevor CNN das Ergebnis verkündete. Wenige Stunden zuvor war er sich noch "sehr sicher", dass McCain die Wahl trotz negativer Umfragen für sich entscheiden wird. "Die Medien", sagt Thompson gegen Mitternacht, hätten Obama "viel zu gut" und McCain zu schlecht dastehen lassen. Wenige Stunden später zeigt sich, dass es vielmehr andersherum war: In keiner der unzähligen Umfragen hatte Obama so klar vor McCain gelegen wie schließlich in der Wahlnacht selbst.
Elisabeth und Carsten van de Sande kann das Ergebnis Obamas unterdessen gar nicht gut genug sein. "Seit etwa drei Wochen" sei er sich sicher gewesen, dass der Demokrat "das Ding heimholt", sagt der mit einer US-Amerikanerin verheiratete Deutsche. Er verspricht sich von einem Präsidenten Obama wieder eine Annäherung zwischen den USA und Europa: "Ich glaube in Deutschland ist die Bereitschaft da, sich neu auf die Vereinigten Staaten einzulassen." Vor allem der Ton der USA gegenüber ihren Verbündeten werde sich nun bessern, sagt er.
Das glaubt auch Marie Davenport-Schneider. "Alle meine Träume werden in dieser Nacht wahr", sagt die Afro-Amerikanerin, die schon seit 25 Jahren in Deutschland lebt. "Ich hatte von Anbeginn an das Gefühl, dass Barack Obama gewinnt", sagt sie, "weil er für Frieden und Gerechtigkeit steht". Er habe die Leute mit seinen Botschaften begeistert, allein seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten habe das Bild Amerikas in der Welt "schon enorm verbessert".
Nach der langen Wahlnacht sehen die Anhänger der Demokraten am Mittwochmorgen trotz kostenloser Kaffeebar zerknittert aus - dafür aber glücklich. Von Republikanern fehlt mittlerweile jede Spur. Die Wahlanalyse mit Politologen und Amerika-Kennern wollen sie sich offenbar nicht mehr antun. Denn die ist hart und schonungslos. Der US-Politologe James Davis bringt es auf den Punkt: Obama habe zwar neue Wählerschichten erschlossen, so deutlich gewonnen habe er die Wahl aber vor allem dank Noch-Präsident George W. Bush. Denn dessen rundum ramponiertes Image habe klar auf McCain abgefärbt.
Die Sprengkraft von vier Nein-Stimmen
03.11.2008 - 12:00
Wiesbaden (ddp-hes). Das war sie also, die Bombe des
Jürgen Walter. Noch am Samstag auf dem
SPD-Sonderparteitag in Fulda konnte sich keiner in
der Partei den Auftritt des Parteivizes so richtig
erklären. Mit harschen Worten kritisierte er den
Koalitionsvertrag mit den Grünen, den er selbst
wochenlang mit ausgehandelt hatte - und verweigerte
ihm die Zustimmung. Als dann mehr als 95 Prozent der
Delegierten trotz der Walterschen Brandrede für das
Papier stimmten, fragten sich viele Sozaldemokraten:
War das alles? Seit Montag ist klar: Es war erst der
Anfang.
Mit seiner Ankündigung, SPD-Chefin Andrea Ypsilanti am Dienstag nicht - wie geplant - zur Ministerpräsidentin einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung wählen zu wollen, hat Walter nach Einschätzung von Beobachtern vor allem eines gezeigt: wenig Mut. Der innerparteiliche Konkurrent Ypsilantis, der zu keiner Zeit die Auseinandersetzung mit Gegnern scheute, brauchte offensichtlich die SPD-Abgeordneten Carmen Everts und Silke Tesch, um sich aus der Deckung zu wagen. Sie hätten ihn "bei meiner Entscheidung bestärkt", sagte Walter am Montag.
Dass Walter, Tesch und Everts neben Dagmar Metzger erst einen Tag vor der geplanten und inzwischen abgesagten Wahl Ypsilantis an die Öffentlichkeit gingen, zeigt zweierlei: einerseits, dass in der Fraktion - so sagen es zumindest die vier Abweichler - ein enormer Druck aufgebaut wurde, damit alle 41 SPD-Abgeordnete neben Metzger auf Linie bleiben. Andererseits ist die Aktion als kalkulierter Affront gegen Ypsilanti zu werten, die wochenlang durch Hessen tingelte, um sich ihren Linkskurs von der SPD-Basis absegnen zu lassen.
Klar scheint, dass nicht nur Ypsilanti nach der Wahl mehr als beschädigt ist. Auch das Ansehen der SPD in Hessen und weit darüber hinaus dürfte schweren Schaden genommen haben. Die hessische SPD braucht wohl in den kommenden Jahren nicht damit zu rechnen, von den Wählern noch einmal annähernd genügend Stimmen für eine Regierungsbildung zu bekommen. Die einst so stolze und erfolgreiche Sozialdemokratie in Hessen hat sich seit dem Wahlabend im Januar quasi selbst erlegt, heißt es übereinstimmend von Beobachtern.
Der geschäftsführende CDU-Ministerpräsident Roland Koch setzte am Montagnachmittag ein staatstragendes Gesicht auf, als er vor die Presse trat. Im Stile eines Landesvaters bekundete er den vier Abweichlern "großen persönlichen Respekt" und sprach von einem "historischer Tag". Über die grundsätzliche Entscheidung sei er "nicht traurig", es sei aber auch "kein Tag für Freudentaumel oder Häme". Der CDU-Politiker, der sich in der Landespolitik zunehmend rar gemacht und seinen Abschied vorbereitet hatte, ist wieder da. Am Mittwoch will Kochs Kabinett die Arbeit wieder aufnehmen.
Die Grünen prügelten unterdessen auf die SPD-Spitze ein und warfen ihr Versagen vor. Grünen-Chef Tarek Al-Wazir stellte klar, dass es in dieser Legislaturperiode kein Rot-Grün mehr geben werde: "Ich muss mit niemandem reden, der keine Mehrheit darstellen kann". Eine Option sei weg, andere würden jetzt "wahrscheinlicher", fügte er hinzu. Ob er allein auf Neuwahlen spekuliert oder sich eventuell auch eine Jamaika-Koalition mit CDU und FDP vorstellen kann, ließ Al-Wazir offen. Immerhin: Im Landtag haben die drei Parteien auch seit der Wahl schon mehrmals gemeinsame Sache gemacht - zum Ärger der SPD. Wohin die hessische Politik nun marschiert, bleibt offen.
Eines können sich die hessischen Sozialdemokraten aber allem Ärger über Walter und seine drei Mitstreiterinnen zum Trotz nicht erlauben: einen Parteiausschluss. Nach dem gescheiterten Ausschluss des früheren SPD-Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement, der sich mehrmals öffentlich gegen Ypsilantis Pläne ausgesprochen hatte, würden Ausschlussverfahren gegen die Abweichler die gesamte SPD vermutlich vor eine Zerreißprobe stellen. Walter, Tesch, Everts und Metzger stehen für den Wirtschaftsflügel der SPD - bräche der weg, verlöre die SPD ihren angekratzten Status als Volkspartei wohl endgültig.
Mit seiner Ankündigung, SPD-Chefin Andrea Ypsilanti am Dienstag nicht - wie geplant - zur Ministerpräsidentin einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitsregierung wählen zu wollen, hat Walter nach Einschätzung von Beobachtern vor allem eines gezeigt: wenig Mut. Der innerparteiliche Konkurrent Ypsilantis, der zu keiner Zeit die Auseinandersetzung mit Gegnern scheute, brauchte offensichtlich die SPD-Abgeordneten Carmen Everts und Silke Tesch, um sich aus der Deckung zu wagen. Sie hätten ihn "bei meiner Entscheidung bestärkt", sagte Walter am Montag.
Dass Walter, Tesch und Everts neben Dagmar Metzger erst einen Tag vor der geplanten und inzwischen abgesagten Wahl Ypsilantis an die Öffentlichkeit gingen, zeigt zweierlei: einerseits, dass in der Fraktion - so sagen es zumindest die vier Abweichler - ein enormer Druck aufgebaut wurde, damit alle 41 SPD-Abgeordnete neben Metzger auf Linie bleiben. Andererseits ist die Aktion als kalkulierter Affront gegen Ypsilanti zu werten, die wochenlang durch Hessen tingelte, um sich ihren Linkskurs von der SPD-Basis absegnen zu lassen.
Klar scheint, dass nicht nur Ypsilanti nach der Wahl mehr als beschädigt ist. Auch das Ansehen der SPD in Hessen und weit darüber hinaus dürfte schweren Schaden genommen haben. Die hessische SPD braucht wohl in den kommenden Jahren nicht damit zu rechnen, von den Wählern noch einmal annähernd genügend Stimmen für eine Regierungsbildung zu bekommen. Die einst so stolze und erfolgreiche Sozialdemokratie in Hessen hat sich seit dem Wahlabend im Januar quasi selbst erlegt, heißt es übereinstimmend von Beobachtern.
Der geschäftsführende CDU-Ministerpräsident Roland Koch setzte am Montagnachmittag ein staatstragendes Gesicht auf, als er vor die Presse trat. Im Stile eines Landesvaters bekundete er den vier Abweichlern "großen persönlichen Respekt" und sprach von einem "historischer Tag". Über die grundsätzliche Entscheidung sei er "nicht traurig", es sei aber auch "kein Tag für Freudentaumel oder Häme". Der CDU-Politiker, der sich in der Landespolitik zunehmend rar gemacht und seinen Abschied vorbereitet hatte, ist wieder da. Am Mittwoch will Kochs Kabinett die Arbeit wieder aufnehmen.
Die Grünen prügelten unterdessen auf die SPD-Spitze ein und warfen ihr Versagen vor. Grünen-Chef Tarek Al-Wazir stellte klar, dass es in dieser Legislaturperiode kein Rot-Grün mehr geben werde: "Ich muss mit niemandem reden, der keine Mehrheit darstellen kann". Eine Option sei weg, andere würden jetzt "wahrscheinlicher", fügte er hinzu. Ob er allein auf Neuwahlen spekuliert oder sich eventuell auch eine Jamaika-Koalition mit CDU und FDP vorstellen kann, ließ Al-Wazir offen. Immerhin: Im Landtag haben die drei Parteien auch seit der Wahl schon mehrmals gemeinsame Sache gemacht - zum Ärger der SPD. Wohin die hessische Politik nun marschiert, bleibt offen.
Eines können sich die hessischen Sozialdemokraten aber allem Ärger über Walter und seine drei Mitstreiterinnen zum Trotz nicht erlauben: einen Parteiausschluss. Nach dem gescheiterten Ausschluss des früheren SPD-Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement, der sich mehrmals öffentlich gegen Ypsilantis Pläne ausgesprochen hatte, würden Ausschlussverfahren gegen die Abweichler die gesamte SPD vermutlich vor eine Zerreißprobe stellen. Walter, Tesch, Everts und Metzger stehen für den Wirtschaftsflügel der SPD - bräche der weg, verlöre die SPD ihren angekratzten Status als Volkspartei wohl endgültig.
Autodidaktin schneidert unkonventionell
15.10.2008 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Mit dem Wort Retro kann
Jutta Heeg nichts anfangen. Es trifft schließlich
auch nicht wirklich, was die 45-Jährige in ihrem
Laden im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen macht.
Zwar verarbeitet sie dort Stoffe mit Mustern aus den
50er bis 80er Jahren - dabei handelt es sich jedoch
nicht um einfache Kopien, alles sind Originale aus
längst vergangenen Jahrzehnten. Den in die Jahre
gekommenen Mustern verpasst Heeg moderne Schnitte -
und holt sie so in die Gegenwart. Anschließend
verkauft sie die Einzelstücke in ihrer Boutique
"ichwareindirndl".
An die alten Stoffe für ihre Kreationen kommt die Autodidaktin auf ganz unterschiedliche Weise. Früher hat sie ab und zu auf Flohmärkten gestöbert, in der Regel melden sich wildfremde Menschen bei ihr und wollen ihr Stoffballen zur Verfügung stellen, manchmal findet sie auch etwas im Internet. "Aber eigentlich habe ich keine Zeit, um dort nach Stoffen zu suchen", erläutert die 45-Jährige. Schon jetzt wisse sie in ihrem privaten Stofflager kaum noch wohin mit den ganzen Stoffen: "Es sind so viele, dass ich sie in meinem Leben gar nicht mehr alle verarbeiten kann."
Dabei gilt bei Jutta Heeg nicht einfach die Devise: Hauptsache alt. Sowohl die Qualität des Stoffes, dessen Zustand, als auch die Muster müssten stimmen. Die 50er und 60er Jahre waren schließlich der Beginn des Synthetikzeitalters. Viele Stoffe wurden aus Perlon und anderen - aus heutiger Sicht qualitativ minderwertigen Materialen - angefertigt. "Das würde auch mit noch so schönen Mustern heute niemand anziehen wollen", sagt Heeg. Manches noch so hübsche Muster fand daher allein wegen des "falschen" Gewebes keinen Eingang in Heegs Kollektionen.
Wichtig ist ihr, dass sich ihre Kunden trotz teils jahrzehntealter Stoffe mit Mustern aus ihrer Jugend oder der ihrer Eltern und Großeltern nicht verkleidet vorkommen. Daher verwendet Heeg neumodische und klare Schnitte. "Ich will keine Kleidung aus der Vergangenheit machen", erläutert die gebürtige Unterfränkin, sondern "Mode mit Mustern, die immer noch oder wieder aktuell sind, die sich ihre Schönheit bewahrt haben". Zeitlos sei für ihre Mode allerdings der falsche Ausdruck, man sehe den Mustern "ihre Zeit ja durchaus an", betont Heeg.
Kleine Stoffschnipsel, und seien deren Muster auch noch so schön, verwendet Heeg ebenfalls nicht. "Das macht keinen Sinn", erklärt die Autodidaktin, die bereits im Alter von 15 Jahren angefangen hat, sich selbst Kleider zu schneidern. Die Stoffmenge müsse für eine Kleinserie ausreichen, sagt Heeg. Ein Exemplar in jeder Größe wolle sie von neuen Stücken anfertigen können. Das habe auch etwas mit Kundenfreundlichkeit zu tun: "Sonst ist das Stück, das einer Kundin gefällt, garantiert nur in der falschen Größe da - und die Kundin frustriert", sagt sie.
Es sind aber nicht nur alte Stoffe und neue Schnitte, mit denen sich Heeg in der Modeszene in knapp dreieinhalb Jahren einen Namen gemacht hat. Sie bestickt viele ihrer Kleidungsstücke sowie Kissen, Kulturbeutel und vieles andere mehr mit einer 100 Jahre alten Stickmaschine. Gedichte oder Zitate stehen dann beispielsweise auf einem Rocksaum. Aus ganz Deutschland kommen laut Heeg inzwischen Anfragen, ihre Kleidung verkaufen zu wollen. Doch die 45-Jährige will nichts aus der Hand geben - und mehr als für ihren Laden kann sie selbst nicht nähen.
In Frankfurt und bei Exil-Frankfurtern ist Heeg neben ihren Kleidungsstücken und den Stickereien vor allem für ihre speziellen Frankfurt-Souvenirs bekannt. Dazu gehören zum Beispiel T-Shirts mit dem stilisierten Henninger Turm, dem Römer, einem Apfelweinbecher sowie der herzförmigen Stickerei "Frankfurter Mädel". "Man kann ganz tolle Sachen machen im Souvenir-Bereich", erläutert Heeg. Nichts sei bei Mitbringseln schlimmer als 0815-Massenware. Es sei wie bei all ihren Produkten, sagt Heeg: "Von Hand gearbeitete Dinge sind reizvoll."
An die alten Stoffe für ihre Kreationen kommt die Autodidaktin auf ganz unterschiedliche Weise. Früher hat sie ab und zu auf Flohmärkten gestöbert, in der Regel melden sich wildfremde Menschen bei ihr und wollen ihr Stoffballen zur Verfügung stellen, manchmal findet sie auch etwas im Internet. "Aber eigentlich habe ich keine Zeit, um dort nach Stoffen zu suchen", erläutert die 45-Jährige. Schon jetzt wisse sie in ihrem privaten Stofflager kaum noch wohin mit den ganzen Stoffen: "Es sind so viele, dass ich sie in meinem Leben gar nicht mehr alle verarbeiten kann."
Dabei gilt bei Jutta Heeg nicht einfach die Devise: Hauptsache alt. Sowohl die Qualität des Stoffes, dessen Zustand, als auch die Muster müssten stimmen. Die 50er und 60er Jahre waren schließlich der Beginn des Synthetikzeitalters. Viele Stoffe wurden aus Perlon und anderen - aus heutiger Sicht qualitativ minderwertigen Materialen - angefertigt. "Das würde auch mit noch so schönen Mustern heute niemand anziehen wollen", sagt Heeg. Manches noch so hübsche Muster fand daher allein wegen des "falschen" Gewebes keinen Eingang in Heegs Kollektionen.
Wichtig ist ihr, dass sich ihre Kunden trotz teils jahrzehntealter Stoffe mit Mustern aus ihrer Jugend oder der ihrer Eltern und Großeltern nicht verkleidet vorkommen. Daher verwendet Heeg neumodische und klare Schnitte. "Ich will keine Kleidung aus der Vergangenheit machen", erläutert die gebürtige Unterfränkin, sondern "Mode mit Mustern, die immer noch oder wieder aktuell sind, die sich ihre Schönheit bewahrt haben". Zeitlos sei für ihre Mode allerdings der falsche Ausdruck, man sehe den Mustern "ihre Zeit ja durchaus an", betont Heeg.
Kleine Stoffschnipsel, und seien deren Muster auch noch so schön, verwendet Heeg ebenfalls nicht. "Das macht keinen Sinn", erklärt die Autodidaktin, die bereits im Alter von 15 Jahren angefangen hat, sich selbst Kleider zu schneidern. Die Stoffmenge müsse für eine Kleinserie ausreichen, sagt Heeg. Ein Exemplar in jeder Größe wolle sie von neuen Stücken anfertigen können. Das habe auch etwas mit Kundenfreundlichkeit zu tun: "Sonst ist das Stück, das einer Kundin gefällt, garantiert nur in der falschen Größe da - und die Kundin frustriert", sagt sie.
Es sind aber nicht nur alte Stoffe und neue Schnitte, mit denen sich Heeg in der Modeszene in knapp dreieinhalb Jahren einen Namen gemacht hat. Sie bestickt viele ihrer Kleidungsstücke sowie Kissen, Kulturbeutel und vieles andere mehr mit einer 100 Jahre alten Stickmaschine. Gedichte oder Zitate stehen dann beispielsweise auf einem Rocksaum. Aus ganz Deutschland kommen laut Heeg inzwischen Anfragen, ihre Kleidung verkaufen zu wollen. Doch die 45-Jährige will nichts aus der Hand geben - und mehr als für ihren Laden kann sie selbst nicht nähen.
In Frankfurt und bei Exil-Frankfurtern ist Heeg neben ihren Kleidungsstücken und den Stickereien vor allem für ihre speziellen Frankfurt-Souvenirs bekannt. Dazu gehören zum Beispiel T-Shirts mit dem stilisierten Henninger Turm, dem Römer, einem Apfelweinbecher sowie der herzförmigen Stickerei "Frankfurter Mädel". "Man kann ganz tolle Sachen machen im Souvenir-Bereich", erläutert Heeg. Nichts sei bei Mitbringseln schlimmer als 0815-Massenware. Es sei wie bei all ihren Produkten, sagt Heeg: "Von Hand gearbeitete Dinge sind reizvoll."
Krimiautorinnen lassen anders morden
14.10.2008 - 12:00
Weinheim/Frankfurt (ddp-hes). Seit Anfang der 1990er
Jahre gehört Ingrid Noll zu den erfolgreichsten
Kriminalschriftstellerinnen Deutschlands. Ihr
Erstlingswerk "Der Hahn ist tot" bescherte ihr einen
ungeahnten Erfolg. Mehrere ihrer Bücher, darunter
"Die Apothekerin" und "Der Hahn ist tot", wurden fürs
Kino oder Fernsehen verfilmt. Vor Beginn der 60.
Frankfurter Buchmesse sprach ddp-Korrespondent Daniel
Staffen-Quandt mit der 73-Jährigen in Weinheim über
die Qualität deutscher Krimis, mordende Frauen und
ihren neusten Roman "Kuckuckskinder".
ddp: Frau Noll, wie steht es derzeit um den deutschsprachigen Krimi?
Ingrid Noll: Ganz gut, denke ich. Meine Kollegen und ich können nicht klagen.
ddp: Sie haben einmal gesagt, unter den deutschen Krimis gebe es "viel Schrott". Warum?
Noll: Manche Autoren überschätzen sich und denken, dass Bücher schreiben kein Problem ist. Wenn ein Buch nicht gut ist, kann das an verschiedenen Dingen liegen: Es kann schlecht geschrieben sein oder auch unlogisch, unglaubwürdig oder langweilig. All das ist für einen Krimi tödlich. Ich lege großen Wert auf Glaubwürdigkeit. Es kann zwar eine verrückte Geschichte sein, aber es muss dem Leser so verkauft werden, dass er denkt, das könnte wirklich so passieren.
ddp: Sie machen wohl alles richtig, Ihre Bücher waren allesamt erfolgreich...
Noll: Nun ja, ich schreibe auch nicht so, dass es jedem gefällt. Bei mir gibt es keine Gewalt und kaum Action, denn meine Leser sind meist Frauen und schätzen das weniger. Ich mag die Wörter Frauenkrimi und Männerkrimi zwar nicht, aber Leser oder Leserinnen bevorzugen unterschiedliche Elemente - und auch wir Autorinnen schreiben anders als männliche Kollegen. Ein James Bond wäre von einer Frau nie erfunden worden. Verfolgungsjagden sind nicht unser Ding.
ddp: Ihre Bücher sind oft abschätzig als Frauenliteratur bezeichnet worden. Verletzt das?
Noll: Ja, mich ärgert das, wenn es verächtlich im Sinne von "Hausfrauenliteratur" gemeint ist. Das ist in etwa so eine Kategorie wie Mädchen-Pferde-Buch. Wenn es jedoch dahin zielt, dass in meinen Büchern die meisten Täter weiblich sind, fände ich es in Ordnung.
ddp: Sind Frauen denn die besseren Mörder?
Noll: In der Realität sitzen die cleveren Frauen eher selten im Knast. In meinen Büchern ist das ganz anders. Meine Täterinnen sind hinterlistige Frauen, die raffiniert morden und denen man es nicht zutraut - graue Mäuse eben, die absolut harmlos wirken.
ddp: Hat Ihr Mann bei all ihren mörderischen Gedanken keine Angst vor Ihnen?
Noll: Mein Mann war früher Arzt - und gibt mir Tipps. Er wüsste sehr viel besser, wie er mich um die Ecke bringt als andersherum. Ich will, dass die Opfer in meinen Büchern sanft entschlafen, nicht leiden müssen und schnell tot sind. In diesen giftigen Angelegenheiten lasse ich mich gerne von meinem Mann beraten. Die Axt im Haus ist da sozusagen sehr nützlich.
ddp: Müsste man vor Ihnen Angst haben, wenn man Sie bis aufs Blut reizt?
Noll: Gewalt ist mir fremd, viele Krimiautoren sind friedlich und sozial. Wir kehren lieber mal Probleme unter den Teppich. Krimischreiben ist ein Ventil - ebenso wie Krimis lesen.
ddp: Verbarrikadieren Sie sich fürs Schreiben in Ihrem Arbeitszimmer?
Noll: Ach, das bringt nichts. Man kann das aber auch nicht verallgemeinern. Einige Kollegen fangen zum Beispiel mit dem letzten Satz an. Das mache ich allerdings nur bei Kurzgeschichten. Meinen Romanen geht hingegen eine Art "Schwangerschaft" voraus. Ich überlege mir einige Zeit, was im nächsten Buch das Thema sein soll und wie die Figuren anzulegen sind. Erst danach wird geschrieben.
ddp: Woher hatten Sie die Idee für Ihren neusten Roman "Kuckuckskinder"?
Noll: Da geht es um die Generation Ende 30 - das ist die Generation meiner Kinder, da kenne ich mich ganz gut aus. Ich habe in der Zeitung viel über Gentests gelesen und von einer Zahl, die ich für Quatsch halte: Jedes sechste bis zehnte Kind in Deutschland soll ein Kuckuckskind sein. Wer will denn so etwas überprüfen? Wenn man im Internet nachschaut, findet man dort unzählige Angebote für heimliche Vaterschaftstests. Und eines ist billiger als das andere.
ddp: Sie haben mit 55 angefangen zu schreiben - planen Sie Ihre Rente?
Noll: Ich plane nicht, abrupt aufzuhören. Mit 73 habe ich das Rentenalter ja schon längst erreicht. Ich empfinde das Schreiben nach wie vor als sehr großen Luxus, weil ich viele Jahre weder Zeit noch Raum dafür hatte. Jetzt darf ich es, es macht mir Spaß, warum also sollte ich es lassen?
ddp: Frau Noll, wie steht es derzeit um den deutschsprachigen Krimi?
Ingrid Noll: Ganz gut, denke ich. Meine Kollegen und ich können nicht klagen.
ddp: Sie haben einmal gesagt, unter den deutschen Krimis gebe es "viel Schrott". Warum?
Noll: Manche Autoren überschätzen sich und denken, dass Bücher schreiben kein Problem ist. Wenn ein Buch nicht gut ist, kann das an verschiedenen Dingen liegen: Es kann schlecht geschrieben sein oder auch unlogisch, unglaubwürdig oder langweilig. All das ist für einen Krimi tödlich. Ich lege großen Wert auf Glaubwürdigkeit. Es kann zwar eine verrückte Geschichte sein, aber es muss dem Leser so verkauft werden, dass er denkt, das könnte wirklich so passieren.
ddp: Sie machen wohl alles richtig, Ihre Bücher waren allesamt erfolgreich...
Noll: Nun ja, ich schreibe auch nicht so, dass es jedem gefällt. Bei mir gibt es keine Gewalt und kaum Action, denn meine Leser sind meist Frauen und schätzen das weniger. Ich mag die Wörter Frauenkrimi und Männerkrimi zwar nicht, aber Leser oder Leserinnen bevorzugen unterschiedliche Elemente - und auch wir Autorinnen schreiben anders als männliche Kollegen. Ein James Bond wäre von einer Frau nie erfunden worden. Verfolgungsjagden sind nicht unser Ding.
ddp: Ihre Bücher sind oft abschätzig als Frauenliteratur bezeichnet worden. Verletzt das?
Noll: Ja, mich ärgert das, wenn es verächtlich im Sinne von "Hausfrauenliteratur" gemeint ist. Das ist in etwa so eine Kategorie wie Mädchen-Pferde-Buch. Wenn es jedoch dahin zielt, dass in meinen Büchern die meisten Täter weiblich sind, fände ich es in Ordnung.
ddp: Sind Frauen denn die besseren Mörder?
Noll: In der Realität sitzen die cleveren Frauen eher selten im Knast. In meinen Büchern ist das ganz anders. Meine Täterinnen sind hinterlistige Frauen, die raffiniert morden und denen man es nicht zutraut - graue Mäuse eben, die absolut harmlos wirken.
ddp: Hat Ihr Mann bei all ihren mörderischen Gedanken keine Angst vor Ihnen?
Noll: Mein Mann war früher Arzt - und gibt mir Tipps. Er wüsste sehr viel besser, wie er mich um die Ecke bringt als andersherum. Ich will, dass die Opfer in meinen Büchern sanft entschlafen, nicht leiden müssen und schnell tot sind. In diesen giftigen Angelegenheiten lasse ich mich gerne von meinem Mann beraten. Die Axt im Haus ist da sozusagen sehr nützlich.
ddp: Müsste man vor Ihnen Angst haben, wenn man Sie bis aufs Blut reizt?
Noll: Gewalt ist mir fremd, viele Krimiautoren sind friedlich und sozial. Wir kehren lieber mal Probleme unter den Teppich. Krimischreiben ist ein Ventil - ebenso wie Krimis lesen.
ddp: Verbarrikadieren Sie sich fürs Schreiben in Ihrem Arbeitszimmer?
Noll: Ach, das bringt nichts. Man kann das aber auch nicht verallgemeinern. Einige Kollegen fangen zum Beispiel mit dem letzten Satz an. Das mache ich allerdings nur bei Kurzgeschichten. Meinen Romanen geht hingegen eine Art "Schwangerschaft" voraus. Ich überlege mir einige Zeit, was im nächsten Buch das Thema sein soll und wie die Figuren anzulegen sind. Erst danach wird geschrieben.
ddp: Woher hatten Sie die Idee für Ihren neusten Roman "Kuckuckskinder"?
Noll: Da geht es um die Generation Ende 30 - das ist die Generation meiner Kinder, da kenne ich mich ganz gut aus. Ich habe in der Zeitung viel über Gentests gelesen und von einer Zahl, die ich für Quatsch halte: Jedes sechste bis zehnte Kind in Deutschland soll ein Kuckuckskind sein. Wer will denn so etwas überprüfen? Wenn man im Internet nachschaut, findet man dort unzählige Angebote für heimliche Vaterschaftstests. Und eines ist billiger als das andere.
ddp: Sie haben mit 55 angefangen zu schreiben - planen Sie Ihre Rente?
Noll: Ich plane nicht, abrupt aufzuhören. Mit 73 habe ich das Rentenalter ja schon längst erreicht. Ich empfinde das Schreiben nach wie vor als sehr großen Luxus, weil ich viele Jahre weder Zeit noch Raum dafür hatte. Jetzt darf ich es, es macht mir Spaß, warum also sollte ich es lassen?
Türöffner fürs Eheglück
18.09.2008 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). An Felix Tschurin kommt in
Frankfurt kein Brautpaar vorbei. Der 61-Jährige steht
bei jedem Wetter im weißen Jackett und mit weißer
Schirmmütze vor dem Römer und empfängt die
Heiratswilligen. Tschurin ist Hochzeitspförtner - und
damit ein deutschlandweites Unikat. Sein Aufgabe ist
es, die Hochzeitsgesellschaften durch ein eigenes
Portal ins Rathaus und über eine lange Treppe bis zum
Trausaal zu führen. Quasi nebenbei erledigt Tschurin
auch noch den Job eines Türstehers. Durch seine
Hochzeitstür darf nämlich niemand einfach so
hindurch.
Seit 1990 ist Tschurin schon der Mann mit der Schirmmütze. In wie vielen asiatischen Fotoalben er mittlerweile abgebildet ist, vermag er nicht einmal zu schätzen. Es vergehe eigentlich kein Tag, an dem er nicht mit Gästen aus aller Welt vor der riesigen goldbeschlagenen Tür für ein Foto posiere, sagt Tschurin. Was anderen wohl eher ein Graus wäre, macht für den 61-Jährigen den Job gerade reizvoll: "Ich bin kein Büromensch." Vor seinem Antritt als Hochzeitspförtner war er im Innendienst des Rathauses tätig. "Ich wollte nicht am Computer versauern", erzählt er. Deshalb habe er sich um den Job beworben.
Neben großem Stehvermögen - denn Tschurin steht und läuft an einem normalen Heiratstag bis zu sechs Stunden - braucht man für seinen Job eine gehörige Portion Gelassenheit. "Das Brautpaar und deren Gäste sind natürlich oft ziemlich aufgeregt", berichtet der Hochzeitsroutinier. Der Leiter des Frankfurter Standesamtes, Peter Dommermuth, baut da ganz auf die Fähigkeiten seines Pförtners: "Für die Brautleute hat er immer ein beruhigendes Wort parat." Es komme auch schon mal vor, dass der Bräutigam auf seine Braut warten muss, weil sie etwa im Stau steckt. Auch dann helfe Tschurins Erfahrung.
Ist das Standesamt an einem normalen Tag ausgebucht, werden dort im Schnitt elf Paare getraut. "Dann sind eigentlich immer zwei bis drei Hochzeitsgesellschaften zeitgleich hier", erklärt Dommermuth. Tschurin sorgt dann dafür, dass unter den verschiedenen Gästen kein heilloses Durcheinander entsteht. Trotz aller Freundlichkeit muss der Hochzeitspförtner auch darauf achten, dass der straffe Zeitplan des Standesamtes nicht durcheinandergerät. Etwa eine halbe Stunde ist für eine Trauung angesetzt, viel Spielraum gibt es also nicht.
Bis zu 2000 Brautpaare führt Tschurin Jahr für Jahr die Treppe mit dem dunkelroten Teppich hinauf - mehrere zehntausende Paare hat er so schon kurz vor dem für viele wichtigsten Augenblick in ihrem Leben begleitet. Er könnte eine Menge erzählen, denn bei kaum einer Hochzeit läuft alles glatt. Doch das ist nicht die Art von Felix Tschurin. Pannen und Peinlichkeiten hat er sicherlich genügend gesehen - doch er behält sie für sich. Hochzeitspförtner ist für ihn nicht nur irgendein Beruf, er ist Berufung. Er achtet zum Beispiel peinlichst genau darauf, nicht zuzunehmen. "Sonst passt mir meine Uniform nicht mehr", sagt Tschurin. Da hungere er lieber mal.
Auch etliche Prominente hat Tschurin schon zum Trausaal geführt, an die meisten erinnert er sich nicht mehr. Vor dem Standesbeamten sind schließlich alle gleich aufgeregt - egal ob nun Fernsehstar, Sportler oder Max Mütze. Nur einen hat er nicht vergessen: Fußballer Andreas "Andy" Möller hat seiner Frau im Römer das Jawort gegeben. Zuvor hat Tschurin die beiden samt Gesellschaft die 32 Stufen nach oben begleitet. Er selbst ist allerdings trotz seiner Arbeit als Hochzeitspförtner all die Jahre unverheiratet geblieben. "Es hat sich nicht ergeben", sagt der 61-Jährige, "zumindest bis jetzt".
Seit 1990 ist Tschurin schon der Mann mit der Schirmmütze. In wie vielen asiatischen Fotoalben er mittlerweile abgebildet ist, vermag er nicht einmal zu schätzen. Es vergehe eigentlich kein Tag, an dem er nicht mit Gästen aus aller Welt vor der riesigen goldbeschlagenen Tür für ein Foto posiere, sagt Tschurin. Was anderen wohl eher ein Graus wäre, macht für den 61-Jährigen den Job gerade reizvoll: "Ich bin kein Büromensch." Vor seinem Antritt als Hochzeitspförtner war er im Innendienst des Rathauses tätig. "Ich wollte nicht am Computer versauern", erzählt er. Deshalb habe er sich um den Job beworben.
Neben großem Stehvermögen - denn Tschurin steht und läuft an einem normalen Heiratstag bis zu sechs Stunden - braucht man für seinen Job eine gehörige Portion Gelassenheit. "Das Brautpaar und deren Gäste sind natürlich oft ziemlich aufgeregt", berichtet der Hochzeitsroutinier. Der Leiter des Frankfurter Standesamtes, Peter Dommermuth, baut da ganz auf die Fähigkeiten seines Pförtners: "Für die Brautleute hat er immer ein beruhigendes Wort parat." Es komme auch schon mal vor, dass der Bräutigam auf seine Braut warten muss, weil sie etwa im Stau steckt. Auch dann helfe Tschurins Erfahrung.
Ist das Standesamt an einem normalen Tag ausgebucht, werden dort im Schnitt elf Paare getraut. "Dann sind eigentlich immer zwei bis drei Hochzeitsgesellschaften zeitgleich hier", erklärt Dommermuth. Tschurin sorgt dann dafür, dass unter den verschiedenen Gästen kein heilloses Durcheinander entsteht. Trotz aller Freundlichkeit muss der Hochzeitspförtner auch darauf achten, dass der straffe Zeitplan des Standesamtes nicht durcheinandergerät. Etwa eine halbe Stunde ist für eine Trauung angesetzt, viel Spielraum gibt es also nicht.
Bis zu 2000 Brautpaare führt Tschurin Jahr für Jahr die Treppe mit dem dunkelroten Teppich hinauf - mehrere zehntausende Paare hat er so schon kurz vor dem für viele wichtigsten Augenblick in ihrem Leben begleitet. Er könnte eine Menge erzählen, denn bei kaum einer Hochzeit läuft alles glatt. Doch das ist nicht die Art von Felix Tschurin. Pannen und Peinlichkeiten hat er sicherlich genügend gesehen - doch er behält sie für sich. Hochzeitspförtner ist für ihn nicht nur irgendein Beruf, er ist Berufung. Er achtet zum Beispiel peinlichst genau darauf, nicht zuzunehmen. "Sonst passt mir meine Uniform nicht mehr", sagt Tschurin. Da hungere er lieber mal.
Auch etliche Prominente hat Tschurin schon zum Trausaal geführt, an die meisten erinnert er sich nicht mehr. Vor dem Standesbeamten sind schließlich alle gleich aufgeregt - egal ob nun Fernsehstar, Sportler oder Max Mütze. Nur einen hat er nicht vergessen: Fußballer Andreas "Andy" Möller hat seiner Frau im Römer das Jawort gegeben. Zuvor hat Tschurin die beiden samt Gesellschaft die 32 Stufen nach oben begleitet. Er selbst ist allerdings trotz seiner Arbeit als Hochzeitspförtner all die Jahre unverheiratet geblieben. "Es hat sich nicht ergeben", sagt der 61-Jährige, "zumindest bis jetzt".
Feine Nasen gegen Artenschmuggel
19.08.2008 - 12:00
Frankfurt/Main (ddp-hes). Amy und Uno sind zwei ganz
normale verspielte junge Hunde. Der Zoll am
Frankfurter Frankfurt will nun den Artenschmugglern
mit eben diesem Spieltrieb das Fürchten lehren.
Allein am größten deutschen Flughafen habe es im
vergangenen Jahr 561 Fälle von Artenschmuggel
gegeben, berichteten der Zoll und die
Tierschutzorganisation WWF am Dienstag. Dabei seien
mehr als 111 000 vom Aussterben bedrohte oder
geschützte Tiere oder verbotene Tierprodukte
sichergestellt worden, darunter rund 5600 lebende
Tiere. Die beiden ersten ausgebildeten
Artenschutzspürhunde des deutschen Zolls sollen nun
bei der Suche nach Schmuggelgut helfen.
