Boulevard Würzburg

Die ICE-Mutprobe

Enzo blickt verschämt zu Boden, als der Polizist vor ihm steht und mit ihm redet. Er zupft mit beiden Händen an seinem übergroßen himmelblauen T-Shirt herum, in das er erst noch hinein wachsen muss. Jedenfalls sieht’s auf den ersten Blick so aus, als würde er verschämt gucken. Doch eigentlich schaut Enzo ziemlich verschmitzt drein. Genauer gesagt: er muss sich das Grinsen verkneifen. Die strengen Worte des Polizisten: für ihn zum Lachen.

Enzo ist mittlerweile 15 Jahre alt. Vor etwa einem Jahr haben er und seinen Schulfreunde Falk, Andi und Uwe in dem kleinen Dörfchen Schaippach bei Gemünden richtig viel Mist gebaut: Gleich mehrere Male haben sie mitten auf der Hochgeschwindigkeits-Bahntrasse gespielt – dort, wo die rot-weißen ICEs zwischen Würzburg und Kassel mit nahezu 280 Stundenkilometern durch die Landschaft brettern. Aber was heißt bei Halbstarken schon gespielt:

Sie legten zehn Zentimeter lange Steine aufs Gleis und warteten darauf, dass sie vom Zug zermalmt wurden. Doch damit nicht genug. Einer der vier Jungs kam auf die Idee auf der unmittelbar angrenzenden ICE-Brücke die etwa 60 mal 60 Zentimeter großen Betonplatten, die zur Abdeckung der Versorgungsleitungen dienten, von dieser Brücke hinunter ins Tal zu werfen. „Das hat Bock gemacht“, findet Enzo. Daher haben er und seine drei Kumpels gleich sieben dieser Betonplatten von der Brücke geworfen. „Wir wollten niemanden damit verletzen“, sagt Falk. Deshalb habe man die Platten nur auf die Wiese, ins Bachbett der Sinn und nicht auf die Straße geschmissen.

Blöd für die Jungs war nur, dass just neben dieser Brücke eine stark frequentierte Jogging-Strecke vorbeigeht, so dass ihr Treiben von einer jungen Frau beobachtet wurde. Besonders blöd war für die Jungs dann auch noch, dass die ein Handy dabei hatte und sofort die Polizei rief, als sie die Plattenschmeißer entdeckt hatte. Davon bekamen die Jungs erst mal nichts mit, so dass es der 13-jährige Falk noch ein wenig doller trieb, und sich direkt neben die Gleise legte. Kurz später zischte in nicht mal einem Meter Entfernung der nächste ICE an dem Jungen vorbei.

Und weiter: Unter der ICE-Brücke führt eine normale Bahnstrecke hindurch. Weil’s „echt lustig war“, sagt Andi, haben die Jungs vorbeifahrende Güterzüge mit den wuchtigen Bahndamm-Schottersteinen beworfen. Doch dann plötzlich nahte das dicke Ende. Schon von weitem sahen die Jungs einen Kleinbus der Bundespolizei mit Vollgas und Blaulicht zur Brücke heranfahren. Die Vier rannten wie von der Tarantel gestochen den Bahndamm herunter und schlugen sich ins Dickicht, um ja nicht erwischt zu werden. Sie hatten großes Glück. Zumindest vorerst.

Ein paar Mädchen indes, die zu Beginn noch mit den Vieren an der ICE-Brücke gewesen und wegen der „blöden Mutproben“ (so Maria, eines der Mädchen) gegangen waren, wurden von der Polizei gestellt. Doch die Mädchen mussten nur ihre Personalien abgeben – und sie erzählten den Polizisten, dass sie momentan im Schullandheim in Schaippach wohnen. Zurück im Schullandheim beichteten sie auch dem Lehrer alles. Am nächsten Morgen stand plötzlich die Bundespolizei im Frühstückssaal und verhörte die Jugendlichen, die mit bei der Brücke waren.