Labrador Uno wedelt freudig mit dem Schwanz. Langsam geht er mit Hundeführer Guido Nikl an einer Reihe Koffer vorbei, bis der etwa vier Jahre alte Rüde wie wild mit seinen Pfoten an einem der Koffer zu kratzen beginnt. Nikl zieht Uno ein Stück an der Leine zurück und lenkt ihn mit einem Kauknochen ab. Die beiden albern ein bisschen herum, während Nikls Hundeführer-Kollege Tobias Groß den verdächtigen Koffer öffnet. Er holt eine weiße Leinentasche heraus, darin krabbelt eine handtellergroße Schildkröte.
Doch so gut wie in diesem Test in der Gepäckkontrollhalle des Zolls am Frankfurter Flughafen geht es den wenigsten geschmuggelten Tieren. "Da werden schon mal 20 lebende Papageien in einen einzigen Koffer gepackt", erzählt ein Zoll-Mitarbeiter. Damit die exotischen Vögel während des Transports in den oft luftdichten Schalenkoffern keinen Radau machen, werden sie oft in Folie eingewickelt, damit sie sich nicht mehr bewegen können. Diese Tortur überlebten in der Regel ungefähr 2 von 20 Tieren, sagt ein Zoll-Fahnder. Trotzdem lohnt sich der illegale Handel mit geschützten Arten für die Schmuggler noch.
Neben professionellen Schmugglern sind es oft auch Touristen, die illegale Mitbringsel aus fernen Ländern im Gepäck haben. Laut WWF-Artenschutzexperte Volker Homes sind die Touristen bei der Einfuhr verbotener Devotionalien durchaus erfinderisch: Ob Pfeilgiftfrösche in Trinkflaschen, Reptilien in leeren Videokassetten-Hüllen oder auch Papageieneier in der Unterhose - die Leute wüssten um die Verbote und versuchten die Kontrolleure auszutricksen. "Dabei vergessen die meisten, dass der Schmuggel bedrohter Arten genau der Grund dafür ist, dass sie vom Aussterben bedroht sind", sagte Homes.
Dass der Zoll eigens zwei Hunde zehn Wochen lang in seiner Hundeschule im mittelfränkischen Neuendettelsau ausbilden ließ, geht auf eine Initiative des WWF zurück. Zusammen mit dem Frankfurter Zoo wollten die Tierschützer wissen, ob Spürhunde überhaupt in Koffern oder Kisten versteckte Tiere riechen können. Vor allem bei Reptilien waren sich die Biologen vor dem Experiment sehr uneins, erzählt der stellvertretende Zoodirektor Rudolf Wicker. "Reptilien riechen kaum, weil sie nur wenige Schweißdrüsen haben", sagt er. Doch schon in den ersten Tests überzeugten die Test-Hunde, die gar nicht speziell auf Tiere, sondern auf Drogen und Sprengstoffe abgerichtet waren.
Dass sich der Aufwand der eigenen Ausbildung von Artenschutzspürhunden lohnt, davon ist WWF-Experte Homes überzeugt. Einer Schätzung von Interpol zufolge werden weltweit jährlich geschützte Pflanzen, Tiere oder daraus hergestellte Produkte im Wert von 13 Milliarden Euro geschmuggelt. Insgesamt 33 000 Tier- und Pflanzenarten weltweit sind durch das Washingtoner Artenschutz-Abkommen geschützt, weil sie vom Aussterben bedroht sind. Den Artenschmugglern müsse man deshalb so schnell wie möglich das Handwerk legen, erläutert Homes.
Uno hat in den vergangenen Tagen schon mal ein bisschen Probe geschnuppert, bevor sein täglicher Dienst am Flughafen beginnt. Und schon dabei hat er erste Erfolge verbucht, berichtet Herrchen Guido Nikl: "Wir haben zwei Mal Kaviar gefunden." Pro Person sind nur 125 Gramm erlaubt - doch in einem Koffer erschnüffelte der Labrador zwei Kilogramm der teuren Fischeier.
Labrador Uno wedelt freudig mit dem Schwanz. Langsam geht er mit Hundeführer Guido Nikl an einer Reihe Koffer vorbei, bis der etwa vier Jahre alte Rüde wie wild mit seinen Pfoten an einem der Koffer zu kratzen beginnt. Nikl zieht Uno ein Stück an der Leine zurück und lenkt ihn mit einem Kauknochen ab. Die beiden albern ein bisschen herum, während Nikls Hundeführer-Kollege Tobias Groß den verdächtigen Koffer öffnet. Er holt eine weiße Leinentasche heraus, darin krabbelt eine handtellergroße Schildkröte.
Doch so gut wie in diesem Test in der Gepäckkontrollhalle des Zolls am Frankfurter Flughafen geht es den wenigsten geschmuggelten Tieren. "Da werden schon mal 20 lebende Papageien in einen einzigen Koffer gepackt", erzählt ein Zoll-Mitarbeiter. Damit die exotischen Vögel während des Transports in den oft luftdichten Schalenkoffern keinen Radau machen, werden sie oft in Folie eingewickelt, damit sie sich nicht mehr bewegen können. Diese Tortur überlebten in der Regel ungefähr 2 von 20 Tieren, sagt ein Zoll-Fahnder. Trotzdem lohnt sich der illegale Handel mit geschützten Arten für die Schmuggler noch.
Neben professionellen Schmugglern sind es oft auch Touristen, die illegale Mitbringsel aus fernen Ländern im Gepäck haben. Laut WWF-Artenschutzexperte Volker Homes sind die Touristen bei der Einfuhr verbotener Devotionalien durchaus erfinderisch: Ob Pfeilgiftfrösche in Trinkflaschen, Reptilien in leeren Videokassetten-Hüllen oder auch Papageieneier in der Unterhose - die Leute wüssten um die Verbote und versuchten die Kontrolleure auszutricksen. "Dabei vergessen die meisten, dass der Schmuggel bedrohter Arten genau der Grund dafür ist, dass sie vom Aussterben bedroht sind", sagte Homes.
Dass der Zoll eigens zwei Hunde zehn Wochen lang in seiner Hundeschule im mittelfränkischen Neuendettelsau ausbilden ließ, geht auf eine Initiative des WWF zurück. Zusammen mit dem Frankfurter Zoo wollten die Tierschützer wissen, ob Spürhunde überhaupt in Koffern oder Kisten versteckte Tiere riechen können. Vor allem bei Reptilien waren sich die Biologen vor dem Experiment sehr uneins, erzählt der stellvertretende Zoodirektor Rudolf Wicker. "Reptilien riechen kaum, weil sie nur wenige Schweißdrüsen haben", sagt er. Doch schon in den ersten Tests überzeugten die Test-Hunde, die gar nicht speziell auf Tiere, sondern auf Drogen und Sprengstoffe abgerichtet waren.
Dass sich der Aufwand der eigenen Ausbildung von Artenschutzspürhunden lohnt, davon ist WWF-Experte Homes überzeugt. Einer Schätzung von Interpol zufolge werden weltweit jährlich geschützte Pflanzen, Tiere oder daraus hergestellte Produkte im Wert von 13 Milliarden Euro geschmuggelt. Insgesamt 33 000 Tier- und Pflanzenarten weltweit sind durch das Washingtoner Artenschutz-Abkommen geschützt, weil sie vom Aussterben bedroht sind. Den Artenschmugglern müsse man deshalb so schnell wie möglich das Handwerk legen, erläutert Homes.
Uno hat in den vergangenen Tagen schon mal ein bisschen Probe geschnuppert, bevor sein täglicher Dienst am Flughafen beginnt. Und schon dabei hat er erste Erfolge verbucht, berichtet Herrchen Guido Nikl: "Wir haben zwei Mal Kaviar gefunden." Pro Person sind nur 125 Gramm erlaubt - doch in einem Koffer erschnüffelte der Labrador zwei Kilogramm der teuren Fischeier.
Laborkittel als Schutzkleidung
28.06.2008 - 12:00
Remlingen (ddp-nrd). Die Signalglocke schrillt
ohrenbetäubend, dann geht es abwärts. Mit zehn Metern
pro Sekunde rauscht der Förderkorb herunter ins
frühere Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel. Auf
der höchstgelegenen Sohle bei knapp 490 Meter unter
der Erdoberfläche stoppt der Korb. Die dicke Tür
öffnet sich und gibt den Blick frei in das meterhohe
Salzgewölbe. Knapp 21 Meter tiefer liegt seit mehr
als 30 Jahren Atommüll in einer ehemaligen
Abbaukammer. Vor kurzem wurde bekannt, dass hier
verstrahlte Lauge durchs Gestein sickert.
Heiko Zimmermann steigt in 490 Metern Tiefe in einen offenen weißen Jeep und gibt Gas. Es ist knapp 30 Grad warm und stickig, der riesige Grubenlüfter dröhnt. Der Betriebsingenieur lenkt das Auto durchs Stollengewirr, stoppt plötzlich in einer hellen Kammer. Eine große Seilwinde steht dort über einem zubetonierten Loch im Boden, in der Ecke surrt ein Lüfter.
"Von hier aus wurden von 1972 bis 1977 rund 1300 Fässer mit mittelradioaktivem Abfall in eine Abbaukammer hinuntergelassen", erzählt Zimmermann. Dort türmen sich die gelben Fässer vermutlich noch immer kreuz und quer aufeinander. Genau weiß das aber keiner, auch Zimmermann nicht. Denn das Absenkloch wurde 1977 zubetoniert, die unten installierte Kamera ist mittlerweile kaputt. Nur der Lüfter hat noch eine direkte Verbindung in die Kammer. Auf seiner dunkelgrünen Blechverkleidung kleben Radioaktiv-Warnschilder. Der Lüfter sauge Luft aus der Kammer und sorge somit für Unterdruck, sagt Zimmermann, damit die kontaminierte Luft nicht einfach irgendwohin entweiche.
Zimmermann fährt weiter abwärts. In der Dunkelheit hält er an, leuchtet mit der Helmlampe in eine Bucht am Wegesrand. "Das hier ist eine der Kammern, in denen Salz abgebaut wurde", erklärt er. Erkennbar sind nur ein großer Haufen grobkörniges, dreckig graues Salz und oben ein Spalt. Alle 120 Abbaukammern, in denen kein Atommüll lagert, wurden mit Salz von Deponien verfüllt. Genauer gesagt: Das Salz wurde in die 60 mal 40 Meter großen sowie 15 Meter hohen Hohlräume mit Luft hineingeblasen. Doch bereits ein paar Jahre später hatte sich das Salz verdichtet - in den Kammern entstanden neue Hohlräume.
"Salz bewegt sich", sagt Zimmermann. Die Kammern könnten irgendwann einstürzen oder sich langsam schließen - der Atommüll läge dann unerreichbar in Hunderten Metern Tiefe. Das war in den 60er Jahren auch der Plan: In dem als Versuchs-Endlager eingerichteten Bergwerk sollten Lagertechniken für spätere Atommülllager wie Gorleben oder Schacht Konrad ausprobiert werden. Das wandernde Salz wäre nicht das große Problem, würde nicht auch seit Jahren Salzlauge von Gesteinsschichten außerhalb des Bergwerks in seine Stollen dringen. Elf Kubikmeter Kochsalzlösung sind es Tag für Tag allein an einer Stelle der 658-Meter-Sohle.
"Das Wasser wird aufgefangen, gesammelt und an die Oberfläche gepumpt", sagt Zimmermann. "Natürlich nehmen wir regelmäßig Proben und prüfen, ob es kontaminiert ist", schiebt er schnell hinterher, wohl wissend, dass zurzeit alle nur das eine an Asse interessiert. Diese sogenannte Zutrittslauge ist einer der Hauptkritikpunkte der Asse-Gegner. Sie vergleichen die Asse gerne mit einem Sandwich: Drückt man auf das Brötchen, quillt die Mayonnaise irgendwo an der Seite heraus. Das Brötchen wäre bei dem Vergleich der Salzstock, das Gestein außen herum drückt darauf - und die "Zutrittslauge" wäre die Mayonnaise.
Doch das allein hätte der Asse nicht diese große Aufmerksamkeit beschert. Die eigentliche Ursache findet sich in 750 Metern Tiefe. Zimmermann steht in Achselshirt und Stoffhose nur ein paar Dutzend Meter davon entfernt. Hier, kurz vor der Einlagerungskammer 12, in der ein Teil der mehr als 124 000 Fässer mit schwachradioaktivem Material unter Salz begraben liegt, endet der Weg für den Jeep vor einer kniehoch baumelnden Kette. Einen Meter dahinter hängt eine zweite Kette, daran ein Hinweisschild "Vorsicht Kontamination". Auf dem abgesperrten Areal stehen große Plastikkanister, darin mit Cäsium und anderen Substanzen verseuchte Zutrittslauge.
Bislang habe man die strahlende Lauge per Sondergenehmigung in 950 Meter Tiefe gepumpt, erklärt Zimmermann und deutet auf einen der 1000-Liter-Kanister mit den gelben Radioaktiv-Banderolen. "Aber das ist ja jetzt untersagt worden", sagt er. Die Kontamination der Lauge hatte die Grenzwerte zum Teil um das Achtfache überschritten - und das schon seit Jahren. Trotzdem bewegen sich die Besucher der Asse unter Tage nur in weißen Stoffkitteln, wie man sie aus Chemielabors kennt; Bergleute tragen im Salzstollen gewöhnliche Hosen und Hemden.
Wer in der Asse in kontaminierten Bereichen arbeitet, muss sich anschließend zwar in einem provisorisch aufgestellten Messcontainer überprüfen lassen. Doch im Gegensatz zum zweiten deutschen Endlager Morsleben könnte man die Kontrolle hier problemlos übergehen. In der Asse gibt es keine Schleuse, die den Weg nach draußen erst freigibt, wenn die Messwerte in Ordnung sind - all den Problemen zum Trotz.
Heiko Zimmermann steigt in 490 Metern Tiefe in einen offenen weißen Jeep und gibt Gas. Es ist knapp 30 Grad warm und stickig, der riesige Grubenlüfter dröhnt. Der Betriebsingenieur lenkt das Auto durchs Stollengewirr, stoppt plötzlich in einer hellen Kammer. Eine große Seilwinde steht dort über einem zubetonierten Loch im Boden, in der Ecke surrt ein Lüfter.
"Von hier aus wurden von 1972 bis 1977 rund 1300 Fässer mit mittelradioaktivem Abfall in eine Abbaukammer hinuntergelassen", erzählt Zimmermann. Dort türmen sich die gelben Fässer vermutlich noch immer kreuz und quer aufeinander. Genau weiß das aber keiner, auch Zimmermann nicht. Denn das Absenkloch wurde 1977 zubetoniert, die unten installierte Kamera ist mittlerweile kaputt. Nur der Lüfter hat noch eine direkte Verbindung in die Kammer. Auf seiner dunkelgrünen Blechverkleidung kleben Radioaktiv-Warnschilder. Der Lüfter sauge Luft aus der Kammer und sorge somit für Unterdruck, sagt Zimmermann, damit die kontaminierte Luft nicht einfach irgendwohin entweiche.
Zimmermann fährt weiter abwärts. In der Dunkelheit hält er an, leuchtet mit der Helmlampe in eine Bucht am Wegesrand. "Das hier ist eine der Kammern, in denen Salz abgebaut wurde", erklärt er. Erkennbar sind nur ein großer Haufen grobkörniges, dreckig graues Salz und oben ein Spalt. Alle 120 Abbaukammern, in denen kein Atommüll lagert, wurden mit Salz von Deponien verfüllt. Genauer gesagt: Das Salz wurde in die 60 mal 40 Meter großen sowie 15 Meter hohen Hohlräume mit Luft hineingeblasen. Doch bereits ein paar Jahre später hatte sich das Salz verdichtet - in den Kammern entstanden neue Hohlräume.
"Salz bewegt sich", sagt Zimmermann. Die Kammern könnten irgendwann einstürzen oder sich langsam schließen - der Atommüll läge dann unerreichbar in Hunderten Metern Tiefe. Das war in den 60er Jahren auch der Plan: In dem als Versuchs-Endlager eingerichteten Bergwerk sollten Lagertechniken für spätere Atommülllager wie Gorleben oder Schacht Konrad ausprobiert werden. Das wandernde Salz wäre nicht das große Problem, würde nicht auch seit Jahren Salzlauge von Gesteinsschichten außerhalb des Bergwerks in seine Stollen dringen. Elf Kubikmeter Kochsalzlösung sind es Tag für Tag allein an einer Stelle der 658-Meter-Sohle.
"Das Wasser wird aufgefangen, gesammelt und an die Oberfläche gepumpt", sagt Zimmermann. "Natürlich nehmen wir regelmäßig Proben und prüfen, ob es kontaminiert ist", schiebt er schnell hinterher, wohl wissend, dass zurzeit alle nur das eine an Asse interessiert. Diese sogenannte Zutrittslauge ist einer der Hauptkritikpunkte der Asse-Gegner. Sie vergleichen die Asse gerne mit einem Sandwich: Drückt man auf das Brötchen, quillt die Mayonnaise irgendwo an der Seite heraus. Das Brötchen wäre bei dem Vergleich der Salzstock, das Gestein außen herum drückt darauf - und die "Zutrittslauge" wäre die Mayonnaise.
Doch das allein hätte der Asse nicht diese große Aufmerksamkeit beschert. Die eigentliche Ursache findet sich in 750 Metern Tiefe. Zimmermann steht in Achselshirt und Stoffhose nur ein paar Dutzend Meter davon entfernt. Hier, kurz vor der Einlagerungskammer 12, in der ein Teil der mehr als 124 000 Fässer mit schwachradioaktivem Material unter Salz begraben liegt, endet der Weg für den Jeep vor einer kniehoch baumelnden Kette. Einen Meter dahinter hängt eine zweite Kette, daran ein Hinweisschild "Vorsicht Kontamination". Auf dem abgesperrten Areal stehen große Plastikkanister, darin mit Cäsium und anderen Substanzen verseuchte Zutrittslauge.
Bislang habe man die strahlende Lauge per Sondergenehmigung in 950 Meter Tiefe gepumpt, erklärt Zimmermann und deutet auf einen der 1000-Liter-Kanister mit den gelben Radioaktiv-Banderolen. "Aber das ist ja jetzt untersagt worden", sagt er. Die Kontamination der Lauge hatte die Grenzwerte zum Teil um das Achtfache überschritten - und das schon seit Jahren. Trotzdem bewegen sich die Besucher der Asse unter Tage nur in weißen Stoffkitteln, wie man sie aus Chemielabors kennt; Bergleute tragen im Salzstollen gewöhnliche Hosen und Hemden.
Wer in der Asse in kontaminierten Bereichen arbeitet, muss sich anschließend zwar in einem provisorisch aufgestellten Messcontainer überprüfen lassen. Doch im Gegensatz zum zweiten deutschen Endlager Morsleben könnte man die Kontrolle hier problemlos übergehen. In der Asse gibt es keine Schleuse, die den Weg nach draußen erst freigibt, wenn die Messwerte in Ordnung sind - all den Problemen zum Trotz.
Haarscharf am Tod vorbei
22.05.2008 - 12:00
Eichenzell/Eschede (ddp-nrd). Angestrengt blickt Udo
Bauch aus dem Fenster, die Lüneburger Heide rauscht
mit knapp 200 Stundenkilometern an ihm vorbei. Der
Familienvater aus dem hessischen Eichenzell sitzt an
einem sonnigen Tag im Intercity Express 886 nach
Hamburg, Abfahrt in Fulda um 9.04 Uhr. Es ist kurz
vor 11.00 Uhr, der Zug irgendwo zwischen Hannover und
Hamburg-Harburg. Bauch wirkt verspannt. Am 3. Juni
1998 war er zur selben Zeit auf dieser Strecke
unterwegs - damals mit dem ICE 884 "Wilhelm Conrad
Röntgen". Die Fahrt endete an einer Betonbrücke bei
Eschede. 101 Menschen starben, Bauch überlebte.
Der ICE ruckelt ein bisschen nach links und rechts - vermutlich wegen einer Unebenheit. Seit der Katastrophe durchlebt der 40-Jährige in solchen Momenten immer wieder die Panik von damals. "Ansonsten habe ich keine Probleme mit dem Zugfahren", erläutert Bauch. Er sei ein "rational denkender Mensch" und wisse, dass das Verkehrsmittel Bahn viel sicherer als das Auto ist. Am 3. Juni 1998 wurde Bauch mit etlichen Knochenbrüchen, einer Hirnblutung und schweren Riss- und Quetschwunden in die Medizinische Hochschule Hannover gebracht. Er lag tagelang im künstlichen Koma, sein Leben hing am seidenen Faden.
Der Zug rauscht unter einer Brücke durch, in Fahrtrichtung links blitzt für zwei, drei Sekunden eine mannshohe mausgraue Steinplatte auf, davor mehrere Steinquader und ein Feld aus zig Kirschbäumen: die Gedenkstätte für die Opfer der Katastrophe von Eschede. Der ICE, einst als Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst gefeiert, zerschellte an dieser Stelle - und mit ihm die Illusion des gefahrlosen Reisens in Hochgeschwindigkeitszügen. Ein "sehr komisches Gefühl" habe er an dieser Stelle in der Magengegend, erzählt Bauch. Ansonsten bleibt er erstaunlich gelassen.
Durch den Unfall ist der 40-Jährige für sein Leben gezeichnet. Bauch hinkt, er geht fast immer am Stock. Aber er hat sich seinen Willen und seine Freude am Leben nicht nehmen lassen von dieser Tragödie - dem folgenschwersten Bahnunglück Europas. "Ich war immer sehr aktiv, ich stand immer unter Strom", erzählt er. Gerade einmal fünf Monate nach dem Horror-Crash steigt Bauch wieder in einen ICE, fährt die Unglücksstrecke von Fulda nach Hamburg. Allen Schmerzen zum Trotz versucht er wieder in seinem Job als Manager Tritt zu fassen. Kurze Zeit später gibt er auf. Er schafft es nicht.
Der überlebten Katastrophe von Eschede folgt eine schier unendliche Odyssee. Weil Bauch auf Geschäftsreise war, steht ihm eine Berufsunfähigkeitsrente zu. Doch die Versicherung erkennt nur eine 80-prozentige Behinderung an, die Gutachten weisen jedoch 90 Prozent aus. Die Bahn will zuerst die Hotelkosten für seine Familie nicht übernehmen - tagelang wachten Frau und Kinder während Bauchs künstlichem Koma an seinem Bett im Hannoverschen Krankenhaus. "Erst als wir öffentlich Druck gemacht haben, kam das Geld", sagt er und klingt dabei auch Jahre später noch richtig wütend.
Es ist 11.59 Uhr, der ICE rollt mit fünf Minuten Verspätung in den Hamburger Hauptbahnhof. Die Türen öffnen sich mit einem lauten Zischen, warme Luft von draußen strömt in den Zug, Bauch steigt aus. Der 40-Jährige wirkt irgendwie erleichtert. "Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich gerne Zug fahre", sagt er. Doch er habe sich von Anfang an seiner Angst stellen wollen; die von der Bahn vermittelten Psychologen hätten ihm dabei nicht helfen können. "Bei mir war eine junge Frau, die war total überfordert mit alledem und hat die ganze Zeit selbst nur geweint", erinnert er sich.
Mehr als die ICE-Fahrt bewegt Bauch der Besuch der Gedenkstätte. Hier, wo der junge, aktive Familienvater jäh aus seinem bisherigen Leben und von der Karriereleiter gerissen wurde, wird er still und nachdenklich. Bedächtig wandelt Bauch den geschotterten Weg durch die 101 Kirschbäume - jeder steht für einen Toten. Als er vor der Gedenkmauer mit den Namen der Todesopfer steht, schüttelt er nur den Kopf. "Da könnte mein Name stehen", sagt er leise, seine Stimme bricht, er setzt sich auf den Steinquader vor der Tafel. In diesem Moment rauscht in 20 Meter Entfernung ein ICE gen Hamburg vorbei.
"Mich ärgert das", sagt Bauch, nun wieder mit fester Stimme. Die Gedenkstätte sei ihm "zu steril" geraten und "zu wenig christlich". Es gebe nicht mal ein Kreuz. "Und es ist einfach nur peinlich, dass die Bahn kein Geld in die Hand nimmt, um wenigstens für Blumen zu sorgen", sagt der Überlebende mit Blick auf einige trostlos wirkende Pflanzschalen vor der Gedenkmauer. Nun hört man sie wieder, diese ganze Wut in seiner Stimme, all den Ärger der vergangenen Jahre. Und die Trauer über das Unglück und seine vielen Opfer.
Was er sich zum zehnten Jahrestag des Unglücks von der Deutschen Bahn wünscht? "Eine Entschuldigung", sagt er kurz - und kämpft sich hinkend die lange Treppe vom Kirschbaumfeld zum steinernen Tor der Gedenkstätte empor. "Eine Entschuldigung, das wäre mal ein Anfang."
Der ICE ruckelt ein bisschen nach links und rechts - vermutlich wegen einer Unebenheit. Seit der Katastrophe durchlebt der 40-Jährige in solchen Momenten immer wieder die Panik von damals. "Ansonsten habe ich keine Probleme mit dem Zugfahren", erläutert Bauch. Er sei ein "rational denkender Mensch" und wisse, dass das Verkehrsmittel Bahn viel sicherer als das Auto ist. Am 3. Juni 1998 wurde Bauch mit etlichen Knochenbrüchen, einer Hirnblutung und schweren Riss- und Quetschwunden in die Medizinische Hochschule Hannover gebracht. Er lag tagelang im künstlichen Koma, sein Leben hing am seidenen Faden.
Der Zug rauscht unter einer Brücke durch, in Fahrtrichtung links blitzt für zwei, drei Sekunden eine mannshohe mausgraue Steinplatte auf, davor mehrere Steinquader und ein Feld aus zig Kirschbäumen: die Gedenkstätte für die Opfer der Katastrophe von Eschede. Der ICE, einst als Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst gefeiert, zerschellte an dieser Stelle - und mit ihm die Illusion des gefahrlosen Reisens in Hochgeschwindigkeitszügen. Ein "sehr komisches Gefühl" habe er an dieser Stelle in der Magengegend, erzählt Bauch. Ansonsten bleibt er erstaunlich gelassen.
Durch den Unfall ist der 40-Jährige für sein Leben gezeichnet. Bauch hinkt, er geht fast immer am Stock. Aber er hat sich seinen Willen und seine Freude am Leben nicht nehmen lassen von dieser Tragödie - dem folgenschwersten Bahnunglück Europas. "Ich war immer sehr aktiv, ich stand immer unter Strom", erzählt er. Gerade einmal fünf Monate nach dem Horror-Crash steigt Bauch wieder in einen ICE, fährt die Unglücksstrecke von Fulda nach Hamburg. Allen Schmerzen zum Trotz versucht er wieder in seinem Job als Manager Tritt zu fassen. Kurze Zeit später gibt er auf. Er schafft es nicht.
Der überlebten Katastrophe von Eschede folgt eine schier unendliche Odyssee. Weil Bauch auf Geschäftsreise war, steht ihm eine Berufsunfähigkeitsrente zu. Doch die Versicherung erkennt nur eine 80-prozentige Behinderung an, die Gutachten weisen jedoch 90 Prozent aus. Die Bahn will zuerst die Hotelkosten für seine Familie nicht übernehmen - tagelang wachten Frau und Kinder während Bauchs künstlichem Koma an seinem Bett im Hannoverschen Krankenhaus. "Erst als wir öffentlich Druck gemacht haben, kam das Geld", sagt er und klingt dabei auch Jahre später noch richtig wütend.
Es ist 11.59 Uhr, der ICE rollt mit fünf Minuten Verspätung in den Hamburger Hauptbahnhof. Die Türen öffnen sich mit einem lauten Zischen, warme Luft von draußen strömt in den Zug, Bauch steigt aus. Der 40-Jährige wirkt irgendwie erleichtert. "Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich gerne Zug fahre", sagt er. Doch er habe sich von Anfang an seiner Angst stellen wollen; die von der Bahn vermittelten Psychologen hätten ihm dabei nicht helfen können. "Bei mir war eine junge Frau, die war total überfordert mit alledem und hat die ganze Zeit selbst nur geweint", erinnert er sich.
Mehr als die ICE-Fahrt bewegt Bauch der Besuch der Gedenkstätte. Hier, wo der junge, aktive Familienvater jäh aus seinem bisherigen Leben und von der Karriereleiter gerissen wurde, wird er still und nachdenklich. Bedächtig wandelt Bauch den geschotterten Weg durch die 101 Kirschbäume - jeder steht für einen Toten. Als er vor der Gedenkmauer mit den Namen der Todesopfer steht, schüttelt er nur den Kopf. "Da könnte mein Name stehen", sagt er leise, seine Stimme bricht, er setzt sich auf den Steinquader vor der Tafel. In diesem Moment rauscht in 20 Meter Entfernung ein ICE gen Hamburg vorbei.
"Mich ärgert das", sagt Bauch, nun wieder mit fester Stimme. Die Gedenkstätte sei ihm "zu steril" geraten und "zu wenig christlich". Es gebe nicht mal ein Kreuz. "Und es ist einfach nur peinlich, dass die Bahn kein Geld in die Hand nimmt, um wenigstens für Blumen zu sorgen", sagt der Überlebende mit Blick auf einige trostlos wirkende Pflanzschalen vor der Gedenkmauer. Nun hört man sie wieder, diese ganze Wut in seiner Stimme, all den Ärger der vergangenen Jahre. Und die Trauer über das Unglück und seine vielen Opfer.
Was er sich zum zehnten Jahrestag des Unglücks von der Deutschen Bahn wünscht? "Eine Entschuldigung", sagt er kurz - und kämpft sich hinkend die lange Treppe vom Kirschbaumfeld zum steinernen Tor der Gedenkstätte empor. "Eine Entschuldigung, das wäre mal ein Anfang."
Charme-Offensive aus Norwegen
07.05.2008 - 12:00
Hannover (ddp.djn). Tor Olav Troim hat alle Register
gezogen. Er hat am Mittwoch auf der
TUI-Hauptversammlung in Hannover für den norwegischen
Milliardär John Fredriksen Forderungen gestellt, an
Aktionäre appelliert und deutlich gegen die Chefetage
des Touristik- und Schifffahrtskonzerns polemisiert.
Der Angriff des größten TUI-Einzelaktionärs
Fredriksen gegen den Kurs des
TUI-Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel und
Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow kam damit zu seinem
Höhepunkt.
Er sei nicht als Unruhestifter gekommen, versicherte Troim den Aktionären im Hannoverschen Congress Centrum. Fredriksens Monteray Enterprises sei keine Heuschrecke, die von einem Unternehmen schnell zum nächsten wandere und nur auf den schnellen Gewinn aus sei. "Wir sind Aktionäre wie sie, die das Unternehmen TUI langfristig sichern und Arbeitsplätze erhalten wollen", sagte der Norweger Troim während seiner Charme-Offensive am Rednerpult vor dem versammelten Vorstand und Aufsichtsrat. Fredriksen selbst war nicht zur Hauptversammlung erschienen, offenbar wegen einer kurzfristig anberaumten Operation.
Der norwegische Reeder Fredriksen, der inzwischen im zyprischen Limassol lebt und arbeitet, will den Mischkonzern wieder profitabel machen. Dem steht laut Troim vor allem die mangelnde Transparenz bei TUI im Weg: Die Mitglieder des Aufsichtsrates würden geschäftliche Beziehungen mit TUI unterhalten und könnten daher keine unabhängigen Entscheidungen treffen. Deswegen will er Aufsichtsratschef Krumnow stürzen und sich in diesem Fall selbst in das Gremium wählen lassen. Um TUI rentabler zu machen, will er außerdem die Container-Sparte vom zweiten Standbein Touristik trennen - er will sie allerdings nicht verkaufen, sondern als eigene Aktiengesellschaft ausgliedern.
Auch wenn am Mittwoch nicht alle Aktionäre Fredriksens Meinung sind, so verfehlt Tor Olav Troims Auftritt seine Wirkung nicht. Mit Sätzen wie "Wir glauben mehr an die Zukunft von TUI als der Vorstand es tut" redet sich der norwegische Manager in seinem smarten blauen Anzug und mit seinem seitlich gescheitelten blonden Haar in wenigen Minuten in die Herzen der Zuhörer. Beinahe jeder seiner Forderungen folgt brandender Applaus - etwa, als er die "handverlesene Auswahl" von Aufsichtsratsmitgliedern durch Frenzel kritisiert: "Man kann in einem Unternehmen doch keine Kontrolle schaffen, wenn die Leute, die kontrolliert werden sollen, selbst ihre Kontrolleure auswählen!"
Aktionär Günter Ahnert teilt die Ansichten Troims. Der 72-Jährige ist sauer auf das Management rund um Frenzel. Seit zehn Jahren halte er schon 112 TUI-Aktien, mit der Rendite sei er "noch nie" zufrieden gewesen, sagt er. Auch Ahnert will die Trennung von Schifffahrt und Touristik - aber keinen Verkauf. "Denken sie nur an Salzgitter", sagt er. Die Stahlsparte des TUI-Vorgängerkonzerns Preussag schreibt heute schwarze Zahlen und macht satte Gewinne. "Einen solchen Fehler darf das Management nicht noch mal machen", sagt er wutschnaubend.
Vorstandschef Frenzel lässt die Kritik an ihm, seiner Arbeit und dem übrigen Management nach sechs Stunden Hauptversammlung ins Leere laufen - auch auf die Angriffe und Vorhaltungen Troims geht er kaum ein. "Ich bedaure sehr, dass dieser Dialog hier im Saal geführt wird und nicht schon vorher geführt wurde", sagt Frenzel nur. Zugleich betonte er die Gesprächsbereitschaft des Vorstandes: "Sagen sie uns, wann und wo sie mit uns sprechen wollen." Die von Troim geäußerten Vorwürfe, Fredriksens sei durch von TUI beauftragte Privatdetektive auszuspionieren versucht worden, weist das Unternehmen "entschieden" zurück. Dies entspreche nicht dem Geschäftsgebaren des Konzerns.
Frenzel hebt nach einer ersten Kritik- und Fragerunde der Anleger erneut auf die positive Entwicklung der Unternehmenszahlen ab. Doch Aktionäre wie Ahnert lassen sich davon nicht besänftigen. Wenn der Ärger über den TUI-Vorstand schon bei einem Aktionär mit 112 Aktien so groß ist, wie tief muss der Ärger dann erst bei einem Unternehmer wie Fredriksen mit seinen 29,52 Millionen Aktien sitzen? Troim zog vor den Aktionären zwar die bisherige Forderung nach zwei Sitzen im Aufsichtsrat zurück. Der Reeder wolle nur noch einen Sitz. Den aber auch nur, wenn Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow abgewählt werde. Der Ausgang der Abstimmung war am Nachmittag noch vollkommen unklar.
Er sei nicht als Unruhestifter gekommen, versicherte Troim den Aktionären im Hannoverschen Congress Centrum. Fredriksens Monteray Enterprises sei keine Heuschrecke, die von einem Unternehmen schnell zum nächsten wandere und nur auf den schnellen Gewinn aus sei. "Wir sind Aktionäre wie sie, die das Unternehmen TUI langfristig sichern und Arbeitsplätze erhalten wollen", sagte der Norweger Troim während seiner Charme-Offensive am Rednerpult vor dem versammelten Vorstand und Aufsichtsrat. Fredriksen selbst war nicht zur Hauptversammlung erschienen, offenbar wegen einer kurzfristig anberaumten Operation.
Der norwegische Reeder Fredriksen, der inzwischen im zyprischen Limassol lebt und arbeitet, will den Mischkonzern wieder profitabel machen. Dem steht laut Troim vor allem die mangelnde Transparenz bei TUI im Weg: Die Mitglieder des Aufsichtsrates würden geschäftliche Beziehungen mit TUI unterhalten und könnten daher keine unabhängigen Entscheidungen treffen. Deswegen will er Aufsichtsratschef Krumnow stürzen und sich in diesem Fall selbst in das Gremium wählen lassen. Um TUI rentabler zu machen, will er außerdem die Container-Sparte vom zweiten Standbein Touristik trennen - er will sie allerdings nicht verkaufen, sondern als eigene Aktiengesellschaft ausgliedern.
Auch wenn am Mittwoch nicht alle Aktionäre Fredriksens Meinung sind, so verfehlt Tor Olav Troims Auftritt seine Wirkung nicht. Mit Sätzen wie "Wir glauben mehr an die Zukunft von TUI als der Vorstand es tut" redet sich der norwegische Manager in seinem smarten blauen Anzug und mit seinem seitlich gescheitelten blonden Haar in wenigen Minuten in die Herzen der Zuhörer. Beinahe jeder seiner Forderungen folgt brandender Applaus - etwa, als er die "handverlesene Auswahl" von Aufsichtsratsmitgliedern durch Frenzel kritisiert: "Man kann in einem Unternehmen doch keine Kontrolle schaffen, wenn die Leute, die kontrolliert werden sollen, selbst ihre Kontrolleure auswählen!"
Aktionär Günter Ahnert teilt die Ansichten Troims. Der 72-Jährige ist sauer auf das Management rund um Frenzel. Seit zehn Jahren halte er schon 112 TUI-Aktien, mit der Rendite sei er "noch nie" zufrieden gewesen, sagt er. Auch Ahnert will die Trennung von Schifffahrt und Touristik - aber keinen Verkauf. "Denken sie nur an Salzgitter", sagt er. Die Stahlsparte des TUI-Vorgängerkonzerns Preussag schreibt heute schwarze Zahlen und macht satte Gewinne. "Einen solchen Fehler darf das Management nicht noch mal machen", sagt er wutschnaubend.
Vorstandschef Frenzel lässt die Kritik an ihm, seiner Arbeit und dem übrigen Management nach sechs Stunden Hauptversammlung ins Leere laufen - auch auf die Angriffe und Vorhaltungen Troims geht er kaum ein. "Ich bedaure sehr, dass dieser Dialog hier im Saal geführt wird und nicht schon vorher geführt wurde", sagt Frenzel nur. Zugleich betonte er die Gesprächsbereitschaft des Vorstandes: "Sagen sie uns, wann und wo sie mit uns sprechen wollen." Die von Troim geäußerten Vorwürfe, Fredriksens sei durch von TUI beauftragte Privatdetektive auszuspionieren versucht worden, weist das Unternehmen "entschieden" zurück. Dies entspreche nicht dem Geschäftsgebaren des Konzerns.
Frenzel hebt nach einer ersten Kritik- und Fragerunde der Anleger erneut auf die positive Entwicklung der Unternehmenszahlen ab. Doch Aktionäre wie Ahnert lassen sich davon nicht besänftigen. Wenn der Ärger über den TUI-Vorstand schon bei einem Aktionär mit 112 Aktien so groß ist, wie tief muss der Ärger dann erst bei einem Unternehmer wie Fredriksen mit seinen 29,52 Millionen Aktien sitzen? Troim zog vor den Aktionären zwar die bisherige Forderung nach zwei Sitzen im Aufsichtsrat zurück. Der Reeder wolle nur noch einen Sitz. Den aber auch nur, wenn Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow abgewählt werde. Der Ausgang der Abstimmung war am Nachmittag noch vollkommen unklar.
Showdown an der Elbe
23.04.2008 - 12:00
Hamburg/Wolfsburg (ddp-nrd). Schon seit Wochen
bringen sich die Großaktionäre von Volkswagen
öffentlich gegeneinander in Stellung - nun folgt am
Donnerstag auf der Hauptversammlung in Hamburg der
Showdown. Auf der einen Seite das Land Niedersachsen,
das seine Sperrminorität bei Europas größtem
Autokonzern und dem größten Arbeitgeber des
Bundeslandes beibehalten will. Auf der anderen Seite
der Sportwagenhersteller Porsche aus Stuttgart, der
genau das zu verhindern versucht.
Die Stuttgarter Porsche Automobil Holding SE, die 100 Prozent an Porsche und derzeit 30,6 Prozent an VW hält, will sich ihren Einfluss als größter Aktionär bei Volkswagen nicht mehr länger von staatlicher Seite beschränken lassen. Zupass kommt der Holding, die ihren Anteil an VW auf mehr als 50 Prozent aufstocken will, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Herbst vergangenen Jahres Teile des jahrezehntealten VW-Gesetzes gekippt hat. Das Gesetz räumt dem Land etliche Sonderrechte ein - darunter auch die umstrittene Sperrminorität.
Die Porsche Holding - im Besitz der Familien Porsche und Piech - hat deshalb beantragt, auf der diesjährigen Hauptversammlung gemäß dem EuGH-Urteil das Entsenderecht zu streichen, das Land und Bund bislang je zwei Sitze im VW-Aufsichtsrat garantiert. Außerdem sollen die Stimmrechte eines Aktionärs unabhängig von seinem tatsächlichen Anteil nicht länger auf 20 Prozent beschränkt bleiben. Mit diesen Forderungen hat auch das Land Niedersachsen in Person von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) kein Problem. Streit gibt es dennoch.
Die Familien Porsche und Piech wollen nämlich die Sperrminorität von derzeit 20 auf im Aktienrecht übliche 25 Prozent anheben und somit das Quorum für wichtige Entscheidungen von heute 80 auf 75 Prozent absenken. Niedersachsen mit seinem Anteil von knapp über 20 Prozent verlöre somit seinen bislang gewichtigen Einfluss beim größten Arbeitgeber des Landes. Deshalb stellte die Staatskanzlei einen Antrag für die Hauptversammlung, der eine Beibehaltung des Status Quo in Sachen Sperrminorität fordert. Genau hier knirscht es zwischen Porsche und dem Land.
Der Streit um die Macht bei Volkswagen ist auch ein Kräftemessen zwischen Wulff auf der einen sowie dem VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech und dem Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche auf der anderen Seite. Denn für die Niedersachsen ist VW nicht irgendein Konzern - es ist ihr Konzern. Das musste auch Wulff erfahren, als er 2003 Ministerpräsident wurde. Bis dahin war er nicht gerade ein Freund der Landesbeteiligung. Piech erklärt Wulffs zügigen Meinungswechsel: "Jeder Politiker, der verkauft, ist nach der nächsten Wahl weg."
Und so bekommt Wulff auch mächtig Druck aus beinahe allen politischen Ecken des Landes. Selbst die Liberalen halten zähneknirschend still. Die Niedersachsen-FDP hat zwar nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen jede Form der Landesbeteiligung gemacht - in ihrem neuen Koalitionsvertrag mit der CDU ließ sie sich jedoch gleich zwei Zugeständnisse abringen: An den Landesbeteiligungen bei Volkswagen sowie beim Stahlwerk Salzgitter wird festgehalten. Anders sieht es bei der Landesbank Nord/LB, der Messe und Flughafen in Hannover aus.
Zuspruch für sein belegschaftsfreundliches Verhalten bekommt Wulff nicht nur vom VW-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh und der SPD in Niedersachsen - auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) steht Wulff zur Seite. Ihr Ministerium hat eine Neufassung des VW-Gesetzes entworfen, das mit dem EuGH-Urteil konform sein soll. Weggefallen sind das Entsenderecht und die Stimmrechtsbeschränkung, die Sperrminorität ist geblieben. Die EU droht angesichts dieser Pläne schon mal vorsorglich mit einer weiteren Klage. Der Showdown am Donnerstag wird demnach nicht der letzte sein.
Die Stuttgarter Porsche Automobil Holding SE, die 100 Prozent an Porsche und derzeit 30,6 Prozent an VW hält, will sich ihren Einfluss als größter Aktionär bei Volkswagen nicht mehr länger von staatlicher Seite beschränken lassen. Zupass kommt der Holding, die ihren Anteil an VW auf mehr als 50 Prozent aufstocken will, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Herbst vergangenen Jahres Teile des jahrezehntealten VW-Gesetzes gekippt hat. Das Gesetz räumt dem Land etliche Sonderrechte ein - darunter auch die umstrittene Sperrminorität.
Die Porsche Holding - im Besitz der Familien Porsche und Piech - hat deshalb beantragt, auf der diesjährigen Hauptversammlung gemäß dem EuGH-Urteil das Entsenderecht zu streichen, das Land und Bund bislang je zwei Sitze im VW-Aufsichtsrat garantiert. Außerdem sollen die Stimmrechte eines Aktionärs unabhängig von seinem tatsächlichen Anteil nicht länger auf 20 Prozent beschränkt bleiben. Mit diesen Forderungen hat auch das Land Niedersachsen in Person von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) kein Problem. Streit gibt es dennoch.
Die Familien Porsche und Piech wollen nämlich die Sperrminorität von derzeit 20 auf im Aktienrecht übliche 25 Prozent anheben und somit das Quorum für wichtige Entscheidungen von heute 80 auf 75 Prozent absenken. Niedersachsen mit seinem Anteil von knapp über 20 Prozent verlöre somit seinen bislang gewichtigen Einfluss beim größten Arbeitgeber des Landes. Deshalb stellte die Staatskanzlei einen Antrag für die Hauptversammlung, der eine Beibehaltung des Status Quo in Sachen Sperrminorität fordert. Genau hier knirscht es zwischen Porsche und dem Land.
Der Streit um die Macht bei Volkswagen ist auch ein Kräftemessen zwischen Wulff auf der einen sowie dem VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech und dem Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche auf der anderen Seite. Denn für die Niedersachsen ist VW nicht irgendein Konzern - es ist ihr Konzern. Das musste auch Wulff erfahren, als er 2003 Ministerpräsident wurde. Bis dahin war er nicht gerade ein Freund der Landesbeteiligung. Piech erklärt Wulffs zügigen Meinungswechsel: "Jeder Politiker, der verkauft, ist nach der nächsten Wahl weg."
Und so bekommt Wulff auch mächtig Druck aus beinahe allen politischen Ecken des Landes. Selbst die Liberalen halten zähneknirschend still. Die Niedersachsen-FDP hat zwar nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen jede Form der Landesbeteiligung gemacht - in ihrem neuen Koalitionsvertrag mit der CDU ließ sie sich jedoch gleich zwei Zugeständnisse abringen: An den Landesbeteiligungen bei Volkswagen sowie beim Stahlwerk Salzgitter wird festgehalten. Anders sieht es bei der Landesbank Nord/LB, der Messe und Flughafen in Hannover aus.
Zuspruch für sein belegschaftsfreundliches Verhalten bekommt Wulff nicht nur vom VW-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh und der SPD in Niedersachsen - auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) steht Wulff zur Seite. Ihr Ministerium hat eine Neufassung des VW-Gesetzes entworfen, das mit dem EuGH-Urteil konform sein soll. Weggefallen sind das Entsenderecht und die Stimmrechtsbeschränkung, die Sperrminorität ist geblieben. Die EU droht angesichts dieser Pläne schon mal vorsorglich mit einer weiteren Klage. Der Showdown am Donnerstag wird demnach nicht der letzte sein.
Merkel fehlt in der Datenbank
04.03.2008 - 12:00
Hannover (ddp). Eigentlich wollte Friedrich Joussen,
der Deutschland-Chef von Vodafone, an diesem Dienstag
beim Kanzlerinnenrundgang auf der CeBIT in Hannover
glänzen. Und dann das. Der Mobilfunkmanager
präsentierte eine neue Bild-Suchmaschine für das
Handy. Anstatt einen Suchbegriff einzugeben, schießt
man mit der Handykamera ein Foto und schickt es ins
Internet. Zurück bekommt man dann Informationen zum
abgebildeten Gebäude oder zur fotografierten Person.
Bei Fotos vom Berliner Dom klappt das zum Beispiel -
bei Angela Merkel (CDU) nicht.
Die Bundeskanzlerin schmunzelt, als das Handyfoto von ihr nicht das von Joussen erwünschte Ergebnis liefert. "Ihr gesuchtes Motiv befindet sich noch nicht in der Otello-Datenbank", liest Merkel vom Display ab. "Das ist aber eine schwere Lücke, finde ich", fügt sie hinzu. Joussen macht gute Miene zum missglückten Versuch. "Es wäre wohl besser gewesen, wenn's geklappt hätte", orakelt ein Mitarbeiter von Vodafone. "Das gibt mit Sicherheit ordentlich Knatsch hinter den Kulissen", antwortet ihm sein Kollege. Beides ist wahrscheinlich.
Schließlich ist der Kanzlerinnenrundgang auf der CeBIT einer der medialen Höhepunkte der weltgrößten Computermesse. Ganze Horden von Fotografen, TV-Teams und Reportern trampeln der Regierungschefin quer über das Messegelände durch die Hallen hinterher. Die elf Firmen, an deren Messeständen Merkel einen kurzen Zwischenstopp einlegt, dürfen sich geehrt fühlen. Unter den Auserwählten sind Platzhirsche wie die Deutsche Telekom, IBM und Microsoft, aber auch kleinere Unternehmen wie die Firma Funkwerk Dabendorf oder das Unternehmen Komsa.
Bei Funkwerk Dabendorf zeigen die Firmenchefs der Kanzlerin die neuesten Signalverstärker für das kabellose Surfen via Mobilfunk. Wer sich solch einen Verstärker ins Auto einbauen lasse, der könne "bei vielfach geringerer Strahlenbelastung" auch noch bei 300 Kilometern pro Stunde ununterbrochen ins Internet gehen. "Das ist dann doch für den ICE, nicht fürs Auto?", fragt Merkel - sichtlich erstaunt ob der hohen Geschwindigkeit. Doch der Firmenchef bekräftigt seine Aussage. Für den Zugverkehr baue Funkwerk "größere Geräte", erläutert er.
Am Stand der Deutschen Telekom wird Merkel von Vorstandschef René Obermann persönlich in Empfang genommen. Die CeBIT "ist und bleibt" ein wichtiges Ereignis für die Telekom, bei dem man neue Trends und Produkte der Öffentlichkeit präsentieren wolle, sagt Obermann. Zum Beispiel eine Anwendung, die das Mobiltelefon zum Pulsmesser macht. Diese Daten werden automatisch an ein Internetportal übertragen und sportmedizinisch analysiert. Mitte dieses Jahres soll die Anwendung dann erstmals für Kunden der Barmer Ersatzkasse verfügbar sein.
"Das Angebot ist in meinem Kassenbeitrag enthalten, oder kostet das extra?", fragt die Kanzlerin. Obermann lächelt, die Moderatorin neben ihm stammelt etwas vor sich hin, ohne eine schlüssige Antwort zu geben. Merkel hat ein Gespür dafür, die Manager und Präsentatoren an diesem Dienstag in Verlegenheit zu bringen. Wenige Minuten später macht sie das auch am Messestand des Handyherstellers Sony Ericsson. Dort präsentiert man der Kanzlerin ein internetfähiges Mobiltelefon mit Fotokamera und MP3-Player. "Ah, so wie das iPhone", sagt Merkel. Der Firmenvertreter verliert den Faden, die Kanzlerin eilt weiter.
Zum Abschluss ihres fast zweieinhalbstündigen Rundgangs darf die Kanzlerin am Stand des größten europäischen Softwareherstellers SAP im virtuellen Supermarkt einkaufen gehen. In diesem "Online-Shop der Zukunft" sieht alles ein bisschen kantig und nach Computerspiel aus. Doch bei SAP ist man vom Nutzen der Entwicklung überzeugt. Das gilt auch für eine neue Bezahlfunktion per Handy. Die Geräte sollen mit sogenannten NFC-Chips ausgestattet werden und damit langfristig die klassische Kreditkarte ersetzen. "Das Handy wird zum Zentrum des Lebens", sagt Merkel. Keine neue, aber eine wahre Erkenntnis.
Die Bundeskanzlerin schmunzelt, als das Handyfoto von ihr nicht das von Joussen erwünschte Ergebnis liefert. "Ihr gesuchtes Motiv befindet sich noch nicht in der Otello-Datenbank", liest Merkel vom Display ab. "Das ist aber eine schwere Lücke, finde ich", fügt sie hinzu. Joussen macht gute Miene zum missglückten Versuch. "Es wäre wohl besser gewesen, wenn's geklappt hätte", orakelt ein Mitarbeiter von Vodafone. "Das gibt mit Sicherheit ordentlich Knatsch hinter den Kulissen", antwortet ihm sein Kollege. Beides ist wahrscheinlich.
Schließlich ist der Kanzlerinnenrundgang auf der CeBIT einer der medialen Höhepunkte der weltgrößten Computermesse. Ganze Horden von Fotografen, TV-Teams und Reportern trampeln der Regierungschefin quer über das Messegelände durch die Hallen hinterher. Die elf Firmen, an deren Messeständen Merkel einen kurzen Zwischenstopp einlegt, dürfen sich geehrt fühlen. Unter den Auserwählten sind Platzhirsche wie die Deutsche Telekom, IBM und Microsoft, aber auch kleinere Unternehmen wie die Firma Funkwerk Dabendorf oder das Unternehmen Komsa.
Bei Funkwerk Dabendorf zeigen die Firmenchefs der Kanzlerin die neuesten Signalverstärker für das kabellose Surfen via Mobilfunk. Wer sich solch einen Verstärker ins Auto einbauen lasse, der könne "bei vielfach geringerer Strahlenbelastung" auch noch bei 300 Kilometern pro Stunde ununterbrochen ins Internet gehen. "Das ist dann doch für den ICE, nicht fürs Auto?", fragt Merkel - sichtlich erstaunt ob der hohen Geschwindigkeit. Doch der Firmenchef bekräftigt seine Aussage. Für den Zugverkehr baue Funkwerk "größere Geräte", erläutert er.
Am Stand der Deutschen Telekom wird Merkel von Vorstandschef René Obermann persönlich in Empfang genommen. Die CeBIT "ist und bleibt" ein wichtiges Ereignis für die Telekom, bei dem man neue Trends und Produkte der Öffentlichkeit präsentieren wolle, sagt Obermann. Zum Beispiel eine Anwendung, die das Mobiltelefon zum Pulsmesser macht. Diese Daten werden automatisch an ein Internetportal übertragen und sportmedizinisch analysiert. Mitte dieses Jahres soll die Anwendung dann erstmals für Kunden der Barmer Ersatzkasse verfügbar sein.
"Das Angebot ist in meinem Kassenbeitrag enthalten, oder kostet das extra?", fragt die Kanzlerin. Obermann lächelt, die Moderatorin neben ihm stammelt etwas vor sich hin, ohne eine schlüssige Antwort zu geben. Merkel hat ein Gespür dafür, die Manager und Präsentatoren an diesem Dienstag in Verlegenheit zu bringen. Wenige Minuten später macht sie das auch am Messestand des Handyherstellers Sony Ericsson. Dort präsentiert man der Kanzlerin ein internetfähiges Mobiltelefon mit Fotokamera und MP3-Player. "Ah, so wie das iPhone", sagt Merkel. Der Firmenvertreter verliert den Faden, die Kanzlerin eilt weiter.
Zum Abschluss ihres fast zweieinhalbstündigen Rundgangs darf die Kanzlerin am Stand des größten europäischen Softwareherstellers SAP im virtuellen Supermarkt einkaufen gehen. In diesem "Online-Shop der Zukunft" sieht alles ein bisschen kantig und nach Computerspiel aus. Doch bei SAP ist man vom Nutzen der Entwicklung überzeugt. Das gilt auch für eine neue Bezahlfunktion per Handy. Die Geräte sollen mit sogenannten NFC-Chips ausgestattet werden und damit langfristig die klassische Kreditkarte ersetzen. "Das Handy wird zum Zentrum des Lebens", sagt Merkel. Keine neue, aber eine wahre Erkenntnis.
Raus aus der Gewaltspirale
27.02.2008 - 12:00
Hameln (ddp-nrd). Ulf sagt, dass ihm das
Anti-Gewalt-Training im Gefängnis gut getan habe.
"Ich habe hier erst gelernt, über meine Gefühle zu
reden und anderen Menschen zu vertrauen", sagt der
19-Jährige. Er ist das, was Politiker als sogenannten
Intensivtäter bezeichnen: jung, kein Schulabschluss,
aggressiv und fast täglich Ärger mit der Polizei.
Drei Jahre und drei Monate Haft hat Ulf im Oktober
2006 wegen gefährlicher Körperverletzung und Raub
bekommen. "Ich hab' viel Scheiße gebaut", sagt er
heute.
Ulf will alles besser machen, wenn er die Jugendanstalt (JA) Hameln, die größte Jugendstrafeinrichtung deutschlandweit, verlassen darf. Er will aus seiner kriminellen Umgebung raus, in eine andere Stadt, will eine Lehre "als Zimmerer oder so" machen, ein normales Leben führen. Im Anti-Gewalt-Training habe er gelernt, Probleme ohne Draufhauen zu lösen, sagt er und versichert: "Ich werde mich draußen im Griff haben." Wie um seine Läuterung zu beweisen, zeigt er auf das verwohnte Regal an der Wand seiner kargen Zelle. Zwei Bücher stehen dort. "Früher habe ich nie gelesen", sagt er.
Kevin dagegen hält von dem Anti-Aggressions-Training wenig. Auch er sitzt wegen Körperverletzung in Hameln, auch er hat das Training besucht. Zweieinhalb Jahre hat er gekriegt, weil er "wieder mal besoffen" war und irgendeinen Fremden krankenhausreif geprügelt hatte. Das Programm "Leben ohne Gewalt organisieren" (LoGo) habe ihm zwar gezeigt, "wie sich Opfer fühlen", dass die vermittelten Strategien zur Gewaltvermeidung "da draußen funktionieren", glaubt Kevin allerdings nicht. "Das ist realitätsfern", sagt der 21-Jährige. "Diese blöden Rollenspiele, die man da macht, das bringt doch echt nichts."
Was ihm "da draußen" denn überhaupt helfen würde, straffrei zu leben? "Ein Job", sagt Kevin. Er will Fernfahrer werden, ständig auf Achse sein. "Das Eingesperrtsein macht irre", erzählt er. Er will wieder raus, will seine Freiheit wieder haben. Dann sagt er etwas Unerwartetes: "Die hätten mich viel früher härter anpacken müssen, dann wäre es nie so weit gekommen." Mit "die" meint er die Richter. "Ich war sechs Mal beim selben Richter, der hat immer nur gesagt 'Du! Mach' das nicht wieder!' und ich bin lachend aus dem Gerichtssaal raus", erinnert er sich.
Das klingt fast so, als ob Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch, mit seinen Forderungen nach härteren Jugendstrafen und Warnschussarrest doch Recht habe. Aber eben nur fast: Wegsperren allein bringe nichts, berichtet Kevin aus eigener Erfahrung: "Im Knast gehst du genauso kaputt wie draußen." Wenn Jugendliche eine Haftstrafe bekämen, sei es ja schon zu spät. "Hätte ich nach meiner ersten Straftat zwei Wochen Freizeitarrest bekommen, ich wäre heute nicht hier", ist er überzeugt. Dann müsste er auch nicht jetzt mühsam seinen Schulabschluss nachholen und könnte schon arbeiten.
Gefängnispsychologin Katja Liebmann sieht das ein wenig anders. Zwar macht sie sich ob der LoGo-Erfolge keine Illusionen: "Ich gehe nicht davon aus, dass das bei allen dauerhaft funktioniert", sagt sie. Wenn sie aber nur einen von acht Jugendlichen mit diesem Anti-Gewalt-Training verändern könne, sei das ja auch schon ein Erfolg. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat dem rund vier Monate dauernden LoGo-Programm der JA Hameln bescheinigt, eine der wenigen Behandlungsmöglichkeiten für jugendliche Straftäter zu sein, die deren Rückfallwahrscheinlichkeit nachweislich senkt.
Das liegt unter anderem auch daran, dass nicht jeder jugendliche Häftling daran teilnehmen darf. Zwei Mal pro Jahr gibt es drei LoGo-Kurse für je acht Teilnehmer. Wer mitmachen will, muss sich bewerben und begründen, weshalb ausgerechnet er einen Platz bekommen soll. Das Programm selbst ist in vier Phasen aufgeteilt. Zunächst müssen sich die Jugendlichen mit ihrer Biographie auseinandersetzen, danach werden sie mit ihren Straftaten konfrontiert. Im dritten Schritt wird ihr Selbstbewusstsein aufgepäppelt - und schließlich nehmen sie an einem umfassenden Deeskalationstraining teil.
Ulf hat das LoGo-Programm mit Erfolg absolviert, Psychologin Liebmann ist zuversichtlich, dass der 19-Jährige den Schritt in ein gewalt- und straffreies Leben schaffen kann. "Ich bin viel ruhiger geworden", sagt Ulf. Dabei haben ihm auch die "Anti-Blamier-Spiele" des LoGo-Programms geholfen. "Das sind Kindergartenspiele", sagt Liebmann, gespickt mit Peinlichkeiten. "Wir haben 'Ich packe meinen Koffer' gespielt und mussten dabei einen Finger im Mund behalten", sagt Ulf. Das sei erniedrigend gewesen. Aber auch gut. "Ich habe mich geärgert und bin trotzdem nicht aggressiv geworden."
Ulf will alles besser machen, wenn er die Jugendanstalt (JA) Hameln, die größte Jugendstrafeinrichtung deutschlandweit, verlassen darf. Er will aus seiner kriminellen Umgebung raus, in eine andere Stadt, will eine Lehre "als Zimmerer oder so" machen, ein normales Leben führen. Im Anti-Gewalt-Training habe er gelernt, Probleme ohne Draufhauen zu lösen, sagt er und versichert: "Ich werde mich draußen im Griff haben." Wie um seine Läuterung zu beweisen, zeigt er auf das verwohnte Regal an der Wand seiner kargen Zelle. Zwei Bücher stehen dort. "Früher habe ich nie gelesen", sagt er.
Kevin dagegen hält von dem Anti-Aggressions-Training wenig. Auch er sitzt wegen Körperverletzung in Hameln, auch er hat das Training besucht. Zweieinhalb Jahre hat er gekriegt, weil er "wieder mal besoffen" war und irgendeinen Fremden krankenhausreif geprügelt hatte. Das Programm "Leben ohne Gewalt organisieren" (LoGo) habe ihm zwar gezeigt, "wie sich Opfer fühlen", dass die vermittelten Strategien zur Gewaltvermeidung "da draußen funktionieren", glaubt Kevin allerdings nicht. "Das ist realitätsfern", sagt der 21-Jährige. "Diese blöden Rollenspiele, die man da macht, das bringt doch echt nichts."
Was ihm "da draußen" denn überhaupt helfen würde, straffrei zu leben? "Ein Job", sagt Kevin. Er will Fernfahrer werden, ständig auf Achse sein. "Das Eingesperrtsein macht irre", erzählt er. Er will wieder raus, will seine Freiheit wieder haben. Dann sagt er etwas Unerwartetes: "Die hätten mich viel früher härter anpacken müssen, dann wäre es nie so weit gekommen." Mit "die" meint er die Richter. "Ich war sechs Mal beim selben Richter, der hat immer nur gesagt 'Du! Mach' das nicht wieder!' und ich bin lachend aus dem Gerichtssaal raus", erinnert er sich.
Das klingt fast so, als ob Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch, mit seinen Forderungen nach härteren Jugendstrafen und Warnschussarrest doch Recht habe. Aber eben nur fast: Wegsperren allein bringe nichts, berichtet Kevin aus eigener Erfahrung: "Im Knast gehst du genauso kaputt wie draußen." Wenn Jugendliche eine Haftstrafe bekämen, sei es ja schon zu spät. "Hätte ich nach meiner ersten Straftat zwei Wochen Freizeitarrest bekommen, ich wäre heute nicht hier", ist er überzeugt. Dann müsste er auch nicht jetzt mühsam seinen Schulabschluss nachholen und könnte schon arbeiten.
Gefängnispsychologin Katja Liebmann sieht das ein wenig anders. Zwar macht sie sich ob der LoGo-Erfolge keine Illusionen: "Ich gehe nicht davon aus, dass das bei allen dauerhaft funktioniert", sagt sie. Wenn sie aber nur einen von acht Jugendlichen mit diesem Anti-Gewalt-Training verändern könne, sei das ja auch schon ein Erfolg. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat dem rund vier Monate dauernden LoGo-Programm der JA Hameln bescheinigt, eine der wenigen Behandlungsmöglichkeiten für jugendliche Straftäter zu sein, die deren Rückfallwahrscheinlichkeit nachweislich senkt.
Das liegt unter anderem auch daran, dass nicht jeder jugendliche Häftling daran teilnehmen darf. Zwei Mal pro Jahr gibt es drei LoGo-Kurse für je acht Teilnehmer. Wer mitmachen will, muss sich bewerben und begründen, weshalb ausgerechnet er einen Platz bekommen soll. Das Programm selbst ist in vier Phasen aufgeteilt. Zunächst müssen sich die Jugendlichen mit ihrer Biographie auseinandersetzen, danach werden sie mit ihren Straftaten konfrontiert. Im dritten Schritt wird ihr Selbstbewusstsein aufgepäppelt - und schließlich nehmen sie an einem umfassenden Deeskalationstraining teil.
Ulf hat das LoGo-Programm mit Erfolg absolviert, Psychologin Liebmann ist zuversichtlich, dass der 19-Jährige den Schritt in ein gewalt- und straffreies Leben schaffen kann. "Ich bin viel ruhiger geworden", sagt Ulf. Dabei haben ihm auch die "Anti-Blamier-Spiele" des LoGo-Programms geholfen. "Das sind Kindergartenspiele", sagt Liebmann, gespickt mit Peinlichkeiten. "Wir haben 'Ich packe meinen Koffer' gespielt und mussten dabei einen Finger im Mund behalten", sagt Ulf. Das sei erniedrigend gewesen. Aber auch gut. "Ich habe mich geärgert und bin trotzdem nicht aggressiv geworden."
"Die Krawatte gefällt mir"
23.01.2008 - 12:00
Hannover (ddp-nrd). Mit einem Lob von Christian Wulff
hatte SPD-Mann Wolfgang Jüttner wirklich nicht
gerechnet. "Die Krawatte immerhin gefällt mir", sagt
der CDU-Ministerpräsident, als sich die beiden
Kontrahenten am Mittwochabend kurz vor Beginn des
TV-Duells im NDR-Studio gegenüberstehen. Wulff
lächelt sein smartes Wulff-Lächeln - und Jüttner
schaut verdutzt. Doch mit dieser Rollenverteilung
gibt sich der SPD-Kandidat nicht zufrieden. Er weiß,
dass seine Umfragewerte nicht die besten sind, also
greift er Wulff und dessen Regierung an. Sachlich,
auch mal etwas spitz, aber nicht übertrieben.
Jüttner wirft Wulff Versagen auf allen Politikfeldern vor: In der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes habe die CDU/FDP-Regierung vieles "gegen die Wand gefahren", sagte Jüttner und verwies etwa auf den angeschlagenen Autohersteller Karmann sowie den Tiefwasserhafen JadeWeserPort. Jüttner warf Wulff vor, dem "Missmanagement" in der Führungsetage der JadeWeserPort-Realisierungsgesellschaft "zu lange zugesehen" zu haben. "Da wäre mal Ihr Handeln gefragt gewesen", sagt der SPD-Mann. Wulff konterte, die SPD müsse schon mal wissen, was sie wolle: "Mal werden wir von Ihrer Partei kritisiert, weil wir uns einmischen, dann sollen wir uns plötzlich wieder einschalten."
Vor dem TV-Duell war vor allem Jüttner die Anspannung anzumerken. Er kenne "den Wolfgang" ja schon lange, sagt ein Fernsehmann, "aber so feuchte Hände wie heute Abend hatte der noch nie". Wulff dagegen kommt fast eine Stunde später als zunächst geplant und angekündigt, erst gegen 20.15 Uhr fährt der Ministerpräsident vor. Auf der Fahrt ins Studio ordert sein Mitarbeiterstab schon mal vorab telefonisch einen Tee für den Landesvater. Der sei stark erkältet, heißt es. Als er kurze Zeit später das Studio betritt, gibt sich Wulff allerdings alle Mühe den Eindruck zu zerstreuen, er sei irgendwie angeschlagen.
Noch vor Beginn des TV-Duells erreicht die wartenden Journalisten die nächste Überraschung: Das ursprünglich 45-minütige TV-Duell soll nun plötzlich eine ganze Stunde dauern. Eine NDR-Sprecherin erklärt die "redaktionelle Entscheidung". Diese sei äußerst kurzfristig wegen der "positiven Resonanz im Vorfeld" gefällt worden.
NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz versucht gleich zu Beginn der Sendung um kurz nach 21.00 Uhr, dem TV-Duell Schärfe zu geben. Roland Koch (CDU) und Andrea Ypsilanti (SPD) hätten den Wählern in Hessen "richtig was geboten", sagte der Moderator mit Hinblick auf die Debatte um schärfere Jugendstrafen. Dann fragt er Jüttner auch noch, weshalb er denn die Trennung von Wulff und dessen Ehefrau in einem Interview thematisiert habe. Jüttner geht auf beides nur kurz ein, sagt, er setze auf einen "sachlichen Wahlkampf" und, dass er auf keiner Wahlveranstaltung das Privatleben seines "Mitbewerbers", wie er Wulff nennt, kritisiert habe. Und alle Schärfe ist dahin.
Während Wulff in der einstündigen Debatte gelassen und präsidial referiert, treibt Jüttner den Amtsinhaber weiter, wenn auch moderat vor sich her. Zur Hochschulpolitik der Regierung Wulff sagt er: "Das ist keine Erfolgsbilanz, das ist eine Tragödie." So angriffslustig hat man den oftmals als spröde bezeichneten Jüttner selten gesehen. Aber auch Wulff punktet am Mittwoch mehrmals. "Wenn sie immer der Linkspartei nachlaufen, machen sie die nur wichtig", sagt er.
Nach dem Duell reklamieren sofort beide Seiten den Sieg für sich. Die CDU lässt unter den Journalisten sogleich eine Presseerklärung verteilen, Wulff sagt in die Mikrofone und Kameras: "Wir sind der klare Sieger, weil wir klar gemacht haben, dass wir gut unterwegs sind." Und Jüttner? Der strahlte nach dem TV-Duell. "Ich freue mich auf die langen Gesichter der Meinungsforscher am Sonntag", sagte er beim Duell. Ein Stückchen näher scheint er dieser Freude gekommen.
Jüttner wirft Wulff Versagen auf allen Politikfeldern vor: In der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes habe die CDU/FDP-Regierung vieles "gegen die Wand gefahren", sagte Jüttner und verwies etwa auf den angeschlagenen Autohersteller Karmann sowie den Tiefwasserhafen JadeWeserPort. Jüttner warf Wulff vor, dem "Missmanagement" in der Führungsetage der JadeWeserPort-Realisierungsgesellschaft "zu lange zugesehen" zu haben. "Da wäre mal Ihr Handeln gefragt gewesen", sagt der SPD-Mann. Wulff konterte, die SPD müsse schon mal wissen, was sie wolle: "Mal werden wir von Ihrer Partei kritisiert, weil wir uns einmischen, dann sollen wir uns plötzlich wieder einschalten."
Vor dem TV-Duell war vor allem Jüttner die Anspannung anzumerken. Er kenne "den Wolfgang" ja schon lange, sagt ein Fernsehmann, "aber so feuchte Hände wie heute Abend hatte der noch nie". Wulff dagegen kommt fast eine Stunde später als zunächst geplant und angekündigt, erst gegen 20.15 Uhr fährt der Ministerpräsident vor. Auf der Fahrt ins Studio ordert sein Mitarbeiterstab schon mal vorab telefonisch einen Tee für den Landesvater. Der sei stark erkältet, heißt es. Als er kurze Zeit später das Studio betritt, gibt sich Wulff allerdings alle Mühe den Eindruck zu zerstreuen, er sei irgendwie angeschlagen.
Noch vor Beginn des TV-Duells erreicht die wartenden Journalisten die nächste Überraschung: Das ursprünglich 45-minütige TV-Duell soll nun plötzlich eine ganze Stunde dauern. Eine NDR-Sprecherin erklärt die "redaktionelle Entscheidung". Diese sei äußerst kurzfristig wegen der "positiven Resonanz im Vorfeld" gefällt worden.
NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz versucht gleich zu Beginn der Sendung um kurz nach 21.00 Uhr, dem TV-Duell Schärfe zu geben. Roland Koch (CDU) und Andrea Ypsilanti (SPD) hätten den Wählern in Hessen "richtig was geboten", sagte der Moderator mit Hinblick auf die Debatte um schärfere Jugendstrafen. Dann fragt er Jüttner auch noch, weshalb er denn die Trennung von Wulff und dessen Ehefrau in einem Interview thematisiert habe. Jüttner geht auf beides nur kurz ein, sagt, er setze auf einen "sachlichen Wahlkampf" und, dass er auf keiner Wahlveranstaltung das Privatleben seines "Mitbewerbers", wie er Wulff nennt, kritisiert habe. Und alle Schärfe ist dahin.
Während Wulff in der einstündigen Debatte gelassen und präsidial referiert, treibt Jüttner den Amtsinhaber weiter, wenn auch moderat vor sich her. Zur Hochschulpolitik der Regierung Wulff sagt er: "Das ist keine Erfolgsbilanz, das ist eine Tragödie." So angriffslustig hat man den oftmals als spröde bezeichneten Jüttner selten gesehen. Aber auch Wulff punktet am Mittwoch mehrmals. "Wenn sie immer der Linkspartei nachlaufen, machen sie die nur wichtig", sagt er.
Nach dem Duell reklamieren sofort beide Seiten den Sieg für sich. Die CDU lässt unter den Journalisten sogleich eine Presseerklärung verteilen, Wulff sagt in die Mikrofone und Kameras: "Wir sind der klare Sieger, weil wir klar gemacht haben, dass wir gut unterwegs sind." Und Jüttner? Der strahlte nach dem TV-Duell. "Ich freue mich auf die langen Gesichter der Meinungsforscher am Sonntag", sagte er beim Duell. Ein Stückchen näher scheint er dieser Freude gekommen.
Locker, lässig, gut gelaunt
09.01.2008 - 12:00
Braunschweig (ddp). An seinem Wohnort Salzburg
braucht Ferdinand Piech keinen Personenschützer. Auf
diese Feststellung legt der Aufsichtsratsvorsitzende
von Volkswagen am Mittwoch vor dem Braunschweiger
Landgericht Wert. Wenige Minuten zuvor hatten er und
sein Anwalt Matthias Prinz sich mit Hilfe eines
Personenschützers durch eine Horde Kamerateams und
Fotografen gekämpft, um überhaupt in das Gebäude zu
kommen. Dort sagte der starke Mann des Wolfsburger
Autokonzerns als Zeuge im VW-Prozess um Lustreisen
aus. Beteiligte und Zuschauer erlebten einen
entspannten, gut gelaunten Piech, der allerdings jede
Mitwisserschaft vehement von sich wies.
Lässig sitzt Piech auf dem Zeugenstuhl im Gerichtssaal 141. Dort hatten noch einen Tag zuvor drei nervöse frühere Sekretärinnen des angeklagten Ex-Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer ausführlich über schlüpfrige Details des "System VW" berichtet. Piech wirkt nicht nervös. Auf die Fragen des Gerichts antwortet er ruhig. Er berichtet von der Situation des damals schwer angeschlagenen Konzerns, als er am "2. Jänner 1993" Konzernchef wurde. Allein in Niedersachsen habe es einen "Personalüberhang" von 30 000 Mitarbeitern gegeben. Danach schildert Piech die von ihm vorangetriebene Sanierung des Konzerns.