Nach längerem Hin und Her gaben Andi und Enzo zu, dass sie auf der Brücke gewesen und mit Steinen geworfen hatten. Nach sechs Wochen bekam Enzo Post von der Jugendgerichtshilfe: Die „Mutproben“ brachten ihm einen Vermerk in seine Jugendakte und acht Stunden Sozialarbeit auf der Kinder- und Jugendfarm ein. „Das war richtig scheiße dort: Brennnesseln ausreißen und Nägel aus Holzlatten ziehen“, sagt Enzo und zeigt sich einsichtig: „So ein’ Scheiß, wo man Sozialstunden kriegen kann, so was mach ich nicht mehr, hab ich mir dann geschworen.“

Andi kam ungeschoren davon, weil er zum Zeitpunkt der Straftat noch keine 14 Jahre und somit auch noch nicht strafmündig war. Und warum haben die vier jetzt so einen Schwachsinn gemacht? „Uns war’s im Schullandheim total langweilig, wir durften nur Wandern und so. Da wollten wir halt ein bisschen Spaß“, sagt Andi. Keiner von den Vieren hat sich damals Gedanken darüber gemacht, wie schlimm das für einen Lokführer sein muss, wenn er mit Vollgas haarscharf an einem Menschen vorbeirast und nicht weiß, ob der- oder diejenige das überlebt hat.
Das alles war vor etwa einem Jahr, im Mai 2004. Vor ein paar Tagen standen die Jugendlichen nun wieder an der ICE-Strecke in Schaippach.

„Krass. Ich hatte die Brücke viel höher in Erinnerung“, sagt Enzo. „Du warst damals ja auch noch ein Jahr jünger“, antwortet Falk. Doch die Jungs sind nicht allein hier. Polizeihauptmeister Winfried Felbinger und Polizeiobermeister Thomas Gigl stehen mit an den Gleisen. „Habt ihr nicht kapiert, wie gefährlich das war“, fragt Felbinger. Enzo schaut mal wieder auf den Boden. Mal wieder sieht sein Blick verschämt aus.

Neben Polizei und Jugendlichen ist aber auch Alexander Hillenbrand mit von der Partie, Lehrer an der Johannes-Foersch-Schule in Würzburg, die alle Jugendlichen besuchen. Hillenbrand leitet die Filmgruppe der Förderschule und will aus dieser wahren Begebenheit einen Spielfilm drehen, den später auch die Polizei für ihre Präventions-Arbeit einsetzen können soll. „Wir waren von Anfang an von dieser Filmidee angetan“, sagt Felbinger. Und auch die vier Jungs finden das Projekt gut: „Ist aber schon voll komisch wieder hier zu sein“, flüstert Falk zu Enzo.

Falk war es, der die Geschichte überhaupt erst zu Papier gebracht hat. Falk wurde damals von der Bundespolizei nicht erwischt, obwohl er mit den größten Unfug gemacht und sich direkt neben die Gleise gelegt hatte. „Das war echt krass. Der Wind und die Lautstärke“, prahlt er. Angst hatte er „nicht die Bohne“. Was für ein „Kerl“... Selbst wenn die Polizei ihn erwischt oder seine Kumpels ihn verpfiffen hätten: er war zum Zeitpunkt der Straftaten noch keine 14 Jahre alt, auch er wäre ungeschoren davon gekommen. „Ich hab mir da nix bei gedacht“, erklärt Falk.

Das Filmteam baut gerade die Kamera auf, Lehrer Hillenbrand bespricht mit Bundespolizei- und Bahnvertretern gerade den Ablauf der Dreharbeiten, als plötzlich mit vollem Karacho ein ICE vorbei donnert. Auch zehn Meter von den Gleisen entfernt, wo alle stehen, sind Luftdruck und Wind gewaltig. Wenn man in eben diesem Moment an Falks „Mutprobe“ denkt, kann man nur eines tun: den Kopf schütteln und sich fragen, was den Jungen wirklich zu so einem Blödsinn bewegt hat. „Wir haben ja öfters solche Fälle“, sagt Felbinger: „Die brauchen den Kick.“