Der 70-Jährige berichtet von der "Idee der Vier-Tage-Woche" des damaligen Personalvorstandes Peter Hartz und lobt dessen Arbeit in den höchsten Tönen. Dann plötzlich kommt er auf das Konto 1860 zu sprechen, über das Gebauer die Lustreisen abgerechnet haben soll. Er habe "keinen Anlass" gehabt, sich je mit dem Konto zu beschäftigen, sagte Piech. Zum einen gebe es bei VW zwischen 6000 und 7000 Konten, zum anderen habe es "keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten" gegeben. In der mit Spannung erwarteten Aussage beschrieb Piech seine frühere Arbeit als Konzernchef: "Ich kann ihnen mit Sicherheit sagen, dass ein Konzernvorstand sich um Kostenstellen dieser Größenordnung nicht kümmert", sagte der Aufsichtsratschef mit Blick auf das Konto 1860.
Auf die Frage des Gerichts, ob er von der brasilianischen Freundin des damaligen VW-Betriebsratschefs Klaus Volkert gewusst habe, sagte Piech: "Es gab Gerüchte. Ich gehe privaten Gerüchten nicht nach." Er betonte in seiner Zeugenaussage, er "verwerfe" die Unregelmäßigkeiten sehr und fügte hinzu: "Hätte ich davon gewusst, hätte ich es vehement bekämpft." In einem solchen Fall hätte er die Revision eingeschaltet, die "Polizei" bei VW, wie Piech es nennt.
Auch um die Besoldung der Betriebsräte habe er sich zu keiner Zeit gekümmert. Es könne durchaus sein, dass ihn Volkert wegen einer Erhöhung seiner Bezüge angesprochen habe. In so einem Fall hätte er Volkert an Hartz verwiesen. Piech erinnerte sich jedoch daran, dass Hartz ihn darauf angesprochen, ob er etwas gegen eine Anhebung der Bezüge Volkerts habe. "Ich hatte nichts dagegen", erläuterte Piech. Details seien ihm nicht bekannt gewesen. Zur Zusammenarbeit mit dem damaligen Betriebsratschef sagte Piech, er habe etwa "ein Mal im Jahr" ein ungefähr einstündiges Gespräch mit Volkert geführt. "Sein Büro ist zwei Kilometer von meinem entfernt gewesen", sagte Piech.
Je länger Piech von Gebauer-Anwalt Wolfgang Kubicki und Volkert-Anwalt Johann Schwenn befragt wurde, desto lockerer wurde er. Was Piech getan hätte, wenn er von den Unregelmäßigkeiten gewusst hätte, will Kubicki wissen. Er hätte den Beschuldigten "ein gutes Zeugnis gegeben und sie zum Mitbewerber geschickt", antwortete der, das linke Bein lässig auf den Aktenkoffer unter dem Zeugentisch gelegt.
Volkert und Ex-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer gelten als Schlüsselfiguren in der Affäre um Lustreisen und Bonuszahlungen für Betriebsräte des Wolfsburger Autokonzerns. Die Anklage wirft Volkert Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen vor. Gebauer muss sich wegen gemeinschaftlich begangener Untreue in 40 Fällen verantworten. Der Prozess wurde am Nachmittag mit der Zeugenbefragung des damaligen VW-Finanzvorstandes Jens Neumann fortgesetzt. Der achte Prozesstag ist für den 15. Januar geplant.
Lässig sitzt Piech auf dem Zeugenstuhl im Gerichtssaal 141. Dort hatten noch einen Tag zuvor drei nervöse frühere Sekretärinnen des angeklagten Ex-Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer ausführlich über schlüpfrige Details des "System VW" berichtet. Piech wirkt nicht nervös. Auf die Fragen des Gerichts antwortet er ruhig. Er berichtet von der Situation des damals schwer angeschlagenen Konzerns, als er am "2. Jänner 1993" Konzernchef wurde. Allein in Niedersachsen habe es einen "Personalüberhang" von 30 000 Mitarbeitern gegeben. Danach schildert Piech die von ihm vorangetriebene Sanierung des Konzerns.
Der 70-Jährige berichtet von der "Idee der Vier-Tage-Woche" des damaligen Personalvorstandes Peter Hartz und lobt dessen Arbeit in den höchsten Tönen. Dann plötzlich kommt er auf das Konto 1860 zu sprechen, über das Gebauer die Lustreisen abgerechnet haben soll. Er habe "keinen Anlass" gehabt, sich je mit dem Konto zu beschäftigen, sagte Piech. Zum einen gebe es bei VW zwischen 6000 und 7000 Konten, zum anderen habe es "keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten" gegeben. In der mit Spannung erwarteten Aussage beschrieb Piech seine frühere Arbeit als Konzernchef: "Ich kann ihnen mit Sicherheit sagen, dass ein Konzernvorstand sich um Kostenstellen dieser Größenordnung nicht kümmert", sagte der Aufsichtsratschef mit Blick auf das Konto 1860.
Auf die Frage des Gerichts, ob er von der brasilianischen Freundin des damaligen VW-Betriebsratschefs Klaus Volkert gewusst habe, sagte Piech: "Es gab Gerüchte. Ich gehe privaten Gerüchten nicht nach." Er betonte in seiner Zeugenaussage, er "verwerfe" die Unregelmäßigkeiten sehr und fügte hinzu: "Hätte ich davon gewusst, hätte ich es vehement bekämpft." In einem solchen Fall hätte er die Revision eingeschaltet, die "Polizei" bei VW, wie Piech es nennt.
Auch um die Besoldung der Betriebsräte habe er sich zu keiner Zeit gekümmert. Es könne durchaus sein, dass ihn Volkert wegen einer Erhöhung seiner Bezüge angesprochen habe. In so einem Fall hätte er Volkert an Hartz verwiesen. Piech erinnerte sich jedoch daran, dass Hartz ihn darauf angesprochen, ob er etwas gegen eine Anhebung der Bezüge Volkerts habe. "Ich hatte nichts dagegen", erläuterte Piech. Details seien ihm nicht bekannt gewesen. Zur Zusammenarbeit mit dem damaligen Betriebsratschef sagte Piech, er habe etwa "ein Mal im Jahr" ein ungefähr einstündiges Gespräch mit Volkert geführt. "Sein Büro ist zwei Kilometer von meinem entfernt gewesen", sagte Piech.
Je länger Piech von Gebauer-Anwalt Wolfgang Kubicki und Volkert-Anwalt Johann Schwenn befragt wurde, desto lockerer wurde er. Was Piech getan hätte, wenn er von den Unregelmäßigkeiten gewusst hätte, will Kubicki wissen. Er hätte den Beschuldigten "ein gutes Zeugnis gegeben und sie zum Mitbewerber geschickt", antwortete der, das linke Bein lässig auf den Aktenkoffer unter dem Zeugentisch gelegt.
Volkert und Ex-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer gelten als Schlüsselfiguren in der Affäre um Lustreisen und Bonuszahlungen für Betriebsräte des Wolfsburger Autokonzerns. Die Anklage wirft Volkert Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen vor. Gebauer muss sich wegen gemeinschaftlich begangener Untreue in 40 Fällen verantworten. Der Prozess wurde am Nachmittag mit der Zeugenbefragung des damaligen VW-Finanzvorstandes Jens Neumann fortgesetzt. Der achte Prozesstag ist für den 15. Januar geplant.
"Das ist schon recht langweilig"
21.12.2007 - 12:00
Elsfleth (ddp-nrd). Thomas Hillen ist ein typischer
Mann. Einer, der am 24. Dezember kurz vor
Ladenschluss noch einmal schnell in die Stadt fährt
und Weihnachtsgeschenke kauft. Doch daraus wird in
diesem Jahr nichts. Sein Dienstplan macht dem
42-jährigen Wärter des Huntesperrwerks einen Strich
durch die Rechnung: Denn in der Weihnachtswoche muss
er täglich von 6 bis 14 Uhr Frühschicht schieben. Und
in Elsfleth in der Wesermarsch sind die Geschäfte
nach Hillens Dienstschluss schon zu.
"Dieses Jahr musste ich ja gezwungenermaßen den Turbo einlegen", sagt Hillen, lacht fröhlich und wuschelt sich dabei durch seine ohnehin schon verstrubbelten blonden Haare. Turbo heißt: Die Weihnachtsgeschenke sind schon besorgt. "Aber am Samstag muss ich noch für die ganze Woche Essen einkaufen - sonst gibt es nur trocken Brot", erläutert er. Denn in Elsfleth machen die Geschäfte nicht nur an Heiligabend schon um 12 Uhr zu, das bleibt auch noch bis nach Neujahr so.
Für Hillen ist es beileibe nicht das erste Mal, dass er an den Weihnachtsfeiertagen Dienst schieben muss. Im Schnitt ist das jedes zweite Jahr der Fall. Und wenn er nicht an Weihnachten Dienst hat, muss er eben an Silvester und Neujahr ran. Im Huntesperrwerk arbeiten sieben Mann und der Chef im Dreischichtbetrieb, viel Freiraum für ein arbeitsfreies Weihnachten gibt es da nicht. Schließlich fahren auch in der Weihnachtswoche Frachtschiffe - und Sturmfluten richten sich sowieso nicht nach Feiertagen.
"Ich habe kein Problem damit, zu Weihnachten zu arbeiten. Ich mach' das sogar lieber als an Silvester", sagt der 42-Jährige. Früher, als seine Tochter noch kleiner war, sei das anders gewesen. "Da will man als Papa natürlich zur Bescherung zu Hause sein", betont er. Ob man nun kleine Kinder hat oder nicht: Verschont vom Feiertagsdienst wird niemand, weil die Dienstpläne am Sperrwerk einem strengen Rhythmus folgen. Zumindest offiziell. "Die Kollegen tauschen untereinander", sagt Sperrwerkschef Hamifh Davis: "Das ist okay."
Das Schlimmste sei nicht das Arbeiten, sondern das stundenlange Alleinsein an den Feiertagen. Man dürfe nicht fernsehen, nur Radio hören - und lesen. Acht Stunden lang. "Das ist schon recht eintönig und langweilig", sagt Hillen. Da tröstet ihn auch der phänomenale 360-Grad-Panoramablick aus dem Kontrollraum des Sperrwerksturms nicht. "Zu Weihnachten ist das egal, aber Silvester ist das richtig toll." Wenn es nicht neblig sei, könne man bis nach Bremen blicken und das Feuerwerk dort beobachten.
Trotz drohender Weihnachtslangeweile hofft der Sperrwerkswärter im Dienst des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), dass an den Tagen zwischen den Jahren nichts passiert. "Bitte keine Sturmflut - aber bitte auch keine Schiffshavarie oder Wasserverunreinigung", sagt Hillen und rückt seine Brille mit den kleinen runden Gläsern wieder zurecht. "Das passiert nämlich bevorzugt, wenn man hier alleine steht", fügt er hinzu.
In diesem Jahr ist das Weihnachtsfest für Hillen und seine Familie übrigens doppelt kompliziert. Nicht nur, dass er arbeiten muss. Hillens Frau ist an den Feiertagen nicht zu Hause, sondern in einer Wilhelmshavener Reha-Klinik, sie ist seit vielen Jahren schwer krank - und seine zwölfjährige Tochter an den Weihnachtstagen daher viel allein. "Deshalb pack' ich am Montag nach Dienstschluss meine Tochter, alle Geschenke und einen Plastikbaum ins Auto - und dann geht's auf nach Wilhelmshaven", sagt er. Stress statt Stille Nacht.
"Dieses Jahr musste ich ja gezwungenermaßen den Turbo einlegen", sagt Hillen, lacht fröhlich und wuschelt sich dabei durch seine ohnehin schon verstrubbelten blonden Haare. Turbo heißt: Die Weihnachtsgeschenke sind schon besorgt. "Aber am Samstag muss ich noch für die ganze Woche Essen einkaufen - sonst gibt es nur trocken Brot", erläutert er. Denn in Elsfleth machen die Geschäfte nicht nur an Heiligabend schon um 12 Uhr zu, das bleibt auch noch bis nach Neujahr so.
Für Hillen ist es beileibe nicht das erste Mal, dass er an den Weihnachtsfeiertagen Dienst schieben muss. Im Schnitt ist das jedes zweite Jahr der Fall. Und wenn er nicht an Weihnachten Dienst hat, muss er eben an Silvester und Neujahr ran. Im Huntesperrwerk arbeiten sieben Mann und der Chef im Dreischichtbetrieb, viel Freiraum für ein arbeitsfreies Weihnachten gibt es da nicht. Schließlich fahren auch in der Weihnachtswoche Frachtschiffe - und Sturmfluten richten sich sowieso nicht nach Feiertagen.
"Ich habe kein Problem damit, zu Weihnachten zu arbeiten. Ich mach' das sogar lieber als an Silvester", sagt der 42-Jährige. Früher, als seine Tochter noch kleiner war, sei das anders gewesen. "Da will man als Papa natürlich zur Bescherung zu Hause sein", betont er. Ob man nun kleine Kinder hat oder nicht: Verschont vom Feiertagsdienst wird niemand, weil die Dienstpläne am Sperrwerk einem strengen Rhythmus folgen. Zumindest offiziell. "Die Kollegen tauschen untereinander", sagt Sperrwerkschef Hamifh Davis: "Das ist okay."
Das Schlimmste sei nicht das Arbeiten, sondern das stundenlange Alleinsein an den Feiertagen. Man dürfe nicht fernsehen, nur Radio hören - und lesen. Acht Stunden lang. "Das ist schon recht eintönig und langweilig", sagt Hillen. Da tröstet ihn auch der phänomenale 360-Grad-Panoramablick aus dem Kontrollraum des Sperrwerksturms nicht. "Zu Weihnachten ist das egal, aber Silvester ist das richtig toll." Wenn es nicht neblig sei, könne man bis nach Bremen blicken und das Feuerwerk dort beobachten.
Trotz drohender Weihnachtslangeweile hofft der Sperrwerkswärter im Dienst des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), dass an den Tagen zwischen den Jahren nichts passiert. "Bitte keine Sturmflut - aber bitte auch keine Schiffshavarie oder Wasserverunreinigung", sagt Hillen und rückt seine Brille mit den kleinen runden Gläsern wieder zurecht. "Das passiert nämlich bevorzugt, wenn man hier alleine steht", fügt er hinzu.
In diesem Jahr ist das Weihnachtsfest für Hillen und seine Familie übrigens doppelt kompliziert. Nicht nur, dass er arbeiten muss. Hillens Frau ist an den Feiertagen nicht zu Hause, sondern in einer Wilhelmshavener Reha-Klinik, sie ist seit vielen Jahren schwer krank - und seine zwölfjährige Tochter an den Weihnachtstagen daher viel allein. "Deshalb pack' ich am Montag nach Dienstschluss meine Tochter, alle Geschenke und einen Plastikbaum ins Auto - und dann geht's auf nach Wilhelmshaven", sagt er. Stress statt Stille Nacht.
"Die suchen den Kick"
24.11.2007 - 12:00
Waldalgesheim (ddp-rps). Sie kommen bei Nacht und
Nebel, ausgerüstet mit Beil und Säge. Jahr für Jahr
werden brave Familienväter in der Vorweihnachtszeit
zu dreisten Dieben und stehlen ihren Weihnachtsbaum,
anstatt ihn zu kaufen. Schon Wochen zuvor hätten sie
beim Sonntagsspaziergang die Bäume ihrer Begierde mit
kleinen Bändern markiert, berichtet Forstrevierleiter
Paul Gerhard Peitz vom Forstamt Boppard. "Um sie in
der Dunkelheit leichter zu finden", erläutert der
52-Jährige. Allein im Stadtwald von Bingen
verschwindet jeden Dezember eine Handvoll Bäume.
"Für viele ist der Weihnachtsbaum-Klau ein 'Sport', ein Wettstreit mit den Förstern", sagt Peitz, "wie früher das Wildern." Deshalb behielten auch die wenigsten Baumdiebe ihre Beutezüge für sich, sie prahlten vielmehr ganz offen damit. Schuldbewusstsein sei Fehlanzeige, sagt der Forstrevierleiter. Dabei sei der Diebstahl von Christbäumen schon seit Jahren kein Kavaliersdelikt mehr. Früher sei der Dieb mit einem Bußgeld verwarnt worden. Inzwischen wurde aus der Ordnungswidrigkeit jedoch ein Straftatbestand. "Wir zeigen jeden Dieb an", sagt Peitz.
Weil Peitz und seine wenigen Mitarbeiter ihr 14 000 Hektar großes Forstrevier nicht flächendeckend und schon gar nicht rund um die Uhr kontrollieren können, lässt sich der jährliche Baumdiebstahl nicht völlig verhindern. Dabei will das Forstamt Boppard die Fichten und Tannen aus seinen Baumkulturen durchaus nicht für sich behalten. Am dritten Adventswochenende verkaufen die Förster jedes Jahr bis zu 500 Bäume. "Die Rotfichte gibt es für zehn Euro pro Meter", sagt Peitz. Ein faires Angebot, findet er. Da müsse doch niemand klauen.
Es regnet Bindfäden, als Peitz am Morgen durch das hohe Gras einer Lichtung im Stadtwald von Bingen bei Waldalgesheim stapft. Dort, wo früher eine Seilbahn Manganerz und Dolomit aus dem Bergwerk transportierte, stehen heute bis zu anderthalb Meter hohe Tannen und Fichten in Reih und Glied. "Da, den hat jemand markiert", sagt Peitz und deutet auf ein Stück blaues Geschenkband, das um den Stamm einer Blaufichte gebunden ist. Wenige Meter weiter findet er die nächsten Bändchen. "Die hat sich jemand ausgeguckt", sagt der 52-Jährige.
Einige Kollegen machten die Bändchen ab oder hängten sie "an nicht ganz so schöne, krumme oder verwachsene Bäume", berichtet Peitz. In der Dunkelheit, wenn die Diebe ihren markierten Baum holten, sehe ein Nadelbaum aus wie der andere: "Aber sobald sie dann zu Hause merken, dass der Baum nicht schön ist, kommen sie eben noch mal und holen einen zweiten." Gleiches gelte für die Behandlung der Bäume mit Flüssigkeiten, die bei Raumtemperatur zu stinken beginnen.
Jedes Jahr in der Adventszeit begegnen dem erfahrenen Förster auf seinen Kontrollgängen und -fahrten potenzielle Diebe auf Baumschau. Er sehe gleich, "wenn einer nicht nur spazieren gehen will". Deshalb sei er dann auch immer sehr direkt. "Haben sie schon einen, oder suchen sie noch?", frage er die Leute zum Beispiel. Oder auch: "Kann ich helfen? Ich hab' eine Motorsäge im Kofferraum." Die meisten würden sich daraufhin "kleinlaut verdrücken". Einige fragten aber auch naiv, wieso man die Bäume nicht einfach mitnehmen dürfe.
Zwei Mal hat Peitz auch schon Christbaumdiebe auf frischer Tat mit ihrem Diebesgut ertappt. Die Antwort des einen macht den Förster auch heute noch ein bisschen sprachlos. "Die stehen doch sonst bloß im Wald rum", habe der Langfinger gesagt. Der Schaden, den die Baumwilderer verursachten, sei zwar nicht hoch, aber es komme immer mal wieder vor, dass ein Baum dem Dieb nach dem Absägen nicht mehr so gut gefällt und einfach liegen gelassen wird. Aus finanzieller Not stehle wohl niemand einen Baum, sagt Peitz. Das Spektrum reiche von Jung bis Alt und von Arm bis Reich: "Die suchen eben den Kick."
"Für viele ist der Weihnachtsbaum-Klau ein 'Sport', ein Wettstreit mit den Förstern", sagt Peitz, "wie früher das Wildern." Deshalb behielten auch die wenigsten Baumdiebe ihre Beutezüge für sich, sie prahlten vielmehr ganz offen damit. Schuldbewusstsein sei Fehlanzeige, sagt der Forstrevierleiter. Dabei sei der Diebstahl von Christbäumen schon seit Jahren kein Kavaliersdelikt mehr. Früher sei der Dieb mit einem Bußgeld verwarnt worden. Inzwischen wurde aus der Ordnungswidrigkeit jedoch ein Straftatbestand. "Wir zeigen jeden Dieb an", sagt Peitz.
Weil Peitz und seine wenigen Mitarbeiter ihr 14 000 Hektar großes Forstrevier nicht flächendeckend und schon gar nicht rund um die Uhr kontrollieren können, lässt sich der jährliche Baumdiebstahl nicht völlig verhindern. Dabei will das Forstamt Boppard die Fichten und Tannen aus seinen Baumkulturen durchaus nicht für sich behalten. Am dritten Adventswochenende verkaufen die Förster jedes Jahr bis zu 500 Bäume. "Die Rotfichte gibt es für zehn Euro pro Meter", sagt Peitz. Ein faires Angebot, findet er. Da müsse doch niemand klauen.
Es regnet Bindfäden, als Peitz am Morgen durch das hohe Gras einer Lichtung im Stadtwald von Bingen bei Waldalgesheim stapft. Dort, wo früher eine Seilbahn Manganerz und Dolomit aus dem Bergwerk transportierte, stehen heute bis zu anderthalb Meter hohe Tannen und Fichten in Reih und Glied. "Da, den hat jemand markiert", sagt Peitz und deutet auf ein Stück blaues Geschenkband, das um den Stamm einer Blaufichte gebunden ist. Wenige Meter weiter findet er die nächsten Bändchen. "Die hat sich jemand ausgeguckt", sagt der 52-Jährige.
Einige Kollegen machten die Bändchen ab oder hängten sie "an nicht ganz so schöne, krumme oder verwachsene Bäume", berichtet Peitz. In der Dunkelheit, wenn die Diebe ihren markierten Baum holten, sehe ein Nadelbaum aus wie der andere: "Aber sobald sie dann zu Hause merken, dass der Baum nicht schön ist, kommen sie eben noch mal und holen einen zweiten." Gleiches gelte für die Behandlung der Bäume mit Flüssigkeiten, die bei Raumtemperatur zu stinken beginnen.
Jedes Jahr in der Adventszeit begegnen dem erfahrenen Förster auf seinen Kontrollgängen und -fahrten potenzielle Diebe auf Baumschau. Er sehe gleich, "wenn einer nicht nur spazieren gehen will". Deshalb sei er dann auch immer sehr direkt. "Haben sie schon einen, oder suchen sie noch?", frage er die Leute zum Beispiel. Oder auch: "Kann ich helfen? Ich hab' eine Motorsäge im Kofferraum." Die meisten würden sich daraufhin "kleinlaut verdrücken". Einige fragten aber auch naiv, wieso man die Bäume nicht einfach mitnehmen dürfe.
Zwei Mal hat Peitz auch schon Christbaumdiebe auf frischer Tat mit ihrem Diebesgut ertappt. Die Antwort des einen macht den Förster auch heute noch ein bisschen sprachlos. "Die stehen doch sonst bloß im Wald rum", habe der Langfinger gesagt. Der Schaden, den die Baumwilderer verursachten, sei zwar nicht hoch, aber es komme immer mal wieder vor, dass ein Baum dem Dieb nach dem Absägen nicht mehr so gut gefällt und einfach liegen gelassen wird. Aus finanzieller Not stehle wohl niemand einen Baum, sagt Peitz. Das Spektrum reiche von Jung bis Alt und von Arm bis Reich: "Die suchen eben den Kick."
Mit Schweinskopfsülze von Dorf zu Dorf
23.10.2007 - 12:00
Gamlen (ddp-rps). Wenn Jürgen Maas seinen Transporter
die Hunsrückberge hinauf quält, rumpelt es in den
Regalen hinter ihm. Doch die Schweinskopfsülze und
die Eukalyptus-Bonbons sitzen fest in ihren Fächern.
Seit beinahe 18 Jahren fährt Maas nun schon in einem
rollenden Supermarkt der Firma Heiko durch die Lande.
"Ich mach das gerne", sagt er in breitem Dialekt. In
vielen Dörfern ist sein Verkaufswagen die einzige
Einkaufsmöglichkeit - aber vielleicht ist es auch
damit bald vorbei.
Dienstagvormittag, kurz nach 10.30 Uhr: Mit lärmendem Geklingel lenkt Maas seinen Supermarkt auf Rädern durch die Straßen von Gamlen im Landkreis Cochem-Zell. Walter Schwarz steht bereits auf dem Trottoir und wartet. Schon seit Jahrzehnten kauft er "beim Heiko" an, wie sie die rollenden Läden hier nennen. "Das ist praktisch, der hält ja direkt vor der Haustür", sagt der 65-Jährige. Er habe kein Auto und mit dem Bus zum Einkaufen nach Kaisersesch zu fahren sei "ziemlich teuer". Also kauft er alles, was er braucht, bei Jürgen Maas.
Doch damit könnte es bald vorbei sein. Am Mittwoch berät der Verkehrsausschuss des Bundesrates über eine neue EU-Vorschrift. Sie soll die bisherigen nationalen Regelungen zu Lenk- und Ruhezeiten vereinheitlichen. Für Maas und seine Kollegen wäre diese Brüsseler Verordnung eine mittlere Katastrophe. In der Regel ist er zwischen 6.00 Uhr morgens und 19.00 Uhr abends unterwegs. Die meiste Zeit davon sitzt er zwar nicht am Steuer, sondern steht hinterm Tresen. Doch da macht die geplante EU-Verordnung keinen Unterschied: Wenn sie kommt, darf Maas nur noch neun Stunden plus 45 Minuten Pause pro Tag unterwegs sein, egal ob er morgens einlädt, fährt oder Waren verkauft.
Weil Jürgen Maas über eine Umsatzbeteiligung bezahlt wird, würde sich die Arbeit für den Vater von drei Kindern künftig nicht mehr lohnen. "Um 5.30 Uhr habe ich angefangen den Wagen zu beladen", sagt er. Erst dreieinhalb Stunden später habe er die erste Station seiner Verkaufstour erreicht. "Und erst ab diesem Zeitpunkt verdiene ich Geld", sagt Maas. Sein Chef, Reinhard Steinkamp von "Heiko" aus Neuendorf in der Eifel, wirft dem Einzelhandelsverband vor, dieser habe "nicht laut genug für die rollenden Supermärkte getrommelt", als die EU-Verordnung verabschiedet wurde. Für andere Berufsgruppen, wie etwa die Paketdienstfahrer, gebe es ja auch Ausnahmeregeln.
Hermann Wagner hat von den Zukunftssorgen der Verkaufsfahrer keine Ahnung. In aller Seelenruhe nimmt er von Jürgen Maas den Salatkopf entgegen, legt seine zwei Packungen Nudeln in das Körbchen seiner rollenden Gehhilfe. "Haben Sie heute Buttermilch dabei", fragt der 81-Jährige. "Ohne Frucht", schiebt er hinterher. "Leider nur im Sommer, Herr Wagner", sagt Maas. Der Senior zuckt mit den Schultern: "Für mich wäre das richtig schlimm, wenn der 'Heiko' nicht mehr käme." Er wolle beim Einkaufen nicht nur auf seine Tochter angewiesen sein. Für den 81-Jährigen ist der rollende Supermarkt ein Stück Selbstständigkeit.
Marga Wötzel geht es da ganz ähnlich. Wenn ihre Tochter Christa nicht zu Besuch ist, ist der rollende Supermarkt für sie die einzige Möglichkeit, ohne fremde Hilfe an Lebensmittel zu kommen. Deshalb habe sie auch schon mal bei der Firma angerufen, "weil das Auto nicht gekommen ist", sagt sie. Jürgen Maas weiß das. Deshalb erinnert er seine Kunden auch mal, wenn sie etwas Wichtiges wie Butter oder Mehl vergessen. "Ich weiß ja ungefähr, was die Leute an Vorräten haben", sagt er. Dann kurbelt er den Rollladen vor der Theke wieder herunter, setzt sich ans Steuer und rumpelt weiter - von Dorf zu Dorf.
Dienstagvormittag, kurz nach 10.30 Uhr: Mit lärmendem Geklingel lenkt Maas seinen Supermarkt auf Rädern durch die Straßen von Gamlen im Landkreis Cochem-Zell. Walter Schwarz steht bereits auf dem Trottoir und wartet. Schon seit Jahrzehnten kauft er "beim Heiko" an, wie sie die rollenden Läden hier nennen. "Das ist praktisch, der hält ja direkt vor der Haustür", sagt der 65-Jährige. Er habe kein Auto und mit dem Bus zum Einkaufen nach Kaisersesch zu fahren sei "ziemlich teuer". Also kauft er alles, was er braucht, bei Jürgen Maas.
Doch damit könnte es bald vorbei sein. Am Mittwoch berät der Verkehrsausschuss des Bundesrates über eine neue EU-Vorschrift. Sie soll die bisherigen nationalen Regelungen zu Lenk- und Ruhezeiten vereinheitlichen. Für Maas und seine Kollegen wäre diese Brüsseler Verordnung eine mittlere Katastrophe. In der Regel ist er zwischen 6.00 Uhr morgens und 19.00 Uhr abends unterwegs. Die meiste Zeit davon sitzt er zwar nicht am Steuer, sondern steht hinterm Tresen. Doch da macht die geplante EU-Verordnung keinen Unterschied: Wenn sie kommt, darf Maas nur noch neun Stunden plus 45 Minuten Pause pro Tag unterwegs sein, egal ob er morgens einlädt, fährt oder Waren verkauft.
Weil Jürgen Maas über eine Umsatzbeteiligung bezahlt wird, würde sich die Arbeit für den Vater von drei Kindern künftig nicht mehr lohnen. "Um 5.30 Uhr habe ich angefangen den Wagen zu beladen", sagt er. Erst dreieinhalb Stunden später habe er die erste Station seiner Verkaufstour erreicht. "Und erst ab diesem Zeitpunkt verdiene ich Geld", sagt Maas. Sein Chef, Reinhard Steinkamp von "Heiko" aus Neuendorf in der Eifel, wirft dem Einzelhandelsverband vor, dieser habe "nicht laut genug für die rollenden Supermärkte getrommelt", als die EU-Verordnung verabschiedet wurde. Für andere Berufsgruppen, wie etwa die Paketdienstfahrer, gebe es ja auch Ausnahmeregeln.
Hermann Wagner hat von den Zukunftssorgen der Verkaufsfahrer keine Ahnung. In aller Seelenruhe nimmt er von Jürgen Maas den Salatkopf entgegen, legt seine zwei Packungen Nudeln in das Körbchen seiner rollenden Gehhilfe. "Haben Sie heute Buttermilch dabei", fragt der 81-Jährige. "Ohne Frucht", schiebt er hinterher. "Leider nur im Sommer, Herr Wagner", sagt Maas. Der Senior zuckt mit den Schultern: "Für mich wäre das richtig schlimm, wenn der 'Heiko' nicht mehr käme." Er wolle beim Einkaufen nicht nur auf seine Tochter angewiesen sein. Für den 81-Jährigen ist der rollende Supermarkt ein Stück Selbstständigkeit.
Marga Wötzel geht es da ganz ähnlich. Wenn ihre Tochter Christa nicht zu Besuch ist, ist der rollende Supermarkt für sie die einzige Möglichkeit, ohne fremde Hilfe an Lebensmittel zu kommen. Deshalb habe sie auch schon mal bei der Firma angerufen, "weil das Auto nicht gekommen ist", sagt sie. Jürgen Maas weiß das. Deshalb erinnert er seine Kunden auch mal, wenn sie etwas Wichtiges wie Butter oder Mehl vergessen. "Ich weiß ja ungefähr, was die Leute an Vorräten haben", sagt er. Dann kurbelt er den Rollladen vor der Theke wieder herunter, setzt sich ans Steuer und rumpelt weiter - von Dorf zu Dorf.
"Es hieß, der ist Student"
05.09.2007 - 12:00
Saarbrücken (ddp-rps). Das Mehrfamilienhaus im
Saarbrücker Stadtteil Dudweiler hat schon bessere
Tage gesehen. Die Eternit-Platten-Verkleidung aus den
60er Jahren bröckelt, die Fenster sind dreckig, der
Hausflur ist heruntergekommen. Hier hat der
22-jährige Daniel S. gewohnt, einer der drei
Terrorverdächtigen, die am Dienstag in einem kleinen
Dorf an der hessisch-nordrhein-westfälischen Grenze
von Bundeskriminalamt und GSG9 festgenommen wurden.
Die Nachbarn sind geschockt. "Hier leben doch sonst nur ruhige Menschen", sagt ein Nachbar, der in Jogginghose und Achsel-Shirt auf der Straße steht. "Die sind halt jeden Freitag gekommen, waren ein bis zwei Stunden da und sind dann wieder gefahren", erzählt er. "Die", das sind Muslime des Vereins "Islamische Begegnungsgemeinschaft", der im Hinterhof des Hauses eine Moschee eingerichtet hat. Seit 15 Jahren kommen die Muslime freitags hierher.
Seit fast einem Jahr habe Daniel S. in dem Haus gewohnt, erinnert sich eine Nachbarin, selbst eine Muslima. Mitten in der Nacht habe S. häufig Besuch "von Leuten in großen Autos" bekommen, einige hätten "lange Bärte wie die Taliban" gehabt. Diese Gruppe habe immer sehr geheimnisvoll getan und im Hinterhof regelmäßig stapelweise CDs verbrannt. "Das hat so gestunken, ich bin davon mehrmals nachts aufgewacht", erinnert sie sich.
Was genau sich in dem Haus, im Hinterhof und in der sogenannten Omar-Moschee alles zugetragen hat, das weiß die Nachbarin nicht. Wie der Unterschlupf eines Terroristen wirkt das Areal nicht. Überall steht Spielzeug, mehrere Kinderfahrräder lehnen an der Wand, auf einer alten, abgewetzten Ledersofa-Garnitur liegt ein Kater. Die Türen zum Gebets- und Aufenthaltsraum der Moschee stehen offen. Von Geheimniskrämerei keine Spur.
Hauseigentümer Jamil Khalil kann das alles nicht verstehen. Der gebürtige Jordanier betreibt in Saarbrücken eine kleine Landschafts- und Gartenbau-Firma. "Gott sei Dank habe ich nichts mit dem zu tun", sagt er. Er habe S. zwar eine Wohnung in dem Haus "für 100 Euro" vermietet, aber nur, weil ihn zwei tunesische Studenten darum gebeten hätten. "Studenten haben nicht viel, also habe ich ihm eine günstige Wohnung gegeben. Mehr nicht", sagt Khalil.
Khalil hat die "Islamische Begegnungsgemeinschaft" mitbegründet und in dem Haus eine Moschee eingerichtet. Jeden Freitag geht er nach Dudweiler, um zu beten. "Ich wusste von nichts, bis die Staatsanwaltschaft angerufen hat", sagt er. Er lebe gern in Deutschland, er habe sogar einen deutschen Pass und wolle nicht "mit diesen Terroristen" in eine Ecke gestellt werden. "Es hieß, der ist Student! Und jetzt das! So ein Schwein", wettert der Unternehmer.
Afif Salame, Mitarbeiter in Khalils Firma und Hausmeister in Khalils Dudweiler Haus, will von den nächtlichen Treffen nichts mitbekommen haben. "Ich stehe nicht gleich am Fenster und schaue raus, wenn jemand Besuch bekommt", sagt er. Dass die Nachbarn der Moschee Verdächtiges bemerkt haben wollen, erstaunt Khalil: "Warum haben die uns das nicht erzählt? Oder warum waren sie nicht bei der Polizei? Wir haben doch ein gutes Verhältnis mit denen."
"Ich bin ein ängstlicher Mensch", sagt die Nachbarin: "Ich habe mich nicht getraut." Und sie hat noch immer Angst. "Die haben ja nur drei Leute festgenommen - aber da waren nachts immer viel mehr Leute", sagt sie. Und seufzt.
Die Nachbarn sind geschockt. "Hier leben doch sonst nur ruhige Menschen", sagt ein Nachbar, der in Jogginghose und Achsel-Shirt auf der Straße steht. "Die sind halt jeden Freitag gekommen, waren ein bis zwei Stunden da und sind dann wieder gefahren", erzählt er. "Die", das sind Muslime des Vereins "Islamische Begegnungsgemeinschaft", der im Hinterhof des Hauses eine Moschee eingerichtet hat. Seit 15 Jahren kommen die Muslime freitags hierher.
Seit fast einem Jahr habe Daniel S. in dem Haus gewohnt, erinnert sich eine Nachbarin, selbst eine Muslima. Mitten in der Nacht habe S. häufig Besuch "von Leuten in großen Autos" bekommen, einige hätten "lange Bärte wie die Taliban" gehabt. Diese Gruppe habe immer sehr geheimnisvoll getan und im Hinterhof regelmäßig stapelweise CDs verbrannt. "Das hat so gestunken, ich bin davon mehrmals nachts aufgewacht", erinnert sie sich.
Was genau sich in dem Haus, im Hinterhof und in der sogenannten Omar-Moschee alles zugetragen hat, das weiß die Nachbarin nicht. Wie der Unterschlupf eines Terroristen wirkt das Areal nicht. Überall steht Spielzeug, mehrere Kinderfahrräder lehnen an der Wand, auf einer alten, abgewetzten Ledersofa-Garnitur liegt ein Kater. Die Türen zum Gebets- und Aufenthaltsraum der Moschee stehen offen. Von Geheimniskrämerei keine Spur.
Hauseigentümer Jamil Khalil kann das alles nicht verstehen. Der gebürtige Jordanier betreibt in Saarbrücken eine kleine Landschafts- und Gartenbau-Firma. "Gott sei Dank habe ich nichts mit dem zu tun", sagt er. Er habe S. zwar eine Wohnung in dem Haus "für 100 Euro" vermietet, aber nur, weil ihn zwei tunesische Studenten darum gebeten hätten. "Studenten haben nicht viel, also habe ich ihm eine günstige Wohnung gegeben. Mehr nicht", sagt Khalil.
Khalil hat die "Islamische Begegnungsgemeinschaft" mitbegründet und in dem Haus eine Moschee eingerichtet. Jeden Freitag geht er nach Dudweiler, um zu beten. "Ich wusste von nichts, bis die Staatsanwaltschaft angerufen hat", sagt er. Er lebe gern in Deutschland, er habe sogar einen deutschen Pass und wolle nicht "mit diesen Terroristen" in eine Ecke gestellt werden. "Es hieß, der ist Student! Und jetzt das! So ein Schwein", wettert der Unternehmer.
Afif Salame, Mitarbeiter in Khalils Firma und Hausmeister in Khalils Dudweiler Haus, will von den nächtlichen Treffen nichts mitbekommen haben. "Ich stehe nicht gleich am Fenster und schaue raus, wenn jemand Besuch bekommt", sagt er. Dass die Nachbarn der Moschee Verdächtiges bemerkt haben wollen, erstaunt Khalil: "Warum haben die uns das nicht erzählt? Oder warum waren sie nicht bei der Polizei? Wir haben doch ein gutes Verhältnis mit denen."
"Ich bin ein ängstlicher Mensch", sagt die Nachbarin: "Ich habe mich nicht getraut." Und sie hat noch immer Angst. "Die haben ja nur drei Leute festgenommen - aber da waren nachts immer viel mehr Leute", sagt sie. Und seufzt.
Mörderische Eifel
01.09.2007 - 12:00
Hillesheim (ddp-rps). Ein Leben ohne Mord und
Totschlag? Für Monika und Ralf Kramp ist das
unvorstellbar. Dem Ehepaar aus Hillesheim in der
Eifel ist nichts zu brutal, nichts zu blutig. Denn
Krimis sind ihr Leben. Während Ralf Kramp selbst
Krimis schreibt und verlegt, verkauft seine Frau
Monika in der 3200-Einwohner-Stadt den Lesestoff in
der riesigen Krimi-Abteilung ihrer Buchhandlung.
Mitte September eröffnen die beiden nun auch noch die
nach ihren Angaben mit 26 000 Büchern größte
Kriminalbibliothek Deutschlands.
Die Eifel ist schon seit Jahren ein hochgefährliches Pflaster - zumindest in literarischer Hinsicht. Der erfolgreiche deutsche Krimi-Autor Jacques Berndorf machte die Region 1989 mit seinem ersten Eifel-Krimi zum Tatort, viele weitere Schriftsteller taten es ihm daraufhin gleich. Seither wurden in der Eifel Krimi-Wanderwege eingeweiht und Krimi-Festivals organisiert. Sogar ein Krimi-Reiseführer zu den unzähligen Tatorten in den Eifel-Krimis der verschiedenen Autoren ist mittlerweile erschienen.
Eineinhalb Jahre ist es nun her, dass Kramps Schriftsteller-Kollege Thomas Przybilka einen Käufer für seine private Krimisammlung suchte. "Eigentlich wollten wir die Bücher gar nicht", erinnert sich Ralf Kramp. Weil aber alle anderen Interessenten die Sammlung zerpflücken und möglichst profitabel im Internet verhökern wollten, "mussten wir diese Privatbibliothek als Ganzes retten", sagt der Verleger. "Einen konkreten Plan, was wir mit den etwa 26 000 Büchern machen sollten, hatten wir nicht", ergänzt Monika Kramp.
Zunächst lagerte ein Teil der Bücher bei den Kramps in Kisten, bis ihnen im Januar dieses Jahres eine Idee kam. Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite von ihrer Buchhandlung stand ein großes, verlassenes Haus: die Alte Gerberei. Seither verfolgt das Ehepaar die Idee, aus dem alten Gemäuer das Hillesheimer "Kriminalhaus" zu machen. Kramps Krimi-Verlag KBV, ihre Krimi-Buchhandlung, ein Krimi-Café sowie die Krimi-Bibliothek sollen im neuen Domizil ihren Platz finden. Derzeit herrscht dort aber noch Chaos.
Im "Café Sherlock" im Parterre stehen die Stühle und Tische noch kreuz und quer durcheinander. Nur die unzähligen Dekorationsartikel stehen schon alle am richtigen Fleck. Eine Gendarmen-Puppe hier, eine Sherlock-Holmes-Pfeife da, dort eine übergroße Lupe, an der Wand eine Fotografie von Miss Marple. Vor der Tür steht eine britische Telefonzelle. "Ich liebe klassische englische Krimis", sagt Ralf Kramp: "Die, in denen Polizisten so vielsagende Sätze sagen wie: 'Er muss die Hintertreppe benutzt haben'."
Im Obergeschoss wird bereits an der Bibliothek gearbeitet. Knapp 10 000 Bücher stehen schon in den raumhohen, schwarzen Regalen. Etwa 16 000 weitere folgen noch bis zum 19. September, dem offiziellen Eröffnungstermin der Bibliothek während des Krimifestivals "Tatort Eifel". Zum Bestand der neuen Krimi-Bibliothek gehören nicht nur Bücher aus der Sammlung Przybilka, sondern auch Krimis aus dem Haushalt Kramp. Außerdem gibt es etliche Krimi-Brettspiele, Krimi-Hörspiele, Krimi-Comics und auch Krimi-Sachbücher.
Ausleihen kann man die Bücher in der größten deutschsprachigen Krimibibliothek aber nicht: "Wir sind eine Präsenzbibliothek, alles andere wäre zu viel Aufwand", erklärt Ralf Kramp. "Dafür ist sie vollkommen kostenlos", ergänzt seine Frau. Einige Bücher seien zudem zu empfindlich, um sie auszuleihen. Auch wenn sämtliche Krimis erst nach dem Krieg gedruckt wurden, hätten "viele einen nicht unerheblichen Wert", sagt Verleger Kramp. Auch deshalb dürfe man sie nicht einmal mit ins hauseigene Café nehmen.
Dafür wird man vom Café-Personal in der Krimi-Bibliothek bedient. Denn wer in einem Buch von Edgar Allen Poe, Agatha Christie, John Grisham oder auch Henning Mankell schmökern will, wird das schwerlich in ein bis zwei Stunden schaffen und dann sicher auch mal Durst haben. Die Bibliothek zu verlassen, kommt für einen echten Krimifan dabei natürlich nicht in Frage. Spannende Lektüre kann man schließlich nicht einfach für profane Bedürfnisse beiseite legen.
Die Eifel ist schon seit Jahren ein hochgefährliches Pflaster - zumindest in literarischer Hinsicht. Der erfolgreiche deutsche Krimi-Autor Jacques Berndorf machte die Region 1989 mit seinem ersten Eifel-Krimi zum Tatort, viele weitere Schriftsteller taten es ihm daraufhin gleich. Seither wurden in der Eifel Krimi-Wanderwege eingeweiht und Krimi-Festivals organisiert. Sogar ein Krimi-Reiseführer zu den unzähligen Tatorten in den Eifel-Krimis der verschiedenen Autoren ist mittlerweile erschienen.
Eineinhalb Jahre ist es nun her, dass Kramps Schriftsteller-Kollege Thomas Przybilka einen Käufer für seine private Krimisammlung suchte. "Eigentlich wollten wir die Bücher gar nicht", erinnert sich Ralf Kramp. Weil aber alle anderen Interessenten die Sammlung zerpflücken und möglichst profitabel im Internet verhökern wollten, "mussten wir diese Privatbibliothek als Ganzes retten", sagt der Verleger. "Einen konkreten Plan, was wir mit den etwa 26 000 Büchern machen sollten, hatten wir nicht", ergänzt Monika Kramp.
Zunächst lagerte ein Teil der Bücher bei den Kramps in Kisten, bis ihnen im Januar dieses Jahres eine Idee kam. Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite von ihrer Buchhandlung stand ein großes, verlassenes Haus: die Alte Gerberei. Seither verfolgt das Ehepaar die Idee, aus dem alten Gemäuer das Hillesheimer "Kriminalhaus" zu machen. Kramps Krimi-Verlag KBV, ihre Krimi-Buchhandlung, ein Krimi-Café sowie die Krimi-Bibliothek sollen im neuen Domizil ihren Platz finden. Derzeit herrscht dort aber noch Chaos.
Im "Café Sherlock" im Parterre stehen die Stühle und Tische noch kreuz und quer durcheinander. Nur die unzähligen Dekorationsartikel stehen schon alle am richtigen Fleck. Eine Gendarmen-Puppe hier, eine Sherlock-Holmes-Pfeife da, dort eine übergroße Lupe, an der Wand eine Fotografie von Miss Marple. Vor der Tür steht eine britische Telefonzelle. "Ich liebe klassische englische Krimis", sagt Ralf Kramp: "Die, in denen Polizisten so vielsagende Sätze sagen wie: 'Er muss die Hintertreppe benutzt haben'."
Im Obergeschoss wird bereits an der Bibliothek gearbeitet. Knapp 10 000 Bücher stehen schon in den raumhohen, schwarzen Regalen. Etwa 16 000 weitere folgen noch bis zum 19. September, dem offiziellen Eröffnungstermin der Bibliothek während des Krimifestivals "Tatort Eifel". Zum Bestand der neuen Krimi-Bibliothek gehören nicht nur Bücher aus der Sammlung Przybilka, sondern auch Krimis aus dem Haushalt Kramp. Außerdem gibt es etliche Krimi-Brettspiele, Krimi-Hörspiele, Krimi-Comics und auch Krimi-Sachbücher.
Ausleihen kann man die Bücher in der größten deutschsprachigen Krimibibliothek aber nicht: "Wir sind eine Präsenzbibliothek, alles andere wäre zu viel Aufwand", erklärt Ralf Kramp. "Dafür ist sie vollkommen kostenlos", ergänzt seine Frau. Einige Bücher seien zudem zu empfindlich, um sie auszuleihen. Auch wenn sämtliche Krimis erst nach dem Krieg gedruckt wurden, hätten "viele einen nicht unerheblichen Wert", sagt Verleger Kramp. Auch deshalb dürfe man sie nicht einmal mit ins hauseigene Café nehmen.
Dafür wird man vom Café-Personal in der Krimi-Bibliothek bedient. Denn wer in einem Buch von Edgar Allen Poe, Agatha Christie, John Grisham oder auch Henning Mankell schmökern will, wird das schwerlich in ein bis zwei Stunden schaffen und dann sicher auch mal Durst haben. Die Bibliothek zu verlassen, kommt für einen echten Krimifan dabei natürlich nicht in Frage. Spannende Lektüre kann man schließlich nicht einfach für profane Bedürfnisse beiseite legen.
Die Schnaken-Killer
16.08.2007 - 12:00
Germersheim/Lampertheim (ddp-rps). Überschwemmte
Wiesen, schwüles Wetter, immer wieder Regen: Entlang
des Rheins zwischen Kaiserstuhl und Bingen herrscht
momentan optimales Stechmücken-Wetter. Bis zu 1000
Stechmücken-Larven tummeln sich allein in einem Liter
Wasser. "Normalerweise sind es höchstens 200", sagt
Norbert Becker, Direktor der Kommunalen
Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage
(Kabs).
Es droht eine Plage. Würden alle Larven schlüpfen, könnte man sich in manchen Gegenden nach 14 Uhr nicht mehr im Freien aufhalten, erklärt Becker. 1000 Stiche pro Minute wären dann keine Seltenheit, würde man sich in einem überschwemmten, sumpfigen Landstrich aufhalten. Seit rund 30 Jahren bekämpft der Biologe Becker die massenhafte Ausbreitung der Stechmücke. Und das nicht nur, weil die Plagegeister den Menschen stören, sondern auch, weil sie möglicherweise Krankheiten übertragen.
Damit es nicht zur Schnakenplage kommt, versuchen Becker und die etwa 250 Mitarbeiter der Kabs, einen Großteil der Stechmücken-Larven abzutöten. Nicht mit der Chemie-Keule, sondern auf umweltverträgliche Art und Weise. Zu Fuß mit Sprühflaschen oder aus der Luft mit dem Helikopter werden Eiweißkristalle einer Bakterie ausgebracht, die den Darm der Larven zerstören. Die Larven nehmen das Eiweiß als angebliches Futter auf. "Andere Organismen werden von diesem Mittel nicht geschädigt", erläutert Becker.
Für den Einsatz mit dem Helikopter werden die in Wasser gelösten Eiweißkristalle schockgefrostet und als Granulat aus der Luft auf überflutete Wiesen oder Sumpfgebiete gestreut. "Das fällt runter wie Hagel", sagt Becker. Auf der Wasseroberfläche schmilzt das Granulat, der Wirkstoff schwimmt auf der Wasseroberfläche und wird von den Schnaken-Larven gefressen. Auf rund 10 000 Hektar Ufer zwischen dem Kaiserstuhl und Bingen muss das Eiweiß-Mittel mit dem Namen BTI wegen des Hochwassers ausgebracht werden.
Eimerweise kippen die Kabs-Mitarbeiter das leicht fischig riechende Eiweiß-Granulat in den Streuapparat des Helikopters. Bis zu 2000 Hektar werden mit zwei Hubschraubern täglich bearbeitet, hinzu kommen die Helfer mit den Sprühflaschen zu Fuß: Schnaken-Bekämpfung im Akkord. Rund 2,4 Millionen Euro bekommt die Kabs jährlich von den mehr als 100 Rhein-Anrainer-Gemeinden, um die Larven zu bekämpfen und eine Plage zu verhindern. "Wir wollen die Stechmücken eindämmen, nicht ausrotten", stellt Becker klar.
Doch in diesem Jahr wird das Geld nicht reichen: Acht Hochwasser haben 2007 zum mit Abstand larvenreichsten Jahr seit langem gemacht. Es seien Gebiete überflutet worden, die seit dem großen Hochwasser von 1999 nicht mehr unter Wasser standen. Die dort im Boden wartenden Larven seien "ganz besonders schlüpfhungrig", sagt Becker. Deshalb schieben die Mitarbeiter der Kabs Überstunden. Sobald es hell ist, steigen die beiden Helikopter in die Luft. Bis 21.00 Uhr sind die Mitarbeiter Tag für Tag unterwegs.
Am Donnerstag war die Kabs zwischen Karlsruhe und nördlich Worms auf beiden Rheinseiten im Einsatz. In den nächsten Tagen arbeiten sie sich bis nach Bingen vor. Dass 2007 ein Ausnahme-Jahr bleibt, glaubt Becker nicht. Die warme Jahreszeit werde durch den Klimawandel länger, die Zahl der Hochwasser nehme stetig zu, immer neue Stechmücken-Arten aus dem Ausland tauchten in Deutschland auf. "Für Panik gibt es aber keinen Grund", sagt der Stechmücken-Experte: "Malaria zum Beispiel wird hier nie richtig Fuß fassen."
Es droht eine Plage. Würden alle Larven schlüpfen, könnte man sich in manchen Gegenden nach 14 Uhr nicht mehr im Freien aufhalten, erklärt Becker. 1000 Stiche pro Minute wären dann keine Seltenheit, würde man sich in einem überschwemmten, sumpfigen Landstrich aufhalten. Seit rund 30 Jahren bekämpft der Biologe Becker die massenhafte Ausbreitung der Stechmücke. Und das nicht nur, weil die Plagegeister den Menschen stören, sondern auch, weil sie möglicherweise Krankheiten übertragen.
Damit es nicht zur Schnakenplage kommt, versuchen Becker und die etwa 250 Mitarbeiter der Kabs, einen Großteil der Stechmücken-Larven abzutöten. Nicht mit der Chemie-Keule, sondern auf umweltverträgliche Art und Weise. Zu Fuß mit Sprühflaschen oder aus der Luft mit dem Helikopter werden Eiweißkristalle einer Bakterie ausgebracht, die den Darm der Larven zerstören. Die Larven nehmen das Eiweiß als angebliches Futter auf. "Andere Organismen werden von diesem Mittel nicht geschädigt", erläutert Becker.
Für den Einsatz mit dem Helikopter werden die in Wasser gelösten Eiweißkristalle schockgefrostet und als Granulat aus der Luft auf überflutete Wiesen oder Sumpfgebiete gestreut. "Das fällt runter wie Hagel", sagt Becker. Auf der Wasseroberfläche schmilzt das Granulat, der Wirkstoff schwimmt auf der Wasseroberfläche und wird von den Schnaken-Larven gefressen. Auf rund 10 000 Hektar Ufer zwischen dem Kaiserstuhl und Bingen muss das Eiweiß-Mittel mit dem Namen BTI wegen des Hochwassers ausgebracht werden.
Eimerweise kippen die Kabs-Mitarbeiter das leicht fischig riechende Eiweiß-Granulat in den Streuapparat des Helikopters. Bis zu 2000 Hektar werden mit zwei Hubschraubern täglich bearbeitet, hinzu kommen die Helfer mit den Sprühflaschen zu Fuß: Schnaken-Bekämpfung im Akkord. Rund 2,4 Millionen Euro bekommt die Kabs jährlich von den mehr als 100 Rhein-Anrainer-Gemeinden, um die Larven zu bekämpfen und eine Plage zu verhindern. "Wir wollen die Stechmücken eindämmen, nicht ausrotten", stellt Becker klar.
Doch in diesem Jahr wird das Geld nicht reichen: Acht Hochwasser haben 2007 zum mit Abstand larvenreichsten Jahr seit langem gemacht. Es seien Gebiete überflutet worden, die seit dem großen Hochwasser von 1999 nicht mehr unter Wasser standen. Die dort im Boden wartenden Larven seien "ganz besonders schlüpfhungrig", sagt Becker. Deshalb schieben die Mitarbeiter der Kabs Überstunden. Sobald es hell ist, steigen die beiden Helikopter in die Luft. Bis 21.00 Uhr sind die Mitarbeiter Tag für Tag unterwegs.
Am Donnerstag war die Kabs zwischen Karlsruhe und nördlich Worms auf beiden Rheinseiten im Einsatz. In den nächsten Tagen arbeiten sie sich bis nach Bingen vor. Dass 2007 ein Ausnahme-Jahr bleibt, glaubt Becker nicht. Die warme Jahreszeit werde durch den Klimawandel länger, die Zahl der Hochwasser nehme stetig zu, immer neue Stechmücken-Arten aus dem Ausland tauchten in Deutschland auf. "Für Panik gibt es aber keinen Grund", sagt der Stechmücken-Experte: "Malaria zum Beispiel wird hier nie richtig Fuß fassen."
Auch künftig "Next Stop Montabaur"?
25.07.2007 - 12:00
Montabaur (ddp-rps). Zuerst ist es nur ein leises
Rauschen, das dann zu einem mächtigen Donnern
anschwillt. Knapp 30 Sekunden dauert das Spektakel,
dann ist der ICE von Frankfurt nach Köln mit rund 300
Stundenkilometern durch den Bahnhof von Montabaur
gedonnert. Mittags ist das immer so. Da ignoriert der
Schnellzug die 14 000-Einwohner-Stadt im Westerwald,
lässt sie - in Fahrtrichtung - links liegen. Morgens
und abends ist das anders, denn dann hält der ICE
auch in Montabaur. Bis zu 3000 Bahnfahrer steigen
dort täglich ein, aus oder um, seit genau fünf
Jahren. Der erste ICE hielt am 1. August 2002.
Sobald Klaus Mies die drei Buchstaben des Schnellzuges hört, ist er nicht mehr zu bremsen. Unentwegt lobt der CDU-Stadtbürgermeister von Montabaur den Westerwald-Halt vor den Türen der Stadt. Denn der ICE-Bahnhof liegt nicht etwa im Ort, sondern in einem eigens dafür erschlossenen Gewerbegebiet, direkt neben der Autobahn 3, keine 500 Meter von der nächsten Ausfahrt entfernt. Morgens und abends strömen etwa 800 Autofahrer auf den kostenlosen Parkplatz neben dem ICE-Halt, sie steigen in den Zug um und pendeln nach Köln oder Frankfurt. Dafür hält zur Mittagszeit zwei Stunden lang kein Zug in Richtung Köln oder Frankfurt.
Der Bahnhof sei wichtig für die Stadt und die ganze Region, versichert Bürgermeister Mies: "Wir sind auch ein bisschen stolz, dass wir ihn haben." Zu Recht, denn ein ICE-Halt im ländlichen Raum ist alles andere als selbstverständlich. Und: Der nächste Schnellzug-Stopp befindet sich im wenige Kilometer entfernten Limburg. Weil das aber in Hessen liegt, machte sich Rheinland-Pfalz vor Jahren für einen eigenen Westerwald-Bahnhof stark und setzte sich gegen den Willen der Bahn durch. Treppenwitz, Provinzhalt - der ICE-Bahnhof Montabaur wurde seither mit Häme geradezu überschüttet.
Für Kritik am Bahnhof ist Mies gar nicht zu haben. Kritikervergleiche mit Frankreich, wo der Schnellzug TGV selbst an Großstädten vorbeisause, nur um ein paar Minuten schneller zu sein, findet er ungerecht: "Frankreich ist größer, hat aber gleichzeitig weniger Einwohner. Und zudem ist sowieso alles auf Paris ausgerichtet." In Deutschland sei das eben anders. "Für die Bahn wäre das natürlich schon besser, wenn der ICE zwischen Köln und München nur noch in Frankfurt und Stuttgart halten würde", sagt Mies. An seiner Meinung ändere das freilich nichts.
Genau 39 ICE-Halte weist der Fahrplan am Bahnhof in dicker roter Schrift auf. Dagegen stehen gerade mal 30 Regionalzug-Verbindungen. Wer in Montabaur aussteigt, steigt ins Auto ein. Dass es bei dieser guten Anbindung bleibt, ist ungewiss. Als 1993 die Entscheidung für den ICE-Stopp Montabaur fiel, versprach die Bahn, dort im Schnitt pro Stunde einen ICE halten zu lassen. Doch der Vertrag läuft Ende 2007 aus. Heißt es auch künftig: "Next Stop Montabaur"? Die Bahn hält sich bedeckt. Fahrplan und ICE-Haltedichte ab Dezember stünden noch nicht fest. Grundsätzlich habe sich der Bahnhof aber "positiv entwickelt", sagt ein Sprecher.
Im Mainzer Wirtschaftsministerium blickt man angespannt auf die Entwicklung. Seit Dezember 2006 seien fünf ICE-Züge mit Halt in Montabaur weggefallen, sagt ein Sprecher: "Wir beobachten das mit einiger Sorge und haben dies auch gegenüber der Bahn schon mehrfach so geäußert." Für die Pendler sei bereits diese Reduktion "eine enorme Verschlechterung". Das Land Rheinland-Pfalz habe jedoch keine Handhabe. Denn die Ausgestaltung des Fernverkehrs liege in der alleinigen Zuständigkeit der Bahn.
Klaus Mies hingegen ist zuversichtlich. Schließlich befänden sich am Bahnhof, in den beiden Bürogebäuden des Gewerbegebietes ICE-Park, mehr als 800 Arbeitsplätze. Weitere Bürogebäude seien geplant, auch ein Factory-Outlet-Center soll vor den Toren Montabaurs entstehen. Für die Westerwald-Stadt wäre es katastrophal, wenn die ICE-Stopps im Fahrplan auch nur zur Hälfte gestrichen würden, warnt Mies.
Sobald Klaus Mies die drei Buchstaben des Schnellzuges hört, ist er nicht mehr zu bremsen. Unentwegt lobt der CDU-Stadtbürgermeister von Montabaur den Westerwald-Halt vor den Türen der Stadt. Denn der ICE-Bahnhof liegt nicht etwa im Ort, sondern in einem eigens dafür erschlossenen Gewerbegebiet, direkt neben der Autobahn 3, keine 500 Meter von der nächsten Ausfahrt entfernt. Morgens und abends strömen etwa 800 Autofahrer auf den kostenlosen Parkplatz neben dem ICE-Halt, sie steigen in den Zug um und pendeln nach Köln oder Frankfurt. Dafür hält zur Mittagszeit zwei Stunden lang kein Zug in Richtung Köln oder Frankfurt.
Der Bahnhof sei wichtig für die Stadt und die ganze Region, versichert Bürgermeister Mies: "Wir sind auch ein bisschen stolz, dass wir ihn haben." Zu Recht, denn ein ICE-Halt im ländlichen Raum ist alles andere als selbstverständlich. Und: Der nächste Schnellzug-Stopp befindet sich im wenige Kilometer entfernten Limburg. Weil das aber in Hessen liegt, machte sich Rheinland-Pfalz vor Jahren für einen eigenen Westerwald-Bahnhof stark und setzte sich gegen den Willen der Bahn durch. Treppenwitz, Provinzhalt - der ICE-Bahnhof Montabaur wurde seither mit Häme geradezu überschüttet.
Für Kritik am Bahnhof ist Mies gar nicht zu haben. Kritikervergleiche mit Frankreich, wo der Schnellzug TGV selbst an Großstädten vorbeisause, nur um ein paar Minuten schneller zu sein, findet er ungerecht: "Frankreich ist größer, hat aber gleichzeitig weniger Einwohner. Und zudem ist sowieso alles auf Paris ausgerichtet." In Deutschland sei das eben anders. "Für die Bahn wäre das natürlich schon besser, wenn der ICE zwischen Köln und München nur noch in Frankfurt und Stuttgart halten würde", sagt Mies. An seiner Meinung ändere das freilich nichts.
Genau 39 ICE-Halte weist der Fahrplan am Bahnhof in dicker roter Schrift auf. Dagegen stehen gerade mal 30 Regionalzug-Verbindungen. Wer in Montabaur aussteigt, steigt ins Auto ein. Dass es bei dieser guten Anbindung bleibt, ist ungewiss. Als 1993 die Entscheidung für den ICE-Stopp Montabaur fiel, versprach die Bahn, dort im Schnitt pro Stunde einen ICE halten zu lassen. Doch der Vertrag läuft Ende 2007 aus. Heißt es auch künftig: "Next Stop Montabaur"? Die Bahn hält sich bedeckt. Fahrplan und ICE-Haltedichte ab Dezember stünden noch nicht fest. Grundsätzlich habe sich der Bahnhof aber "positiv entwickelt", sagt ein Sprecher.
Im Mainzer Wirtschaftsministerium blickt man angespannt auf die Entwicklung. Seit Dezember 2006 seien fünf ICE-Züge mit Halt in Montabaur weggefallen, sagt ein Sprecher: "Wir beobachten das mit einiger Sorge und haben dies auch gegenüber der Bahn schon mehrfach so geäußert." Für die Pendler sei bereits diese Reduktion "eine enorme Verschlechterung". Das Land Rheinland-Pfalz habe jedoch keine Handhabe. Denn die Ausgestaltung des Fernverkehrs liege in der alleinigen Zuständigkeit der Bahn.
Klaus Mies hingegen ist zuversichtlich. Schließlich befänden sich am Bahnhof, in den beiden Bürogebäuden des Gewerbegebietes ICE-Park, mehr als 800 Arbeitsplätze. Weitere Bürogebäude seien geplant, auch ein Factory-Outlet-Center soll vor den Toren Montabaurs entstehen. Für die Westerwald-Stadt wäre es katastrophal, wenn die ICE-Stopps im Fahrplan auch nur zur Hälfte gestrichen würden, warnt Mies.
"Wir liefern keine Show ab"
14.06.2007 - 12:00
Mainz (ddp). Oliver Pfaff hat keine Geheimnisse. "Wir
machen alles selbst, und das darf auch jeder sehen",
sagt der Bäckermeister aus dem Mainzer Stadtteil
Finthen. Deshalb öffnet er in der Nacht zum Samstag
bei der bundesweiten "Nacht des Backens" seine
Backstube - als einziger Bäcker in Mainz. In
Rheinland-Pfalz beteiligen sich 16 Betriebe, in ganz
Deutschland sind es gerade einmal 200 von mehr als
14 000. Warum so viele Kollegen nicht an der
Aktion der Bäckerinnung teilnehmen, weiß Pfaff nicht.
An Geheimrezepten liege es sicher nicht: "Wichtiger
als unsere Rezepturen ist unser handwerkliches
Know-how."
Aus der Backstube in der Finthener Poststraße duftet es bis auf die Straße herrlich nach frischen Brötchen. Vor einem großen Ofen steht Bäcker Marcus Becker, zieht mit einem Holzschieber hunderte goldfarbene Brötchen aus der Hitze und besprüht sie mit Wassernebel. "Damit sie glänzen", erläutert Pfaff. Die Brötchen knistern, an ihrer Oberfläche bilden sich klitzekleine Risse. "Sie fenstern", sagt er. Auch solches Bäcker-Fachchinesisch will Pfaff in der "Nacht des Backens" erklären. "Fenstern" ist zum Beispiel etwas Gutes: Fensternde Brötchen bleiben länger knusprig.
Ab 0.30 Uhr führt Pfaff in der Nacht zum Samstag Besuchergruppen alle Stunde durch seine Backstube. 40 Minuten lang sollen sie einen Einblick bekommen, was Pfaff, die drei Bäcker und die Auszubildende jede Nacht machen: Teige ansetzen, Brote und Brötchen formen, Laugenbrezeln schwingen, Biskuitböden backen, Croissants und Baguettes in den Ofen schieben und rechtzeitig wieder herausholen. Der Tages- oder besser der Nachtablauf in Backstuben ist minutiös geplant und aufeinander abgestimmt. Und mitunter ist es ziemlich stressig. Auch das sollen die nächtlichen Gäste miterleben.
"Wir liefern hier in der Nacht zum Samstag keine Show ab", sagt Pfaff, während er mit einem großen Teigklumpen in der Hand von einem Ende der Backstube ins andere huscht. Der Arbeitsablauf werde trotz der Gäste nicht verändert. Die "Nacht des Backens" solle schließlich authentisch sein. Seit mehr als 100 Jahren besitzt die Familie Pfaff ihre Bäckerei - Oliver Pfaff selbst steht seit seiner Jugend nahezu täglich in der Backstube. Viel authentischer geht es kaum.
Die Konkurrenz der Großbäckereien, der Filialen und aufgebackener Brötchen aus dem Supermarkt fürchtet Pfaff nicht. Seine Brötchen und Brote seien nun mal einfach besser. Das liege an "der ganzen Art der Teigführung", erläutert er. "Wir geben den Backwaren Zeit." Während in der Industrie ein Baguette in 60 Minuten fertig sein müsse, habe es bei ihm mindestens viereinhalb Stunden Zeit, sagt Pfaff. So lange dauert es, bis aus den Zutaten ein fertiges Baguette werde, das zwar in der Nacht gebacken wurde, "aber abends immer noch knusprig ist".
Mit der "Nacht des Backens" will die Bäckerinnung aber nicht nur auf das Bäckerhandwerk und die Qualität der Backwaren aus den vielen kleinen Familienbetrieben hinweisen. Es soll auch für den Beruf des Bäckers geworben werden. Immer mehr Betriebe haben Probleme, einen Lehrling zu finden. "Ich hatte da bislang Glück", sagt Pfaff. Es hätten sich immer mehrere Jugendliche bei ihm beworben, er habe immer aus 10 bis 20 Bewerbern auswählen können. "Natürlich habe ich von einigen Kollegen auch schon gehört, dass es Probleme gibt", sagt der Meister und erklärt seiner Auszubildenden, wie sie die Biskuitmasse auf dem großen Blech verstreichen soll: "Auch bis in die Ecken!"
Seine nächtlichen Besucher würde er mit Ausbildungsproblemen aber ohnehin nicht belasten wollen. Viel lieber erzählt er, was in seiner Backstube pro Jahr verarbeitet wird: 32 Tonnen Weizenmehl, 23 Tonnen Roggenmehl und Vollkornschrot, 2,8 Tonnen Zucker, 1,5 Tonnen Butter und 35 000 Eier. Oliver Pfaff klingt stolz dabei.
Aus der Backstube in der Finthener Poststraße duftet es bis auf die Straße herrlich nach frischen Brötchen. Vor einem großen Ofen steht Bäcker Marcus Becker, zieht mit einem Holzschieber hunderte goldfarbene Brötchen aus der Hitze und besprüht sie mit Wassernebel. "Damit sie glänzen", erläutert Pfaff. Die Brötchen knistern, an ihrer Oberfläche bilden sich klitzekleine Risse. "Sie fenstern", sagt er. Auch solches Bäcker-Fachchinesisch will Pfaff in der "Nacht des Backens" erklären. "Fenstern" ist zum Beispiel etwas Gutes: Fensternde Brötchen bleiben länger knusprig.
Ab 0.30 Uhr führt Pfaff in der Nacht zum Samstag Besuchergruppen alle Stunde durch seine Backstube. 40 Minuten lang sollen sie einen Einblick bekommen, was Pfaff, die drei Bäcker und die Auszubildende jede Nacht machen: Teige ansetzen, Brote und Brötchen formen, Laugenbrezeln schwingen, Biskuitböden backen, Croissants und Baguettes in den Ofen schieben und rechtzeitig wieder herausholen. Der Tages- oder besser der Nachtablauf in Backstuben ist minutiös geplant und aufeinander abgestimmt. Und mitunter ist es ziemlich stressig. Auch das sollen die nächtlichen Gäste miterleben.
"Wir liefern hier in der Nacht zum Samstag keine Show ab", sagt Pfaff, während er mit einem großen Teigklumpen in der Hand von einem Ende der Backstube ins andere huscht. Der Arbeitsablauf werde trotz der Gäste nicht verändert. Die "Nacht des Backens" solle schließlich authentisch sein. Seit mehr als 100 Jahren besitzt die Familie Pfaff ihre Bäckerei - Oliver Pfaff selbst steht seit seiner Jugend nahezu täglich in der Backstube. Viel authentischer geht es kaum.
Die Konkurrenz der Großbäckereien, der Filialen und aufgebackener Brötchen aus dem Supermarkt fürchtet Pfaff nicht. Seine Brötchen und Brote seien nun mal einfach besser. Das liege an "der ganzen Art der Teigführung", erläutert er. "Wir geben den Backwaren Zeit." Während in der Industrie ein Baguette in 60 Minuten fertig sein müsse, habe es bei ihm mindestens viereinhalb Stunden Zeit, sagt Pfaff. So lange dauert es, bis aus den Zutaten ein fertiges Baguette werde, das zwar in der Nacht gebacken wurde, "aber abends immer noch knusprig ist".
Mit der "Nacht des Backens" will die Bäckerinnung aber nicht nur auf das Bäckerhandwerk und die Qualität der Backwaren aus den vielen kleinen Familienbetrieben hinweisen. Es soll auch für den Beruf des Bäckers geworben werden. Immer mehr Betriebe haben Probleme, einen Lehrling zu finden. "Ich hatte da bislang Glück", sagt Pfaff. Es hätten sich immer mehrere Jugendliche bei ihm beworben, er habe immer aus 10 bis 20 Bewerbern auswählen können. "Natürlich habe ich von einigen Kollegen auch schon gehört, dass es Probleme gibt", sagt der Meister und erklärt seiner Auszubildenden, wie sie die Biskuitmasse auf dem großen Blech verstreichen soll: "Auch bis in die Ecken!"
Seine nächtlichen Besucher würde er mit Ausbildungsproblemen aber ohnehin nicht belasten wollen. Viel lieber erzählt er, was in seiner Backstube pro Jahr verarbeitet wird: 32 Tonnen Weizenmehl, 23 Tonnen Roggenmehl und Vollkornschrot, 2,8 Tonnen Zucker, 1,5 Tonnen Butter und 35 000 Eier. Oliver Pfaff klingt stolz dabei.
Bayerisches Bier für Berlin
02.05.2007 - 12:00
Berlin (ddp-bay). Wer als Bayer oder Franke in Berlin
seinen Bierdurst standesgemäß stillen will, der muss
weder 500 Kilometer in Richtung Süden fahren, noch
sich mit Berliner Brauversuchen zufrieden geben. Denn
mitten im Berliner Szene-Viertel Prenzlauer Berg,
zwischen all den schicken Läden junger
Klamottendesigner und Möbelhändler, verkauft der
gebürtige Münchner Martin Balke alle möglichen
bayerischen und fränkischen Biere - frisch importiert
aus dem Freistaat.
Der unscheinbare Laden in der Lychener Straße 24 mit dem Namen "Braukunst" ist ein Paradies für alle nach Berlin ausgewanderten Bayern und Franken. Die Namen auf den bis an die Decke gestapelten Bierkisten lesen sich wie ein "Who is Who" der Brauereilandschaft des Freistaats: Meister Bier aus dem oberfränkischen Pretzfeld, Karg Weißbier aus Murnau, Tegernseer Spezial, Weißbier von der Brauerei Unertl im oberbayerischen Haag oder von der Brauerei Gutmann in Titting. Nach welchen Kriterien er die Biere auswählt? "Nach meinem Geschmack", sagt Balke grinsend.
Dieser Geschmack muss zumindest ein bisschen massentauglich sein. Für einen Kasten Meister-Bier fahren Exil-Franken sogar aus dem brandenburgischen Umland in den Berliner Kiez. Von einer Spedition lässt sich der gebürtige Münchner Balke das Bier aus allen Ecken Bayerns nach Berlin bringen - manchmal setzt er sich aber auch selbst in seinen alten weißen Transporter und knattert auf der A 9 gen Süden. Profitabel würde Balke seine Geschäftsidee nicht nennen. "Es ist eher so, dass man es halt machen kann", sagt er. Reich werde man damit nicht. Das liegt wohl daran, dass er nicht derart hohe Preise für das bayerische Grundnahrungsmittel verlangt.
Jeder Kasten kostet 18,60 Euro. Das ist - der Münchner Fußball-Fan ahnt es - weniger solide kaufmännische Kalkulation, denn ein untrügliches Zeichen für einen waschechten Löwen-Fan. Neben Bier verkauft Balke auch noch "Spezi" aus der Brauerei Müller in Pfaffenhofen an der Ilm, "Bionade" aus der bayerischen Rhön und den Koffein-Hammer "Club-Mate" aus der Brauerei Loscher aus Münchsteinach. Dass aus dem in Dachau aufgewachsenen Balke mal ein Getränkehändler wird, das hätte er selbst nie gedacht, als er Ende 1993 dem Freistaat den Rücken kehrte und sich als Hausbesetzer in der Rigaer Straße in Berlin-Kreuzberg niederließ.
Das Schlüsselerlebnis kam im Sommer 1998, als 1860 München gerade so am Abstieg vorbeigeschrammt war. Balke wollte sich einen Kasten Augustiner kaufen. Der Händler verlangte 36 Mark plus sechs Mark Pfand. "Da dacht' ich mir: 'Spezl, dir brennt der Hut!' Das geht fünf Mark billiger", erzählt Balke. Sechs Wochen später hatte er sein Gewerbe angemeldet und die ersten Kisten bestellt. Zunächst vertrieb Balke nur Bier aus der Augustiner Brauerei. Denn deren Pils sei "wegen seiner feinen aromatischen Herbe" sein Lieblingsbier. Nach und nach spezialisierte er sich auf kleine Brauereien.
Warum er überhaupt Bier aus Bayern importiert, erklärt Balke so: "Der alte Schultheiß" von der Berliner Schultheiß-Brauerei habe das Brauen zwar in Dachau gelernt. "Aber beim Beibringen haben sie wohl irgendetwas falsch gemacht." Balke behauptet, fast jedes Bier besorgen zu können. Der Test folgt wenig später. Ein Kunde will ein paar Kästen Hebendanz-Bier aus dem oberfränkischen Forchheim. "Kein Problem", sagt Balke und zückt das Handy. Zwei Minuten später legt er wieder auf: "Bis in drei Tagen hätt' ich drei Kästen da. Ist das okay?" Der Kunde staunt, nickt - und verlässt lächelnd Balkes Laden. Der ist auch zufrieden, nimmt sich ein kühles Augustiner Pils und setzt sich auf das Ledersofa vor seinen Laden: "So muas' laffa."
Der unscheinbare Laden in der Lychener Straße 24 mit dem Namen "Braukunst" ist ein Paradies für alle nach Berlin ausgewanderten Bayern und Franken. Die Namen auf den bis an die Decke gestapelten Bierkisten lesen sich wie ein "Who is Who" der Brauereilandschaft des Freistaats: Meister Bier aus dem oberfränkischen Pretzfeld, Karg Weißbier aus Murnau, Tegernseer Spezial, Weißbier von der Brauerei Unertl im oberbayerischen Haag oder von der Brauerei Gutmann in Titting. Nach welchen Kriterien er die Biere auswählt? "Nach meinem Geschmack", sagt Balke grinsend.
Dieser Geschmack muss zumindest ein bisschen massentauglich sein. Für einen Kasten Meister-Bier fahren Exil-Franken sogar aus dem brandenburgischen Umland in den Berliner Kiez. Von einer Spedition lässt sich der gebürtige Münchner Balke das Bier aus allen Ecken Bayerns nach Berlin bringen - manchmal setzt er sich aber auch selbst in seinen alten weißen Transporter und knattert auf der A 9 gen Süden. Profitabel würde Balke seine Geschäftsidee nicht nennen. "Es ist eher so, dass man es halt machen kann", sagt er. Reich werde man damit nicht. Das liegt wohl daran, dass er nicht derart hohe Preise für das bayerische Grundnahrungsmittel verlangt.
Jeder Kasten kostet 18,60 Euro. Das ist - der Münchner Fußball-Fan ahnt es - weniger solide kaufmännische Kalkulation, denn ein untrügliches Zeichen für einen waschechten Löwen-Fan. Neben Bier verkauft Balke auch noch "Spezi" aus der Brauerei Müller in Pfaffenhofen an der Ilm, "Bionade" aus der bayerischen Rhön und den Koffein-Hammer "Club-Mate" aus der Brauerei Loscher aus Münchsteinach. Dass aus dem in Dachau aufgewachsenen Balke mal ein Getränkehändler wird, das hätte er selbst nie gedacht, als er Ende 1993 dem Freistaat den Rücken kehrte und sich als Hausbesetzer in der Rigaer Straße in Berlin-Kreuzberg niederließ.
Das Schlüsselerlebnis kam im Sommer 1998, als 1860 München gerade so am Abstieg vorbeigeschrammt war. Balke wollte sich einen Kasten Augustiner kaufen. Der Händler verlangte 36 Mark plus sechs Mark Pfand. "Da dacht' ich mir: 'Spezl, dir brennt der Hut!' Das geht fünf Mark billiger", erzählt Balke. Sechs Wochen später hatte er sein Gewerbe angemeldet und die ersten Kisten bestellt. Zunächst vertrieb Balke nur Bier aus der Augustiner Brauerei. Denn deren Pils sei "wegen seiner feinen aromatischen Herbe" sein Lieblingsbier. Nach und nach spezialisierte er sich auf kleine Brauereien.
Warum er überhaupt Bier aus Bayern importiert, erklärt Balke so: "Der alte Schultheiß" von der Berliner Schultheiß-Brauerei habe das Brauen zwar in Dachau gelernt. "Aber beim Beibringen haben sie wohl irgendetwas falsch gemacht." Balke behauptet, fast jedes Bier besorgen zu können. Der Test folgt wenig später. Ein Kunde will ein paar Kästen Hebendanz-Bier aus dem oberfränkischen Forchheim. "Kein Problem", sagt Balke und zückt das Handy. Zwei Minuten später legt er wieder auf: "Bis in drei Tagen hätt' ich drei Kästen da. Ist das okay?" Der Kunde staunt, nickt - und verlässt lächelnd Balkes Laden. Der ist auch zufrieden, nimmt sich ein kühles Augustiner Pils und setzt sich auf das Ledersofa vor seinen Laden: "So muas' laffa."
Ein "bombensicheres Investment"
25.04.2007 - 12:00
Hannover (ddp). Er sei ein "bombensicheres"
Investment, ein "sicherer Platz in einer unsicheren
Welt". Schließlich nähmen die Bedrohungen zu: "Die
Anzahl der Terroranschläge steigt und der
Iran-Atomkonflikt droht zu eskalieren." So preist die
Hannoveraner Firma ABCguard ihr neustes Produkt an:
einen Bunker. Dabei handelt es sich nicht um
irgendeinen gewöhnlich gebauten Schutzraum, sondern
den weltweit ersten "Fertig-Schutzbunker". Innerhalb
von einer Woche soll er "an beliebiger Stelle"
versenkt und installiert werden können - zum Beispiel
im Vorgarten unter dem Tulpenbeet.
Den "einzigartigen System-Schutzbunker" bekommt man bei ABCguard in der Basisversion ab 89 000 Euro. Hinter 30 Zentimeter Stahlbeton und etwa einen Meter unter der Erdoberfläche kann der Besitzer dann atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen trotzen. Bis zu vier Wochen soll man es zu siebt in dem 12,2 Quadratmeter großen Fertig-Bunker aushalten können. Bomben- und granatensicher ist diese Light-Version aber nicht. Hierfür muss man die Variante "extra safe" mit 40 Zentimeter Betonmantel wählen. Die Dekontaminationsschleuse für "nachträglich in den Bunker hinzukommende verseuchte Personen" ist ab dieser Version übrigens inklusive.
Das Besondere an den Fertig-Bunkern ist ihre "modulare Bauweise". Sie werden wie Fertighäuser und -garagen mit dem Tieflader geliefert und per Kran in einer Grube versenkt. Wer es komfortabler möchte, muss sich das Modell "multi safe" bestellen. Dessen Module können verbunden werden. So lässt sich eine regelrechte "Bunker-Wohnung" unter der Erde errichten. Auch wenn der Fertig-Bunker günstiger als ein konventionell gebauter ist: Billig ist er nicht. "Das Produkt ist für eine Klientel gedacht, die Geld hat", sagt eine Sprecherin von ABCguard: "Wer normalerweise in einer Villa wohnt, der will eben nicht mit Hinz und Kunz im öffentlichen Schutzraum sitzen."
Damit niemand auf die Idee kommt, beim Fertig-Bunker von ABCguard würde an der Sicherheit gespart, hat sich die Firma - die zur Unternehmensgruppe Redschlag gehört - für ihren System-Bunker eine Zulassung vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erteilen lassen. "Das ist richtig. Unsere Mitarbeiter haben den Bunker zertifiziert", sagt eine Mitarbeiterin der Behörde. Wozu man allerdings einen Schutzraum braucht, da ist sie überfragt.
Eine Antwort darauf hat der Bonner Psychologe und Angst-Experte Joachim Krömer. Menschen, die sich so einen Bunker kaufen, seien verunsicherte Individuen, die "Schutz auf der materiellen Ebene suchen". Die Anschaffung eines Bunkers sei eine Art Bewältigungstherapie, um die eigene Existenzangst zu überwinden. Je schneller der Bunker verfügbar sei und je mehr ein Unternehmen an die Existenzängste der potenziellen Käufer appelliere, desto verlockender sei das Angebot für die von Ängsten geplagten Menschen.
"Das funktioniert allerdings nur kurzfristig", weiß Krömer. Schon kurz nach dem Kauf mache sich die Einsicht breit, dass auch ein Bunker nicht helfe. "Das ist wie beim klassischen Haustürgeschäft", sagt der Experte. Der Vertreter wisse genau, welche Reize er stimulieren müsse, um sein Produkt zu verkaufen - selbst wenn der Kunde es partout nicht benötige.
Dass der Fertig-Bunker unnütz sei, bestreitet der ABCguard-Vertriebschef Oliver Langwich vehement. Bislang habe man zwar nur zwei Stück der Basisvariante gebaut, doch man erwarte eine große Nachfrage "vor allem aus dem Nahen Osten". Dort suchten die Menschen schnell und unkonventionell nach ein bisschen Sicherheit und Schutz. Und mit Schutz kennt man sich beim ABCguard-Mutterkonzern bestens aus. Schließlich handelt es sich bei der Unternehmensgruppe Redschlag um einen Hannoveraner Erotikgroßhändler, bei dem es neben jeder Menge Sex-Spielzeug auch schützende Kondome gibt...
Den "einzigartigen System-Schutzbunker" bekommt man bei ABCguard in der Basisversion ab 89 000 Euro. Hinter 30 Zentimeter Stahlbeton und etwa einen Meter unter der Erdoberfläche kann der Besitzer dann atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen trotzen. Bis zu vier Wochen soll man es zu siebt in dem 12,2 Quadratmeter großen Fertig-Bunker aushalten können. Bomben- und granatensicher ist diese Light-Version aber nicht. Hierfür muss man die Variante "extra safe" mit 40 Zentimeter Betonmantel wählen. Die Dekontaminationsschleuse für "nachträglich in den Bunker hinzukommende verseuchte Personen" ist ab dieser Version übrigens inklusive.
Das Besondere an den Fertig-Bunkern ist ihre "modulare Bauweise". Sie werden wie Fertighäuser und -garagen mit dem Tieflader geliefert und per Kran in einer Grube versenkt. Wer es komfortabler möchte, muss sich das Modell "multi safe" bestellen. Dessen Module können verbunden werden. So lässt sich eine regelrechte "Bunker-Wohnung" unter der Erde errichten. Auch wenn der Fertig-Bunker günstiger als ein konventionell gebauter ist: Billig ist er nicht. "Das Produkt ist für eine Klientel gedacht, die Geld hat", sagt eine Sprecherin von ABCguard: "Wer normalerweise in einer Villa wohnt, der will eben nicht mit Hinz und Kunz im öffentlichen Schutzraum sitzen."
Damit niemand auf die Idee kommt, beim Fertig-Bunker von ABCguard würde an der Sicherheit gespart, hat sich die Firma - die zur Unternehmensgruppe Redschlag gehört - für ihren System-Bunker eine Zulassung vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erteilen lassen. "Das ist richtig. Unsere Mitarbeiter haben den Bunker zertifiziert", sagt eine Mitarbeiterin der Behörde. Wozu man allerdings einen Schutzraum braucht, da ist sie überfragt.
Eine Antwort darauf hat der Bonner Psychologe und Angst-Experte Joachim Krömer. Menschen, die sich so einen Bunker kaufen, seien verunsicherte Individuen, die "Schutz auf der materiellen Ebene suchen". Die Anschaffung eines Bunkers sei eine Art Bewältigungstherapie, um die eigene Existenzangst zu überwinden. Je schneller der Bunker verfügbar sei und je mehr ein Unternehmen an die Existenzängste der potenziellen Käufer appelliere, desto verlockender sei das Angebot für die von Ängsten geplagten Menschen.
"Das funktioniert allerdings nur kurzfristig", weiß Krömer. Schon kurz nach dem Kauf mache sich die Einsicht breit, dass auch ein Bunker nicht helfe. "Das ist wie beim klassischen Haustürgeschäft", sagt der Experte. Der Vertreter wisse genau, welche Reize er stimulieren müsse, um sein Produkt zu verkaufen - selbst wenn der Kunde es partout nicht benötige.
Dass der Fertig-Bunker unnütz sei, bestreitet der ABCguard-Vertriebschef Oliver Langwich vehement. Bislang habe man zwar nur zwei Stück der Basisvariante gebaut, doch man erwarte eine große Nachfrage "vor allem aus dem Nahen Osten". Dort suchten die Menschen schnell und unkonventionell nach ein bisschen Sicherheit und Schutz. Und mit Schutz kennt man sich beim ABCguard-Mutterkonzern bestens aus. Schließlich handelt es sich bei der Unternehmensgruppe Redschlag um einen Hannoveraner Erotikgroßhändler, bei dem es neben jeder Menge Sex-Spielzeug auch schützende Kondome gibt...
"Der große Aufstand kommt erst noch"
11.04.2007 - 12:00
Berlin (ddp). Der Mann mit dem rotblonden
Walrossschnauzer redet sich in Rage: Vor 35 Jahren
habe er bei der Bundespost angefangen, seit 1996,
seit das Unternehmen privatisiert sei und Deutsche
Telekom heiße, habe er 17 Umstrukturierungen erlebt.
"Wir sind für diese 'Obermänner' doch keine Menschen
mehr, nur noch Nummern, Kostenfaktoren", schnaubt er.
Die Kollegen nicken stumm. Der Warnstreik der 100
Telekom-Techniker im Berliner Stadtteil Schöneberg am
Mittwoch sei ein Anfang. "Der große Aufstand kommt
erst noch", prophezeit der 51-Jährige.
Der 51-Jährige ist wie auch 50 000 andere Mitarbeiter der Telekom von der Auslagerung in eine Service-Gesellschaft betroffen. Rund 400 Beschäftigte gingen am Mittwoch in Berlin auf die Straße, in Bremen und Niedersachsen legten etwa 600 ihre Arbeit nieder. Am Donnerstag sollen die Streiks auch auf das Saarland ausgeweitet werden.
Seit sechs Uhr morgens stehen die 100 Techniker mit ihren Fahnen und ver.di-Streikwesten auf dem Trottoir vor einem alten Haus aus hellroten Ziegelsteinen. Sie trinken Kaffee, rauchen Menthol-Zigaretten. "Postamt" steht in goldener Sütterlin-Schrift über dem Türbogen aus Sandstein. "Damals, als es die Bundespost noch gab, da war alles in Ordnung", seufzt der 51-jährige Mann mit dem Walrossschnauzer. Damals ist lange her. Die Telekom ist nun eine AG, sie soll rentabel arbeiten und Dividenden an die Aktionäre zahlen.
"Bei diesen Plänen vergisst die Chefetage gerne, dass sie diese Ziele nicht ohne qualifizierte und motivierte Mitarbeiter erreichen kann", sagt ver.di-Gewerkschaftssekretär Jörg Kiekhäfer. Er harrt am Mittwoch zusammen mit den Streikenden aus. Man könne die Auslagerung nicht verhindern, sagt er. Die Telekom habe nun mal das Recht dazu, ergänzt Kiekhäfer leise. Doch dann wird er laut: "Dass dabei aber die Einkommen gesenkt und die Arbeitszeit erhöht werden sollen, das nehmen wir nicht hin!" Die Warnstreikenden nicken stumm.
Was den Telekom-Beschäftigten nicht in den Kopf will, ist, "dass wir angeblich zu teuer sind", sagt der Berliner Telekom-Betriebsrat Günter Schleicher. Die Telekom sei ein "Premium-Anbieter", der eben auch "Premium-Preise" verlangen müsse. Natürlich sollte dafür dann der Service stimmen: "Aber denkt der Obermann denn, dass der Service besser wird, wenn die Leute schlechter bezahlt werden und dann dafür noch länger arbeiten sollen?" Seit mehr als 30 Jahren arbeite er nun schon bei dem Unternehmen. Er will nicht "ausgelagert" werden. "Wie das schon klingt! Ich sage nur: BenQ lässt grüßen. Erst werden wir ausgegliedert, dann haben wir ausgedient", klagt Schleicher.
Dass ein Kollege "dem Obermann" jüngst mit einem Brandbrief "die Meinung gegeigt" hat, findet auch Betriebsrat Michael Lau gut: "Wir Mitarbeiter, die wir diese Firma mit vorangebracht haben, fühlen uns von diesen Chefs verschaukelt." Dass Obermann alleine Schuld an der Misere hat, das glaubt keiner. So leicht macht es sich keiner. "Wenn der den Karren nicht aus dem Dreck kriegt, kommt der nächste und kriegt ein paar Millionen", raunt einer. Die Kollegen nicken wieder stumm. Eine Zigarettenschachtel macht die Runde. Der Zusammenhalt der Kollegen, darauf könne man noch bauen, sind sie sich einig.
Das Problem liege auch bei der Regulierungsbehörde, die "uns viel zu niedrige Preise aufdrückt", klagt ein 40-jähriger Techniker. Die Telekom-Konkurrenten könnten ihre Billigangebote nur anbieten, weil die Telekom ihre Leitungen zu billig vermieten müsse. Überhaupt sei es seit der Privatisierung nur bergab gegangen. "Früher haben Chefs darum gewetteifert, wer mehr Mitarbeiter hat. Heute zählt nur noch der Profit", sagt der Walrossschnauzer. Früher ist auch lange her.
Der 51-Jährige ist wie auch 50 000 andere Mitarbeiter der Telekom von der Auslagerung in eine Service-Gesellschaft betroffen. Rund 400 Beschäftigte gingen am Mittwoch in Berlin auf die Straße, in Bremen und Niedersachsen legten etwa 600 ihre Arbeit nieder. Am Donnerstag sollen die Streiks auch auf das Saarland ausgeweitet werden.
Seit sechs Uhr morgens stehen die 100 Techniker mit ihren Fahnen und ver.di-Streikwesten auf dem Trottoir vor einem alten Haus aus hellroten Ziegelsteinen. Sie trinken Kaffee, rauchen Menthol-Zigaretten. "Postamt" steht in goldener Sütterlin-Schrift über dem Türbogen aus Sandstein. "Damals, als es die Bundespost noch gab, da war alles in Ordnung", seufzt der 51-jährige Mann mit dem Walrossschnauzer. Damals ist lange her. Die Telekom ist nun eine AG, sie soll rentabel arbeiten und Dividenden an die Aktionäre zahlen.
"Bei diesen Plänen vergisst die Chefetage gerne, dass sie diese Ziele nicht ohne qualifizierte und motivierte Mitarbeiter erreichen kann", sagt ver.di-Gewerkschaftssekretär Jörg Kiekhäfer. Er harrt am Mittwoch zusammen mit den Streikenden aus. Man könne die Auslagerung nicht verhindern, sagt er. Die Telekom habe nun mal das Recht dazu, ergänzt Kiekhäfer leise. Doch dann wird er laut: "Dass dabei aber die Einkommen gesenkt und die Arbeitszeit erhöht werden sollen, das nehmen wir nicht hin!" Die Warnstreikenden nicken stumm.
Was den Telekom-Beschäftigten nicht in den Kopf will, ist, "dass wir angeblich zu teuer sind", sagt der Berliner Telekom-Betriebsrat Günter Schleicher. Die Telekom sei ein "Premium-Anbieter", der eben auch "Premium-Preise" verlangen müsse. Natürlich sollte dafür dann der Service stimmen: "Aber denkt der Obermann denn, dass der Service besser wird, wenn die Leute schlechter bezahlt werden und dann dafür noch länger arbeiten sollen?" Seit mehr als 30 Jahren arbeite er nun schon bei dem Unternehmen. Er will nicht "ausgelagert" werden. "Wie das schon klingt! Ich sage nur: BenQ lässt grüßen. Erst werden wir ausgegliedert, dann haben wir ausgedient", klagt Schleicher.
Dass ein Kollege "dem Obermann" jüngst mit einem Brandbrief "die Meinung gegeigt" hat, findet auch Betriebsrat Michael Lau gut: "Wir Mitarbeiter, die wir diese Firma mit vorangebracht haben, fühlen uns von diesen Chefs verschaukelt." Dass Obermann alleine Schuld an der Misere hat, das glaubt keiner. So leicht macht es sich keiner. "Wenn der den Karren nicht aus dem Dreck kriegt, kommt der nächste und kriegt ein paar Millionen", raunt einer. Die Kollegen nicken wieder stumm. Eine Zigarettenschachtel macht die Runde. Der Zusammenhalt der Kollegen, darauf könne man noch bauen, sind sie sich einig.
Das Problem liege auch bei der Regulierungsbehörde, die "uns viel zu niedrige Preise aufdrückt", klagt ein 40-jähriger Techniker. Die Telekom-Konkurrenten könnten ihre Billigangebote nur anbieten, weil die Telekom ihre Leitungen zu billig vermieten müsse. Überhaupt sei es seit der Privatisierung nur bergab gegangen. "Früher haben Chefs darum gewetteifert, wer mehr Mitarbeiter hat. Heute zählt nur noch der Profit", sagt der Walrossschnauzer. Früher ist auch lange her.
Jeder fünfte Deutsche arbeitet schwarz
08.03.2007 - 12:00
Berlin (ddp.djn). Der Gas-Wasser-Installateur macht
es, die Haushälterin tut es, aber auch der
Mathematik-Student oder die Architektin: Jeder fünfte
Deutsche hat im vergangenen Jahr schwarz gearbeitet -
ohne Rechnung, am Fiskus vorbei. Fast jeder dritte
Deutsche hat im vergangenen Jahr bei sich einen
Schwarzarbeiter beschäftigt, wie eine am Donnerstag
in Berlin vorgestellte Studie ergab. Der
Schattenwirtschaft-Forscher Friedrich Schneider von
der Universität Linz hat berechnet, dass das
Auftragsvolumen für Schwarzarbeit in diesem Jahr um
etwa ein Prozent auf 349 Milliarden Euro steigen
wird. Der Experte macht dafür unter anderem die
Erhöhung der Mehrwertsteuer verantwortlich. Der
Volkswirtschaftsprofessor aus dem österreichischen
Linz hat nichts gegen Schwarzarbeiter. Er hat
vielmehr Verständnis für sie. Und er hält sie
anscheinend sogar für volkswirtschaftlich wichtig.
Die Schattenwirtschaft stabilisiere die
Binnennachfrage, erläuterte der
Schwarzarbeit-Experte. So trägt sein neues Buch denn
auch den Titel "Ein Herz für Schwarzarbeiter. Warum
die Schattenwirtschaft unseren Wohlstand steigert".
Sieben bis elf Millionen Deutsche hätten einen
normalen Job und arbeiteten nebenbei schwarz. "Wollen
wir die denn alle einsperren?", fragte Schneider. Die
Devise des Schattenwirtschaft-Experten: Nicht der
kleine Mann ist schuld am Ausmaß der Schwarzarbeit -
die Politik ist es. "Wer in seiner Freizeit
zusätzlich arbeitet, macht das doch nicht um dadurch
sein Sparbuch zu füllen", meinte Schneider. 16,5
Prozent aller Schwarzarbeiter in Deutschland seien
Rentner oder Arbeitslose, der Anteil der illegal
beschäftigten Ausländer sei in etwa ebenso hoch. Zwei
Drittel aller Schwarzarbeiter hätten eine reguläre
Stelle und wollten sich etwas dazuverdienen. Das
betreffe aber nicht nur untere Einkommensschichten -
auch Besserverdiener würden schwarz jobben. Im Jahr
2003 hatte das Auftragsvolumen der Schattenwirtschaft
in Deutschland ein Rekordhoch von 370 Milliarden Euro
erreicht. Seither waren die Zahlen rückläufig, sagte
Schneider. Ein Grund sei die Einführung der so
genannten Mini-Jobs: "Dadurch wurden viele kleinere
Jobs aus der Illegalität in die reguläre Wirtschaft
zurückgeholt." Die Anhebung der pauschalen
Versicherungsbeiträge für Mini-Jobs habe einen Teil
zurück in die Schattenwirtschaft gedrängt und das
Volumen der Schattenwirtschaft um rund zwei
Milliarden Euro erhöht. Weitere 3,8 Milliarden Euro
habe die Mehrwertsteuererhöhung dazu beigetragen. Das
Ausmaß der Schattenwirtschaft in Deutschland ist weit
größer als in vielen anderen mitteleuropäischen
Ländern. Die 349 Milliarden Euro für 2007 entsprechen
laut Schneider 14,7 Prozent des deutschen
Bruttoinlandprodukts (BIP). In England mache die
Schattenwirtschaft nur 10,6 Prozent des BIP aus, in
Frankreich seien es 11,8 Prozent, in der Schweiz
gerade einmal 8,2 Prozent. Das Schlusslicht unter den
25 OECD-Ländern bilde Griechenland mit 25,1 Prozent
des BIP. Um die Schattenwirtschaft einzudämmen,
forderte der Experte zum Beispiel, die
Lohnnebenkosten deutlich zu senken und die
steuerliche Absetzbarkeit von haushaltsnahen
Dienstleistungen auszuweiten. Es müsse gelingen, Jobs
aus der Schatten- in die offizielle Wirtschaft zu
holen. Das ist nicht einfach. 78 Prozent der
Befragten gaben an, dass sie unter den aktuellen
Rahmenbedingungen schwarz vergebene Aufträge
offiziell gar nicht vergeben oder selbst erledigt
hätten. Dominik Enste vom arbeitgebernahen Instituts
der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) sagte, dass
allein über einen Bürokratieabbau bis zu 500 000
der derzeitigen Schattenwirtschafts-Jobs in reguläre
Arbeitsstellen werden könnten. Dies habe eine
IW-Studie ergeben. Das Vorbild sollten die
angelsächsischen Länder sein: "Wir brauchen statt des
deutschen Vorschriftendschungels einen englischen
Rasen", sagte Enste.
Küsschen von Käse-Antje
19.01.2007 - 12:00
Berlin (ddp). Klaus Wowereit bringt es auf den Punkt.
"Wir wissen doch, was morgen für Bilder in der
Zeitung sind", entgegnet Berlins Regierender
Bürgermeister am Freitag auf die Bitte eines
Fotografen, in seine Kamera zu schauen. In der Tat
interessiert sich auf der Grünen Woche in Berlin kaum
ein Journalist für ihn. Alle warten auf CSU-Vize
Horst Seehofer. Einen Tag nachdem Bayerns
Ministerpräsident Edmund Stoiber seinen Rückzug aus
der Politik angekündigt hat, will jeder von Seehofer
wissen, wie es im Machtkampf um den CSU-Parteivorsitz
zwischen ihm und Bayerns Wirtschaftsminister Erwin
Huber steht.
Doch Seehofer schweigt. Nicht mal ein kurzes Grußwort gibt es von ihm zum Auftakt seines Rundgangs über die Messe - das überlässt er seinem bayerischen Amts- und Parteikollegen Josef Miller. Als es ein Glas Milch gibt, greift Seehofer allerdings als erstes zu. "Milch macht müde Männer munter. Das hat er auch bitter nötig", unkt eine Messe-Besucherin. Seehofer wirke recht blass, urteilt sie. Die Berichte über eine angebliche außereheliche Affäre hätten dem Minister offensichtlich zugesetzt. Aber selbst wenn es so wäre: Anmerken lässt sich Seehofer nichts. Ganz Politprofi spaziert er vor dem Tross von Journalisten von einem Messestand zum nächsten, lächelt viel, gibt sich jovial.
Fragen zum Streit in der CSU will der Parteivize zunächst nicht beantworten. Lieber probiert er ein Stück holländischen Gouda und drückt Käse-Antje genüsslich einen Kuss auf die Wange. Die junge Frau aus den Niederlanden ist sichtlich verwirrt ob des Blitzlichtgewitters, das wegen des harmlosen Küsschens über sie hereinbricht. Seehofer lächelt weiter - aber jetzt wirkt er verkrampft. Entspannt wirkt er erst wieder, als ihm die Mazedonier ein Glas Wein in die Hand drücken. Seehofer nippt kurz, dann muss er weiter nach Albanien und Slowenien. Länger als fünf Minuten hält er sich an keinem der Stände auf.
Am Stand der Mongolei wird dem Minister schließlich deutsches Bier eingeschenkt. Auch hier nippt er nur ein Mal kurz am Glas. Am Stand des "Fisch-Informationszentrums" beweist Seehofer dann echte Nehmerqualitäten. Der Mann hinter der Theke zeigt ihm einen 15 Jahre alten Hummer. Regelmäßig würden die Tiere ihre alten Panzer abwerfen und neue bilden. "Wenn es mal wieder so weit ist, schicke ich ihnen den alten zu. Sie können den gebrauchen." Seehofer klopft dem Fisch-Menschen kräftig auf die Schulter.
Anderthalb Stunden bleibt Seehofer eisern, sagt kein Wort zur Nachfolgedebatte in der CSU. Dann endlich, in Halle 6.2a, stellt er sich den Fragen. Er könne nicht wirklich viel zur Stimmung an der CSU-Basis sagen, weil er "das Lieblingsspielzeug der Politiker", das Telefon, seit Donnerstagabend nicht benutzt habe, gibt er in ein Meer aus Mikrofonen zu Protokoll. Wenn es überhaupt zu einem Wettbewerb zwischen ihm und Erwin Huber um den CSU-Parteivorsitz komme, "dann sollte man immer für sich selbst werben und nicht dadurch Punkte machen, dass man andere schlecht macht", sagt er.
Dass der Bundesagrarminister Anspruch auf das Amt des CSU-Parteichefs angemeldet hat, ist auch den Besuchern der Grünen Woche nicht verborgen geblieben. Als er sich kurz vor Ende seines fast vierstündigen Rundgangs durch die engen Gänge zwischen den Ständen der drei baltischen Staaten zwängt, ruft ein Mann seiner Frau zu: "Guck mal, das ist doch der, der in Bayern Chef werden will."
Doch Seehofer schweigt. Nicht mal ein kurzes Grußwort gibt es von ihm zum Auftakt seines Rundgangs über die Messe - das überlässt er seinem bayerischen Amts- und Parteikollegen Josef Miller. Als es ein Glas Milch gibt, greift Seehofer allerdings als erstes zu. "Milch macht müde Männer munter. Das hat er auch bitter nötig", unkt eine Messe-Besucherin. Seehofer wirke recht blass, urteilt sie. Die Berichte über eine angebliche außereheliche Affäre hätten dem Minister offensichtlich zugesetzt. Aber selbst wenn es so wäre: Anmerken lässt sich Seehofer nichts. Ganz Politprofi spaziert er vor dem Tross von Journalisten von einem Messestand zum nächsten, lächelt viel, gibt sich jovial.
Fragen zum Streit in der CSU will der Parteivize zunächst nicht beantworten. Lieber probiert er ein Stück holländischen Gouda und drückt Käse-Antje genüsslich einen Kuss auf die Wange. Die junge Frau aus den Niederlanden ist sichtlich verwirrt ob des Blitzlichtgewitters, das wegen des harmlosen Küsschens über sie hereinbricht. Seehofer lächelt weiter - aber jetzt wirkt er verkrampft. Entspannt wirkt er erst wieder, als ihm die Mazedonier ein Glas Wein in die Hand drücken. Seehofer nippt kurz, dann muss er weiter nach Albanien und Slowenien. Länger als fünf Minuten hält er sich an keinem der Stände auf.
Am Stand der Mongolei wird dem Minister schließlich deutsches Bier eingeschenkt. Auch hier nippt er nur ein Mal kurz am Glas. Am Stand des "Fisch-Informationszentrums" beweist Seehofer dann echte Nehmerqualitäten. Der Mann hinter der Theke zeigt ihm einen 15 Jahre alten Hummer. Regelmäßig würden die Tiere ihre alten Panzer abwerfen und neue bilden. "Wenn es mal wieder so weit ist, schicke ich ihnen den alten zu. Sie können den gebrauchen." Seehofer klopft dem Fisch-Menschen kräftig auf die Schulter.
Anderthalb Stunden bleibt Seehofer eisern, sagt kein Wort zur Nachfolgedebatte in der CSU. Dann endlich, in Halle 6.2a, stellt er sich den Fragen. Er könne nicht wirklich viel zur Stimmung an der CSU-Basis sagen, weil er "das Lieblingsspielzeug der Politiker", das Telefon, seit Donnerstagabend nicht benutzt habe, gibt er in ein Meer aus Mikrofonen zu Protokoll. Wenn es überhaupt zu einem Wettbewerb zwischen ihm und Erwin Huber um den CSU-Parteivorsitz komme, "dann sollte man immer für sich selbst werben und nicht dadurch Punkte machen, dass man andere schlecht macht", sagt er.
Dass der Bundesagrarminister Anspruch auf das Amt des CSU-Parteichefs angemeldet hat, ist auch den Besuchern der Grünen Woche nicht verborgen geblieben. Als er sich kurz vor Ende seines fast vierstündigen Rundgangs durch die engen Gänge zwischen den Ständen der drei baltischen Staaten zwängt, ruft ein Mann seiner Frau zu: "Guck mal, das ist doch der, der in Bayern Chef werden will."
Klingenbergs «schwarzes Gold»
25.11.2006 - 12:00
Klingenberg (ddp). Das «schwarze Gold» der
unterfränkischen Kleinstadt Klingenberg am Main liegt
in rund 70 Metern Tiefe. Mitten im Laubwald am
Ortsrand klafft ein zwei Meter großes Loch in der
Felswand. Von dort aus führt ein kerzengerader
Schacht nach unten. Mit bis zu zweieinhalb Metern pro
Sekunde rattert der Drahtkorb durch den roten
Buntsandstein abwärts, mitten in das Stollenlabyrinth
des städtischen Tonbergwerks - das einzige in Bayern
und eines der letzten in Deutschland und Europa.
Unten angekommen hört man Wasser rauschen, es riecht nach muffigem Keller. Täglich plätschern 60 Kubikmeter Grundwasser in das Bergwerk, die abgepumpt werden müssen. «Sonst ist hier nach zwei, drei Tagen alles abgesoffen», sagt Eckhard Ehrt, technischer Leiter des städtischen Bergwerks. Mit sechs Bergleuten fördert der Bergbauingenieur jedes Jahr 1200 Tonnen Ton zu Tage. «Ein Knochenjob», betont Ehrt, denn im Gegensatz zu anderen Bergwerken kann in Klingenberg kaum Technik eingesetzt werden. Während Kohle mit riesigen Maschinen abgebaut wird, muss man Ton von Hand mit Druckluftspaten abbrechen.
Diese aufwändige Förderweise macht den unterfränkischen Ton teurer als Ton aus Fernost, der mit großen Maschinen über Tage abgetragen wird. Der Ton aus Klingenberg ist aber auch nicht irgendein Ton. Es sei «der beste Ton der Welt», sagt Erich Schoch, der Geschäftsführer des städtischen Tonwerks: «Eine ähnliche Qualität wurde bisher weltweit nicht gefunden.» Weshalb sich Ton aus Klingenberg Jahrhunderte lang bestens verkaufen ließ. Zum Beispiel an die Bleistiftindustrie. Denn in diesen Schreibgeräten findet sich kein einziges Gramm Blei. Das war schon immer so. Bleistiftmienen bestehen aus einem Graphit- und Ton-Gemisch.
Der beste Ton aus dem Klingenberger Bergwerk ist fast pechschwarz, die etwas schlechtere Qualität hat die typische braungraue Ton-Farbe. Man erkennt die Qualität des Tons aber nicht nur an der Farbe, sondern auch am Schluff. Je weniger Quarzsand-Körnchen im Ton vorhanden sind, desto besser ist er. «Und das findet man am besten so heraus», sagt Eckhard Ehrt, reißt ein kleines Stück Ton von der Wand ab und steckt es in den Mund. Dann kaut er ein bisschen mit den Schneidezähnen darauf herum und spuckt es wieder aus. «Je weniger es knirscht, desto besser ist der Ton», sagt er. Eine Tonne dieses Tons kostet um die 700 Euro.
Für Bleistifte ist heute kaum mehr eine Firma bereit, diesen Preis zu bezahlen. Früher wurden in Klingenberg bis zu 30 000 Tonnen Ton jährlich gefördert, 120 Bergleute hatten Arbeit. Diese Zeiten sind längst vorbei. Doch das «schwarze Gold» aus Klingenberg ist nach wie vor sehr gefragt. Heutzutage vor allem in der elektrokeramischen Industrie - dort wird der Ton beispielsweise zu Isolatoren für Hochspannungsleitungen.
Das Schwierige am Tonbergbau besteht darin, dass die gegrabenen Stollen nicht wie in anderen Bergwerken einmal gegraben werden und dann bleiben. Ton bewegt sich. Würde ein Stollen nicht mit Stahlspannrahmen gesichert, würde er binnen weniger Wochen ganz verschwunden sein. Durch alle Ritzen der Stahlkonstruktionen presst sich der Ton mit enormer Kraft hindurch.
Ohne Investitionen wäre der Tonbergbau deshalb schon längst Geschichte. Einen neuen energiesparenden Druckluft-Kompressor für die Spaten hat vor kurzem das bayerische Wirtschaftsministerium bezuschusst. «Wir könnten uns so etwas kaum leisten», sagt Schoch. Die Vorkommen an «schwarzem Gold» reichen noch für die kommenden 30 Jahre, meint der Bergwerks-Geschäftsführer. Doch ob es sich auch noch so lange lohnt, Ton abzubauen - das weiß niemand.
Unten angekommen hört man Wasser rauschen, es riecht nach muffigem Keller. Täglich plätschern 60 Kubikmeter Grundwasser in das Bergwerk, die abgepumpt werden müssen. «Sonst ist hier nach zwei, drei Tagen alles abgesoffen», sagt Eckhard Ehrt, technischer Leiter des städtischen Bergwerks. Mit sechs Bergleuten fördert der Bergbauingenieur jedes Jahr 1200 Tonnen Ton zu Tage. «Ein Knochenjob», betont Ehrt, denn im Gegensatz zu anderen Bergwerken kann in Klingenberg kaum Technik eingesetzt werden. Während Kohle mit riesigen Maschinen abgebaut wird, muss man Ton von Hand mit Druckluftspaten abbrechen.
Diese aufwändige Förderweise macht den unterfränkischen Ton teurer als Ton aus Fernost, der mit großen Maschinen über Tage abgetragen wird. Der Ton aus Klingenberg ist aber auch nicht irgendein Ton. Es sei «der beste Ton der Welt», sagt Erich Schoch, der Geschäftsführer des städtischen Tonwerks: «Eine ähnliche Qualität wurde bisher weltweit nicht gefunden.» Weshalb sich Ton aus Klingenberg Jahrhunderte lang bestens verkaufen ließ. Zum Beispiel an die Bleistiftindustrie. Denn in diesen Schreibgeräten findet sich kein einziges Gramm Blei. Das war schon immer so. Bleistiftmienen bestehen aus einem Graphit- und Ton-Gemisch.
Der beste Ton aus dem Klingenberger Bergwerk ist fast pechschwarz, die etwas schlechtere Qualität hat die typische braungraue Ton-Farbe. Man erkennt die Qualität des Tons aber nicht nur an der Farbe, sondern auch am Schluff. Je weniger Quarzsand-Körnchen im Ton vorhanden sind, desto besser ist er. «Und das findet man am besten so heraus», sagt Eckhard Ehrt, reißt ein kleines Stück Ton von der Wand ab und steckt es in den Mund. Dann kaut er ein bisschen mit den Schneidezähnen darauf herum und spuckt es wieder aus. «Je weniger es knirscht, desto besser ist der Ton», sagt er. Eine Tonne dieses Tons kostet um die 700 Euro.
Für Bleistifte ist heute kaum mehr eine Firma bereit, diesen Preis zu bezahlen. Früher wurden in Klingenberg bis zu 30 000 Tonnen Ton jährlich gefördert, 120 Bergleute hatten Arbeit. Diese Zeiten sind längst vorbei. Doch das «schwarze Gold» aus Klingenberg ist nach wie vor sehr gefragt. Heutzutage vor allem in der elektrokeramischen Industrie - dort wird der Ton beispielsweise zu Isolatoren für Hochspannungsleitungen.
Das Schwierige am Tonbergbau besteht darin, dass die gegrabenen Stollen nicht wie in anderen Bergwerken einmal gegraben werden und dann bleiben. Ton bewegt sich. Würde ein Stollen nicht mit Stahlspannrahmen gesichert, würde er binnen weniger Wochen ganz verschwunden sein. Durch alle Ritzen der Stahlkonstruktionen presst sich der Ton mit enormer Kraft hindurch.
Ohne Investitionen wäre der Tonbergbau deshalb schon längst Geschichte. Einen neuen energiesparenden Druckluft-Kompressor für die Spaten hat vor kurzem das bayerische Wirtschaftsministerium bezuschusst. «Wir könnten uns so etwas kaum leisten», sagt Schoch. Die Vorkommen an «schwarzem Gold» reichen noch für die kommenden 30 Jahre, meint der Bergwerks-Geschäftsführer. Doch ob es sich auch noch so lange lohnt, Ton abzubauen - das weiß niemand.
Von alter Fliegerbombe zerferzt
23.10.2006 - 12:00
Aschaffenburg (ddp). Völlig zerfetzt liegt die
schwarz-gelbe Betonfräse im unfertigen Straßengraben
der A 3 bei Aschaffenburg. Bei so einer Wucht hatte
der 46-jährige Maschinenführer aus Dresden keine
Überlebenschance. Wie ein kleines Spielzeugauto flog
die 25 Tonnen schwere Maschine durch die Luft, 100
Meter weit wurden einzelne Trümmer geschleudert.
Es war 10.53 Uhr, als Kollegen des Maschinenführers einen dumpfen Knall hörten. «Wir standen etwa 400 Meter weit entfernt an einem Bauwagen, trotzdem haben wir die Druckwelle noch gespürt», erzählt ein Kollege. «Wir kannten ihn vom Sehen», sagt ein anderer. «Er war zwar nicht von unserer Firma, aber gekannt hat man sich schon, so von der Brotzeit.» Neben dem Maschinenführer der Betonfräse, der noch an der Unfallstelle verstarb, erlitten vier weitere Bauarbeiter und eine Autofahrerin schwere Schocks.
Die Maschine hatte an der Unglücksstelle Trockenbeton unter die Erde gemischt und anschließend verdichtet, erklärte der Polizeisprecher vor Ort. Der Fräsen-Kopf, der etwa 30 Zentimeter tief im Erdreich arbeitete, «muss dabei die Bombe zur Detonation gebracht haben». Die herumfliegenden Trümmerteile der Fräse beschädigten auch einige vorbeifahrende Autos. Der Verkehr wurde an der Baustelle einseitig vorbeigeleitet. Die Fahrbahn soll hier auf sechs Streifen verbreitert werden.
Den Rettungskräften von Feuerwehr und Rotem Kreuz bot sich ein schreckliches Bild, als sie wenige Minuten nach der Explosion am Einsatzort eintrafen. «Mit so was hatte ich nicht gerechnet», sagt ein Feuerwehrmann. Ein Sanitäter wollte eigentlich nichts dazu sagen, dann redet er doch: «Furchtbar. Einfach furchtbar.»
Einen rund acht Meter breiten und zweieinhalb Meter tiefen Krater hat die Bombe in die Asphaltdecke gerissen. Um was für einen Sprengkörper es sich handelte, ist noch nicht endgültig geklärt. Ein Spezialkommando aus München wurde für die Ermittlungen angefordert. Die Polizei geht von einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Der Aschaffenburger Stadtteil Damm wurde bis 1945 von den Alliierten bombardiert, weil dort Uniformen hergestellt wurden.
Nach dem Unglück wurde die A 3 Frankfurt-Würzburg zwischen Aschaffenburg Ost und West in beide Richtungen stundenlang gesperrt. Es bildeten sich lange Staus. Auf den Lärmschutzwällen links und rechts der Unfallstelle versammelten sich schnell Neugierige, gafften und fotografierten. «So was gibt's hier ja nicht jeden Tag», meint ein Schaulustiger.
Es war 10.53 Uhr, als Kollegen des Maschinenführers einen dumpfen Knall hörten. «Wir standen etwa 400 Meter weit entfernt an einem Bauwagen, trotzdem haben wir die Druckwelle noch gespürt», erzählt ein Kollege. «Wir kannten ihn vom Sehen», sagt ein anderer. «Er war zwar nicht von unserer Firma, aber gekannt hat man sich schon, so von der Brotzeit.» Neben dem Maschinenführer der Betonfräse, der noch an der Unfallstelle verstarb, erlitten vier weitere Bauarbeiter und eine Autofahrerin schwere Schocks.
Die Maschine hatte an der Unglücksstelle Trockenbeton unter die Erde gemischt und anschließend verdichtet, erklärte der Polizeisprecher vor Ort. Der Fräsen-Kopf, der etwa 30 Zentimeter tief im Erdreich arbeitete, «muss dabei die Bombe zur Detonation gebracht haben». Die herumfliegenden Trümmerteile der Fräse beschädigten auch einige vorbeifahrende Autos. Der Verkehr wurde an der Baustelle einseitig vorbeigeleitet. Die Fahrbahn soll hier auf sechs Streifen verbreitert werden.
Den Rettungskräften von Feuerwehr und Rotem Kreuz bot sich ein schreckliches Bild, als sie wenige Minuten nach der Explosion am Einsatzort eintrafen. «Mit so was hatte ich nicht gerechnet», sagt ein Feuerwehrmann. Ein Sanitäter wollte eigentlich nichts dazu sagen, dann redet er doch: «Furchtbar. Einfach furchtbar.»
Einen rund acht Meter breiten und zweieinhalb Meter tiefen Krater hat die Bombe in die Asphaltdecke gerissen. Um was für einen Sprengkörper es sich handelte, ist noch nicht endgültig geklärt. Ein Spezialkommando aus München wurde für die Ermittlungen angefordert. Die Polizei geht von einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Der Aschaffenburger Stadtteil Damm wurde bis 1945 von den Alliierten bombardiert, weil dort Uniformen hergestellt wurden.
Nach dem Unglück wurde die A 3 Frankfurt-Würzburg zwischen Aschaffenburg Ost und West in beide Richtungen stundenlang gesperrt. Es bildeten sich lange Staus. Auf den Lärmschutzwällen links und rechts der Unfallstelle versammelten sich schnell Neugierige, gafften und fotografierten. «So was gibt's hier ja nicht jeden Tag», meint ein Schaulustiger.
Trauben naschen ist erlaubt
10.10.2006 - 12:00
Würzburg (ddp-bay). Wenn die Würzburger ihre Ruhe
haben wollen, machen sie einen Spaziergang durch die
Weinberge. In diesen Tagen ist es dort mit der Ruhe
aber nicht weit her. Es knipst und knackst in allen
Ecken. Aus allen Rebgassen raschelt und murmelt es.
Die Weinlese in Franken ist in vollem Gang.
Mittendrin steht Anni Hemm in ihrem gelben
Regenmantel und mit ihren roten Gummihandschuhen.
Seit 20 Jahren arbeitet sie jeden Herbst in den
Weinbergen und schneidet Trauben ab.
Seit knapp zwei Wochen grasen die Lesehelfer des Würzburger Weinguts Juliusspital die Weinberge in und um Würzburg ab. Schon morgens um kurz nach 7.00 Uhr geht es los. Ein kalter Wind fegt durch die Rebgassen am Würzburger Stein, einer der berühmtesten Weinlagen Frankens. Die Temperaturen sinken bereits seit Tagen. Jetzt muss alles schnell gehen, die Trauben müssen runter. 40 Männer und Frauen wuseln die engen und steilen Rebgassen mit Eimern und Scheren hinauf. Studenten sind dabei, polnische Saisonarbeiter, «Hartz IV»-Empfänger - und treue Erntehelfer wie Anni Hemm.
«Ich komme aus der Landwirtschaft», sagt Hemm. Sie mag die Arbeit an der frischen Luft und in der Natur. «Für mich wäre jeder Bürojob ein Horror.» Flink greift sie in das dichte Weinlaub, mit ihrer Rebschere schneidet sie einen Zweig mit dicken grünen Trauben ab und lässt ihn in den Eimer fallen. Natürlich darf sie nicht alle Trauben ernten. «Die Geiz lasse ich einfach hängen», sagt sie. Geiztrauben sind solche, die zu wenig Sonne abbekommen haben. Sie sind grüner als die richtig reifen, druckfester und auch nicht ganz so süß. Kosten muss Anni Hemm sie aber nicht: «Ich sehe das.»
Auch nach mehreren Tagen Weinlese von früh bis spät und der Aussicht auf weitere zwei Wochen hat Hemm noch nicht genug von den Trauben. «Wenn gute dabei sind, esse ich auch welche.» Der Silvaner am Würzburger Stein ist jedoch nicht ihre Lieblingsrebe.
Gewürztraminer oder Muskateller mag sie lieber: «Die schmecken einfach besser, ein bisschen nussiger. Aber das muss man mögen.» Doch nicht nur «die Geiz» müssen hängen bleiben. Verschimmelte Trauben müssen die Erntehelfer ebenso aussortieren wie jene, die säuerlich riechen. Diese «negative Fäulnis», im Gegensatz zur begehrten Edelfäule, schade dem Wein nämlich besonders, sagt Josef Schmitt, Weinbergmeister des Juliusspitals.
Die «großen Gewächse» und Premiumweine des Juliusspitals werden nach wie vor von Hand gelesen, erklärt Schmitt. Geübte Helfer wie Anni Hemm schaffen an einem Tag rund 700 Kilogramm Silvaner-Trauben abzuernten. «Bei anderen Rebsorten ist das etwas weniger, weil die Trauben kleiner sind», sagt der Weinbergmeister. Auch wenn es am Würzburger Stein ganz schön bergab geht, ist Hemm der Hang noch nicht steil genug. «Hier muss man sich sehr tief bücken, das merkt man dann abends im Rücken», sagt sie. Je schräger der Hang, desto aufrechter kann man die Trauben ernten, weiß die erfahrene Helferin.
Auch wenn die Weinlese harte Arbeit ist, so sind die Jobs beim Weingut Juliusspital doch begehrt. 7,50 Euro Stundenlohn bekommt man ab dem zweiten Jahr, einen Euro weniger im ersten. «Schließlich müssen wir die Helfer einarbeiten», sagt Josef Schmitt. Jede Rebsorte hat beim Lesen ihre Eigenarten - auszusortierende Trauben sehen nämlich bei jeder Sorte anders aus.
Seit knapp zwei Wochen grasen die Lesehelfer des Würzburger Weinguts Juliusspital die Weinberge in und um Würzburg ab. Schon morgens um kurz nach 7.00 Uhr geht es los. Ein kalter Wind fegt durch die Rebgassen am Würzburger Stein, einer der berühmtesten Weinlagen Frankens. Die Temperaturen sinken bereits seit Tagen. Jetzt muss alles schnell gehen, die Trauben müssen runter. 40 Männer und Frauen wuseln die engen und steilen Rebgassen mit Eimern und Scheren hinauf. Studenten sind dabei, polnische Saisonarbeiter, «Hartz IV»-Empfänger - und treue Erntehelfer wie Anni Hemm.
«Ich komme aus der Landwirtschaft», sagt Hemm. Sie mag die Arbeit an der frischen Luft und in der Natur. «Für mich wäre jeder Bürojob ein Horror.» Flink greift sie in das dichte Weinlaub, mit ihrer Rebschere schneidet sie einen Zweig mit dicken grünen Trauben ab und lässt ihn in den Eimer fallen. Natürlich darf sie nicht alle Trauben ernten. «Die Geiz lasse ich einfach hängen», sagt sie. Geiztrauben sind solche, die zu wenig Sonne abbekommen haben. Sie sind grüner als die richtig reifen, druckfester und auch nicht ganz so süß. Kosten muss Anni Hemm sie aber nicht: «Ich sehe das.»
Auch nach mehreren Tagen Weinlese von früh bis spät und der Aussicht auf weitere zwei Wochen hat Hemm noch nicht genug von den Trauben. «Wenn gute dabei sind, esse ich auch welche.» Der Silvaner am Würzburger Stein ist jedoch nicht ihre Lieblingsrebe.
Gewürztraminer oder Muskateller mag sie lieber: «Die schmecken einfach besser, ein bisschen nussiger. Aber das muss man mögen.» Doch nicht nur «die Geiz» müssen hängen bleiben. Verschimmelte Trauben müssen die Erntehelfer ebenso aussortieren wie jene, die säuerlich riechen. Diese «negative Fäulnis», im Gegensatz zur begehrten Edelfäule, schade dem Wein nämlich besonders, sagt Josef Schmitt, Weinbergmeister des Juliusspitals.
Die «großen Gewächse» und Premiumweine des Juliusspitals werden nach wie vor von Hand gelesen, erklärt Schmitt. Geübte Helfer wie Anni Hemm schaffen an einem Tag rund 700 Kilogramm Silvaner-Trauben abzuernten. «Bei anderen Rebsorten ist das etwas weniger, weil die Trauben kleiner sind», sagt der Weinbergmeister. Auch wenn es am Würzburger Stein ganz schön bergab geht, ist Hemm der Hang noch nicht steil genug. «Hier muss man sich sehr tief bücken, das merkt man dann abends im Rücken», sagt sie. Je schräger der Hang, desto aufrechter kann man die Trauben ernten, weiß die erfahrene Helferin.
Auch wenn die Weinlese harte Arbeit ist, so sind die Jobs beim Weingut Juliusspital doch begehrt. 7,50 Euro Stundenlohn bekommt man ab dem zweiten Jahr, einen Euro weniger im ersten. «Schließlich müssen wir die Helfer einarbeiten», sagt Josef Schmitt. Jede Rebsorte hat beim Lesen ihre Eigenarten - auszusortierende Trauben sehen nämlich bei jeder Sorte anders aus.
Weise sieht weiter Rückenwind
31.08.2006 - 12:00
Nürnberg (ddp). Nach dem überraschend starken
Rückgang der Arbeitslosigkeit im Juli ist die Zahl
der offiziell registrierten Erwerbslosen im August
erneut gesunken. Die Abnahme sei allerdings schwächer
als sonst in diesem Monat üblich, sagte der
Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit,
Frank-Jürgen Weise, am Donnerstag in Nürnberg.
Insgesamt sorge die konjunkturelle Entwicklung aber
weiterhin für Rückenwind auf dem Arbeitsmarkt.
Derzeit sind nach Angaben der Bundesagentur 4,372 Millionen Menschen in Deutschland offiziell arbeitslos gemeldet. Das sind 14 000 weniger als im Juli und 426 000 weniger als im August des Vorjahres. Die Arbeitslosenquote liegt damit unverändert bei 10,5 Prozent. Allerdings ist sie in den neuen Bundesländern mit 16,7 Prozent fast doppelt so hoch wie im alten Bundesgebiet mit 8,8 Prozent.
Als einen Grund für den schwächeren Rückgang der Arbeitslosenzahlen im August nannte Weise den späteren Ferienbeginn in vielen Bundesländern. Saisonbereinigt sei die Arbeitslosenzahl um 5000 gestiegen. Im Durchschnitt sei die Arbeitslosigkeit in den vergangenen drei Sommermonaten jedoch um monatlich 46 000 «kräftig gesunken», sagte Weise. Die seit einem Jahr positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt setze sich fort. Es gebe deutlich weniger Menschen die ihre Arbeit verloren haben. Gleichzeitig habe sich die Zahl der offenen Stellen im August im Vergleich zum Vorjahr um 154 000 auf 619 000 erhöht.
Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Erwerbstätigen gegenüber dem Vorjahr um 310 000 gestiegen. Besonders die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung habe im Juni - jüngere Daten sind nicht verfügbar - deutlich höher als noch im Vorjahr gelegen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sei vorläufigen Hochrechnungen zufolge um 129 000 auf 26,31 Millionen gestiegen.
Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt bleibt unterdessen weiterhin angespannt. Von Oktober 2005 bis August 2006 seien den Agenturen für Arbeit 418 400 Ausbildungsstellen gemeldet worden. Das seien zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der gemeldeten Bewerber liege hingegen auf Vorjahresniveau. Die Lehrstellenlücke werde Ende September größer als im vergangenen Jahr sein, prognostizierte der Chef der Bundesagentur: «Natürlich können die Partner im Ausbildungspakt das noch verhindern.»
Die Finanzsituation der BA verbesserte sich auch im August weiter. Der Überschuss aus Einnahmen und Ausgaben betrage mittlerweile 5,38 Milliarden Euro, sagte Weise. Er wies zugleich Vorwürfe zurück, die Bundesagentur spare zu Lasten von Arbeitslosen: «Alle nötigen Arbeitsmarktmaßnahmen wurden durchgeführt - aber wirtschaftlich.» Wenn gespart werde, dann nicht an wettbewerbsschwachen Kunden. Der BA-Chef betonte, dass er keine Organisation führen wolle, «die dauerhaft rote Zahlen schreibt». Vorstandsmitglied Raimund Becker wies zudem die Vorwürfe zurück, die Bundesagentur habe ihren Überschuss zulasten der Krankenkassen finanziert: «Das stimmt nicht.»
Derzeit sind nach Angaben der Bundesagentur 4,372 Millionen Menschen in Deutschland offiziell arbeitslos gemeldet. Das sind 14 000 weniger als im Juli und 426 000 weniger als im August des Vorjahres. Die Arbeitslosenquote liegt damit unverändert bei 10,5 Prozent. Allerdings ist sie in den neuen Bundesländern mit 16,7 Prozent fast doppelt so hoch wie im alten Bundesgebiet mit 8,8 Prozent.
Als einen Grund für den schwächeren Rückgang der Arbeitslosenzahlen im August nannte Weise den späteren Ferienbeginn in vielen Bundesländern. Saisonbereinigt sei die Arbeitslosenzahl um 5000 gestiegen. Im Durchschnitt sei die Arbeitslosigkeit in den vergangenen drei Sommermonaten jedoch um monatlich 46 000 «kräftig gesunken», sagte Weise. Die seit einem Jahr positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt setze sich fort. Es gebe deutlich weniger Menschen die ihre Arbeit verloren haben. Gleichzeitig habe sich die Zahl der offenen Stellen im August im Vergleich zum Vorjahr um 154 000 auf 619 000 erhöht.
Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Erwerbstätigen gegenüber dem Vorjahr um 310 000 gestiegen. Besonders die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung habe im Juni - jüngere Daten sind nicht verfügbar - deutlich höher als noch im Vorjahr gelegen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sei vorläufigen Hochrechnungen zufolge um 129 000 auf 26,31 Millionen gestiegen.
Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt bleibt unterdessen weiterhin angespannt. Von Oktober 2005 bis August 2006 seien den Agenturen für Arbeit 418 400 Ausbildungsstellen gemeldet worden. Das seien zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der gemeldeten Bewerber liege hingegen auf Vorjahresniveau. Die Lehrstellenlücke werde Ende September größer als im vergangenen Jahr sein, prognostizierte der Chef der Bundesagentur: «Natürlich können die Partner im Ausbildungspakt das noch verhindern.»
Die Finanzsituation der BA verbesserte sich auch im August weiter. Der Überschuss aus Einnahmen und Ausgaben betrage mittlerweile 5,38 Milliarden Euro, sagte Weise. Er wies zugleich Vorwürfe zurück, die Bundesagentur spare zu Lasten von Arbeitslosen: «Alle nötigen Arbeitsmarktmaßnahmen wurden durchgeführt - aber wirtschaftlich.» Wenn gespart werde, dann nicht an wettbewerbsschwachen Kunden. Der BA-Chef betonte, dass er keine Organisation führen wolle, «die dauerhaft rote Zahlen schreibt». Vorstandsmitglied Raimund Becker wies zudem die Vorwürfe zurück, die Bundesagentur habe ihren Überschuss zulasten der Krankenkassen finanziert: «Das stimmt nicht.»
Ein Bett im Kornfeld
09.08.2006 - 12:00
Bad Kissingen (ddp). Es war im Sommer 2002, Monika
Fritz war völlig pleite, und die Urlaubszeit stand
an. «Ich wollte irgendetwas machen, was aufregend,
romantisch und naturverbunden ist - aber kein Geld
kostet», erinnert sie sich. Aus ihrem Küchenradio
dudelte «Ein Bett im Kornfeld» von Schlagerbarde
Jürgen Drews, und plötzlich hatte Fritz eine Idee.
«Warum nicht mal im Kornfeld übernachten», dachte sie
sich, schrieb ein Konzeptpapier für ihr
«Open-Air-Hotel» und ging damit im unterfränkischen
Bad Kissingen hausieren. Lange suchen musste Monika
Fritz nicht. Landwirt und Stadtrat Otto Funck war von
der Idee begeistert und stellte für das Vorhaben ein
Weizenfeld zur Verfügung.
Im August 2002 eröffnete das «Hotel im Kornfeld» erstmals für zwei Wochen, seither wiederholen Funck und Fritz die Aktion jedes Jahr. In diesem Jahr feiern sie bereits ihr Fünfjähriges. «Das war eine völlig spontane Idee», sagt Monika Fritz, die den Erfolg des «Open-Air-Hotels» noch immer nicht so recht fassen kann. Doch die Besucher sind begeistert. Mittlerweile kommen Menschen aus ganz Deutschland, um unter fast freiem Himmel zu schlafen. Etliche sind schon zum dritten Mal dabei.
Das Hotel im Kornfeld funktioniert im Prinzip wie ein Labyrinth im Maisfeld, das übrigens direkt neben dem «Hotel» liegt. In das gewachsene Korn sind Wege und «Zimmer» hineingemäht. Über die drei mal drei Meter große Liegefläche, die jeder nach Belieben mit Stroh auslegen kann, ist ein Pavillon-Dach gespannt. Zwischen Dach und Weizenären ist ein knapp 30 Zentimeter großer Spalt, «so dass man trotz Regenschutz eine tolle Sicht auf den Sternenhimmel und den Sonnenaufgang hat», schwärmt Fritz. Manche Gäste nehmen sich Decken mit auf ihr «Zimmer», andere mummeln sich in Schlafsäcke. Denn ein bisschen frisch wird es im Korn schon.
Das Bad Kissinger Feld-Bett-Lager kann sich rühmen, das erste und einzige «Open-Air-Hotel» Deutschlands zu sein, beteuert Fritz. Nur in der Schweiz gebe es inzwischen einige Nachahmer. Das Besondere an ihrem «Hotel» sei aber nicht nur das Übernachten im Freien, «es gibt nämlich auch eine ganze Menge Rahmenprogramm», erklärt sie. Eine Stroh-Hüpfburg für die Kleinen, ein Heilmoorbad für die Großen und ein goldenes Bettgestell mit frischem Heu. Außerdem gibt es jeden Abend Lagerfeuer, Gegrilltes und morgens ein großes Frühstücksbuffet im Zirkuszelt - einer Hotellobby mitten im Kornfeld.
«Ich finde das toll hier», sagt eine Besucherin aus Wiesbaden. Privatsphäre hat man im Kornfeld-Hotel naturgemäß wenig. Zwischen den «Zimmern» sind höchstens zwei bis drei Meter Kornfeld. «Da hört man schon alles, was um einen herum passiert und gesprochen wird», gibt Fritz zu. Aber die Gäste scheint das nicht zu stören, sie kommen vor allem wegen des Naturerlebnisses. «Man darf sonst ja nirgends einfach in einem Weizenfeld schlafen», sagt ein Besucher aus Oberstaufen.
«Wir haben Gäste jeden Alters und aus allen Bildungsschichten», erklärt Natur-Hotelier Monika Fritz: Vom Richter bis zum Handwerker, vom rüstigen Rentner bis zum Kindergartenkind - alle wollen ins Feld, auch wenn das Stroh ein bisschen sticht.
Check-In ist täglich um 16.30 Uhr, abreisen muss man am nächsten Tag bis 12.00 Uhr. «Danach werden die Strohlager wieder aufgeschüttet», sagt die Hotel-Chefin. An vielen Tagen ist das Kornfeld schon komplett ausgebucht, wer dort nächtigen will, sollte unbedingt vorher ein «Zimmer» reservieren. Geöffnet hat das «Open-Air- Hotel» täglich bis 15. August. Monika Fritz wird in diesem Jahr aber nicht jede Nacht selbst im Freien verbringen: «Bislang war ich immer jede Nacht hier. Aber man wird ja nicht jünger.» Ihr Rücken macht zwei Wochen Kornfeld nicht mehr anstandslos mit. Ein «Hotel- Angestellter» ist aber immer im Feld - auch nachts.
(bett-im-kornfeld.de)
Im August 2002 eröffnete das «Hotel im Kornfeld» erstmals für zwei Wochen, seither wiederholen Funck und Fritz die Aktion jedes Jahr. In diesem Jahr feiern sie bereits ihr Fünfjähriges. «Das war eine völlig spontane Idee», sagt Monika Fritz, die den Erfolg des «Open-Air-Hotels» noch immer nicht so recht fassen kann. Doch die Besucher sind begeistert. Mittlerweile kommen Menschen aus ganz Deutschland, um unter fast freiem Himmel zu schlafen. Etliche sind schon zum dritten Mal dabei.
Das Hotel im Kornfeld funktioniert im Prinzip wie ein Labyrinth im Maisfeld, das übrigens direkt neben dem «Hotel» liegt. In das gewachsene Korn sind Wege und «Zimmer» hineingemäht. Über die drei mal drei Meter große Liegefläche, die jeder nach Belieben mit Stroh auslegen kann, ist ein Pavillon-Dach gespannt. Zwischen Dach und Weizenären ist ein knapp 30 Zentimeter großer Spalt, «so dass man trotz Regenschutz eine tolle Sicht auf den Sternenhimmel und den Sonnenaufgang hat», schwärmt Fritz. Manche Gäste nehmen sich Decken mit auf ihr «Zimmer», andere mummeln sich in Schlafsäcke. Denn ein bisschen frisch wird es im Korn schon.
Das Bad Kissinger Feld-Bett-Lager kann sich rühmen, das erste und einzige «Open-Air-Hotel» Deutschlands zu sein, beteuert Fritz. Nur in der Schweiz gebe es inzwischen einige Nachahmer. Das Besondere an ihrem «Hotel» sei aber nicht nur das Übernachten im Freien, «es gibt nämlich auch eine ganze Menge Rahmenprogramm», erklärt sie. Eine Stroh-Hüpfburg für die Kleinen, ein Heilmoorbad für die Großen und ein goldenes Bettgestell mit frischem Heu. Außerdem gibt es jeden Abend Lagerfeuer, Gegrilltes und morgens ein großes Frühstücksbuffet im Zirkuszelt - einer Hotellobby mitten im Kornfeld.
«Ich finde das toll hier», sagt eine Besucherin aus Wiesbaden. Privatsphäre hat man im Kornfeld-Hotel naturgemäß wenig. Zwischen den «Zimmern» sind höchstens zwei bis drei Meter Kornfeld. «Da hört man schon alles, was um einen herum passiert und gesprochen wird», gibt Fritz zu. Aber die Gäste scheint das nicht zu stören, sie kommen vor allem wegen des Naturerlebnisses. «Man darf sonst ja nirgends einfach in einem Weizenfeld schlafen», sagt ein Besucher aus Oberstaufen.
«Wir haben Gäste jeden Alters und aus allen Bildungsschichten», erklärt Natur-Hotelier Monika Fritz: Vom Richter bis zum Handwerker, vom rüstigen Rentner bis zum Kindergartenkind - alle wollen ins Feld, auch wenn das Stroh ein bisschen sticht.
Check-In ist täglich um 16.30 Uhr, abreisen muss man am nächsten Tag bis 12.00 Uhr. «Danach werden die Strohlager wieder aufgeschüttet», sagt die Hotel-Chefin. An vielen Tagen ist das Kornfeld schon komplett ausgebucht, wer dort nächtigen will, sollte unbedingt vorher ein «Zimmer» reservieren. Geöffnet hat das «Open-Air- Hotel» täglich bis 15. August. Monika Fritz wird in diesem Jahr aber nicht jede Nacht selbst im Freien verbringen: «Bislang war ich immer jede Nacht hier. Aber man wird ja nicht jünger.» Ihr Rücken macht zwei Wochen Kornfeld nicht mehr anstandslos mit. Ein «Hotel- Angestellter» ist aber immer im Feld - auch nachts.
(bett-im-kornfeld.de)
Ententanz bei minus 110 Grad
19.07.2006 - 12:00
Bad Kissingen (ddp). Bei diesen Temperaturen hilft
auch ein Ventilator nichts mehr. 35 Grad im Schatten,
Tendenz steigend. Doch Jens Eichler macht die Hitze
gar nichts aus. Denn er hat den vermutlich kältesten
Arbeitsplatz Bayerns. Eichler betreut im Bad
Kissinger Sanatorium Winterstein eine Kältekammer:
Eine überdimensionale Gefriertruhe mit mindestens
minus 110 Grad Celsius, die Rheuma- und
Arthritis-Beschwerden lindert.
Und manchmal kühlt sich auch Eichler in der Kammer ab. Wenn es arg heiß sei und er zwischen den Anwendungen ein bisschen Zeit finde, springe er auch mal für zwei Minuten hinein: «Gerade an so extremen Sommertagen wie jetzt ist das richtig angenehm.» Denn der Körper kühle trotz der kurzen Aufenthaltsdauer stark herunter: «Man fühlt sich danach für mindestens eine halbe Stunde frisch.»
Die Kältekammer sieht ein bisschen aus wie ein Luftschutzbunker: Eine dicke Tür mit eingelassener Glasscheibe, davor ein Pult mit Mikrophon, bunten Lichtern, Knöpfen und einer Temperaturanzeige. «Jetzt ist's sogar noch ein bisschen kälter als sonst», sagt Eichler. 119 zeigt das Display an, ein kleines Minuszeichen steht davor. «Das ist schon ordentlich frisch», sagt Renate Beer aus der Nähe von Regensburg. Seit zehn Jahren kommt sie zwei Mal jährlich für mehrere Wochen nach Bad Kissingen, um ihr Gelenkrheuma behandeln zu lassen: «Ohne die Kältekammer würde es mir heute viel schlechter gehen. Außerdem ist's schön kalt da drin.»
Schön kalt? Eher eisig kalt. Daher darf auch niemand sofort in die Hauptkammer des riesigen Gefrierschranks. Zuerst muss man ein paar Sekunden Vorkammer über sich ergehen lassen. Und auch die hat frostige minus 60 Grad. Jens Eichler zieht die dicke Tür zur Vorkammer auf, eisige Nebelschwaden wabern heraus. Renate Beer huscht hinein, Manfred Jakobi folgt ihr. Auch der Nordrhein-Westfale ist geübter Kältekammer-Besucher. «Das hilft gegen Arthrose», sagt er. Von der erfrischenden Wirkung ist er ebenso begeistert: «Nur ein paar Minuten da drin sind besser als jede kalte Dusche.»
So gut der überdimensionierte Kühlschrank bei der Hitze auch tut - zur Abkühlung ist er eigentlich nicht gedacht. Aber natürlich könne sich jeder, der das möchte, für ein paar Minuten «schockfrosten» lassen, sagt Sanatoriums-Chefin Heike van Heteren-Eckloff: «Wenn es keine medizinischen Bedenken gibt.» Denn für besonders empfindliche Haut ist die Kältekammer nicht geeignet. «Man kann da drin richtigen Gefrierbrand bekommen - wie das Fleisch in der Gefriertruhe zu Hause», sagt Eichler. Die Haut werde rot, im Prinzip fühle sich das wie ein Sonnenbrand an. Um das zu verhindern, bekommt man Mundschutz, Stirnband und Frotte-Handschuhe.
Während Eichler am Steuerpult vor der Kältekammer steht, hüpfen Manfred Jakobi und Renate Beer in der Hauptkammer zu Popmusik im Kreis und wackeln mit den Armen. Auf einem kleinen Schwarzweiß-Monitor beobachtet Eichler die Patienten, deren Tanzeinlage wie eine Mischung aus «Ententanz» und «Reise nach Jerusalem» aussieht. Maximal dreieinhalb Minuten dürfe man in der Kammer bleiben. «Sonst kippt der Kreislauf weg», sagt Eichler. Manfred Jakobi hat nach gut zwei Minuten genug. «Das ist eiskalt, aber jetzt prickelt es toll», sagt er, als er vor der Kammer im Warmen steht. Morgen darf er wieder zum Frieren gehen.
Und manchmal kühlt sich auch Eichler in der Kammer ab. Wenn es arg heiß sei und er zwischen den Anwendungen ein bisschen Zeit finde, springe er auch mal für zwei Minuten hinein: «Gerade an so extremen Sommertagen wie jetzt ist das richtig angenehm.» Denn der Körper kühle trotz der kurzen Aufenthaltsdauer stark herunter: «Man fühlt sich danach für mindestens eine halbe Stunde frisch.»
Die Kältekammer sieht ein bisschen aus wie ein Luftschutzbunker: Eine dicke Tür mit eingelassener Glasscheibe, davor ein Pult mit Mikrophon, bunten Lichtern, Knöpfen und einer Temperaturanzeige. «Jetzt ist's sogar noch ein bisschen kälter als sonst», sagt Eichler. 119 zeigt das Display an, ein kleines Minuszeichen steht davor. «Das ist schon ordentlich frisch», sagt Renate Beer aus der Nähe von Regensburg. Seit zehn Jahren kommt sie zwei Mal jährlich für mehrere Wochen nach Bad Kissingen, um ihr Gelenkrheuma behandeln zu lassen: «Ohne die Kältekammer würde es mir heute viel schlechter gehen. Außerdem ist's schön kalt da drin.»
Schön kalt? Eher eisig kalt. Daher darf auch niemand sofort in die Hauptkammer des riesigen Gefrierschranks. Zuerst muss man ein paar Sekunden Vorkammer über sich ergehen lassen. Und auch die hat frostige minus 60 Grad. Jens Eichler zieht die dicke Tür zur Vorkammer auf, eisige Nebelschwaden wabern heraus. Renate Beer huscht hinein, Manfred Jakobi folgt ihr. Auch der Nordrhein-Westfale ist geübter Kältekammer-Besucher. «Das hilft gegen Arthrose», sagt er. Von der erfrischenden Wirkung ist er ebenso begeistert: «Nur ein paar Minuten da drin sind besser als jede kalte Dusche.»
So gut der überdimensionierte Kühlschrank bei der Hitze auch tut - zur Abkühlung ist er eigentlich nicht gedacht. Aber natürlich könne sich jeder, der das möchte, für ein paar Minuten «schockfrosten» lassen, sagt Sanatoriums-Chefin Heike van Heteren-Eckloff: «Wenn es keine medizinischen Bedenken gibt.» Denn für besonders empfindliche Haut ist die Kältekammer nicht geeignet. «Man kann da drin richtigen Gefrierbrand bekommen - wie das Fleisch in der Gefriertruhe zu Hause», sagt Eichler. Die Haut werde rot, im Prinzip fühle sich das wie ein Sonnenbrand an. Um das zu verhindern, bekommt man Mundschutz, Stirnband und Frotte-Handschuhe.
Während Eichler am Steuerpult vor der Kältekammer steht, hüpfen Manfred Jakobi und Renate Beer in der Hauptkammer zu Popmusik im Kreis und wackeln mit den Armen. Auf einem kleinen Schwarzweiß-Monitor beobachtet Eichler die Patienten, deren Tanzeinlage wie eine Mischung aus «Ententanz» und «Reise nach Jerusalem» aussieht. Maximal dreieinhalb Minuten dürfe man in der Kammer bleiben. «Sonst kippt der Kreislauf weg», sagt Eichler. Manfred Jakobi hat nach gut zwei Minuten genug. «Das ist eiskalt, aber jetzt prickelt es toll», sagt er, als er vor der Kammer im Warmen steht. Morgen darf er wieder zum Frieren gehen.
Der Albtraum von Bad Brückenau
23.06.2006 - 12:00
Bad Brückenau (ddp-bay). Ivan Knezovic streift die
Stofftischdecken in seinem Lokal in der Bad
Brückenauer Altstadt glatt und schüttelt dabei
energisch den Kopf. Nein, er gebe keine Statements
mehr, sagt er mit barschem Unterton: «Dafür haben sie
sicher Verständnis.» Dann macht er eine Handbewegung,
die zum Gehen auffordert. Keine ungewöhnliche
Reaktion in diesen Tagen: Im unterfränkischen Kurort
liegen bei einigen die Nerven ziemlich blank. Denn im
ehemaligen kroatischen WM-Quartier geht es drunter
und drüber.
Noch vor ein paar Monaten wurde Ivan Knezovic wie ein Sonnenkönig gefeiert. Der kroatische Gastwirt hatte sich dafür stark gemacht, dass sich seine Wahlheimat Bad Brückenau als Quartierstadt für das kroatische Nationalteam bewirbt. Bürgermeister Thomas Ullmann war von der Idee angetan, der Stadtrat blieb zunächst skeptisch. Ullmann schrieb dennoch eine kurze Bewerbung. Mit Erfolg. Plötzlich waren auch die Gemeindeparlamentarier dafür. Die ganze Stadt befand sich im Freudentaumel. Vor allem, weil man dem bekannteren Nachbarort Bad Kissingen eins ausgewischt hatte: Vor WM-Beginn hielt man die kroatische Elf stärker als die ecuadorianische.
Nun ist die Freude dahin. Die vom FC Bad Brückenau eigens gegründete «Kroatien zu Gast GmbH» musste am Sonntag ihr für 5000 Besucher ausgelegtes Zelt schließen. Inzwischen wurde sogar Insolvenzantrag gestellt. Die zuständige Richterin beim Amtsgericht Schweinfurt bestätigte, dass die Eröffnung des Insolvenzverfahrens derzeit geprüft werde. In finanzielle Schieflage kam die GmbH, weil statt der von ihr erwarteten 15 000 kroatischen Fans gerade mal 3500 anreisten und nur 500 übernachteten.
In den Lokalzeitungen beschuldigen sich die Akteure seither munter gegenseitig. GmbH-Geschäftsführer Hans-Jörg Heidelmeier unterstellt der Stadt Bad Brückenau, sie habe zu wenig für die Veranstaltungen im Festzelt geworben, kroatische Top-Bands hätten teilweise vor einer Handvoll Gäste gespielt. Er beklagt zudem, dass sich die kroatischen Spieler kaum in der Öffentlichkeit gezeigt hätten. Kroatische Journalisten wollen herausgefunden haben, dass Heidelmeier und Knezovic in den Verhandlungen mit dem kroatischen Fußballverband angeblich 650 000 Euro geboten haben sollen, wenn das Team sein Quartier nicht, wie ursprünglich geplant, in Wuppertal sondern in Bad Brückenau aufschlägt.
Knezovic bestreitet, an den Verhandlungen überhaupt teilgenommen zu haben, Heidelmeier will sich zu der eventuell versprochenen Summe gar nicht äußern. Mit der Insolvenz der GmbH verlieren wohl auch die Stadt Bad Brückenau und der Landkreis Bad Kissingen jeweils 100 000 Euro, die sie der GmbH als Liquiditätshilfe geliehen haben. Nach dem jähen Vorrunden-Aus der kroatischen Elf ist das kleine Bad Brückenau zusätzlich in einen tranceartigen Zustand gefallen. Die kroatischen Radiosender räumen am Freitag bereits ihr Equipment zusammen, die kroatischen Zeitungsreporter und Fotografen aus aller Welt bereiten sich ebenfalls zur Abreise vor.
Bürgermeister Ullmann hofft derweil noch immer, dass die Beteiligten ihre Schmutzwäsche nicht allzu öffentlich waschen: «Ansonsten ist auch das, was durch die Anwesenheit der kroatischen Mannschaft geglückt ist, nämlich die Bekanntheit der Stadt zu steigern, auch wieder dahin.» Man merkt dem Rathaus-Chef der 7500-Einwohner-Stadt an, wie sehr ihn diese Querelen mitnehmen, obwohl er damit eigentlich nichts zu tun hat. Er wolle kein Besserwisser sein, «aber ich habe - das lässt sich mit Protokollen belegen - mehrfach davor gewarnt ein so großes Zelt zu mieten», sagt Ullmann: Doch wer schnell viel Geld verdienen wolle, trage auch ein hohes Risiko.
Noch vor ein paar Monaten wurde Ivan Knezovic wie ein Sonnenkönig gefeiert. Der kroatische Gastwirt hatte sich dafür stark gemacht, dass sich seine Wahlheimat Bad Brückenau als Quartierstadt für das kroatische Nationalteam bewirbt. Bürgermeister Thomas Ullmann war von der Idee angetan, der Stadtrat blieb zunächst skeptisch. Ullmann schrieb dennoch eine kurze Bewerbung. Mit Erfolg. Plötzlich waren auch die Gemeindeparlamentarier dafür. Die ganze Stadt befand sich im Freudentaumel. Vor allem, weil man dem bekannteren Nachbarort Bad Kissingen eins ausgewischt hatte: Vor WM-Beginn hielt man die kroatische Elf stärker als die ecuadorianische.
Nun ist die Freude dahin. Die vom FC Bad Brückenau eigens gegründete «Kroatien zu Gast GmbH» musste am Sonntag ihr für 5000 Besucher ausgelegtes Zelt schließen. Inzwischen wurde sogar Insolvenzantrag gestellt. Die zuständige Richterin beim Amtsgericht Schweinfurt bestätigte, dass die Eröffnung des Insolvenzverfahrens derzeit geprüft werde. In finanzielle Schieflage kam die GmbH, weil statt der von ihr erwarteten 15 000 kroatischen Fans gerade mal 3500 anreisten und nur 500 übernachteten.
In den Lokalzeitungen beschuldigen sich die Akteure seither munter gegenseitig. GmbH-Geschäftsführer Hans-Jörg Heidelmeier unterstellt der Stadt Bad Brückenau, sie habe zu wenig für die Veranstaltungen im Festzelt geworben, kroatische Top-Bands hätten teilweise vor einer Handvoll Gäste gespielt. Er beklagt zudem, dass sich die kroatischen Spieler kaum in der Öffentlichkeit gezeigt hätten. Kroatische Journalisten wollen herausgefunden haben, dass Heidelmeier und Knezovic in den Verhandlungen mit dem kroatischen Fußballverband angeblich 650 000 Euro geboten haben sollen, wenn das Team sein Quartier nicht, wie ursprünglich geplant, in Wuppertal sondern in Bad Brückenau aufschlägt.
Knezovic bestreitet, an den Verhandlungen überhaupt teilgenommen zu haben, Heidelmeier will sich zu der eventuell versprochenen Summe gar nicht äußern. Mit der Insolvenz der GmbH verlieren wohl auch die Stadt Bad Brückenau und der Landkreis Bad Kissingen jeweils 100 000 Euro, die sie der GmbH als Liquiditätshilfe geliehen haben. Nach dem jähen Vorrunden-Aus der kroatischen Elf ist das kleine Bad Brückenau zusätzlich in einen tranceartigen Zustand gefallen. Die kroatischen Radiosender räumen am Freitag bereits ihr Equipment zusammen, die kroatischen Zeitungsreporter und Fotografen aus aller Welt bereiten sich ebenfalls zur Abreise vor.
Bürgermeister Ullmann hofft derweil noch immer, dass die Beteiligten ihre Schmutzwäsche nicht allzu öffentlich waschen: «Ansonsten ist auch das, was durch die Anwesenheit der kroatischen Mannschaft geglückt ist, nämlich die Bekanntheit der Stadt zu steigern, auch wieder dahin.» Man merkt dem Rathaus-Chef der 7500-Einwohner-Stadt an, wie sehr ihn diese Querelen mitnehmen, obwohl er damit eigentlich nichts zu tun hat. Er wolle kein Besserwisser sein, «aber ich habe - das lässt sich mit Protokollen belegen - mehrfach davor gewarnt ein so großes Zelt zu mieten», sagt Ullmann: Doch wer schnell viel Geld verdienen wolle, trage auch ein hohes Risiko.
"Dürfen Sie das überhaupt?"
03.04.2006 - 12:00
Würzburg (ddp-bay). Die betagte Dame kann gar nicht
fassen, was sie da gerade sieht. "Sagen Sie mal,
dürfen Sie das überhaupt?", fragt sie den jungen Mann
entrüstet. Der verzieht keine Miene. "Ja", antwortet
er kurz und trocken und macht weiter. Er nimmt eine
Dose in die Hand, steckt eine Düse auf, stülpt einen
Aufsatz darüber und sprüht weiter - auf die Wand des
Augustinerklosters in der Dominikanergasse, mitten in
der Würzburger Innenstadt. Am hellen Tag und ganz
legal, denn das 20 Meter lange Graffito ist sozusagen
eine Auftragsarbeit. Ein Gemälde zum Thema des
Fastenkurses der Augustiner: "Freiheit und Gesetz".
Die Idee zu dieser außergewöhnlichen Kunst-Aktion kam Bruder Peter Reinl, dem Prior des Klosters, während der Vorbereitungen zum Fastenkurs. "Eigentlich war das ein Abfallprodukt", sagt er und schmunzelt. Als der Grafiker den Brüdern die verschiedenen Plakatentwürfe für den Fastenkurs, einer jährlichen Veranstaltungsreihe des Würzburger Klosters, vorlegte, war auf einem Entwurf ein Graffito zu sehen. "Liebe und tu' was Du willst", stand da in roter Schrift auf einer Mauer - der Wahlspruch von Augustinus.
"Da habe ich mir gedacht: Warum eigentlich nicht? Warum sollten junge Künstler nicht das Thema des Fastenkurses in ihre Sprache übersetzen", erzählt Reinl. Dann unterbreitete er seinen Mitbrüdern den ungewöhnlichen Vorschlag. Die Idee kam bei den meisten gut an. Und das, obwohl das Durchschnittsalter im Konvent jenseits der 70 liegt.
"Uns geht es in den Fastenkursen darum, möglichst viele Sinne anzusprechen", erläutert der Prior. Außerdem wolle man neue Wege beschreiten: "Wir haben nicht vor, mit solchen Aktionen jemanden in die Kirche zu locken. Das ist nicht unser Ziel", stellt Reinl klar. Man wolle die Menschen zur Auseinandersetzung mit dem Thema anregen.
Die Künstler hatten nahezu uneingeschränkte Freiheit, was sie auf die Wand des Klosters sprühen. «Hauptsache, es hat etwas mit unserem Thema zu tun und verstößt nicht gegen Gesetze", sagt Reinl. Die Farben für die Aktion hat ein Sponsor gestiftet. "Damit keiner behaupten kann, die Augustiner verprassen Geld." Der junge Mann geht ein paar Schritte von der Mauer weg und betrachtet sein Werk. Im Moment sieht das Bild noch ziemlich düster aus. "Ich weiß, aber das wird noch", sagt er. Wieder kommen Menschen vorbei, bleiben stehen. Die meisten sind begeistert. Andere schütteln den Kopf.
Die Augustiner haben den vier Sprayern, die alle schon zehn Jahre und länger mit der Sprühdose arbeiten, drei Bibelstellen zur Inspiration mit auf den Weg gegeben. "Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich" aus dem Korintherbrief zum Beispiel. Der junge Mann wechselt die Sprühdose. Jetzt kommt Gelb an die Reihe: "Mir ist das eigentlich egal, ob das nun die Mauer eines Klosters oder die von Mercedes-Benz ist."
Er sprüht weiter an den Konturen einer Hand. "Freiheit" und "Gesetz" steht daneben in weißer Schrift. "Ich versuche hier meine Gefühle zu dem Thema rüberzubringen." Die Leute, die sein Bild anschauen, sollen sich fragen, ob man Freiheit durch Konsum erreichen kann, sagt der Sprayer. "Ist schon irgendwie cool, dass die Kloster-Leute nicht so konservativ sind wie man denkt". Er wünscht sich insgesamt mehr Offenheit - und mehr legale Sprüh-Flächen für sich und seine Kollegen: "Wir machen diese triste Welt doch nur ein bisschen bunter."
Die Idee zu dieser außergewöhnlichen Kunst-Aktion kam Bruder Peter Reinl, dem Prior des Klosters, während der Vorbereitungen zum Fastenkurs. "Eigentlich war das ein Abfallprodukt", sagt er und schmunzelt. Als der Grafiker den Brüdern die verschiedenen Plakatentwürfe für den Fastenkurs, einer jährlichen Veranstaltungsreihe des Würzburger Klosters, vorlegte, war auf einem Entwurf ein Graffito zu sehen. "Liebe und tu' was Du willst", stand da in roter Schrift auf einer Mauer - der Wahlspruch von Augustinus.
"Da habe ich mir gedacht: Warum eigentlich nicht? Warum sollten junge Künstler nicht das Thema des Fastenkurses in ihre Sprache übersetzen", erzählt Reinl. Dann unterbreitete er seinen Mitbrüdern den ungewöhnlichen Vorschlag. Die Idee kam bei den meisten gut an. Und das, obwohl das Durchschnittsalter im Konvent jenseits der 70 liegt.
"Uns geht es in den Fastenkursen darum, möglichst viele Sinne anzusprechen", erläutert der Prior. Außerdem wolle man neue Wege beschreiten: "Wir haben nicht vor, mit solchen Aktionen jemanden in die Kirche zu locken. Das ist nicht unser Ziel", stellt Reinl klar. Man wolle die Menschen zur Auseinandersetzung mit dem Thema anregen.
Die Künstler hatten nahezu uneingeschränkte Freiheit, was sie auf die Wand des Klosters sprühen. «Hauptsache, es hat etwas mit unserem Thema zu tun und verstößt nicht gegen Gesetze", sagt Reinl. Die Farben für die Aktion hat ein Sponsor gestiftet. "Damit keiner behaupten kann, die Augustiner verprassen Geld." Der junge Mann geht ein paar Schritte von der Mauer weg und betrachtet sein Werk. Im Moment sieht das Bild noch ziemlich düster aus. "Ich weiß, aber das wird noch", sagt er. Wieder kommen Menschen vorbei, bleiben stehen. Die meisten sind begeistert. Andere schütteln den Kopf.
Die Augustiner haben den vier Sprayern, die alle schon zehn Jahre und länger mit der Sprühdose arbeiten, drei Bibelstellen zur Inspiration mit auf den Weg gegeben. "Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich" aus dem Korintherbrief zum Beispiel. Der junge Mann wechselt die Sprühdose. Jetzt kommt Gelb an die Reihe: "Mir ist das eigentlich egal, ob das nun die Mauer eines Klosters oder die von Mercedes-Benz ist."
Er sprüht weiter an den Konturen einer Hand. "Freiheit" und "Gesetz" steht daneben in weißer Schrift. "Ich versuche hier meine Gefühle zu dem Thema rüberzubringen." Die Leute, die sein Bild anschauen, sollen sich fragen, ob man Freiheit durch Konsum erreichen kann, sagt der Sprayer. "Ist schon irgendwie cool, dass die Kloster-Leute nicht so konservativ sind wie man denkt". Er wünscht sich insgesamt mehr Offenheit - und mehr legale Sprüh-Flächen für sich und seine Kollegen: "Wir machen diese triste Welt doch nur ein bisschen bunter."
"Das war niemand von hier"
08.02.2006 - 12:00
Obernburg (ddp-bay). Der Schock in Obernburg sitzt
noch immer tief: Anderthalb Wochen ist es bereits
her, dass eine Spaziergängerin
am Main eine blutverschmierte Sporttasche entdeckt hat. Der furchtbare Inhalt: ein totes Baby. Die Leiche war wegen der tiefen Temperaturen so gefroren, dass sie zunächst nicht einmal obduziert werden konnte. Noch immer fehlt der Polizei jede Spur zur Mutter. Die Menschen der beschaulichen 9000-Seelen-Stadt, knapp 20 Kilometer südlich von Aschaffenburg, sind entsetzt.
"Mit solchen Dingen will ich gar nichts zu tun haben", sagt eine ältere Dame in der Innenstadt von Obernburg und winkt energisch ab. Aber nur, um zwei Sekunden später dann doch stehen zu bleiben und ihre Meinung kundzutun: "Das ist einfach nur Ekel erregend. Das eigene Kind sterben lassen, in eine Sporttasche packen und wie einen Müllsack abstellen." Kopfschüttelnd zieht die Frau mit ihren zwei Plastikeinkauftaschen von dannen. Es regnet in Obernburg - das Wetter passt zur Stimmung in der Stadt. Die Menschen fühlen sich sprachlos, kaum einer will darüber reden, was am 30. Januar passiert ist. Trotzdem tun sie es, um zu begreifen.
"Das kann niemand aus unserer Gegend gewesen sein", sagt die Besitzerin eines Lottoladens in Eisenbach, einem kleinen Stadtteil
von Obernburg. Der Untermain sei eine sehr katholische Gegend, die Menschen in den Kirchengemeinden Obernburg und Eisenbach seien zudem sehr fromm. "Wenn jemand aus der Gegend schwanger gewesen wäre und nun plötzlich doch kein Kind hätte, das würden wir hier doch merken", sagt die Lotto-Frau. Dann zieht sie ihre grauen Augenbrauen hoch: "Die Leute reden viel darüber, auch hier in meinem Laden." Sie vermutet, dass die Täterin die Tasche zufällig hier abgestellt habe, "oder sie kennt den Flohmarkt". Am Mainufer, nur einen Steinwurf vom Fundort der Tasche entfernt, findet nämlich fast jeden Samstag ein Flohmarkt unter der großen Mainbrücke statt. Aus dem ganzen Umland, auch aus Aschaffenburg und Frankfurt am Main, kommen dann Menschen zum Stöbern nach Obernburg.
Eine Verkäuferin in einer kleinen Metzgerei in Eisenbach hat von ihren Kunden "auch gehört, dass es jemand vom Flohmarkt gewesen sein soll". Doch das ist alles nur Spekulation, die Polizei tappt im Dunkeln. Deshalb ist der Fall am Donnerstag auch Thema bei "Aktenzeichen XY...ungelöst" im ZDF. Die meisten Obernburger sind ziemlich wortkarg, seit die Leiche gefunden wurde. Selbst das anonyme Hinweistelefon der Polizei ist bislang kaum angerufen worden. In einer Tankstelle, nahe der großen Mainbrücke, an der die Sporttasche gefunden wurde, stehen drei Taxifahrer und plaudern. Auch über das tote Baby. "Gibt's da schon was Neues?", fragt einer, die anderen zwei schütteln den Kopf. Auf der anderen Seite des Mains liegt die Marktgemeinde Elsenfeld mit ihren riesigen Industrieanlagen und meterhohen Schloten. Zwischendrin stehen vereinzelt graue Wohnblocks. Eine triste Kulisse. Sie passt
zum Wetter - und zum Geschehenen.
am Main eine blutverschmierte Sporttasche entdeckt hat. Der furchtbare Inhalt: ein totes Baby. Die Leiche war wegen der tiefen Temperaturen so gefroren, dass sie zunächst nicht einmal obduziert werden konnte. Noch immer fehlt der Polizei jede Spur zur Mutter. Die Menschen der beschaulichen 9000-Seelen-Stadt, knapp 20 Kilometer südlich von Aschaffenburg, sind entsetzt.
"Mit solchen Dingen will ich gar nichts zu tun haben", sagt eine ältere Dame in der Innenstadt von Obernburg und winkt energisch ab. Aber nur, um zwei Sekunden später dann doch stehen zu bleiben und ihre Meinung kundzutun: "Das ist einfach nur Ekel erregend. Das eigene Kind sterben lassen, in eine Sporttasche packen und wie einen Müllsack abstellen." Kopfschüttelnd zieht die Frau mit ihren zwei Plastikeinkauftaschen von dannen. Es regnet in Obernburg - das Wetter passt zur Stimmung in der Stadt. Die Menschen fühlen sich sprachlos, kaum einer will darüber reden, was am 30. Januar passiert ist. Trotzdem tun sie es, um zu begreifen.
"Das kann niemand aus unserer Gegend gewesen sein", sagt die Besitzerin eines Lottoladens in Eisenbach, einem kleinen Stadtteil
von Obernburg. Der Untermain sei eine sehr katholische Gegend, die Menschen in den Kirchengemeinden Obernburg und Eisenbach seien zudem sehr fromm. "Wenn jemand aus der Gegend schwanger gewesen wäre und nun plötzlich doch kein Kind hätte, das würden wir hier doch merken", sagt die Lotto-Frau. Dann zieht sie ihre grauen Augenbrauen hoch: "Die Leute reden viel darüber, auch hier in meinem Laden." Sie vermutet, dass die Täterin die Tasche zufällig hier abgestellt habe, "oder sie kennt den Flohmarkt". Am Mainufer, nur einen Steinwurf vom Fundort der Tasche entfernt, findet nämlich fast jeden Samstag ein Flohmarkt unter der großen Mainbrücke statt. Aus dem ganzen Umland, auch aus Aschaffenburg und Frankfurt am Main, kommen dann Menschen zum Stöbern nach Obernburg.
Eine Verkäuferin in einer kleinen Metzgerei in Eisenbach hat von ihren Kunden "auch gehört, dass es jemand vom Flohmarkt gewesen sein soll". Doch das ist alles nur Spekulation, die Polizei tappt im Dunkeln. Deshalb ist der Fall am Donnerstag auch Thema bei "Aktenzeichen XY...ungelöst" im ZDF. Die meisten Obernburger sind ziemlich wortkarg, seit die Leiche gefunden wurde. Selbst das anonyme Hinweistelefon der Polizei ist bislang kaum angerufen worden. In einer Tankstelle, nahe der großen Mainbrücke, an der die Sporttasche gefunden wurde, stehen drei Taxifahrer und plaudern. Auch über das tote Baby. "Gibt's da schon was Neues?", fragt einer, die anderen zwei schütteln den Kopf. Auf der anderen Seite des Mains liegt die Marktgemeinde Elsenfeld mit ihren riesigen Industrieanlagen und meterhohen Schloten. Zwischendrin stehen vereinzelt graue Wohnblocks. Eine triste Kulisse. Sie passt
zum Wetter - und zum Geschehenen.
"Komm, wir spielen Manga!"
20.01.2006 - 12:00
Würzburg (ddp). Mit westlichen Comics haben
asiatische Mangas nur wenig zu tun: Zwar sind beide
Genres sozusagen Bildergeschichten - doch während
westliche Comics meist aus detailverliebten farbigen
Zeichnungen bestehen, bestechen Mangas durch die
Schlichtheit schwarzweißer Bilder, durch das
Weglassen unwichtiger und ablenkender Details. Mangas
sind also anders. Und sie erfreuen sich in
Deutschland wachsender Beliebtheit. Bei einigen geht
die Begeisterung so weit, dass sie aus Mangas
Theaterstücke machen, zum Beispiel in Würzburg.
Denise Corneli hat es vor acht Jahren erwischt. Diese schönen, unwirklichen Wesen mit den übergroßen, blanken Bambi-Augen aus den Mangas haben sie "irgendwie magisch angezogen", sagt Denise. Derart, dass sie sich bald nicht mehr mit dem bloßen Lesen der asiatischen Taschenbuch-Comics zufrieden geben wollte: "Ich wollte mich genau so anziehen und verhalten, wie meine Lieblingsfiguren in den Mangas."
Und so schneiderte sich die heute 25-Jährige vor Jahren das erste Outfit für das unter Manga-Fans beliebte Cosplay, sprich: Kostüm-Spiel. "Manchmal ziehe ich mir auch zu Hause eines meiner Kostüme an - aber nur, wenn ich Lust dazu habe." Denise Corneli begab
sich auf die Suche nach Gleichgesinnten und gründete schließlich gemeinsam mit anderen Fans "Ashura", den ersten "Offiziellen Anime und Manga Tanz- und Schauspielverein" der Republik.
Nach nur einem Jahr hat der Verein knapp 30 Mitglieder. Die Manga-Fans aus ganz Deutschland treffen sich abwechselnd in Würzburg und Mannheim, um für ihre Auftritte als Menschen-Mangas zu proben. Die Jungs kämpfen mit überdimensionalen Pappmaché-Schwertern, und die Frauen spielen ein bisschen Schulmädchen. Was das genau heißt, zeigt Denise Corneli gerne und ausgiebig, wenn sie auf der Bühne steht. Sie trägt einen dunklen Minirock mit Silbersaum, Kniestrümpfe, hochhackige Riemchen-Stilettos, ein Häubchen auf dem Kopf und eine enge Bluse mit Rüschen am Ärmeln. Wenn sie dann noch ihr kindliches Lächeln auflegt, würde sie keiner mehr auf 25, sondern höchstens auf etwa 16 Jahre schätzen.
"Wo ist das Problem", fragt die 21-jährige Hanna Zumstein, die Denise Corneli zum Verwechseln ähnlich sieht. Beide tragen das gleiche Kostüm, sie bewegen sich identisch: "Zahlreiche Mangas spielen an Schulen - und in Japan trägt man eben Schuluniformen." Die 21-jährige Vorsitzende des Tanz- und Schauspielvereins guckt etwas trotzig, Denise nickt zustimmend.
Die beiden sind mit ihrer Meinung nicht alleine. Auch die 21-jährige Melanie Weber ist ein riesiger Manga-Fan: "Es macht Spaß verkleidet aufzutreten - man kann so viele Hobbys verbinden: Kostüme nähen, Choreografin entwerfen, aus Mangas Theaterstücke und Tänze machen, Songs dazu aussuchen, und, und, und." Melanie fallen noch viel mehr Dinge ein. Für Hanna Zumstein hat ihr Vereinstreiben auch einen Bildungsauftrag: "Wir wollen die japanische Popkultur bekannter machen."
In der Tat haben Mangas in Asien einen hohen Stellenwert. Nicht nur, dass sie mittlerweile ein enormer Wirtschaftsfaktor sind, sie
sind auch ins alltägliche Leben vorgedrungen. "Viele Benutzerhandbücher sind in Japan als Manga verfasst, weil man das besser versteht", sagt Hanna Zumstein. Sie weiß, dass ihr Hobby oft belächelt wird. Und dass viele sehr klischeehafte Vorstellungen von Mangas haben. "Viele denken, das ist was für Kinder", sagt Denise Corneli, "dabei gibt es auch Mangas, die nur für Erwachsene sind."
"Manchmal tauchen auch historische Elemente auf", sagt Zumstein. So schwere Kost wird im Würzburger Café Cairo aber nur selten geprobt. Es geht eher etwas überdreht zu: Hanna legt eine CD ein: Aus den Boxen quäken Stimmen, die drei Frauen hüpfen umher und fuchteln dabei mit den Armen. Wer sich so etwas ansehen will? Anscheinend nicht wenige. Das nächste Mal tritt "Ashura" im Januar bei einem Fantreffen in Neustadt an der Weinstraße auf.
Denise Corneli hat es vor acht Jahren erwischt. Diese schönen, unwirklichen Wesen mit den übergroßen, blanken Bambi-Augen aus den Mangas haben sie "irgendwie magisch angezogen", sagt Denise. Derart, dass sie sich bald nicht mehr mit dem bloßen Lesen der asiatischen Taschenbuch-Comics zufrieden geben wollte: "Ich wollte mich genau so anziehen und verhalten, wie meine Lieblingsfiguren in den Mangas."
Und so schneiderte sich die heute 25-Jährige vor Jahren das erste Outfit für das unter Manga-Fans beliebte Cosplay, sprich: Kostüm-Spiel. "Manchmal ziehe ich mir auch zu Hause eines meiner Kostüme an - aber nur, wenn ich Lust dazu habe." Denise Corneli begab
sich auf die Suche nach Gleichgesinnten und gründete schließlich gemeinsam mit anderen Fans "Ashura", den ersten "Offiziellen Anime und Manga Tanz- und Schauspielverein" der Republik.
Nach nur einem Jahr hat der Verein knapp 30 Mitglieder. Die Manga-Fans aus ganz Deutschland treffen sich abwechselnd in Würzburg und Mannheim, um für ihre Auftritte als Menschen-Mangas zu proben. Die Jungs kämpfen mit überdimensionalen Pappmaché-Schwertern, und die Frauen spielen ein bisschen Schulmädchen. Was das genau heißt, zeigt Denise Corneli gerne und ausgiebig, wenn sie auf der Bühne steht. Sie trägt einen dunklen Minirock mit Silbersaum, Kniestrümpfe, hochhackige Riemchen-Stilettos, ein Häubchen auf dem Kopf und eine enge Bluse mit Rüschen am Ärmeln. Wenn sie dann noch ihr kindliches Lächeln auflegt, würde sie keiner mehr auf 25, sondern höchstens auf etwa 16 Jahre schätzen.
"Wo ist das Problem", fragt die 21-jährige Hanna Zumstein, die Denise Corneli zum Verwechseln ähnlich sieht. Beide tragen das gleiche Kostüm, sie bewegen sich identisch: "Zahlreiche Mangas spielen an Schulen - und in Japan trägt man eben Schuluniformen." Die 21-jährige Vorsitzende des Tanz- und Schauspielvereins guckt etwas trotzig, Denise nickt zustimmend.
Die beiden sind mit ihrer Meinung nicht alleine. Auch die 21-jährige Melanie Weber ist ein riesiger Manga-Fan: "Es macht Spaß verkleidet aufzutreten - man kann so viele Hobbys verbinden: Kostüme nähen, Choreografin entwerfen, aus Mangas Theaterstücke und Tänze machen, Songs dazu aussuchen, und, und, und." Melanie fallen noch viel mehr Dinge ein. Für Hanna Zumstein hat ihr Vereinstreiben auch einen Bildungsauftrag: "Wir wollen die japanische Popkultur bekannter machen."
In der Tat haben Mangas in Asien einen hohen Stellenwert. Nicht nur, dass sie mittlerweile ein enormer Wirtschaftsfaktor sind, sie
sind auch ins alltägliche Leben vorgedrungen. "Viele Benutzerhandbücher sind in Japan als Manga verfasst, weil man das besser versteht", sagt Hanna Zumstein. Sie weiß, dass ihr Hobby oft belächelt wird. Und dass viele sehr klischeehafte Vorstellungen von Mangas haben. "Viele denken, das ist was für Kinder", sagt Denise Corneli, "dabei gibt es auch Mangas, die nur für Erwachsene sind."
"Manchmal tauchen auch historische Elemente auf", sagt Zumstein. So schwere Kost wird im Würzburger Café Cairo aber nur selten geprobt. Es geht eher etwas überdreht zu: Hanna legt eine CD ein: Aus den Boxen quäken Stimmen, die drei Frauen hüpfen umher und fuchteln dabei mit den Armen. Wer sich so etwas ansehen will? Anscheinend nicht wenige. Das nächste Mal tritt "Ashura" im Januar bei einem Fantreffen in Neustadt an der Weinstraße auf.
Eine Schneise der Verwüstung
23.10.2005 - 12:00
Motten (ddp-bay). "So etwas gab es hier noch nie",
sagt Mottens Bürgermeister Jochen Vogel und schüttelt
ungläubig den Kopf: "Anfang der 1990er Jahre wurde
mal das Kirchendach von einem Sturm abgedeckt. Aber
so etwas, nee." Ein Tornado ist über das
Gewerbegebiet der kleinen unterfränkischen Gemeinde
hergefallen und hat eine Spur der Verwüstung
hinterlassen.
Vogel hält einen Becher Kaffee in der linken Hand, in der rechten klemmt ein angebissenes Wurstbrot. Seine Füße stecken in dreckigen Arbeitsschuhen - wie ein Bürgermeister sieht er an diesem Sonntagmorgen nicht gerade aus. Vogel war am Samstagabend als Erster vor Ort. "Ein Bekannter hat mich kurz vor halb acht angerufen und mir gesagt, dass da Steinbrocken auf der Bundesstraße liegen", erzählt er. Also sei er flugs ins Auto gesprungen und hin gefahren, "damit kein Unfall passiert".
Als Bürgermeister Vogel im Gewerbegebiet "Am Fuldaer Kreuz" ankommt, traut er seinen Augen nicht. Auf der Straße liegen unzählige umgeknickte Bäume, auf dem Straßenbelag befindet sich ein Meer aus zerbrochenen Dachziegel. Ein Wohnwagen steht mitten in diesem Chaos auf dem Kopf, der Stahlzaun am Straßenrand ist umgeknickt und aus der Verankerung gerissen. Ein paar Sekunden später trifft die Feuerwehr ein. Ein Autofahrer hatte die Polizei informiert, nachdem er der Windhose knapp entkommen war. "Wir wussten aber nicht, was uns hier erwartet. Die Leitstelle hat nur was von umgestürzten Bäumen auf der Straße erzählt", sagt Feuerwehrmann Bruno Müller.
Anja Hahl hat den Wirbelsturm mehr oder weniger hautnah miterlebt. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann Udo im Gewerbegebiet, knapp 200 Meter von ihrem Autohaus entfernt. "Plötzlich hat es auf dem Dach einen riesigen Schlag getan", erinnert sie sich: "So, als ob etwas voll auf unser Haus geknallt wäre." Udo Hahl rennt sofort ins Freie. Weil es stark regnet und gewittert, steigt er in sein Auto und fährt in Richtung Autohaus. Doch er kommt nicht weit, umgestürzte Bäume blockieren die Straße. Als er schließlich zu Fuß seinen Betrieb erreicht, sieht er das Ausmaß der Verwüstung: Die Werkstatttore sind teils eingedrückt, die Glasscheiben der Verkaufshalle alle zerborsten.
Am schlimmsten hat die kleine Windhose, die eine knapp 150 Meter breite und einen Kilometer lange Schneise der Verwüstung hinterlassen hat, allerdings die Zimmerei und Dachdeckerei von Heribert Frommen erwischt. Als am Samstagabend gegen 19.30 Uhr das Telefon läutet, denkt sich Frommen nichts Böses und nimmt den Hörer ab. Es ist die Tonbandstimme seiner Alarmanlage. Er setzt sich ins Auto, fährt sofort los in das Gewerbegebiet wo seine Zimmerei liegt.
Als er den Betrieb erreicht, trifft ihn fast der Schlag: Das Dach der Zimmerei ist halb abgedeckt. Es muss völlig neu isoliert und gedeckt werden. Auch die Hallentore hat der Sturm aus der Verankerung gerissen und weggeschleudert. Um die 300 000 Euro Schaden hat der Tornado allein bei ihm angerichtet. "Aber: Wir sind eine starke Truppe, wir schaffen das", macht sich Frommen selbst Mut. Doch man hört die Verzweiflung deutlich heraus: "So was kennt man doch sonst nur aus dem Fernsehen. Normalerweise ist das alles weit weg."
Vogel hält einen Becher Kaffee in der linken Hand, in der rechten klemmt ein angebissenes Wurstbrot. Seine Füße stecken in dreckigen Arbeitsschuhen - wie ein Bürgermeister sieht er an diesem Sonntagmorgen nicht gerade aus. Vogel war am Samstagabend als Erster vor Ort. "Ein Bekannter hat mich kurz vor halb acht angerufen und mir gesagt, dass da Steinbrocken auf der Bundesstraße liegen", erzählt er. Also sei er flugs ins Auto gesprungen und hin gefahren, "damit kein Unfall passiert".
Als Bürgermeister Vogel im Gewerbegebiet "Am Fuldaer Kreuz" ankommt, traut er seinen Augen nicht. Auf der Straße liegen unzählige umgeknickte Bäume, auf dem Straßenbelag befindet sich ein Meer aus zerbrochenen Dachziegel. Ein Wohnwagen steht mitten in diesem Chaos auf dem Kopf, der Stahlzaun am Straßenrand ist umgeknickt und aus der Verankerung gerissen. Ein paar Sekunden später trifft die Feuerwehr ein. Ein Autofahrer hatte die Polizei informiert, nachdem er der Windhose knapp entkommen war. "Wir wussten aber nicht, was uns hier erwartet. Die Leitstelle hat nur was von umgestürzten Bäumen auf der Straße erzählt", sagt Feuerwehrmann Bruno Müller.
Anja Hahl hat den Wirbelsturm mehr oder weniger hautnah miterlebt. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann Udo im Gewerbegebiet, knapp 200 Meter von ihrem Autohaus entfernt. "Plötzlich hat es auf dem Dach einen riesigen Schlag getan", erinnert sie sich: "So, als ob etwas voll auf unser Haus geknallt wäre." Udo Hahl rennt sofort ins Freie. Weil es stark regnet und gewittert, steigt er in sein Auto und fährt in Richtung Autohaus. Doch er kommt nicht weit, umgestürzte Bäume blockieren die Straße. Als er schließlich zu Fuß seinen Betrieb erreicht, sieht er das Ausmaß der Verwüstung: Die Werkstatttore sind teils eingedrückt, die Glasscheiben der Verkaufshalle alle zerborsten.
Am schlimmsten hat die kleine Windhose, die eine knapp 150 Meter breite und einen Kilometer lange Schneise der Verwüstung hinterlassen hat, allerdings die Zimmerei und Dachdeckerei von Heribert Frommen erwischt. Als am Samstagabend gegen 19.30 Uhr das Telefon läutet, denkt sich Frommen nichts Böses und nimmt den Hörer ab. Es ist die Tonbandstimme seiner Alarmanlage. Er setzt sich ins Auto, fährt sofort los in das Gewerbegebiet wo seine Zimmerei liegt.
Als er den Betrieb erreicht, trifft ihn fast der Schlag: Das Dach der Zimmerei ist halb abgedeckt. Es muss völlig neu isoliert und gedeckt werden. Auch die Hallentore hat der Sturm aus der Verankerung gerissen und weggeschleudert. Um die 300 000 Euro Schaden hat der Tornado allein bei ihm angerichtet. "Aber: Wir sind eine starke Truppe, wir schaffen das", macht sich Frommen selbst Mut. Doch man hört die Verzweiflung deutlich heraus: "So was kennt man doch sonst nur aus dem Fernsehen. Normalerweise ist das alles weit weg."